Vikunja

Vicugna vicugna


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)



Das zierlichste Mitglied der nur vier Arten umfassenden Kamelfamilie (Camelidae) ist das in Südamerika beheimatetet Vikunja (Vicugna vicugna): Erwachsene Tiere weisen eine Schulterhöhe von bloss 85 bis 95 Zentimetern und ein Gewicht von 45 bis 55 Kilogramm auf. Berühmt ist das Vikunja für seine überaus feine Unterwolle, welche hinsichtlich ihrer Qualität sogar die des nahe verwandten (domestizierten) Alpakas übertreffen soll.

Das Vikunja ist ein ausgeprägtes Hochgebirgstier. Es bewohnt die hügeligen, mit kurzen Büschelgräsern, Polsterpflanzen und Zwergsträuchern bewachsenen Puna-Hochflächen der Anden in Höhen zwischen 3700 und 4600 Metern und ernährt sich dort hauptsächlich von Gräsern und Kräutern. Ursprünglich kam es vom nördlichen Peru südwärts durch das westliche Bolivien und das nördliche Chile bis ins nordwestliche Argentinien vor und war innerhalb des genannten Lebensraums überall sehr zahlreich. In den letzten vierhundert Jahren führte die Habgier des Menschen jedoch beinahe zu seiner Ausrottung, und heute gibt es nur noch wenige isolierte Restbestände des hübschen Paarhufers.

Vikunjas leben im allgemeinen in stabilen Kleingruppen, die sich aus jeweils einem erwachsenen Männchen, durchschnittlich drei erwachsenen Weibchen und deren noch abhängigen, das heisst weniger als ein Jahr alten Kindern zusammensetzen. Diese Gruppen sind sehr standorttreu: Das ganze Jahr über halten sie sich tags in ihren «Fressterritorien», nachts in ihren «Schlafterritorien» auf. Die Tagesterritorien, welche eine Fläche von durchschnittlich 18 Hektaren aufweisen und aus denen die Männchen unnachgiebig alle männlichen, die Weibchen alle weiblichen Eindringlinge vertreiben, garantieren den ansässigen Gruppen ein ganzjährig ausreichendes Nahrungsangebot. Die Nachtterritorien sind wesentlich kleiner als die Tagesterritorien, befinden sich vielleicht ein bis zwei Kilometer von letzteren entfernt und liegen im allgemeinen auf einem schmalen Hügelrücken. Dort haben die Gruppen eine gute Rundumsicht und sind vor Überraschungsangriffen durch Fressfeinde - hauptsächlich Pumas - gut geschützt.

Die «überschüssigen» Vikunjamännchen, welche weder Grundstück noch Weibchen besitzen, schliessen sich in der Regel mit ihresgleichen zu «Junggesellengruppen» zusammen. Meistens handelt es sich um junge, unerfahrene sowie kranke, gebrechliche und altersschwache Tiere. Sie werden tagsüber von den kräftigen «Grundbesitzern» ständig aus den ergiebigen Weideplätzen verscheucht und ziehen deshalb nomadisch umher, um ihren Nahrungsbedarf decken zu können.

Vor der Einwanderung der indianischen Urbevölkerung nach Südamerika (vor rund 15 000 Jahren) war das Vikunja ein sehr häufiges Säugetier der Puna-Grasländer gewesen. Man schätzt, dass die Gesamtpopulation einst mehrere Millionen Tiere umfasste. Dann aber gingen die Bestände des kleinen Neuweltkamels innerhalb kurzer Zeit beträchtlich zurück, stützten sich doch die frühen indianischen Andenvölker zum Überleben weitgehend auf dieses Tier ab, das ihnen neben Fleisch, Leder und Wolle auch Brennstoff in Form von Dung lieferte. Das langfristige Überleben der Tiere war allerdings nie ernstlich gefährdet. Denn gerade weil die Bejagung des Vikunjas bei den Inkas und den anderen Indianervölkern der Hochanden einen wichtigen wirtschaftlichen Stellenwert einnahm, sorgten eingespielte «Tabus» für eine schonende, nachhaltige Nutzung von dessen Beständen.

Mit dem Vordringen der Spanier nach Südamerika im 16. Jahrhundert änderte sich diese Situation schlagartig. Die Unterjochung der südamerikanischen Indianerstämme führte rasch zum Verlust ihrer vielfältigen naturgerechten Bewirtschaftungsformen. So begann nicht zuletzt die unkontrollierte Bejagung des Vikunjas, und zudem verdrängten nun die von den Europäern eingeführten Rinder und Schafe das Neuweltkamel mehr und mehr aus seinen angestammten Weidegebieten.

Das Vikunja litt dermassen unter der Verfolgung durch den Menschen und dem Konkurrenzdruck durch die europäischen Nutztiere, dass man um die Mitte unseres Jahrhunderts sein baldiges Aussterben befürchten musste. Glücklicherwesie gelang es damals gerade noch rechtzeitig, umfangreiche Schutzprogramme zu starten - und zwar mit beachtlichem Erfolg: Neueren Schätzungen zufolge gibt es heute gesamthaft wieder ungefähr 80 000 Vikunjas in freier Wildbahn. Die meisten von ihnen leben im Pampa-Galeras-Reservat in Peru, mehrere tausend auch im argentinischen San-Guillermo-Reservat. Die Zukunft des zierlichen Neuweltkamels sieht damit wieder recht vielversprechend aus.




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