Tigerkatze - Leopardus tigrinus

Wieselkatze - Herpailurus yaguarondi


© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die tropischen Regenwälder Lateinamerikas weisen eine enorme Vielfalt von Pflanzen auf und beherbergen ein entsprechend formenreiches Spektrum von Tieren. Zu letzteren gehören nicht weniger als acht verschiedene Katzen, das entspricht einem Viertel aller Katzenarten weltweit.

Über die grösseren lateinamerikanischen Regenwaldkatzen - so vor allem über den Jaguar (Panthera onca) und den Ozelot (Leopardus pardalis) - wissen wir aufgrund verschiedener Studien verhältnismässig gut Bescheid. Die kleineren sind jedoch mehrheitlich «sagenhafte» Wesen, deren Lebensgewohnheiten in freier Wildbahn noch weitgehend unerforscht sind. Zwei dieser «Rätselkatzen» - nämlich die Tigerkatze oder «Oncilla» (Leopardus tigrinus) und die Wieselkatze oder «Jaguarundi» (Herpailurus yaguarondi) - sollen auf diesen Seiten vorgestellt werden.

 

Neuigkeiten in der Katzensystematik

Die Familie der Katzen (Felidae) ist eine der erfolgreichsten Säugetierfamilien. Die ungefähr 36 verschiedenen Mitglieder der Familie haben alle Kontinente ausser Australien und Antarktika besiedelt und sie haben sich überdies in die unterschiedlichsten Lebensräume eingepasst: Man kann ihnen in der afrikanischen Trockenwüste ebenso begegnen wie im europäischen Grasland, und im asiatischen Regenwald ebenso wie im amerikanischen Hochgebirge. Das «Erfolgsrezept» der Katzen besteht zur Hauptsache darin, dass sie sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte zu vollendeten Beutegreifern entwickelt haben. Von all den verschiedenen Tierfamilien, welche in der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zusammengefasst werden, sind sie die «karnivorsten», das heisst die am meisten von Frischfleisch lebenden. Sie stellen also gewissermassen die höchste Entwicklungsstufe der Raubtierordnung dar.

Über die genaue Zahl der heute auf der Erde lebenden Katzenarten und ihre verwandtschaftlichen Beziehungen untereinander herrscht in der Fachwelt seit langem Uneinigkeit. Wahrscheinlich gibt es ziemlich genau gleich viele Meinungen zu diesem Thema wie es Katzenforscher gibt. In jüngerer Zeit hielt sich deshalb die Weltnaturschutzunion (IUCN) und mit ihr viele praxisorientierte Zoologen an eine verhältnismässig einfache Unterteilung der Katzenfamilie in erstens 5 Grosskatzen, zweitens 29 Kleinkatzen und drittens 2 Sonderfälle. Die Grosskatzen wurden in der Gattung Panthera und die Kleinkatzen in der Gattung Felis zusammengefasst, während die «Mittelkatze» Nebelparder und die «Sprintkatze» Gepard je einer eigenen Gattung (Neofelis bzw. Acinonyx) zugeordnet wurden. Dass diese simple Gliederung weder die Formenvielfalt der Katzen noch die stammesgeschichtlichen Verhältnisse innerhalb der Familie korrekt zum Ausdruck brachte, war zwar unbestritten. Dennoch stellte sie ein sinnvolles Provisorium dar, um dem «Streit der Gelehrten» aus dem Weg gehen.

Neuste molekulargenetische Studien, bei welchen die Erbsubstanz (DNS), der verschiedenen Katzenarten eingehend untersucht wurde, haben nun endlich die Klärung dieser unbefriedigenden Situation gebracht. Dabei hat sich unter anderem überraschenderweise gezeigt, dass die Tigerkatze und die anderen gefleckten Kleinkatzen Lateinamerikas stammesgeschichtlich gesehen sehr weit entfernt sind von allen übrigen Katzenarten. Ihre Vorfahren hatten sich vor mindestens zehn Millionen Jahren vom Rest der Familie losgelöst. Dies rechtfertigt ihre Abtrennung in einer separaten Gattung (Leopardus).

Ferner hat sich - ebenfalls überraschend - herausgestellt, dass die Wieselkatze ihrerseits verhältnismässig nah mit den Luchsen (Lynx spp.) und den Grosskatzen (Panthera spp.) verwandt ist. Allerdings hat sie eine recht lange eigenständige Entwicklung durchlaufen und gehört deshalb ebenfalls in eine separate Gattung (Herpailurus) gestellt.

 

Eine zierliche Waldbewohnerin: die Tigerkatze

Die Tigerkatze ist eine sehr schlanke und feingliedrig gebaute Katze. Erwachsene Tiere weisen eine Kopfrumpflänge von 40 bis 55 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 30 bis 40 Zentimetern und ein Gewicht von gewöhnlich 2 bis 3 Kilogramm auf. Das Fell ist ähnlich reich gemustert wie das des Ozelots, welches als eines der prächtigsten Raubkatzenfelle der Welt gilt, und dient ebenso wie jenes der Tarnung im Pflanzendickicht: Die scheinbar auffällige Zeichnung ahmt in verblüffender Weise das Fleckenmuster des Lichts nach, das durch die Baumkronen hindurch auf den Waldboden fällt, und bewirkt, dass sich die Gestalt der Tigerkatze in ihrem Lebensraum förmlich auflöst - zum Verhängnis ihrer Beutetiere.

Das Verbreitungsgebiet der Tigerkatze erstreckt sich von Costa Rica auf der mittelamerikanischen Landbrücke südwärts durch das ganze nördliche und zentrale Südamerika bis nach Nordargentinien. Einzig in Bolivien, Chile und Uruguay scheint die zierliche Katze nicht vorzukommen. Innerhalb dieses weiten Areals findet man die Tigerkatze fast ausschliesslich in feuchten, immergrünen Wäldern - von tropischem Tieflanddschungel auf Meereshöhe bis hinauf zu nebelverhangenem Bergwald in Höhen von 4000 Metern ü.M.

Auf die Jagd geht die Tigerkatze hauptsächlich nachts. Den Tag verschläft sie in einer Baumhöhle, in dichtem Gebüsch oder auf einem tiefliegenden Ast. Obschon sie eine geschickte Kletterin ist, geht sie hauptsächlich am Boden und im bodennahen Geäst auf Beutefang. Dadurch vermeidet sie Konflikte mit der nahe verwandten, ähnlich gezeichneten und im selben Lebensraum vorkommenden, jedoch mit 5 bis 9 Kilogramm etwas grösseren Langschwanzkatze (Leopardus wiedii), welche fast ausschliesslich in den Baumkronen auf Jagd geht.

Auf ihren nächtlichen Pirschgängen macht sich die Tigerkatze hauptsächlich über Sperlingsvögel, Nagetiere und andere kleine Wirbeltiere her, wobei sie Vögel und auch langhaarige Säugetiere vor dem Verzehr sehr sorgfältig rupft. Untersuchungen des Mageninhalts erlegter Tiere in Venezuela haben gezeigt, dass sich die Tigerkatze im allgemeinen von kleineren Beutetieren ernährt als der ebenfalls meistens im «Erdgeschoss» des Regenwalds jagende, mit 11 bis 16 Kilogramm deutlich kräftigere Ozelot. Das vermindert wiederum den Nahrungswettstreit zwischen diesen beiden Arten und erklärt, weshalb die beiden Katzen nebeneinander im selben Lebensraum existieren können.

Über das «Gesellschaftsleben» der Tigerkatze in freier Wildbahn wissen wir noch kaum etwas. Es wird aber vermutet, dass es dem des Ozelots sehr ähnlich ist: Bei jenem besitzt jedes erwachsene Männchen und jedes Weibchen sein eigenes Territorium, wobei die Männchenterritorien recht gross sind und mit mehreren Weibchenterritorien überlappen. Sowohl die Männchen als auch die Weibchen setzen auf ihren Streifzügen durchs Revier immer wieder optische und geruchliche Marken: Sie bespritzen auffällige Gegenstände «am Wegesrand» mit ihrem Harn, bringen an umgestürzten Bäumen Kratzspuren an oder setzen an gut sichtbaren Stellen ihren Kot ab. Über diese Marken können die verschiedenen Individuen eines bestimmten Waldstücks Fühlung untereinander halten.

Bei Tigerkatzen in Menschenobhut wurde im übrigen festgestellt, dass die Weibchen nach einer Tragzeit von ungefähr 75 Tagen im allgemeinen ein bis zwei Junge zur Welt bringen.

 

Eine marderförmige Gebüschbewohnerin: die Wieselkatze

Die Wieselkatze unterscheidet sich in ihrem Äusseren stark von der Tigerkatze, ja sieht überhaupt wenig katzenhaft aus: Mit ihrem langgestreckten Körper, den kurzen Vorderbeinen, dem dunklen, einfarbigen Fell und den kleinen, runden Ohren erinnert sie eher an einen Otter, einen Marder oder auch - wie ihr Name sagt - an ein Wiesel. Die Kopfrumpflänge erwachsener Wieselkatzen beträgt 55 bis 75 Zentimeter, die Schwanzlänge 35 bis 60 Zentimeter, und das Gewicht 4 bis 9 Kilogramm.

Wieselkatzen gibt es in zwei verschiedenen Farbschlägen: Die einen sind schwarz bis grau gefärbt, die anderen fuchsrot bis kastanienbraun. Früher hielt man die schwärzlichen Tiere für eine eigene Art, den Jaguarundi, und die braunroten für eine andere, die Eyra. Heute weiss man, dass das nicht richtig ist. Wieselkätzchen beider Farbschläge können nämlich in ein und demselben Wurf vorkommen.

Die Wieselkatze ist vom äussersten Süden der USA durch ganz Mittel- und Südamerika bis nach Patagonien in Südargentinien verbreitet. Nur in Chile und Uruguay scheint sie nicht heimisch zu sein. Stets hält sie sich in tieferen Lagen (unterhalb 2000 Meter ü.M.) auf.

Als Lebensraum bevorzugt die Wieselkatze verbuschte Waldrandgebiete und Buschsteppen, während sie die offenen Grasländer ebenso meidet wie den tiefen Wald. Mit ihrer «windschlüpfrigen» Gestalt ist sie denn auch sehr zweckmässig an das Leben im dichten Gebüsch und Gesträuch angepasst und erweist sich in diesem Lebensraum als überaus geschmeidiges und behendes Tier. Zum Opfer fallen der durchs Dickicht «schlüpfenden» Kleinkatze hauptsächlich Vögel aller Art, dann aber auch Kleinsäuger wie Kaninchen und Meerschweinchen und ausserdem Frösche und Fische, wo sie in Gewässernähe jagt.

Älteren Berichten zufolge hatten sesshafte Indianer die Wieselkatze früher an verschiedenen Orten Lateinamerikas des öfteren gezähmt und als Vertilgerin von Ratten und Mäusen bei ihren Hütten gehalten. Wir wissen allerdings nicht, ob sie es ihr auch abgewöhnen konnten, die Haushühner zu überfallen. Das ist nämlich bis jetzt noch keinem Europäer gelungen - so zahm und zutraulich die Tiere bei guter Pflege sonst werden.

Über die Gesellschaftsstruktur der Wieselkatze wissen wir ebenfalls kaum etwas. Im allgemeinen gilt sie zwar als einzelgängerisch, doch gibt es Hinweise darauf (u.a. Beobachtungen des Schweizer Naturforschers Rengger, der die Art im vorigen Jahrhundert in Paraguay untersuchte, und die Tatsache, dass die Wieselkatze über eine grosse Vielfalt von Lautäusserungen verfügt), dass sie möglicherweise geselliger lebt als andere Katzenarten.

Die Tragzeit beträgt bei der Wieselkatze 72 bis 75 Tage, und es werden gewöhnlich zwei oder drei Junge je Wurf geboren.

 

Tigerkatze stärker gefährdet als Wieselkatze

Zwar ist die Tigerkatze noch immer über weite Bereiche Lateinamerikas verbreitet, doch scheint sie inzwischen überall sehr selten geworden zu sein. Verantwortlich für diese Situation ist vor allem die übermässige Bejagung der hübschen Kleinkatze durch Pelzjäger seit den sechziger Jahren, als Pelzmäntel aus Katzenfellen in Mode kamen. Zwar war ihr Fell auf dem internationalen Pelzmarkt nie ganz so begehrt wie das des Ozelots. Je weniger Ozelotfelle aber infolge des rücksichtslosen Raubbaus in den Handel gelangten, desto stärker kamen Tigerkatzenfelle in Mode. In den achtziger Jahren wurden dann schliesslich mehr Tigerkatzenfelle als Ozelotfelle gehandelt - nach offiziellen Angaben allein im Jahr 1982 rund 70 000 Stück!

Zum Glück hat sich die Situation in jüngerer Zeit etwas gebessert, dies vor allem dank des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA). 1990 war die Tigerkatze zusammen mit ihren «Geschwistern» Ozelot und Langschwanzkatze in Anhang I dieser wichtigen internationalen Konvention aufgenommen und dadurch der kommerzielle Handel mit ihren Fellen zwischen den mittlerweile 128 Vertragsstaaten vollständig untersagt worden. Gleichzeitig haben die Tier-, Natur- und Umweltschutzorganisationen in den wohlhabenden Staaten mittels aufwendiger Informationskampagnen erreicht, dass das Tragen von Pelzmänteln gesellschaftlich kaum mehr akzeptiert wird. Dies hat die Nachfrage nach Pelzen weiter gesenkt und dafür gesorgt, dass die Jagd heute keine übermässige Gefahr mehr für die Art darstellt.

Was der Tigerkatze jedoch zunehmend zu schaffen macht, ist die Zerstörung ihres natürlichen Lebensraums durch den immer weiter vordringenden Menschen. Denn wo ihre Waldheimat abgeholzt wird und ihre Beutetiere verdrängt werden, da hat sie keinerlei Überlebenschancen. Für die Tigerkatze ist darum die Erhaltung grossflächiger Naturlandschaften in Form von Reservaten und Nationalparks von grösster Bedeutung.

Solche Schutzgebiete sind erfreulicherweise bereits an mehreren Orten innerhalb des Verbreitungsgebiets der Tigerkatze eingerichtet worden - teils mit erheblicher finanzieller und fachlicher Unterstützung von seiten des Welt Natur Fonds (WWF). Zu erwähnen ist beispielsweise das 2200 Quadratkilometer grosse Eilerts-de-Haan-Naturreservat im bergigen Süden von Surinam, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken.

Die Situation der Wieselkatze ist etwas weniger prekär als die der Tigerkatze. Zum einen hat ihr Fell glücklicherweise nie die abstruse Phantasie der Modeschöpfer angeregt. Zum anderen ist die einfarbige Katze nicht auf intakte Wälder angewiesen und erweist sich zudem gegenüber Veränderungen ihres buschigen Lebensraums als recht anpassungsfähig. Selbst in landwirtschaftlich genutzten Landstrichen vermag sie zu überleben, sofern zwischen den Kulturflächen Strauchdickichte bestehen bleiben. Dass sie sich gar an die Nachbarschaft menschlicher Siedlungen gewöhnen kann, wird daraus ersichtlich, dass ihr die Vorliebe für Hausgeflügel in einigen Regionen den Ruf eines unliebsamen «Hühnerdiebs» eingetragen hat. Auch sie profitiert im übrigen vom Vorhandensein grossflächiger Schutzgebiete.

Die Wieselkatze steht aus diesen gründen - im Gegensatz zur Tigerkatze - nicht auf der unrühmlichen «Roten Liste» der vom Aussterben bedrohten Säugetierarten. Dennoch gilt es, auch ihre Bestandssituation aufmerksam zu überwachen, um nötigenfalls geeignete Massnahmen zu ihrem Schutz ergreifen zu können.




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