Tigeriltis
Vormela peregusna
© 1997 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Ordnung der Landraubtiere (Carnivora) setzt sich
aus ungefähr 230 Arten in sieben Familien zusammen. Einige
davon gehören gewiss zu den bestbekannten Säugetieren,
so vor allem die grösseren Mitglieder der Familien der Hunde
(Canidae), Katzen (Felidae), Grossbären (Ursidae) und Hyänen
(Hyaenidae). Insgesamt umfassen diese vier Familien allerdings
nur rund ein Drittel aller Landraubtiere. Zwei Drittel sind dagegen
vergleichsweise unscheinbare und uns weniger vertraute Angehörige
der Familien der Kleinbären (Procyonidae), Schleichkatzen
(Viverridae) und Marderartigen (Mustelidae).
Ein Vertreter dieser unauffälligeren Landraubtiere,
nämlich der in den Steppen Eurasiens beheimatete Tigeriltis
(Vormela peregusna) aus der Familie der Marderartigen,
soll auf diesen Seiten vorgestellt werden.
Langgestreckt und kurzbeinig
Die Familie der Marderartigen besteht aus ungefähr
70 verschiedenen Arten, welche über alle Erdteile mit Ausnahme
Australiens und Antarktikas verbreitet sind. Im allgemeinen wird
die Familie in fünf Unterfamilien gegliedert: die Dachse
(Melinae), die Honigdachse (Mellivorinae), die Otter (Lutrinae),
die Skunks oder «Stinktiere» (Mephitinae) und die
Wieselartigen (Mustelinae). Zu letzteren gehört mit 33 Arten
nahezu die Hälfte aller Marderartigen, darunter der Tigeriltis.
Der Tigeriltis ist bezüglich seines Körperbaus
ein recht typischer Vertreter der Wieselartigen und ähnelt
insbesondere den Vertretern der Gattung Mustela, also
beispiels-weise dem Europäischen Iltis (Mustela putorius),
dem Hermelin (Mustela erminea) und dem Europäischen
Nerz (Mustela lutreola): Er ist ein langgestrecktes, schlankes
Tier mit kurzen Beinen und einem mittellangen, buschigen Schwanz.
Mit einer Kopfrumpflänge von gewöhnlich 31 bis 37 Zentimetern,
einer Schwanzlänge um 17 Zentimeter und einem durchschnittlichen
Gewicht von 700 Gramm ist er ein mittelgrosser Vertreter seiner
Sippe. Interessanterweise sind die männlichen und die weiblichen
Tigeriltisse von ungefähr gleicher Körpergrösse,
während bei den meisten anderen Wieselartigen die Männchen
deutlich grösser und kräftiger gebaut sind als die
Weibchen.
Das Verbreitungsgebiet des Tigeriltis ist enorm gross
und erstreckt sich von der östlichen Balkanhalbinsel und
von Palästina im Westen ostwärts einerseits über
den Nahen und Mittleren Osten bis zur pakistanischen Hochebene
Belutschistan, andererseits über die südosteuropäischen
und zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken bis nach Westchina
und zur Mongolei.
Innerhalb Kasachstans, dem Ausgabeland der vorliegenden
Briefmarken, kommt der Tigeriltis noch weitverbreitet vor: Man
findet ihn in 14 der 19 Provinzen, aus denen sich dieses 2 717
300 Quadratkilometer grosse Land (Deutschland: 356 978 km2) zusammensetzt. Nur im Norden des Landes,
ungefähr nördlich des 51. Breitengrads, fehlt er.
Der bevorzugte Lebensraum des Tigeriltis sind offene,
waldlose Trockensteppengebiete, doch findet er auch in Halbwüsten
und in Grasländern, die mit Büschen und Gehölzen
durchsetzt sind, ein Auskommen. Hier und dort kann man ihm sogar
in ex-tensiv genutzten Kulturlandschaften begegnen.
Untermieter in Rennmauskolonien
Seinen Beutetieren, vor allem Rennmäusen, Zieseln,
Hamstern und anderen kleinen bis mittelgrossen Nagetieren, stellt
der Tigeriltis hauptsächlich abends nach Einbruch der Dunkelheit
nach. Dann untersucht er aufmerksam seine Umgebung, stöbert
lebhaft in Spalten umher und schlüpft wendig durch das Hochgras,
wobei ihm sein schlanker, elastischer Körper sehr hilfreich
ist. Ab und zu bleibt er mit hochgerecktem Kopf und erhobenen
Vorderpfoten sichernd stehen und späht umher. Mitunter erweist
er sich auch als tüchtiger Kletterer und steigt gewandt
bis ins Geäst eines Baums empor. Am häufigsten und
erfolgreichsten jagt er jedoch unter der Erde in den Bauen der
diversen Steppennager.
Den Tag verbringt der Tigeriltis gewöhnlich unterirdisch
in einem Erdbau. Mit seinen kräftigen Vordergliedmassen
und den robusten Krallen ist er durchaus in der Lage, einen solchen
selbst auszuheben. Wenn möglich erspart er sich jedoch die
Mühe und bezieht stattdessen einen geeigneten Unterschlupf,
der von einem anderen Steppentier angelegt worden ist.
In Kasachstan bewohnt der Tigeriltis vielfach die
komplexen unterirdischen Gangsysteme der kolonial lebenden, rattenähnlichen
Grossen Rennmäuse (Rhombomys opimus). Er erinnert
diesbezüglich stark an seinen Vetter, den Schwarzfussiltis
(Mustela nigripes), welcher in den nordamerikanischen
Prärien lebt und dort die «Städte» der
kolonial lebenden Präriehunde (Cynomys spp.) bewohnt.
Wie man sich denken kann, besteht die Kost der Tigeriltisse,
die sich in Kolonien von Rennmäusen einquartiert haben,
zur Hauptsache aus diesen Steppennagern. Tatsächlich lässt
das reichliche Beuteangebot in den Rennmauskolonien Bestandsdichten
von vier bis sechs erwachsenen Tigeriltissen je Hektar zu, während
anderenorts vielfach nur ungefähr ein erwachsener Tigeriltis
je Quadratkilometer vorkommt.
Falls der Tigeriltis regional oder saisonal kein ausreichendes
«Angebot» an Nagetieren vorfindet, begnügt er
sich durchaus auch mit Vögeln, Kriechtieren, Lurchen und
sogar Wirbellosen, um seinen Hunger zu stillen. In Israel beispielsweise
hat eine Feldstudie über die Tigeriltisse ergeben, dass
die Nahrung der flinken Jäger zwar im Winter mehrheitlich
aus Feldmäusen und anderen Nagern besteht, im Sommer dagegen
hauptsächlich aus grossen Insekten, insbesondere Maulwurfsgrillen
(Gryllotalpa spp.).
Erwachsene Tigeriltisse leben gewöhnlich einzelgängerisch
und kommen nur zum Zweck der Fortpflanzung vorübergehend
zusammen. Die Paarungszeit fällt meistenorts in die Monate
Januar oder Februar. Nach einer Tragzeit von rund zwei Monaten
bringt das Weibchen dann im März oder April gewöhnlich
vier oder fünf Junge in einem mit Gräsern und Blättern
weich gepolsterten Nest am Ende seines Baus zur Welt. Für
die Aufzucht der Jungen muss das Weibchen allein sorgen, denn
das Männchen will von Vaterpflichten nichts wissen. Ungefähr
bis Ende Juni sind die Jungen von der Betreuung durch ihre Mutter
abhängig, dann gehen sie eigene Wege. Die Geschlechtsreife
tritt im Alter von etwa neun Monaten ein, so dass sich die jungen
Tigeriltisse also bereits am Ende ihres ersten Lebensjahrs selbst
fortpflanzen können. Hinsichtlich der Lebensdauer der Tiere
wissen wir einzig, dass ein Individuum in Menschenobhut etwas
über neun Jahre alt geworden ist.
Gestank schreckt Feinde ab
Wie alle Marderartigen verfügt der Tigeriltis
über zwei grosse, mit Drüsen ausgekleidete «Aftertaschen»,
deren übelriechenden, flüssigen Inhalt er bei Bedarf
- insbesondere bei unmittelbarer Bedrohung durch einen Feind
- mit hohem Druck auszuspritzen vermag. Am stärksten und
gezieltesten erfolgt dieses mardertypische Abwehrverhalten bekanntermassen
bei den amerikanischen Skunks, aber auch der afrikanische Zorilla
(Ictonyx striatus) und der Malaiische Stinkdachs (Mydaus
javanensis) sind diesbezüglich grosse Meister.
In die Enge getrieben nimmt der Tigeriltis zuerst
eine typische Verteidigungsstellung ein, bei der er sich - wie
viele Tiere in entsprechender Situation - möglichst gross
macht: Er hebt seinen Leib vom Boden, macht einen Buckel, sträubt
das Rückenfell und wirft den Kopf mit gefletschten Zähnen
nach hinten. Ausserdem biegt er den aufgeplusterten Schwanz nach
vorn über den Rücken - und entleert seine Aftertaschen
in Richtung des Feinds. Das genügt meistens, um letzteren
von seinem Ansinnen abzubringen. Anderenfalls greift der Tigeriltis
nun plötzlich seinerseits an und beisst sich am Gegner fest.
Durch den mit Gestank verbundenen Gegenangriff wird der Feind
in der Regel so eingeschüchtert, dass er sich eilig zurückzieht
und den Iltis in Ruhe lässt.
Weshalb das übelriechende Sekret der Marderartigen
auf Fressfeinde wie den Wolf (Canis lupus) oder den Luchs
(Lynx lynx) dermassen abschreckend wirkt, ist nicht restlos
geklärt. Wir wissen einzig, dass mit solchem Sekret bespritzte
Kleider oder Schuhe monatelang stinken, selbst wenn sie gewaschen
wurden, und dass oftmals nur bleibt, dieselben zu verbrennen.
Hinsichtlich des «Nasentiers» Wolf lässt sich
vermuten, dass ein Spritzer des Sekrets im Wolfsfell die Fähigkeit
des Räubers, Beutetiere mit Hilfe des Geruchssinns aufzuspüren,
während langer Zeit massiv beeinträchtigt. Und im Falle
des «Augentiers» Luchs könnte es sein, dass
Beutetiere aufgrund des Gestanks frühzeitig vor der Anwesenheit
des lauernden oder sich anpirschenden Räubers ge-warnt werden,
wodurch dessen Jagderfolg beträchtlich herabgesetzt wird.
Für die betroffenen Tiere wäre dies natürlich
höchst unangenehm. Möglicherweise ist die abschreckende
Wirkung aber auch einzig und allein auf den ekelerregenden Gestank
des Sekrets zurückzuführen. Selbst gutgenährte
Haushunde, die einmal bespritzt wurden, greifen nämlich
ihr Leben lang keinen Skunk, keinen Zorilla und keinen Iltis
mehr an, sondern weichen den Tieren respektvoll aus.
Wie auch immer die Erklärung sein mag - die Wirkung
ist jedenfalls frappant. Und ganz offensichtlich ist sich der
Tigeriltis seiner «Unangreifbarkeit» sehr bewusst.
Er zeigt vor grossen Tieren wie auch vor Menschen wenig Scheu.
Unbekümmert lässt er diese recht nahe herankommen,
bevor er sich zurückzieht oder droht. Das kann gegenüber
dem Menschen allerdings verhängnisvoll sein, denn dieser
lässt sich durch die iltistypische Verteidigungsweise nicht
abschrecken. Tatsächlich wurde der Tigeriltis früher
gebietsweise stark bejagt, teils weil sein hübsches Fell
beliebtes Pelzwerk abgab (wegen seiner minderen Qualität
erlangte das Tigeriltisfell jedoch als Handelsware nie grössere
Bedeutung), teils auch weil er im Ruf eines «Hühnerdiebs»
stand.
Möglicherweise hat diese Verfolgung zu einer
Ausdünnung seiner Bestände in einigen Bereichen seines
Verbreitungsgebiets geführt. Die Fachleute sind sich allerdings
einig, dass die Bejagung keine ausreichende Erklärung darstellt
für den im 20. Jahrhundert stattgefundenen massiven Rückgang
der Tigeriltispopulation insbesondere im Westen des Artverbreitungsgebiets.
Vielmehr dürften hierfür die modernen landwirtschaftlichen
Anbaumethoden verantwortlich sein.
Natürliche Vielfalt weicht Monokulturen
Die weiten Steppengebiete Eurasiens waren einst die
Heimat einer bemerkenswert vielgestaltigen Fauna und Flora gewesen.
Die traditionellen, extensiven land- und viehwirtschaftlichen
Aktivitäten des Menschen waren dieser Artenvielfalt zu keiner
Zeit abträglich gewesen, sondern förderten sie teils
sogar noch zusätzlich. Dies hat sich seit der «Industrialisierung»
der Landwirtschaft grundlegend geändert: Weizen, Baumwolle,
Tabak und andere Nutzpflanzen werden nunmehr auf quadratkilometerweiten,
für die maschinelle Bewirtschaftung hergerichteten Flächen
als Monokulturen angepflanzt und unter erheblichem Einsatz von
Pestiziden und Herbiziden vor «Schädlingen»
aller Art geschützt. Hier bleibt den Wildtieren kaum mehr
Raum zum Leben. Vielerorts sind zudem Weideflächen durch
zu hohe Viehbestände dermassen überbeansprucht worden,
dass die Grasnarbe heute völlig zerstört und der ungeschützte
Boden durch Wind und Wetter erodiert ist. Auch hierdurch haben
die heimischen Steppenwildtiere weite Bereiche ihres angestammten
Lebensraums unwiederbringlich verloren.
Noch wird der Tigeriltis aufgrund seiner sehr weiten
Verbreitung nicht als vom Aussterben bedroht eingestuft. Da die
Umwandlung der verbleibenden naturnahen Steppengebiete Eurasiens
in landwirtschaftliche Produktionsflächen jedoch ungebremst
weiterschreitet, könnte dies schon bald der Fall sein.
Dass diese Befürchtungen nicht übertrieben
sind, zeigt die Geschichte des nahe verwandten nordamerikanischen
Schwarzfussiltis: Noch vor hundert Jahren galt dieser als weitverbreiteter
und recht häufiger Bewohner der nordamerikanischen Prärien.
Als dann aber dieselben praktisch restlos in Getreidefelder und
Viehweiden umgewandelt wurden und als im Zuge dieser Entwicklung
die Kolonien der als «schädlich» taxierten Präriehunde
(in deren Gesellschaft er lebte) drastisch vernichtet wurden,
da brach seine Population innerhalb weniger Jahrzehnte völlig
ein. In den sechziger Jahren war er praktisch überall ausgestorben.
Einzig im «Präriestaat» Süddakota hatte
ein winziger Restbestand überlebt. Dieser wurde schliesslich
in den achtziger Jahren - nach langen Kontroversen zwischen den
Fachleuten - eingefangen. Man wollte versuchen, die wendigen
Raubtiere durch Zucht in Menschenobhut vor dem Aussterben zu
retten. Glücklicherweise war dem riskanten Unterfangen Erfolg
beschieden, und mit den zahlreich nachgezüchteten Individuen
wird nun an geeigneten Orten die Wiederansiedlung vorgenommen.
Es wäre gewiss tragisch, wenn der Tigeriltis
dereinst in dieselbe kritische Lage geraten würde wie sein
Vetter in Nordamerika. Um dem vorzubeugen, müssen unbedingt
grossflächige Steppengebiete vor dem vernichtenden Zugriff
durch den Menschen bewahrt werden. Erfreulicherweise kommt der
Tigeriltis bereits in ein paar Naturschutzgebieten vor, unter
anderem im 2371 Quadratkilometer grossen Kurgal'dzhinskiy-Reservat
im Osten Kasachstans. Es handelt sich um ein recht unverfälschtes
Step-pengebiet, welches ein breites Spektrum von Steppentieren
beherbergt, so auch die gefährdete Saiga-Antilope (Saiga
tatarica). Um den Fortbestand des natürlichen Erbes
dieser faszinierenden Erdregion sicherzustellen, müssen
aber unbedingt noch weitere Schutzgebiete hinzukommen.
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