Queen-Alexandra-Vogelfalter

Ornithoptera alexandrae


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Als die schönsten und volkstümlichsten Schmetterlinge gelten allgemein die Ritterfalter (Familie Papilionidae). Ungefähr 700 Arten in 24 Gattungen werden weltweit unterschieden. Bekanntere Vertreter der Familie sind in Mitteleuropa etwa der Schwalbenschwanz (Papilio machaon), der Segelfalter (Iphiclides podalirius) und der Apollofalter (Parnassius apollo). Wahre Schmuckstücke der Natur sind aber auch die südostasiatischen Vogelfalter der Gattungen Ornithoptera und Troides. Wegen ihrer Grösse und leuchtenden Färbung sind sie begehrte Sammelstücke und erzielen auf den Insektenbörsen hohe Preise.

Der grösste unter den Vogelfaltern und damit der grösste Tagfalter der Welt ist der Queen-Alexandra-Vogelfalter (Ornithoptera alexandrae). Grosse Weibchen können eine Flügelspannweite von über 25 Zentimetern erreichen.

 

Mit einem Schrotschuss erlegt

Der erste Queen-Alexandra-Vogelfalter wurde 1906 gefangen - oder vielmehr erlegt, denn ein gut gezielter Schrotschuss war nötig, um ihn aus luftiger Höhe zur Erde hinunter zu holen. Wie alle Vogelfalter hat der Queen-Alexandra-Vogelfalter nämlich die Angewohnheit, hoch über den Kronen der riesigen Urwaldbäume zu fliegen; in Bodennähe findet man ihn äusserst selten. Alfred Meek hiess der glückliche Schütze. Er war damals im Auftrag des englischen Naturforschers Lord Walter Rothschild in Südostasien auf Tierfang unterwegs.

Beim 1906 gefangenen Queen-Alexandra-Vogelfalter hatte es sich um ein Weibchen gehandelt. Ungefähr ein Jahr später gelang es Meek, auch ein Männchen der Art zu beschaffen. Wie bei den meisten Vogelfaltern unterscheiden sich die Geschlechter stark in ihrer Färbung: Die Flügel der Männchen schillern leuchtend blaugrün auf schwarzem Grund, während diejenigen der Weibchen gelbschwarz gefärbt sind. Der Laie könnte Männchen und Weibchen darum leicht für Angehörige zweier verschiedener Schmetterlingsarten halten.

Meek gelang es schliesslich auch noch, die riesigen Raupen und Puppen des Queen-Alexandra-Vogelfalters aufzuspüren. So kamen - mit den Schmetterlingen, die aus diesen Puppen schlüpften - auch erstmals völlig unversehrte Exemplare in die Schmetterlingssammlungen der westlichen Welt. Der Grossteil der zuvor gesammelten Tiere war nämlich durch die Schrotschüsse arg in Mitleidenschaft gezogen worden.

 

Sehr begrenztes Verbreitungsgebiet

Die Heimat des Queen-Alexandra-Vogelfalters ist Neuguinea. Diese mit einer Fläche von 805.800 Quadratkilometern zweitgrösste Insel der Welt (nach Grönland) liegt nördlich von Australien im Pazifischen Ozean und ist politisch in zwei Hälften unterteilt: Die westliche Hälfte gehört zu Indonesien (Provinz Irian Jaya). Die östliche Hälfte wurde früher von Australien verwaltet und ist seit 1973 Hoheitsgebiet des unabhängigen Staates Papua-Neuguinea.

Neuguinea ist ausserordentlich gebirgig: Die höchsten Gipfel reichen bis über 5000 Meter und sind mit ewigem Schnee bedeckt. Das Klima in den tieferen Lagen ist tropisch; sie sind dementsprechend mit üppig wucherndem Regenwald bedeckt.

Der Queen-Alexandra-Vogelfalter ist bei weitem nicht über die ganze Insel verbreitet: Er kommt lediglich in einem Gebiet von ungefähr 30 mal 40 Kilometern im südöstlichen, zu Papua-Neuguinea gehörenden Ausläufer Neuguineas vor. Es handelt sich dabei um eine ziemlich flache Küstenregion, welche im Süden vom Vulkan Lamington begrenzt wird und - nach der nahegelegenen Stadt Popondetta - als Popondetta-Ebene bezeichnet wird.

Innerhalb dieses verhältnismässig winzigen Verbreitungsareals lassen sich zwei getrennte Populationen des Queen-Alexandra-Vogelfalters unterscheiden: Die grössere bewohnt die eigentliche Popondetta-Ebene unterhalb 400 Metern, die kleinere findet sich am Fuss des Mount Lamington auf einer Höhe von 550 bis 800 Metern.

Die «Hauptpopulation» kommt sowohl in Stücken alten, ungefähr 40 Meter hohen Primärwalds vor als auch in Fetzen jüngeren, etwa 5 bis 20 Meter hohen Sekundärwaldes, der kein einheitliches Kronendach aufweist. Diese Waldstücke liegen mosaikartig über die Popondetta-Ebene verstreut und sind umgeben von einförmigem, recht heissem Kunai-Grasland. Die «Nebenpopulation» bewohnt verhältnismässig jungen Sekundärwald.

Der Grund dafür, warum die Popondetta-Ebene nicht gleichmässig mit altem, hochstämmigem Primärwald überdeckt ist, sind für einmal nicht menschliche Rodungen, sondern die oftmals heftigen Eruptionen des Mount Lamington. So wurde etwa bei einem Ausbruch im Jahr 1951 die ganze nördliche Flanke des Bergs weggesprengt, was zu ausgedehnten Waldschäden auf einer Fläche von etwa 240 Quadratkilometern führte. Zweifellos wurde damals auch die ursprüngliche Population des Queen-Alexandra-Vogelfalters arg geschädigt.

 

Eine einzige Kletterpflanze dient als Nahrung

Die Raupen mancher Schmetterlingsarten sind keineswegs heikle Kostgänger. Sie akzeptieren eine grosse Vielfalt verschiedener Pflanzenarten als Nahrung. Andere hingegen fressen nur untereinander eng verwandte Pflanzenarten. Und nochmals andere sind gar auf eine ganz bestimmte Pflanzenart angewiesen und verhungern eher, als dass sie anderes Futter annehmen würden. Zur letztgenannten Gruppe gehört auch die Raupe des Queen-Alexandra-Vogelfalters: Sie ernährt sich ausschliesslich von den Blättern von Aristolochia dielsiana, einer zu den Osterluzeigewächsen gehörenden Kletterpflanze. Diese wird über 40 Meter lang, vermag also mühelos das Kronendach des Regenwalds zu erreichen und durchwuchert dort mit ihren feinen Ausläufern das Geäst ihrer Wirtsbäume. Die grossen, recht zähen, ovalen Blätter entfalten sich ausschliesslich im sonnenbeschienenen oberen Bereich des Kronendachs und sind vom Boden aus nur schwer zu erkennen. Die Blüten und Früchte hingegen sind stammwüchsig, das heisst sie treten direkt aus dem dicken, korkigen Hauptstamm der Kletterpflanze aus. Die Blüten besitzen einen gelblichen Kelch, der in drei fuchsrote, behaarte Zipfel ausläuft. Die Früchte sind gurkenartige, sechsseitige, grüne Gebilde mit kurzem Stiel.

 

Ein grosses Heer von Feinden

Wie alle Schmetterlinge sind die Queen-Alexandra-Vogelfalter verhältnismässig kurzlebige Tiere: Die gesamte Entwicklungszeit vom Ei über die Raupe und Puppe bis zum Falter dauert etwa vier Monate, die Lebensspanne der erwachsenen Falter etwa drei Monate.

Über die Lebensweise der Raupen und Falter ist nur wenig bekannt: Während sich die Raupen ausschliesslich von den Blättern von Aristolochia dielsiana ernähren, segeln die Falter zumeist über dem Walddach umher und saugen dort Blütensaft von verschiedenen Baum- und Kletterpflanzenarten. Gelegentlich kommen sie auch im Stadtgebiet von Popondetta in die Gärten und besuchen da die Blüten von allerlei Ziersträuchern wie etwa Hibiscus, Ixora und Poinciana.

Eier, Raupen und Puppen des Queen-Alexandra-Vogelfalters besitzen mancherlei natürliche Feinde, so vor allem Ameisen, Wespen, kleine Beuteltiere und Vögel. Der grosse Kookaburra («Lachender Hans», Dacelo gigas) und der Blauflügel-Kookaburra (Dacelo leachi) beispielsweise sind eifrige Jäger der grossen Raupen.

Die erwachsenen Queen-Alexandra-Vogelfalter scheinen weniger von Vögeln bejagt zu werden als die Raupen. Mitunter fällt aber einer der «fliegenden Edelsteine» einer Nephila maculata-Spinne zum Opfer, deren Netze einen Durchmesser von zwei bis drei Metern aufweisen und so starke Fäden besitzen, dass sich gelegentlich selbst kleine Singvögel darin verfangen.

 

Gefahr durch Ölpalmen-Plantagen

Natürliche Feinde haben den Queen-Alexandra-Vogelfalter nie ernsthaft in seinem Fortbestand gefährden können. Unter natürlichen Verhältnissen sind immer soviele Tiere mit dem Leben davon gekommen, wie für die Erhaltung der Art notwendig waren; Nachkommenschaft und Verluste haben sich jeweils zahlenmässig die Waage gehalten.

Brenzlig wurde es erst, als der Mensch in die natürlichen Lebensabläufe eingriff. Die Böden in der Umgebung von Popondetta eignen sich vorzüglich für den Anbau von Ölpalmen zur Speiseölgewinnung. Eine ganze Reihe grossflächiger Plantagen ist bereits angelegt worden. Und gemäss den derzeit bestehenden Ausbauplänen sollen in den nächsten Jahren weitere 5500 Hektaren staatlicher sowie 4000 Hektaren privater Ölpalmen-Pflanzungen hinzukommen. Bereits ist auf diese Weise wertvoller Lebensraum des Queen-Alexandra-Vogelfalters zerstört worden. Mindestens 2700 Hektaren Schmetterlingslebensraum werden in naher Zukunft den geplanten Plantagen zusätzlich zum Opfer fallen. Und ein Ende der Plantagen-Ausweitung ist vorläufig nicht in Sicht...

Neben der Zerstörung der ursprünglichen Pflanzendecke zwecks Pflanzung von Ölpalmen trägt auch die forstwirtschaftliche Nutzung der Wälder in der Umgebung von Popondetta zum Rückgang des Queen-Alexandra-Vogelfalters bei. Katastrophal wirkt sich für den grossen Schmetterling vor allem aus, dass ein 60.000 Hektaren grosses Areal westlich Popondettas zur Forstwirtschaftsfläche erklärt worden ist und nunmehr von einer grossen Holzfällerfirma systematisch gerodet wird.

Im Vergleich zum Lebensraumverlust stellt der Fang der prächtigen Vogelfalter für den internationalen Sammlermarkt keine grosse Gefahr dar. Seit 1966 ist nämlich jeglicher Fang und Export der seltenen Schmetterlinge gesetzlich verboten. Zwar werden in den amerikanischen, englischen, deutschen und japanischen Fachzeitschriften hie und da Queen-Alexandra-Vogelfalter zum Verkauf angeboten, welche wohl kaum alle vor 1966 aus Papua-Neuguinea ausgeführt worden sind. Nach Meinung von Experten hält sich der illegale Fang und Export der Schmetterlinge aber in Grenzen.

 

Nutzung der Falter als langfristige Einnahmequelle

Auf nationaler Ebene ist der Queen-Alexandra-Vogelfalter durch die Artenschutzverordnung von 1966 geschützt. Ausserdem ist der grosse Schmetterling 1979 in den Kreis der absolut schützenswerten Nationaltiere Papua Neuguineas aufgenommen worden. Zu diesen zählen noch ein paar Paradiesvögel, ein paar weitere Vogelfalter sowie der Dugong, eine Seekuhart.

Auf internationaler Ebene ist der Queen-Alexandra-Vogelfalter durch das Internationale Abkommen über den Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten (CITES) geschützt. Es führt den Schmetterling in Anhang I auf, billigt ihm also höchste Schutzwürdigkeit zu. Ausserdem ist er im 1985 erschienenen Rotbuch der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) als vom Aussterben bedrohte Tierart aufgeführt.

Leider nützen alle diese Rechtsgrundlagen zum Schutz der Art wenig, solange der Lebensraum des Queen-Alexandra-Vogelfalters Stück für Stück zerstört wird. Zentrales Anliegen der gegenwärtigen Bemühungen zum Schutz dieser einmaligen Insektenart ist darum die hinreichende Sicherung des Lebensraums.

Vorderhand besteht im Bereich von Popondetta lediglich ein etwa 10.000 Hektaren grosses Wildschutzgebiet, in welchem der Queen-Alexandra-Vogelfalter nur an wenigen Stellen vorkommt. Mit fachlicher und finanzieller Unterstützung des Welt Natur Fonds (WWF) will die Regierung von Papua-Neuguinea nun weitere Schutzgebiete schaffen. So sollen insbesondere diejenigen Landstücke, welche sich für die Ölpalmen-Anpflanzung als ungeeignet erwiesen haben, unter Schutz gestellt und durch die Pflanzung von Aristolochia dielsiana-Stecklingen zu eigentlichen Queen-Alexandra-Vogelfalter-Reservaten aufgewertet werden. Weitere Gebiete, in denen der Schmetterling vorkommt, sollen demnächst vor dem Zugriff der Speiseöl-Industrie geschützt und als Wildschutzgebiete ausgewiesen werden.

Es wird gegenwärtig auch untersucht, ob sich für den Queen-Alexandra-Vogelfalter ein wissenschaftlich fundiertes Zuchtprogramm entwickeln lässt, durch welches die Art als Einnahmequelle genutzt und gleichzeitig geschützt werden kann. Mit den beiden häufigeren Vogelfaltern Ornithoptera priamus und Troides oblongomaculatus sind Versuche in dieser Richtung bereits unternommen worden und sehr erfolgreich verlaufen. Beide Arten lassen sich gut züchten und erweisen sich als ausgesprochen einträgliches Exportgut. Sollte sich herausstellen, dass sich auch der Queen-Alexandra-Vogelfalter als Einnahmequelle nutzen lässt, so wäre wohl ein entscheidender Schritt zu seiner Erhaltung getan.

In Fachkreisen ist man im übrigen der Ansicht, dass sich der weltgrösste Tagschmetterling auch bestens als Touristenattraktion nutzen liesse. Ausflüge für in- und ausländische Touristen zu den Vogelfalter-Reservaten und -Zuchtstationen könnten problemlos organisiert werden. Sie würden weitere Einnahmen versprechen und damit zusätzliche Anreize für die Erhaltung dieser hübschen Schmetterlingsart schaffen.




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