Vorsorgestrategien im Tierreich


© 1989 Markus Kappeler
(veröffentlicht in Form einer Vitrinenausstellung des Schweizerischen Bankvereins)



Der Braunbär

Im Sommerhalbjahr lebt der Braunbär als Schlemmer. Alles, was ihm über den Weg läuft, führt er sich «zu Gemüte»: von Kräutern, Beeren und Wurzeln über Heuschrecken, Vogeleier und Bienenhonig bis hin zu Fröschen, Mäusen und Fischen. Pro Tag frisst er bis zu zwölf Kilo. Dieser «Bärenhunger» hat natürlich seinen Sinn: Meister Petz muss Speck ansetzen, um die kalte und futterarme Winterzeit heil zu über stehen. Ein gutes Polster ist alleweil die beste Vorsorge!

Doch damit gibt sich der Braunbär noch nicht zufrieden. Denn er will den Winter möglichst komfortabel verbringen. Zu diesem Zweck sucht er sich im Spätherbst eine geräumige Höhle und polstert diese mit viel Rinde, trockenen Blättern und Moos aus. Wenn dann der erste Schnee fällt, kehrt der behäbige Lebenskünstler der kalten Welt kurzerhand den Rücken, fällt auf seiner bequemen Ruhestätte in Schlaf und zehrt bis zum Frühjahr von seinen Fettreserven.

Von der doppelten Vorsorge durch nährende Speckschicht und schützendes Winterquartier profitieren im übrigen auch die Bärenkinder. Sie kommen nämlich mitten im Winter zur Welt. Im behaglichen Höhlenheim und liebevoll betreut von der Mutter verbringen die Bärlein sorgenfrei ihre ersten Lebenswochen. Erst wenn die Frühlingssonne die Wiesen erwärmt und den Bärentisch reichlich deckt, kommen sie heraus. Die gute Vorsorge der Mutter hat ihnen einen problemlosen Start ins Leben ermöglicht.

 

Der Dachs

Als Burgenbauer ist der Dachs ungeschlagen. Er hat es im Gefühl, wie man gräbt; das Talent ist ihm angeboren. Unermüdlich, oft über Jahre hinweg, erweitert er seinen Bau zu einem gewaltigen Labyrinth mit manchmal 40 Eingängen, 30 Metern Durchmesser und 5 Metern Tiefe. Immer hat er in und vor seiner Wohnung zu scharren, zu kratzen und zu wühlen. Kein Wunder: Baumeister Dachs weiss um den Wert eines sicheren Zufluchtsorts in Notzeiten.

Mit seinen relativ kleinen Äuglein ist der Dachs ziemlich kurzsichtig. Umso schärfer ist seine Nase: Grimbarts Welt besteht aus tausend Gerüchen. Sie helfen ihm bei der Futtersuche, beim Erkennen von Familienangehörigen, beim Finden des Heimwegs und beim Wittern von Gefahr. Riecht er etwas Verdächtiges, fühlt er sich bedroht, so zaudert er nicht lange: Er verschwindet schnurstracks in seinem Bau. Sein Eigenheim ist seine Lebensversicherung.

Auch im Winter spielt der Bau eine zentrale Rolle im Leben des Dachses. Hier ist es behaglich, wenn es draussen stürmt und schneit. Vorsorglich hat sich der schwarzweisse Geselle im Sommerhalbjahr einen Fettwanst angefressen, um ja keinen Hunger leiden zu müssen. Ausserdem hat er ganze Ladungen von Gräsern und Farnkräutern als Polstermaterial in die Röhren geschleppt, um es sich gemütlich zu machen. So lässt sich getrost der nächste Frühling abwarten.

 

Der Igel

Bei Gefahr kugelt sich der Igel zu einem «Stachelball» zusammen. Wird er berührt, so faucht er furchterregend. Die Igelstellung ist erfolgreich: Meistens resignieren seine Feinde rasch und verziehen sich missmutig. Dann entrollt sich der stachelige Kerl ganz langsam, und wenn die Luft rein ist, zieht er wieder unbehelligt seines Weges. Die Schutzeinrichtung, die ihm Mutter Natur vorsorglich in die Wiege legte, hat sich einmal mehr bewährt.

Hört man nach Einbruch der Dunkelheit im Garten lautes Schmatzen, Fauchen, Schnüffeln und Keuchen, dann ist das wahrscheinlich ein Igel oder sogar eine ganze Igelfamilie beim Abendessen. Beim Verzehren von Insekten, Schnecken, Würmern und anderen schmackhaften Happen sind die Igel richtige kleine Dampfmaschinen. Wahrscheinlich können sich die zierlichen Stacheltiere soviel Auffälligkeit leisten, denn sie sind ja quasi gegen Feinde versichert.

Rückt der Winter näher, so baut sich der Igel ein behagliches Nest, um darin die futterlose Schnee- und Eiszeit im Tiefschlaf zu verbringen. Mit grosser Sorgfalt sucht er sich einen günstigen Unterschlupf und er scheut keine Mühe, diesen mit Moos, Laub und trockenem Gras allseitig gut zu isolieren. Der spitznasige Stachelträger weiss warum: Nur wer mit sicherem Instinkt richtig vorsorgt, kann getrost auf eine neue Runde aktiven Lebens hoffen.

 

Die Fledermaus

Wenn in lauen Nächten unzählige Insekten schwirren, fliegen die Fledermäuse zur Jagd aus. Der wendige Flatterflug verbraucht jedoch viel Energie, und überdies säugt das Fledermausweibchen im Sommer sein Junges. Bei der nächtlichen Insektenjagd muss der Jagderfolg darum gewährleistet sein. Dafür sorgt die zuverlässige Echoortung mit Ultraschallrufen. Ausserdem gehen die Fledermäuse auf Nummer sicher: Sie suchen immer wieder dieselben bewährten Jagdgebiete auf.

Fledermäuse sind Nacht für Nacht während vieler Stunden auf ihren dünnen Flughäuten unterwegs. Erst im Morgengrauen verkriechen sie sich in ihren Verstecken, um dort den Tag zu verschlafen. Wer dermassen aktiv lebt, braucht eine gute Basis. Die Insektenmenge, welche eine Fledermaus pro Nacht frisst, entspricht darum rund einem Drittel ihres Körpergewichts. Das ergibt pro Sommersaison etwa zwei Kilogramm und weit über eine Million Insekten!

Wenn der Winter hereinbricht, versiegt die Nahrungsquelle der Fledermäuse. Nur eine solide Vorsorge kann jetzt das Überleben dieser faszinierenden Flugakrobaten garantieren. Eine erfolgreiche Fledermaus muss darum im Laufe des Sommers ihr Körpergewicht nahezu verdoppeln. So kann sie dann die insektenlose Jahreszeit in Winterstarre - quasi auf ;Sparflamme; - verschlafen und von ihren Reserven zehren, bis wieder bessere Zeiten kommen.

 

Das Murmeltier

Im Frühling bieten die Murmeltiere oft das Bild einer gutbürgerlichen Familie: Einige Tiere pflücken auf der Wiese Kräuter, Blüten und zarte Gräser. Ein altes Männchen liegt faul auf einer Felsplatte in der Sonne. Und die Jungtiere balgen sich herum. Aber die Idylle trügt. Immer droht tödliche Gefahr durch Fuchs und Adler. Vorsorglich steht darum jederzeit ein Familienmitglied Wache. Ein Pfiff von ihm, und alle «Munggen» verschwinden blitzartig in ihren Gängen.

Im Spätsommer ist die Murmeltierfamilie emsig mit den Wintervorbereitungen beschäftigt. Punkt 1: Anlegen von Fettreserven. Je molliger, desto besser, heisst die Devise. Punkt 2: Heu ernten und in den Bau eintragen. Nicht etwa als Notvorrat, wie man früher glaubte, sondern zur Polsterung des Schlafkessels. Punkt 3 (sobald der erste Schnee fällt): Sorgfältiges Verschliessen aller Eingangslöcher von innen her mit einem dicken Zapfen aus Erde, Heu und Steinen.

Solide Vorsorge ist alles. Sorgenfrei vermögen die Murmeltiere nun den bissigen Bergwinter zu überdauern. Die ganze Familie liegt zusammengekuschelt im selben Schlafgemach, jedes Tier eingerollt, die Nase zwischen den Hinterbeinen. Ihr Organismus arbeitet jetzt auf Sparflamme: Pro Minute lediglich drei bis vier Herzschläge und knapp ein Atemzug, Körpertemperatur nur vier bis fünf Grad über dem Gefrierpunkt. Der Wecker ist auf Frühjahr gestellt...

 

Das Eichhörnchen

Der Winter ist für das Eichhörnchen eine harte Nuss. Ein kräftesparender Winterschlaf ist bei ihm nicht «vorprogrammiert». Selbst wenn es bitterkalt ist und der Wind durch die kahlen Bäume pfeift, meldet sich darum der Hunger und treibt das hübsche Nagetier aus seinem warm gepolsterten Kugelnest. Ein dichtes Winterfell, im Herbst angelegt, schützt es zwar vor den tiefen Temperaturen. Aber Zapfen, Nüsse und andere Früchte hängen kaum mehr an den Bäumen und Büschen.

Jetzt zahlt sich aus, dass das Eichhörnchen im Herbst, der nahrungsreichsten Jahreszeit, vorgesorgt hat: Zur Zeit des Überflusses hat es viele geerntete Nüsse, Eicheln und Eckern, die es nicht mehr verzehren konnte, wohlweislich vergraben oder in Baumhöhlen und leeren Vogelnestern versteckt. Dank diesen Nussdepots kommt der quirlige Kletterkobold mit dem buschigen Schwanz unbeschadet durch Eis und Schnee.

Seine Verstecke vermag sich das Eichhörnchen nicht zu merken, wie oft behauptet wird. So gut ist sein Gedächtnis nicht. Es sucht einfach planmässig an möglichen Orten - und wird oft fündig. Viele Verstecke bleiben allerdings auch unentdeckt. Da aber aus mancher Nuss, die im Boden verbleibt, ein neuer Futterbaum wächst, trägt auch der «vergessene» Vorrat schliesslich Früchte - Vorsorge für kommende Eichhörnchen-Generationen!

 

Der Siebenschläfer

Der buschige Schwanz dient dem Siebenschläfer nicht nur als Balancierstange auf seinen Klettertouren durchs Geäst. Er kann ihm auch das Leben retten: Wird der graupelzige Nager von einem Raubtier angegriffen und am Schwanz gepackt, so fällt sofort der hintere Teil desselben an einer speziellen Bruchstelle ab. Der verdutzte Feind geht leer aus; der kleine Klettermaxe rettet auf Kosten der Schwanzspitze sein Leben. Grosser Gewinn bei minimalem Einsatz - ein altbewährtes Rezept!

Seine dunklen Knopfaugen und der lange Schnurrbart verraten es: Der Siebenschläfer ist ein Nachttier. Den Tag verschläft er in Baumhöhlen, Astlöchern und dergleichen. Geradezu magisch fühlt er sich auch von alten Dachböden angezogen. Besonders wenn die Siebenschläfer Hochzeit halten, geht es dann dort oben hoch her mit viel Fauchen, Pfeifen, Getrampel und Gerassel. Als Urheber des Rumorens vermutet man zumeist alle möglichen Poltergeister, nur keine «Schläfer».

Und doch trägt der Siebenschläfer seinen Namen zu recht. Rund drei Viertel seines Lebens verschläft er nämlich. Nicht nur tagsüber macht er freiwillig kein Auge auf; er hält auch ganze sieben Monate lang Winterschlaf. Um die winterliche Fastenzeit unbeschadet zu überstehen, sorgt der kleine Kobold tüchtig vor: Er futtert sich im Herbst ein dickes Fettpolster an. Davon zehrt er dann den ganzen langen Winter über, bis es im Frühjahr wiederum heisst: Aufgewacht, du Siebenschläfer!

 

Der Feldhamster

Im Mittelpunkt jedes Feldhamster-Lebens steht der selbstgegrabene Bau, bestehend aus gepolsterter Wohnstube, randvoll gefüllten Speisekammern und separater Toilette sowie mindestens zwei Eingängen. Einer davon, die «Fallröhre», führt von oben zuerst ein gutes Stück senkrecht ins Erdreich hinunter. Sie ist des Feldhamsters Lebensversicherung: Bei Gefahr lässt sich der pausbäckige Nager schleunigst da hineinplumpsen. Eule, Fuchs und Marder haben das Nachsehen.

Der Hamster lebt nicht vom Korn allein, wie man vielfach meint. Er ist ein Gourmet, der neben Sämereien aller Art auch Wildkräuter sowie Regenwürmer, Schnecken und andere Delikatessen zu schätzen weiss. «Hamstern» tut der ungesellige Höhlenbewohner aber nur Getreidekörner, Rübenstückchen und andere lagerfähige Dinge. Diese stopft er auf seinen nächtlichen Ausflügen in die bis zu den Schultern dehnbaren Backentaschen und lagert sie dann in seinen Vorratskammern ein.

Im Spätherbst, wenn die Nächte frostig werden, verriegelt der Feldhamster die Eingänge zu seiner Burg mit Erde und zieht sich in die gute Stube zurück, wo er alsbald in tiefen Schlaf sinkt. Allerdings schläft er nicht bis zum Frühjahr durch; dazu würde sein Sommerspeck nicht ausreichen. Alle paar Tage erwacht er aus seinem Schlaf, isst sich an seinen Vorräten satt und legt sich dann wieder aufs Ohr. Wer vorsorgt im Überfluss, der hat in der Not.

 

Der Tannenhäher

Für viele Vögel bringt der Winter in unseren Breiten unüberwindbare Nahrungsengpässe. Schwalben beispielsweise, welche fliegende Insekten jagen, würden selbst in milden Wintern verhungern. Für sie gibt es nur einen Ausweg: die mühsame und risikoreiche Reise in den Süden. Da hat es der Tannenhäher besser: Im Herbst legt er mit sicherem Instinkt Vorratskammern an, die ihm problemlos selbst über harte Winter helfen. Dank solider Vorsorge ein ruhiges und sicheres Leben!

Der Tannenhäher ist nicht der einzige Rabenvogel mit einer gewissen Sammlerleidenschaft. Auch die «diebische» Elster trägt gerne Ringe und andere glänzende Gegenstände in ihr Nest. Der Tannenhäher ist allerdings mehr fürs Praktische: Seine Schätze sind Nüsse und Samen, die er emsig in seinen dehnbaren Kehlsack füllt und an günstigen Orten deponiert. Auch nach Monaten und selbst unter einer dicken Schneedecke findet er seinen Notproviant bei Bedarf wieder.

Mitunter vergisst der Tannenhäher jedoch einige seiner Verstecke. Die im Boden vergrabenen Samen schlagen dann Wurzeln und wachsen mit den Jahren zu Bäumen heran. In den Alpen, wo der kluge Vogel stark an das Vorkommen der Arve gebunden ist, trägt er wesentlich zur Verbreitung dieses zähen Nadelbaumes bei. Er macht sich so nicht nur als Waldbauer verdient; als «fliegender Förster» betreibt er auch erstklassige Vorsorge für seine Kinder und Kindeskinder.

 

Die Honigbiene

500 bis 700 Blüten besucht eine einzige Honigbiene an einem schönen Tag. Auf jeder Blüte steckt sie den Kopf tief in den Kelch, um den süssen Blütensaft aufzusaugen. Dabei bleibt Blütenstaub in ihrem Pelzchen hängen, den sie geschickt zu den Hinterbeinen kämmt und dort sammelt. Schwerbeladen - mit vollem Nektarmagen und klumpigen Pollenhöschen - fliegt sie immer wieder in ihren Stock zurück, um die Ernte abzuliefern. Der Fleiss der Bienen ist sprichwörtlich!

Der Nektar, den die Sammlerinnen so bienenfleissig in den Stock eintragen, wird dort von ebenso emsigen Kolleginnen zu Honig eingedickt und in Wachszellen abgefüllt. Der Pollen wird unverarbeitet in Zellen eingestampft. Dank dieser nahrhaften Vorräte ist selbst während längerer Schlechtwetterperioden für eine gleichmässige Ernährung sowohl der vielen tausend heranwachsenden Bienenkinder als auch all der erwachsenen Tiere ausreichend gesorgt.

Im Gegensatz zu Wespen- und Hummelvölkern stirbt das Honigbienenvolk im Herbst nicht ab. Im wintersicheren Stock bilden die arbeitsamen Insekten eine dichte Traube und sorgen durch wärmeerzeugende Muskelvibration dafür, dass die Temperatur immer zwischen 20 und 30° C beträgt. Die dafür notwendige Energie liefern ihnen die im Sommer eingelagerten Honigvorräte. So überlebt das Bienenvolk dank Bienenfleiss, Vorratswirtschaft und guter Zusammenarbeit von Jahr zu Jahr.




ZurHauptseite