Turks-und-Caicos-Leguan

Cyclura carinata


© 1986 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Historiker sind sich über den genauen Ort von Kolumbus' erster Landung in der Neuen Welt nicht einig. Manche sind der Ansicht, es sei die Bahama-Insel San Salvador gewesen. Andere wiederum meinen, es habe sich um die Insel Grand Turk in der Turks-und-Caicos-Inselgruppe gehandelt. Wie dem auch sei: Kolumbus und seine Besatzung waren auf jeden Fall die ersten Europäer, die einen Neuweltleguan zu Gesicht bekamen. Und möglicherweise hatte sogar ein Turks-und-Caicos-Leguan diese «Ehre».

 

Die Männchen haben einen Kamm

Der Turks-und-Caicos-Leguan (Cyclura carinata) ist einer von sieben Wirtelschwanzleguanen der Gattung Cyclura, welche auf den Westindischen Inseln heimisch sind. Er scheint auf lediglich 24 kleinen Inseln der Turks-und-Caicos-Gruppe (Cyclura carinata cari nata) sowie auf einem Inselchen bei der Bahama-Insel Mayaguana (Cyclura carinata bartschi) vorzukommen.

Der Turks-und-Caicos-Leguan ist ein mittelgrosser Vertreter der Wirtelschwanzleguane. Die Männchen erreichen im Durchschnitt eine Länge von 60 Zentimetern (einschliesslich Schwanz) und ein Gewicht von knapp einem Kilogramm. Besonders grosse Männchen können jedoch über 75 Zentimeter messen und ein Gewicht von fast zwei Kilogramm aufweisen. Die Weibchen sind etwas kleiner als die Männchen: Sie werden durchschnittlich 50 Zentimeter lang und ein halbes Kilogramm schwer.

Ausser durch ihre grösseren Körpermasse unterscheiden sich die männlichen Turks-und-Caicos-Leguane von den Weibchen noch durch ihren hohen, stacheligen Kamm am Nacken und Rücken von den Weibchen. Dieser Kamm spielt bei der Verständigung der Tiere untereinander eine wichtige Rolle. Bei territorialen Auseinandersetzungen etwa wird er hoch aufgerichtet, um seinen Träger möglichst imposant erscheinen zu lassen.

 

Leguane sind gewandte Kletterer

Die Inselheimat der Turks-und-Caicos-Leguane ist gekennzeichnet durch porösen Kalkstein, in welchem Niederschlagswasser rasch versickert. Gebietsweise ist dieser felsige Untergrund durch Korallensand überdeckt. An den windexponierten Küsten ragen die stark verwitterten Kalkfelsen schroff aus dem Meer; an den windabgekehrten Küsten haben sich hingegen breite Sandstrände gebildet. Die sandigen und felsigen Inselbereiche sind mit ziemlich trockener Buschvegetation überwachsen. Stellenweise hat sich im Inselinnern aber auch recht üppiger Wald entwickelt.

Die Leguane können in allen diesen Lebensräumen angetroffen werden. Bevorzugt halten sie sich aber in der Buschzone auf. Hier ist das Nahrungsangebot reichlich und vielfältig, der Zugang zum Sonnenlicht ist stets gewährleistet, die Sicht ist verhältnismässig gut, und es finden sich viele Verstecke.

Wie alle Wirtelschwanzleguane ernährt sich der Turks-und-Caicos-Leguan hauptsächlich von pflanzlichem Material: Blättern, Früchten, Blüten und Samen vieler verschiedener Pflanzenarten. Daneben verschmäht er aber auch Insekten, Krabben, Aas und selbst Junge der eigenen Art nicht. Angelockt durch saftiges Gemüse und wohlriechende Blumen plündern Leguane leider nicht selten menschliche Gärten. Sie werden daher von der ansässigen Bevölkerung als Schädlinge betrachtet und nach Möglichkeit abgeschossen.

Leguane sind mit scharfen Krallen an ihren Füssen ausgerüstet, dank derer sie geschickt und überraschend schnell zu klettern vermögen. Man hat Leguane durchaus schon in einer Höhe von zehn Metern über dem Boden im Geäst von Bäumen essen sehen.

 

Darm mit Gärkammern

Pflanzenesser, und besonders Blattesser, haben spezielle Schwierigkeiten mit der Verdauung ihrer Nahrung. Die zellulosehaltigen Zellwände, welche den nährstoffreichen Zellinhalt umschliessen, sind chemisch ausgesprochen schwer zerlegbar. Rinder, Hirsche und ihre gesamte wiederkauende Verwandtschaft lösen das Problem durch einen vierteiligen Magen, in welchem Bakterien die Zellulose durch Gärung aufschlüsseln. Und die Unpaarhufer - Pferde, Nashörner und Tapire - verfügen über einen stark vergrösserten Blinddarm, in welchem ebenfalls Bakterien die Aufspaltung der Zellulose besorgen.

Auch die Wirtelschwanzleguane weisen spezielle Gärkammern in ihrem Darmtrakt auf, durch welche die Wirksamkeit ihrer Verdauung verbessert wird: Ihr Dickdarm ist auf seiner ganzen Länge durch besondere Ventilklappen in einzelne Abteilungen unterteilt. In diesen Kammern zerlegen Bakterien, Einzeller und Fadenwürmer das Pflanzenmaterial in chemisch einfachere Bausteine, welche zum einen für sie selbst und zum anderen für ihren Wirt, den Leguan, verwertbar sind.

Der komplizierte Verdauungstrakt des Leguans arbeitet ziemlich langsam. Im Mittel dauert es etwa vier Tage, bis ein Futterbissen den Darm passiert hat und ausgeschieden wird. Aus diesem Grund kann der Leguan immer nur wenig Nahrung zu sich nehmen, und so wendet er denn täglich nur etwa fünf Prozent seiner Aktivitätszeit für die Nahrungsaufnahme auf.

 

Leguane sind Sonnenanbeter

Turks-und-Caicos-Leguane sind nur tagsüber rege. Die Nacht verbringen sie in Felsnischen oder Erdgängen, die von Landkrabben oder auch von ihnen selbst gegraben worden sind. Solche selbstgegrabenen Höhlen können bis acht Meter lang sein und bis drei Meter unter den Boden reichen.

Wenn die urweltlichen Echsen am Morgen aus ihren Verstecken hervorkriechen, so sonnen sie sich zuerst ausgiebig und erhöhen auf diese Weise ihre Körpertemperatur auf die bevorzugten 40° Celsius. Dann erst beginnen sie, sich umherzubewegen, zu essen und Kontakte mit Artgenossen aufzunehmen. Während der ganzen Aktivitätszeit wechseln sie dann immer wieder vom Schatten in die Sonne und umgekehrt und halten dadurch ihren Körper gleichmässig warm. Nur über Mittag, wenn die Bodentemperaturen mitunter über 60° Celsius steigen, ruhen die Tiere längere Zeit an einem schattigen Ort und schützen sich so vor Überhitzung.

Die männlichen Turks-und-Caicos-Leguane sind untereinander unverträglich; sie dulden das ganze Jahr über keine anderen Männchen in ihrem Wohngebiet. Eindringlinge werden durch Drohgesten vor dem Betreten des Territoriums gewarnt und bei Nichtbeachten der Signale angegriffen und nach Möglichkeit aus dem Revier vertrieben. Weibchen dürfen sich hingegen frei durch die Grundstücke der Männchen bewegen. Sie sind - eine kurze Zeit nach der Eiablage ausgenommen - nicht territorial.

Der Verständigung untereinander dienen den Turks-und-Caicos-Leguanen ritualisierte Verhaltensweisen, welche zur Hauptsache aus besonderen Körperhaltungen und aus raschem Nicken mit dem Kopf bestehen. Solches Kopfnicken ist auch von anderen Echsenarten bekannt, doch zeigen dort in erster Linie die revierbesitzenden, übergeordneten Individuen diese Geste und halten dadurch besitzlose, untergeordnete Artgenossen vom Betreten des Territoriums ab. Beim Turks-und-Caicos-Leguan ist es genau umgekehrt: Hier senden die Territoriumsbesitzer nur selten Warnsignale aus, sondern es sind die besitzlosen, untergeordneten Männchen und die Weibchen, welche durch heftiges Nicken ihre Unterwürfigkeit demonstrieren. Irgendwie erscheint es uns auch angemessener, wenn sich die «Untertanen» vor dem «König» verbeugen als umgekehrt...

 

Langsame Vermehrung - hohe Überlebensrate

Turks-und-Caicos-Leguane paaren sich im allgemeinen im Mai, gegen Ende der sechsmonatigen Trockenzeit. Anfang Juni, zu Beginn der Regenzeit, legt dann das Weibchen zwei bis neun Eier in eine Mulde am Ende seiner Höhle. Je grösser das Weibchen ist, desto grösser ist auch sein Gelege. Mehrere Tage bis manchmal mehrere Wochen nach der Eiabgabe verteidigt das Weibchen sein Versteck energisch gegen jeden Eindringling und schützt so sein Gelege vor Störungen.

Die Leguan-Jungen schlüpfen nach etwa drei Monaten, verlassen sofort die Erdhöhle und sorgen vom ersten Tag an für sich selbst. Sie wachsen jährlich nur etwa 19 Millimeter. Die Geschlechtsreife erreichen sie im Alter von etwa 6 bis 7 Jahren, und sie können ein für Echsen «biblisches» Alter von 25 bis 30 Jahren erlangen.

Von den jugendlichen Leguanen sterben jährlich etwa 30 bis 50 Prozent eines natürlichen Todes; bei den ausgewachsenen Tieren sind es etwas weniger als 10 Prozent. Diese Sterblichkeitsraten sind im Vergleich zu anderen Echsen ausgesprochen gering. Trotzdem vermehren sich die Turks-und-Caicos-Leguane langsamer als die meisten anderen Echsenarten, da zum einen die Eizahl pro Gelege sehr klein ist und zum anderen die Geschlechtsreife verhältnismässig spät eintritt. Turks-und-Caicos-Leguanpopulationen erholen sich daher bei Bestandeseinbussen nur langsam oder oft gar nicht mehr.

 

Fischadler, Reiher und Schlankboas sind ihre natürlichen Feinde

Wirtelschwanzleguane sind auf den Inseln, die sie bewohnen, die grössten Landwirbeltiere, welche natürlicherweise dort vorkommen. Entsprechend gering ist die Zahl ihrer natürlichen Feinde: Möglicherweise fallen junge Leguane gelegentlich Fischadlern und Reihern zum Opfer. Auch die etwa meterlangen Schlankboas (Gattung Epicrates), welche auf einzelnen Inseln vorkommen, erbeuten wohl von Zeit zu Zeit Jungtiere. Ferner werden Leguangelege manchmal durch Krabben zerstört. Sonst aber dürften die grossen Echsen ein ziemlich unbeschwertes Leben führen.

Die sehr geringe Zahl natürlicher Feinde hat zur Folge, dass Wirtelschwanzleguan-Populationen besonders empfindlich reagieren, wenn plötzlich das Raubtier «Mensch» - und in seinem Gefolge Hund und Katze - auf den von ihnen bewohnten Inseln in Erscheinung tritt. Denn in der Isolation - ohne die Anwesenheit von Feinden - haben sie praktisch keine Selbstschutzmechanismen entwickelt.

Tatsächlich haben nicht nur die indianischen Ureinwohner der Westindischen Inseln schon vor der Ankunft von Kolumbus gern Leguane gejagt und verzehrt. Auch für die heutigen Inselbewohner bildet Leguanfleisch, welches zart wie Huhn schmecken soll, eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan.

Wesentlich schlimmer als das gelegentliche Nachstellen durch den Menschen wirkt sich auf die Leguanbestände aber die Bejagung durch die Haustiere Hund und Katze aus. Katzen sind schon dabei beobachtet worden, wie sie erwachsene Leguanmännchen erlegten, die grösser waren als sie selbst. Und als einmal eine Hauskatze seziert wurde, die auf einer Insel der Caicos-Gruppe gelebt hatte, enthielt ihr Magen nichts anderes als Körperteile vieler verschiedener Echsen. Auch Hunde jagen und erlegen Wirtelschwanzleguane oft und gern. Ferner versuchen sie manchmal, Leguane auszugraben, die sich in ihre Erdhöhle geflüchtet haben, und verschütten die Tiere dabei.

Die Gefahr, die sich für die Echsenbestände aus der Einbürgerung von Hund und Katze ergibt, lässt sich deutlich anhand des folgenden Beispiels ersehen: Auf einer 4 Quadratkilometer grossen Insel der Caicos-Gruppe wurden während des Baus eines Hotels mehrere Hunde und Katzen eingeführt. Zu diesem Zeitpunkt lebten mindestens 5000 ausgewachsene Leguane auf dieser Insel. Nach drei Jahren waren sie allesamt ausgerottet!

 

Rettung dank Isolation?

Turks-und-Caicos-Leguane sind nicht die einzigen Wirtelschwanzleguane, deren Weiterbestand durch das Eindringen des Menschen und seiner Haustiere in ihre abgeschiedene Inselheimat in Frage gestellt ist: Alle sieben überlebenden Arten erfahren Jahr für Jahr empfindliche Bestandseinbussen. Im übrigen sind mindestens drei Arten bereits für immer von unserem Planeten verschwunden: Cyclura mattea von der Jungferninsel St. Thomas und Cyclura portoricensis von Puerto Rico waren schon vor der Ankunft von Kolumbus durch die indianische Urbevölkerung ausgerottet worden. Und der Jamaika-Leguan (Cyclura collei) ist in unserem Jahrhundert ausgestorben: Das letzte lebende Exemplar wurde in den vierziger Jahren gesehen. Trotz aufwendiger Nachforschungen sind bis heute keine Vertreter dieser Art mehr gefunden worden, sodass heute auch dieser Wirtelschwanzleguan als ausgestorben gilt.

Von 1973 bis 1976 wurde eine eingehende, von der Zoologischen Gesellschaft New York getragene Untersuchung der Turks-und-Caicos-Leguane durchgeführt. Der abschliessende Bericht dieser Studie zeigte unmissverständlich die Dringlichkeit des Schutzes der Tiere auf, und es wurden entsprechende Massnahmen vorgeschlagen. Leider ist aber bis heute praktisch nichts zum Schutz der altertümlichen Echsen getan worden. Seit kurzem ist zwar ein Gesetz in Kraft, welches Ausfuhrgenehmigungen für Wirtelschwanzleguane aus den Turks-und-Caicos-lnseln sowie aus den Bahamas verlangt. Zudem soll der Turks-und-Caicos-Leguan demnächst in das Verzeichnis des Internationalen Abkommens über den Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten (CITES) aufgenommen werden. Beides vermag allerdings die wirkliche Gefährdung der Tiere nicht zu bannen.

Glücklicherweise leben aber einige Bestände der Turks-und-Caicos-Leguane auf sehr abgeschiedenen Inseln, auf denen sich der Mensch bislang nicht niedergelassen hat. Will man diese faszinierenden Geschöpfe für die Nachwelt erhalten, so müsste man diese ganzen Inseln zu strikten Naturschutzgebieten erklären. Durch die Aussetzung von Leguanen auf weiteren noch unberührten Inseln könnte sogar eine gewisse Vergrösserung des heutigen Gesamtbestands erreicht werden.




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