Projekt «Tiger»


© 1984 Markus Kappeler
(erschienen in der Reihe «WWF-Projektberichte»)



Asien ist die Heimat des Tigers, des sagenumwobenen Königs des Dschungels. Innerhalb seines riesigen Verbreitungsgebiets bewohnt er fast alle Klimazonen, Höhenlagen und Vegetationstypen. Im Norden lebt er in den dünnen Nadelholzwäldern der russischen Taiga, im Süden in den Mangrovenwäldern des Gangesdeltas und in den tropischen Regenwäldern Indochinas.

Es braucht heute viel Glück und noch mehr Geduld, um einen freilebenden Tiger zu Gesicht zu bekommen. Denn die schwarzgestreifte Katze ist sehr selten geworden. Eine beschwerliche Fahrt im Geländewagen oder ein weiter Ritt auf dem Elefantenrücken muss man für dieses einmalige Erlebnis allemal auf sich nehmen. Und selbst dann ist der Erfolg noch lang nicht garantiert. Die grosse Raubkatze geht dem Menschen stets aus dem Weg.

Da der Tiger an der Spitze einer Nahrungspyramide steht, ist er auf ein Jagdrevier von vielen Quadratkilometern angewiesen. Die sich in unheimlichem Mass vermehrende Menschheit mit ihrem grenzenlosen Landhunger hat ihn aber im Lauf dieses Jahrhunderts in zerstückelte, immer kleiner werdende Rückzugsgebiete verdrängt. Dies hatte - zusammen mit der gnadenlosen Bejagung durch prestigesüchtige Trophäenjäger - einen katastrophalen Rückgang des Tigerbestands in ganz Asien zur Folge. Ende der sechziger Jahre war selbst die noch häufigste Tigerunterart, der auf dem indischen Subkontinent beheimatete Bengal- oder Königstiger, direkt vom Aussterben bedroht. Experten schätzten 1972 den Restbestand auf rund 1900 Exemplare.

Im April 1973 rief dann die indische Premierministerin Indira Gandhi zusammen mit Guy Mountford, einem Stiftungsrat des WWF International, das «Projekt Tiger» ins Leben. Dass es dabei um weit mehr ging als um die Erhaltung einer eleganten Raubkatze, dessen waren sich alle Beteiligten bewusst: Die fatale Situation des Tigers symbolisierte den Untergang der indischen Natur, die mit Pflanzen und Tieren letztlich auch die Existenz des Menschen trägt.

Heute, nach über zehn Jahren, hat sich das «Projekt Tiger» zum bedeutendsten und erfolgreichsten Naturschutzprojekt im asiatischen Raum entwickelt. Fünfzehn spezielle Tigerreservate mit einer Gesamtfläche von 23 500 Quadratkilometern - das ist mehr als die halbe Fläche der Schweiz - sind in den verschiedenen Vegetationsgürteln Indiens bisher geschaffen worden. Sie alle bestehen aus einer möglichst grossen Kernzone, die vor jeglichem menschlichen Eingriff vollständig geschützt wird, und peripheren Pufferzonen, in denen unter staatlicher Aufsicht naturschutzorientierte Landnutzung und Forstwirtschaft möglich sind.

Das Tigerschutzprogramm brachte schon bald die ersten Erfolge. Der Tigerbestand im ganzen Land erhöhte sich von den 1900 Individuen im Jahr 1972 bis zur zweiten Bestandsschätzung im Jahr 1979 auf rund 3000. Diese Tatsache gibt zur Hoffnung Anlass, dass die Art Tiger - und mit ihr ein ausgesprochen vielfältiger Lebensraum - erhalten werden kann. Das Projekt Tiger ist ein Musterbeispiel dafür, wie durch ganzheitliche Ökosystem-Betrachtung Pflanzendecke, Wasserhaushalt, Wildtiere und Mensch in Einklang gebracht werden können.




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