Uganda-Giraffe
Giraffa camelopardalis rothschildi
© 1997 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Uganda, im östlichen Afrika direkt auf dem Äquator
gelegen, ist zwar nur 241 000 Quadratkilometer gross (Deutschland:
357 000 km2), jedoch umschliesst es ein
bemerkenswert breites Spektrum unterschiedlicher Landschaftsformen
- von den fruchtbaren Tälern der Quellarme des Nils im Nordwesten
und den trockenen Dornbuschsavannen im Regenschatten des Karamojagebirges
im Nordosten über die teils felsigen, teils sumpfigen Uferzonen
des Victoriasees im Südosten und die weiten Hochgras- und
Baumsavannen im Süden bis hin zu den nebelverschleierten
Bergregenwäldern und den frostigen Gletschergipfeln des
bis über 5000 Meter hohen Ruwenzorigebirgs im Südwesten.
Der Vielfalt natürlicher Lebensräume entspricht
die Vielgestaltigkeit der ugandischen Tierwelt. Ihr gehören
unter anderem die meisten jener spektakulären Savannensäuger
an, die für Ostafrika so typisch sind. Unter ihnen befindet
sich die Giraffe (Giraffa camelopardalis), die in Uganda
durch eine separate Unterart vertreten ist, welche als Uganda-Giraffe,
Rothschild-Giraffe oder Baringo-Giraffe (Giraffa camelopardalis
rothschildi) bezeichnet wird. Von ihr soll hier berichtet
werden.
Die grösste Giraffenrasse
Die Familie der Giraffen (Giraffidae), welche innerhalb
der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur Sippe der Wiederkäuer
(Ruminantia) gehört, umfasst lediglich zwei Arten: zum einen
das scheue Okapi (Okapia johnstoni), das in den dichten
Regenwäldern des Kongobeckens lebt, und zum anderen die
langhalsige Giraffe, deren bevorzugte Heimat die mit lichten
Gehölzen durchsetzte afrikanische Savanne ist. Es sind die
letzten Überlebenden einer einstmals formenreichen Sippe,
deren Ursprünge rund fünfundzwanzig Millionen Jahre
zurückreichen.
Das Verbreitungsgebiet der Giraffe hat sich noch vor
wenigen Jahrhunderten über weite Bereiche des afrikanischen
Kontinents südlich der Sahara erstreckt. Seit der Mensch
allerdings die Savannen Stück für Stück für
sich und sein Vieh beansprucht und er den Savannentieren mit
weitreichenden Schusswaffen nachstellt, sind die Giraffen aus
vielen Regionen verschwunden. Die letzten einigermassen umfangreichen
Giraffenbestände finden sich heute im Bereich der grossflächigen
Nationalparks Ostafrikas.
Das Fellmuster der Giraffe ist innerhalb ihres weiten
Artverbreitungsgebiets ziemlich variabel, und auch die Farbe
der Flecken schwankt von hellorange über kastanienbraun
bis hin zu schwarz. Dies hat zur Unterscheidung von neun verschiedenen
Giraffenunterarten geführt. Allerdings ist die Fellzeichnung
bei den meisten dieser Rassen dermassen uneinheitlich, dass selbst
die Fachleute eine sichere Identifizierung einzelner Individuen
nur anhand ihrer geografischen Herkunft, nicht aber anhand ihrer
Zeichnung vorzunehmen vermögen. Der Sinn der innerartlichen
Gliederung ist deshalb umstritten.
Die Uganda-Giraffe gilt als die grösste aller
Giraffenrassen: Grossgewachsene Männchen können bis
zur Hörnerspitze eine Höhe von nahezu sechs Metern
erreichen. In ihrem Aussehen ähnelt sie der Netzgiraffe
(Giraffa camelopardalis reticulata), welche in Kenia,
Äthiopien und Somalia beheimatet ist. Wie jene weist sie
ziemlich grosse und klar begrenzte Flecken auf, welche sich plattenartig
vom hellen «Untergrund» abheben. Bei der Uganda-Giraffe
sind die «Fugen» zwischen den «Platten»
jedoch deutlich breiter als bei der Netzgiraffe. Ausserdem haben
die Platten eine gelbbraune bis mittelbraune Färbung, während
sie bei der Netzgiraffe im allgemeinen leuchtend rotbraun sind.
Im Unterschied zur Netzgiraffe weist die Uganda-Giraffe im übrigen
unterhalb der «Knie» (was in Wirklichkeit die Hand-
und Fussgelenke sind) keine Musterung auf.
Mahlzeit im oberen Stockwerk
Hinsichtlich ihrer Lebensgewohnheiten verhält
sich die Uganda-Giraffe wie alle Giraffenrassen: Sie ist eine
Vegetarierin und kann dank ihrer ausgewöhnlichen Körpergrösse
eine Nahrungsnische nutzen, welche für die meisten anderen
Pflanzenesser der afrikanischen Savanne unerreichbar ist: das
Blattwerk der Baumkronen. Der einzige andere Grosssäuger,
der mitunter im selben «Stockwerk» speist, ist der
Afrikanische Elefant (Loxodonta africana). Die Uganda-Giraffe
beschränkt sich allerdings nicht darauf, ihre Kost aus dem
Angebot im Baumkronenbereich zusammenzustellen. Häufig beugt
sie ihren langen Hals auch nach unten, um Blätter und Triebe
von der Oberseite niedrigwüchsiger Bäume und Sträucher
zu sich zu nehmen, an welche die normalgrossen Huftiere der Savanne
ebenfalls nicht herankommen.
Uganda-Giraffen bewegen sich oft in Gruppen von etwa
sieben Individuen umher. Dabei handelt es sich nicht um feste
Verbände, sondern um lose Ansammlungen von «Nachbarn»:
Immer wieder entfernen sich einzelne Tiere aus einer Gruppe,
andere stossen neu hinzu. Beobachtungen haben aber gezeigt, dass
jede Giraffe mit bestimmten Nachbarn öfter und länger
zusammenbleibt als mit anderen. Die Tiere einer bestimmten Gegend
scheinen einander also «persönlich» zu kennen
und gewisse «Freundschaften» zu pflegen.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Pflanzenessern
der afrikanischen Savanne kennt die Uganda-Giraffe keine feste
Fortpflanzungszeit. Giraffenkinder kommen zu allen Jahreszeiten
zur Welt. Die Tragzeit dauert ungefähr 15 Monate und gewöhnlich
kommt ein einzelnes Junges zur Welt; Zwillingsgeburten sind sehr
selten. Bei der Geburt weist das Giraffenjunge bereits eine Höhe
von 1,7 bis 2 Metern und ein Gewicht von bis zu 70 Kilogramm
auf. Nach einer guten Viertelstunde vermag es sich erstmals auf
seinen Beinchen aufzurichten, und noch vor Ablauf einer Stunde
nimmt es in der Regel seine erste Milchmahlzeit zu sich. Die
Entwöhnung erfolgt im Alter von etwa einem Jahr, die Loslösung
von der Mutter im Alter von ungefähr anderthalb Jahren.
In freier Wildbahn liegt das Höchstalter bei etwa 25 Jahren.
In ihrer Jugend müssen sich die Uganda-Giraffen
vor einer ganzen Reihe von Raubfeinden in acht nehmen, darunter
Nilkrokodilen (Crocodylus niloticus), Tüpfelhyänen
(Crocuta crocuta), Afrikanischen Wildhunden (Lycaon
pictus) und Leoparden (Panthera pardus). Die erwachsenen
Tiere haben hingegen nur einen einzigen natürlichen Feind
zu fürchten: den Löwen (Panthera leo). Eine
aufmerksame Giraffe kann sich allerdings gegen Löwen mit
den furchtbaren Schlägen ihrer Hufe gut verteidigen. Tatsächlich
gibt es mehrere verbürgte Augenzeugenberichte, wonach Giraffen
angreifende Löwen durch Tritte getötet haben.
Anders sieht es aus, wenn ein Löwe eine Giraffe
zu überraschen vermag, die - etwa beim Schlafen, Trinken
oder Beweiden eines Buschs - ihren Kopf tief hält. Dann
kann es ihm durchaus gelingen, die Giraffe an der Kehle zu packen
und sie zu ersticken. In der Tat gibt es gebietsweise Löwen,
die sich auf diese Technik spezialisiert haben und beträchtliche
Ausfälle unter den ansässigen Giraffen verursachen.
Plantagen, Gewehre, Rinderpest
Die Uganda-Giraffe hatte schon immer ein ziemlich
beschränktes Vorkommen im «Dreiländereck»
Kenia-Sudan-Uganda. In Kenia erstreckte sich ihr Verbreitungsgebiet
im Westen des Landes vom Uasin-Gishu-Plateau westlich des Baringosees
über die Trans-Nzoia-Region bis in die trockenen Landstriche
beim Turkanasee ganz im Norden des Landes. Im Sudan kam sie in
den offenen Waldsavannen der südlichen Landesteile vor.
In Uganda war sie in den nördlichen und östlichen Bereichen
des Landes - östlich der Nilzuflüsse - anzutreffen.
Zwar war die Uganda-Giraffe von alters her ein begehrtes
Jagdwild des Menschen gewesen. Solange die menschliche Bevölkerung
aber klein war und die Jagd zu Fuss, mit einfachen Waffen und
ohne systematisches Vorgehen erfolgte, konnte das im wörtlichen
Sinn herausragende Savannentier diese Ausfälle durchaus
über seine natürliche Nachzucht wieder wettmachen.
Zu keiner Zeit war sein Überleben ernsthaft in Gefahr.
Die Situation änderte sich schlagartig, als die
Europäer gegen Ende des 19. Jahrhunderts diesen Teil Afrikas
zu besiedeln und die fruchtbaren Savannen in landwirtschaftliche
Nutzflächen umzuwandeln begannen: Auf breiter Front wurde
die Uganda-Giraffe damals aus ihren angestammten Lebensräumen
verdrängt. Ausserdem wurde sie verstärkt mit modernen
Gewehren bejagt, teils des Fleischs wegen, teils weil sie hie
und da Schäden an Zäunen und Kulturen verursachte.
Bald war sie aus ganzen Regionen vollständig verschwunden.
Zusätzlich verschlimmert wurde ihre Lage, als
in den Jahren 1890/91 und nochmals 1896/97 die Rinderpest, eine
für Paarhufer verheerende Viruskrankheit, durch weite Teile
Ostafrikas wogte und dabei die Nutztiere des Menschen ebenso
erfasste wie die Wildtiere. Unter letzteren traf es die Kaffernbüffel
(Syncerus caffer) und die Giraffen am schwersten. Tausende
von ihnen raffte die Seuche dahin.
Letzte Zufluchtsstätten am Nakurusee und bei
den Murchisonfällen
In den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts wurde
der Zustand der Uganda-Giraffe in Kenia als besorgniserregend
eingestuft. Man schätzte den Gesamtbestand im Land auf nur
noch rund 200 Individuen. Davon lebten 70 bis 100 Tiere gut geschützt
auf einem grossen privaten Landgut bei Soy in der Nähe der
Stadt Eldoret. In den siebziger Jahren gelangte das betreffende
Gut jedoch zum Verkauf und wurde dabei in mehrere kleinere Besitzungen
aufgeteilt, wodurch die Zukunft dieses letzten grösseren
Bestands der Uganda-Giraffe in Kenia plötzlich sehr ungewiss
erschien. Die kenianische Naturschutzbehörde liess aus diesem
Grund eine kleine Herde von 17 Individuen bei Soy einfangen und
in den etwa hundert Kilometer weiter östlich gelegenen Lake-Nakuru-Nationalpark
überführen. Dieser mit einer Fläche von 200 Quadratkilometern
verhältnismässig kleine Nationalpark ist vollständig
umzäunt und lässt sich gut überwachen. Tatsächlich
haben sich die umgesiedelten Giraffen dort gut eingelebt und
ihren Bestand inzwischen auf 30 bis 40 Individuen erhöht.
Über die Situation der Uganda-Giraffe im Südteil
des Sudans sind seit längerer Zeit keine verlässlichen
Informationen erhältlich. Da diese Landesteile seit Jahrzehnten
immer wieder von blutigen Auseinandersetzungen heimgesucht werden,
die ihre Ursache in der ethnisch-religiösen Zweiteilung
des Landes haben, ist zu befürchten, dass der Giraffenbestand
heute weitgehend ausgelöscht ist.
In Uganda wurden die Uganda-Giraffen in den
sechziger Jahren als recht weitverbreitet, jedoch ziemlich selten
eingestuft. Die meisten von ihnen lebten in der Karamoja-Region
im Osten des Landes zwischen dem Mount Elgon im Süden und
der Grenze zum Sudan im Norden. Auf ungefähr tausend Individuen
wurde der örtliche Bestand geschätzt, wovon rund die
Hälfte im Bereich des 1300 Quadratkilometer grossen Kidepo-Valley-Nationalparks
vorkam. Ein auf etwa hundert Individuen geschätzter Giraffenbestand
lebte ferner im Nordwesten Ugandas, im 4000 Quadratkilometer
grossen Murchison-Falls-Nationalpark. In beiden Parks fanden
sich damals auch noch ansehnliche Bestände von Afrikanischen
Elefanten, von Spitzmaulnashörnern (Diceros bicornis)
und Breitmaulnashörnern (Ceratotherium simum) sowie
von Kaffernbüffeln, Steppenzebras (Equus burchelli)
und vielen weiteren grossen Savannentieren.
Ab den frühen siebziger Jahren, nach dem Staatsstreich
von General Idi Amin Dada, wurde Uganda jedoch in ein politisches
und wirtschaftliches Chaos gestürzt, das sowohl auf die
menschlichen als auch auf die tierlichen Bewohner des Landes
katastrophale Auswirkungen hatte. Unter anderem wurden die Nationalparks
und Wildreservate von schwerbewaffneten Wilderer- und Guerillabanden
förmlich überrannt. Giraffen, Büffel, Zebras und
Antilopen wurden wegen ihres Fleischs, Elefanten und Nashörner
wegen ihres Elfenbeins bzw. Nasenhorns abgeschlachtet. 1981 war
der Elefantenbestand Ugandas um 90 Prozent vermindert, beide
Nashornarten waren vollständig ausgerottet, und von den
Uganda-Giraffen fanden sich in der ganzen Karamoja-Region nur
noch geschätzte 150 Individuen, allesamt im Kidepo-Valley-Nationalpark.
Terrorherrschaft und Bürgerkriegswirren hielten
in Uganda bis 1986 an. Seither versucht der neue Präsident
Yoweri Kaguta Museveni, das Land zu befrieden, wieder regierbar
zu machen und die Wirtschaft wiederzubeleben. Für die Uganda-Giraffen
im Kidepo-Valley-Nationalpark kommt die Wende wohl zu spät:
1990 war ihr Bestand auf fünf Individuen geschrumpft, von
denen 1993 nur noch drei übrig waren. Die Fachleute glauben
nicht, dass dieser klägliche Restbestand aus eigener Kraft
(d.h. ohne künstliche Bestandsaufstockung) zu überleben
vermag. Erstaunlicherweise deutlich besser ist es den Uganda-Giraffen
im Murchison-Falls-Nationalpark ergangen: Zählungen aus
der Luft haben im Jahr 1991 einen Bestand von rund 80 und 1995
von rund 100 Individuen ergeben.
Es ist zu hoffen, dass es der derzeitigen Regierung
Ugandas gelingt, eine lebensfähige politische Struktur zu
schaffen und die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Dazu
gehört gewiss auch die Förderung des Tourismus, der
früher eine wesentliche Einnahmequelle des - von Winston
Churchill als «Perle Afrikas» gerühmten - Landes
bildete. Um Touristen wieder nach Uganda zu locken, bedarf es
auf jeden Fall der Wiederherstellung der allzulange vernachlässigten
Naturschutzgebiete, worin der WWF die ugandischen Behörden
im Rahmen mehrerer Projekte tatkräftig unterstützt.
Nicht zuletzt werden diese Bemühungen auch der arg bedrängten
Uganda-Giraffe zugute kommen.
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