Uhu

Bubo bubo


© 1996 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Eulen gelten von alters her als weise. Allerdings lässt sich nirgendwo in der Literatur ein Hinweis darauf finden, dass sich jemals eine Eule besonders weise verhalten hätte. Die Gründe für die Redewendung müssen also woanders liegen. Denkbar wären folgende «Äusserlichkeiten»: Erstens trägt das Gesicht der Eulen irgendwie menschliche Züge. Eulen können also von vornherein nicht dumm sein. Zudem wirkt das Eulengesicht eigenartig alt auf uns. Eulen haben ein «Greisengesicht» - und alte Leute gelten bei uns im allgemeinen als erfahren und besonnen. Dann besitzen die Eulen auffallend grosse Augen, aus denen sie uns ruhig und aufmerksam anschauen. Das macht einen gescheiten Eindruck. Hinzu kommt, dass sie wie wir Menschen betont das obere Augenlid nach unten schlagen können. Dieser Lidschlag wirkt sehr verständig und wissend. Im übrigen begegnet der Mensch den Eulen meistens am Tag. Da sitzen dann diese Nachtvögel still an ihren dämmrigen Ruheplätzen und schauen scheinbar gedankenversunken dem Treiben um sie herum zu.

Erfahren, besonnen, gescheit, verständig, wissend, gedankenversunken - all dies fassen wir unter dem Begriff «weise» zusammen. So sind die Eulen vermutlich nicht aufgrund besonderer Geistesfähigkeiten zum Sinnbild der Weisheit geworden, sondern wegen ihres menschenähnlichen Gesichtsschnitts und ihres ruhigen Verhaltens am Tagesruheplatz.

 

Grösste Eule der Welt

Die Ordnung der Eulen (Strigiformes) umfasst nach traditioneller Auffassung rund 180 Arten in zwei Familien, wobei zur Familie der Eulen «im eigentlichen Sinne» (Strigidae) ungefähr 160 Arten in 23 Gattungen, zur Familie der Schleiereulen (Tytonidae) etwa 17 Arten in 2 Gattungen gezählt werden. In jüngerer Zeit ordnen die Fachleute den Eulen jedoch oftmals noch weitere Vogelfamilien zu, namentlich die Ziegenmelker (Caprimulgidae), die Argusnachtschwalben (Eurostopodidae), die Tagschläfer (Nyctibiidae) und die Fettschwalme (Steatornithidae). Ob diese systematische Zuordnung richtig ist, also den tatsächlichen verwandtschaftlichen Verhältnissen innerhalb der Vogelwelt entspricht, bedarf allerdings noch weiterer wissenschaftlicher Abklärungen.

Unzweifelhaft zu den Eulen, und zwar zur Familie der «eigentlichen» Eulen, gehören die Uhus in der Gattung Bubo. Insgesamt zwölf verschiedene Uhuarten gibt es weltweit. Von diesen zwölfen hat «unser» Uhu (Bubo bubo) das ausgedehnteste Verbreitungsgebiet: Man findet ihn einerseits in weiten Bereichen Eurasiens - von Portugal im Westen bis Japan im Osten und von Finnland im Norden bis Indien im Süden - und andererseits im gesamten nördlichen Afrika, vom Mittelmeer südwärts bis Mali, Niger und Sudan.

Innerhalb Europas kommt der Uhu in grösseren Beständen noch auf der Iberischen Halbinsel, im südlichen Frankreich, in den Südalpen und im Apennin sowie in den zentralen und östlichen Teilen des Balkans und in den Karpaten vor. Weitverbreitet ist er ferner in Skandinavien und in Russland wie auch in den südlichen Bereichen der ehemaligen Sowjetunion.

Aus weiten Teilen Mitteleuropas ist der Uhu hingegen verschwunden. Das kommt vor allem daher, dass der grosse Nachtgreifvogel früher bei den Jägern sehr verschrien war, weil er ihnen angeblich die Hasen, Rebhühner und Fasanen «wegstahl». Er wurde deshalb lange Zeit unbarmherzig verfolgt. Erfreulicherweise hat sich diese irrige Meinung inzwischen gewandelt, und es wurden gebietsweise sogar Versuche unternommen, den Uhu wieder einzubürgern. Zu diesem Zweck wurden von Vogelschutzverbänden besonders in den siebziger und achtziger Jahren mehrere tausend Junguhus in Zuchtvolieren grossgezogen und dann freigelassen. Die Erfolge dieser Aussetzungen sind zwar mässig, denn, wie wir noch sehen werden, machen heute allzu viele neue Gefahren den Uhus das Leben schwer. Immerhin leben aber inzwischen in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich insgesamt wieder mehrere hundert Uhubrutpaare.

Innerhalb seines ausgedehnten Verbreitungsgebiets zeigt der Uhu erwartungsgemäss beträchtliche Unterschiede hinsichtlich seiner Körpergrösse und Gefiederfärbung. So sind die Vögel im waldreichen Skandinavien besonders gross und dunkel gefärbt, während diejenigen in den Wüstengebieten Zentralasiens verhältnismässig kleingewachsen und überwiegend gelbbraun sind. So oder so ist der Uhu aber die grösste Eule der Welt. Seine Länge kann über 70 Zentimeter und die Flügelspannweite bis 180 Zentimeter betragen. Der Uhu wird deshalb oft als «König der Nacht» bezeichnet. Genau genommen gebührt diese Ehre allerdings nur dem Uhuweibchen. Denn während sich die Geschlechter bei den meisten anderen Eulenarten grössenmässig kaum voneinander unterscheiden, ist der Uhumann deutlich kleiner als seine Frau. Erstaunlich gering ist demgegenüber das Gewicht der riesenhaften Nachtvögel: In Skandinavien, wo besonders grossgewachsene Uhus heimisch sind, wiegen die weiblichen Individuen im Durchschnitt nur etwa 3 Kilogramm, und die Männchen sind durchschnittlich sogar noch 500 bis 600 Gramm leichter.

 

Anpassungsfähig und vielseitig

In seinem Vorkommen ist der Uhu nicht an bestimmte Landschaftsformen oder Klimatypen gebunden. Er ist ein sehr anpassungsfähiger «Allerweltsbürger», dem Tiefebenen wie Hochgebirge, dichte Wälder wie Steppengebiete, ja selbst baumlose Wüstenstriche zusagen. Wichtig ist nur, dass er einerseits das ganze Jahr über genügend Beutetiere und andererseits sichere Tagesverstecke und Nistplätze findet.

Ebenso vielseitig ist der Uhu auch in bezug auf seine Beutetiere. Mit seinen krallenbewehrten Greiffüssen, welche die Spannweite einer Menschenhand erreichen können, packt er so ziemlich alles, was ihm nachts über den Weg läuft: von Käfern, Fröschen und Spitzmäusen über Fische, Schlangen und Igel bis hin zu Graureihern, Feldhasen und Murmeltieren. Auch Raubtiere wie Wiesel, Marder und Wildkatzen sowie Bussarde, Falken und kleinere Eulen sind vor dem mächtigen Vogel nicht sicher. Über 110 verschiedene Säugetier- und 140 Vogelarten sind schon als Beutetiere des Uhus nachgewiesen worden.

Wie es sich für einen «echten» Eulenvogel geziemt, ist der Uhu gewöhnlich nur nachts rege. Jeweils kurz nach Sonnenuntergang bricht er zu seinen Jagdzügen durchs Revier auf. Den Grossteil seiner Beute fängt er von einem Ansitz aus: Ruhig auf einem Felsen oder einem Ast sitzend, achtet er auf jedes Geräusch und jede Bewegung in seiner Umgebung. Hat er ein Beutetier erspäht, so stösst er im lautlosen Gleitflug darauf nieder, ergreift es zielsicher mit seinen mächtigen Füssen und trägt es an eine geeignete, oftmals erhöhte Stelle, um es dort zu töten und zu verspeisen. In jeder Nacht wechselt der Uhu mehrfach seinen Ansitz, und bisweilen unternimmt er auch längere Erkundungsflüge durch sein Revier.

Tagsüber verbirgt sich der Uhu im Schutz eines überhängenden Felsens oder auf einem Ast möglichst dicht am Stamm. Wird er dort trotzdem von einem Feind - beispielsweise einem Fuchs oder einem Habicht - überrascht, so nimmt er eine sehr wirksame Drohhaltung ein: Mit weit aufgerissenen Augen, gesträubtem Gefieder und aufgefächerten, nach vorn gedrehten Flügeln lehnt er sich fauchend und mit dem Schnabel «knappend» nach vorn. Das sieht furchterregend aus, und tatsächlich verfehlt dieses Gebahren seine Wirkung selten. Der Feind ist einen Augenblick lang verdutzt, und diese Schrecksekunde nutzt die grosse Eule, um das Weite zu suchen.

 

«Buoh» ruft der Uhumann

Uhus sind sehr partner- und standorttreue Vögel: Jedes der in Dauerehe lebenden Uhupaare hält ein Territorium von ein paar Quadratkilometern Grösse besetzt und verteidigt dieses erbittert gegenüber sämtlichen Artgenossen. In ihrem Revier halten sich die Vögel das ganze Jahr über auf und verlassen es höchstens notgedrungen vorübergehend, etwa bei anhaltendem Beutetiermangel während eines ungewöhnlich harten Winters.

Die meiste Zeit des Jahres leben die beiden Partner ein mehr oder weniger einzelgängerisches Leben im gemeinsamen Territorium, jagen und schlafen also in der Regel getrennt. Das ändert sich jeweils zu Jahresbeginn: «Buoh - buoh - buoh» tönt es zumeist schon im Februar alle paar Sekunden dumpf, aber durchdringend durch die frostige Nacht. Es ist der Uhumann, der jedermann unmissverständlich wissen lässt, dass sein Revier auch während der diesjährigen Fortpflanzungsperiode besetzt ist. Gleichzeitig kündet er seiner Partnerin an, dass die Zeit gekommen ist, wieder für Nachwuchs zu sorgen. Das Weibchen antwortet mit einem höheren, weicheren, deutlich zweisilbigen «Hu-hu». Diese Rufe, denen die Uhus ihren Artnamen verdanken, sind oft noch umrahmt von einem kehligen Kichern sowie allerlei glucksenden und krächzenden Tönen.

Gewöhnlich zwischen Mitte März und Mitte April legt das Weibchen in Abständen von zwei bis vier Tagen zwei bis drei, manchmal vier, selten fünf Eier. Als Nistplatz dienen meistens Nischen und Höhlen in unzugänglichen Felsgebieten. In Waldgebieten nisten sie aber mitunter auch am Boden zwischen Baumwurzeln oder unter umgestürzten Baumstämmen. Ein Nest wird in der Regel nicht gebaut, und sogar eine Mulde wird selten gescharrt. Meistens werden die Eier einfach an der ausgewählten Stelle auf den Boden gelegt.

Volle fünf Wochen sitzt das Weibchen allein auf den Eiern, bis das erste Junge schlüpft. Während dieser Zeit wird es vom Männchen treusorgend mit Futter versorgt. Auch nach dem Schlüpfen der Jungen trägt das Männchen eifrig Nahrung herbei, welche dann vom Weibchen teils «schnabelgerecht» zerkleinert an die Jungen weitergereicht, teils selbst verzehrt wird.

Die Junguhus öffnen die Augen eine Woche nach dem Schlüpfen. Schon im Alter von drei Wochen beginnen die «Flaumkugeln», lebhaft im Horstbereich herumzukrabbeln. Und mit sechs bis sieben Wochen verlassen sie zu Fuss das Nest und turnen unternehmungslustig durchs Unterholz der Umgebung, gut bewacht von den Eltern. Mit neun bis zehn Wochen sind sie dann endlich flügge und können ihre Eltern als «Lehrlinge» auf den Jagdzügen begleiten. Bis zum Herbst beherrschen sie das Beuteschlagen. Dann verlassen sie ihre Eltern.

Die Geschlechtsreife erreichen die jungen Uhus im Alter von zwei bis drei Jahren. Bis dahin streichen sie oft weit umher, um sich eigene Reviere zu suchen. Die Verluste unter diesen «halbwüchsigen» Uhus sind gross, denn viele von ihnen verunglücken an Hochspannungsleitungen und im Autoverkehr. Mit etwas Glück können sie aber ein hohes Alter erreichen. Den Rekord hält ein Uhu, der in Gefangenschaft 68 Jahre alt wurde.

 

Störungen durch Naturfreunde

Von einem Vogel, der so weit verbreitet, so anspruchslos in bezug auf das Gelände und so erfolgreich im Beuteschlagen ist wie der Uhu, sollte man eigentlich denken, dass seine Zukunft gesichert ist. Dies umsomehr, als die direkte Verfolgung durch den Menschen heute dank vielerorts bestehender Artenschutzgesetze und grossenteils einsichtiger Jägerschaft keine einschneidende Rolle mehr spielt. Leider ist dem nicht so: Obschon der Uhu als Art (noch) nicht als gefährdet gilt, sind doch manche regionalen Bestände stark rückläufig und geben hinsichtlich ihres Fortbestands Anlass zur Besorgnis. Es wirken also zweifellos weitere Schadfaktoren auf den grossen Nachtgreifvogel ein. Darauf deuten auch die mässig erfolgreichen Wiedereinbürgerungsversuche in Mitteleuropa hin.

Lange Zeit war rätselhaft, worauf der schleichende Rückgang der Uhupopulation zurückzuführen ist. Heute wissen wir, dass es die aussergewöhnliche Empfindlichkeit des Vogels gegenüber dem Erscheinen von Menschen in der Nähe seines Brutplatzes ist. Tatsächlich sind vielfach schon geringste Störungen durch unachtsame Menschen für das Uhupaar Anlass genug, das Nest mitsamt dem Gelege bzw. den Nestlingen im Stich zu lassen.

So kommt es, das sich die Uhus in den letzten Jahrzehnten allmählich immer weiter zurückgezogen haben. Doch selbst fern der menschlichen Siedlungen und Naherholungsgebiete, in stillen, abgeschiedenen Naturlandschaften, sind sie heute vor dem Menschen nicht mehr sicher. Immer mehr Menschen zieht es nämlich gerade in die «unberührte» Natur, sei es als Wanderer, Bergsteiger, Tiefschneeskifahrer, Gleitschirmsegler, Waldläufer, Bergsteiger, Mountainbikefahrer oder Naturfotografen. Fatalerweise wirken sich aber kurze, unbeabsichtigte und im Grunde genommen harmlose Störungen durch vorbeiziehende Naturliebhaber genauso zerstörerisch auf die Nachzucht der Uhus aus wie bewusste Nestplünderungen oder der Abschuss von Altvögeln.

Immerhin können heute, nachdem die hohe Empfindlichkeit brütender Uhus bekannt ist, verhältnismässig einfach die nötigen Schutzvorkehrungen getroffen werden: Da die Uhupaare sesshaft sind und den Nistplätzen in ihrem Territorium während vieler Jahre treu bleiben, gilt es lediglich, diese Stellen während der Brutzeit gegenüber Störungen durch unbedachte Menschen abzusperren. In der Tat konnte beispielsweise in Finnland, dessen teilautonome Inselprovinz Åland die vorliegenden Briefmarken verausgabt, die rückläufige Entwicklung der Uhubestände durch den strikten Schutz der Uhunistplätze gestoppt, ja sogar ein leichtes Anwachsen der Population erreicht werden. Die finnische Population der grossen Eulen wird heute wieder auf 2000 bis 3000 Brutpaare geschätzt.

Auf Åland selbst gilt der Uhu nach offizieller Einschätzung als «anhaltender Schutzmassnahmen bedürftig». Wird ihm dieser Status weiterhin gewährt, hat der «König der Nacht» auf dem kleinen Archipel in der Ostsee beste Überlebenschancen.




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