Wachtelkönig

Crex crex


© 2001 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Wer in Mitteleuropa an einem milden Mai- oder Juniabend einen Spaziergang durch extensiv bewirtschaftetes Wiesland unternimmt, kann unter Umständen einen schnarrenden, zweisilbigen Ruf hören, der so ähnlich tönt, als würde jemand - sehr laut - mit dem Fingernagel über einen Kamm fahren. Bei dem eigenartigen, wenig melodiösen «Rerrrp-rerrrp» handelt es sich um den Balzruf des Wachtelkönigs (Crex crex), eines Mitglieds der Familie der Rallen (Rallidae). Zu Gesicht bekommt man den zwar weit verbreiteten, jedoch selten gewordenen Vogel allerdings kaum. Denn er ist nicht nur mehrheitlich in der Dämmerung rege, sondern er ist auch fast ausschliesslich zu Fuss unterwegs und er bewegt sich stets in hochwüchsigen, deckungsreichen Wiesen umher. Seine «Unsichtbarkeit» teilt der Wachtelkönig mit vielen seiner Vettern. «Man übersieht die Rallen zwar fast immer, überhört sie aber nie», stellte der bekannte deutsche Ornithologe Oskar Heinroth einst treffend fest.

 

Im Winter in Südostafrika

Der Wachtelkönig ist ein mittelgrosses Mitglied der rund 140 Arten umfassenden Rallenfamilie. Erwachsene Vögel weisen eine Gesamtlänge von 27 bis 30 Zentimetern, eine Flügelspannweite von 46 bis 53 Zentimetern und ein Gewicht von durchschnittlich 170 Gramm (Männchen) bzw. 145 Gramm (Weibchen) auf.

Das Brutareal des Wachtelkönigs erstreckt sich über weite Bereiche Eurasiens - vom 40. Breitengrad im Süden bis zum 65. Breitengrad im Norden und von Irland im Westen bis zum Baikalsee im Osten. Den Winter verbringt der Wachtelkönig in Afrika südlich der Sahara. Er ist also ein ausgesprochener Zugvogel. Dies ist insofern erstaunlich, als er wie alle Rallen recht kurze, abgerundete Flügel hat und darum ein verhältnismässig schlechtes Flugvermögen besitzt. Tatsächlich sucht er sich im Alltag der Sicht stets durch rasches Verschwinden im Pflanzendickicht zu entziehen und entschliesst sich nur im äussersten Notfall zum Auffliegen. Dann sieht man gut, wie wenig kraftvoll sein Flug ist. Umso bemerkenswerter ist die Leistung, die der Wachtelkönig bei seiner alljährlichen Fernreise vom Brutgebiet ins Winterquartier und zurück vollbringt.

Die herbstliche Zugroute führt die Wachtelkönige von den eurasischen Brutgebieten südwärts über das Mittelmeer bzw. durch den Nahen Osten nach Ägypten und von da durch den Sudan in ihr zwischen dem südlichen Tansania und dem nördlichen Südafrika liegendes Winterquartier. Einige kleinere Bestände scheinen in Westafrika zu überwintern. Auf welcher Route sie dorthin gelangen, wissen wir allerdings nicht.

 

Eine «Wiesenralle»

Bei der Nahrungssuche schreitet der Wachtelkönig behutsam durch das Pflanzengewirr seines Lebensraums und pickt immer wieder nach irgendwelchen Nahrungsdingen. Insgesamt stellt er sich eine sehr abwechslungsreiche Kost zusammen: Zwar verspeist er zur Hauptsache Käfer, Heuschrecken, Spinnen, Schnecken, Erdwürmer und andere wirbellose Kleintiere. Gelegentlich fallen ihm aber auch kleinere Wirbeltiere wie junge Frösche oder junge Mäuse zum Opfer. Ausserdem nimmt er gerne Sämereien und Schösslinge sowie andere nahrhafte Pflanzenteile zu sich. Getreidekörner scheinen auf dem Herbstzug sogar einen Grossteil seiner Nahrung auszumachen.

Im eurasischen Brutareal bewohnt der Wachtelkönig vor allem hochwüchsige, nicht zu trockene Wiesen in mehr oder weniger ebenem, offenem Gelände unterhalb der 1400-Meter-Höhenlinie. Sumpfländer und Stillgewässerränder - also Lebensräume, in denen sich andere Rallen wie das Teichhuhn (Gallinula chloropus) oder das Tüpfelsumpfhuhn (Porzana porzana) besonders wohl fühlen - meidet er.

Bevor sich der Mensch «die Welt untertan» gemacht hatte, fanden sich grossflächige, dichte Hochgrasfluren in Eurasien vor allem im Bereich offener Flussniederungen, welche im zeitigen Frühjahr, nach der Schneeschmelze, wassergetränkt oder gar überschwemmt waren, zur Brutzeit des Wachtelkönigs dann aber eine besonders üppige Gräser- und Staudenschicht hervorbrachten. Solch ebenes und zudem fruchtbares Land hat der Mensch aber schon früh und europaweit für seine Zwecke, das heisst für den Anbau von Kulturpflanzen aller Art sowie die Gewinnung von Gras und anderen Viehfutterpflanzen umgestaltet. So verwundert es nicht, dass sich die hauptsächlichen Lebensräume des Wachtelkönigs seit langer Zeit im Kulturland des Menschen befinden - vor allem in Hochgraswiesen, die der Heugewinnung dienen, teils aber auch in Kleeschlägen und Getreidefeldern.

 

Nest mit Haube

Die Wachtelkönige kehren jeweils recht spät aus ihren afrikanischen Winterquartieren in ihre eurasischen Brutgebiete zurück: Meistenorts treffen sie irgendwann im Mai, gebietsweise sogar erst in der ersten Junihälfte ein.

Die Männchen sind stets ein paar Tage vor den Weibchen am Ziel. Sie besetzen unverzüglich Territorien und lassen darin besonders in der Abenddämmerung eifrig ihre schnarrenden Rufe ertönen - einerseits, um ihren Gebietsanspruch gegenüber den anderen Männchen kundzutun, andererseits um die alsbald eintreffenden brutwilligen Weibchen auf sich aufmerksam zu machen.
Sobald sich ein Weibchen einem territorialen Männchen zugesellt hat, geht dessen Ruftätigkeit erheblich zurück. Die beiden Partner bleiben ständig Seite an Seite und paaren sich wiederholt. Schon nach wenigen Tagen baut das Weibchen an einer günstigen Stelle sein aus dürren Grashalmen bestehendes, im Durchmesser 12 bis 15 Zentimeter messendes Bodennest. Oft zieht es die umstehenden Grashalme haubenartig zusammen, damit das Nest von oben her gut getarnt ist. Danach legt es jeden Tag ein Ei, bis sein gewöhnlich sieben bis elf Eier umfassendes Gelege vollständig ist.

Sobald das Weibchen mit der Eiablage beginnt, bricht die Partnerschaft mit dem Männchen auseinander. Letzteres wandert ein Stück weit weg, errichtet dort ein neues Territorium und beginnt wiederum zu rufen. Häufig gelingt es dem Männchen, ein weiteres Weibchen für sich zu gewinnen - sei es ein spät aus dem Winterquartier eintreffendes, eines, das sein Gelege an Nesträuber verloren hat, oder eines, das bereits eine Kükenschar erfolgreich grossgezogen hat. So vermögen die meisten Männchen ihr Erbgut im Laufe einer Brutsaison mehr als einmal weiterzugeben. Dasselbe gilt interessanterweise auch für die Weibchen, wie wir gleich sehen werden.

 

Mit zwölf Tagen eigenständig

Mit dem Brüten beginnt das Weibchen jeweils erst nach der Ablage des letzten Eis, so dass - nach einer Brutzeit von 19 oder 20 Tagen - alle Küken gleichzeitig aus ihren Eiern schlüpfen. Als typische Nestflüchter verlassen sie ihren Geburtsort, sobald sie abgetrocknet sind, und verteilen sich in der näheren Umgebung im Pflanzenwuchs, wo sie mit ihrem mattschwarzen Dunenkleid kaum zu entdecken sind.

Während der ersten drei Lebenstage werden die Küken vom Weibchen mit Futter versorgt. Danach verpflegen sie sich selbst mit Essbarem, bleiben aber noch im Umfeld des Nests und ihrer Mutter. Haben sie ein Alter von zwölf Tagen erreicht, löst sich die Familie auf, und Weibchen wie Jungvögel gehen je eigene Wege. Letztere sind zu diesem Zeitpunkt allerdings noch reine «Fussgänger»; fliegen können sie erst im Alter von etwa fünf Wochen.

Vom Eintreffen eines Weibchens im Brutgebiet bis zum erfolgreichen Abschluss des Brutgeschäfts vergehen also im Allgemeinen nur etwa sieben Wochen. Hat das Weibchen seine «Pflicht» vor Mitte Juli erfüllt, und das ist vielfach der Fall, so gesellt es sich nochmals einem rufenden Männchen zu und beginnt mit einer Zweitbrut.

Gewöhnlich etwa zwölf Tage nach der Trennung von den Jungen hat sich das Weibchen bereits wieder mit einem Männchen verpaart, ein Nest gebaut und ein Gelege produziert. Interessanterweise ist die Brutdauer beim Zweitgelege mit 16 bis 18 Tagen etwas kürzer, dafür hält die Familie mit 15 bis 20 Tagen etwas länger zusammen.

Nach Mitte Juli fangen die Weibchen in der Regel keine neue Brut mehr an, und ebenfalls ungefähr Mitte Juli verstummen die Männchen. Instinktiv scheinen sie alle zu wissen, dass sich der Aufwand für eine neuerliche Brut nicht mehr lohnt, weil es den Jungvögeln nicht mehr gelingen würde, rechtzeitig jenen körperlichen Entwicklungsstand zu erreichen, den es für den Herbstzug braucht.

Die Wachtelkönige Europas begeben sich zwischen August und November, mehrheitlich aber im September, auf den Weg in die Winterquartiere. Die meisten von ihnen ziehen einzeln. Zeitweilig können sich zur Hauptzugzeit jedoch auch lockere Verbände von zwanzig bis vierzig Individuen bilden.

Im Sudan treffen die ersten Wachtelkönige jeweils im Oktober ein, südlich des Äquators, im eigentlichen Winterquartier, etwa Mitte November. Dort führen sie den ganzen Winter über ein einzelgängerisches und heimliches Lebens, weshalb sie kaum je zu sehen sind. Soweit wir wissen, halten sie sich bevorzugt in Savannen im Flach- und Hügelland auf und folgen da den verstreut niedergehenden Regen, welche das örtliche Nahrungsangebot jeweils schnell ansteigen lassen. Auf die Reise in ihre eurasischen Brutgebiete machen sie sich dann wieder ab Ende Februar.

 

Die Mechanisierung der Landwirtschaft

Da die Wachtelkönige in Eurasien seit langer Zeit grossenteils auf landwirtschaftlich genutzte Flächen als Lebens- und vor allem Brutraum angewiesen sind, hat die im 20. Jahrhundert erfolgte Mechanisierung und Intensivierung der bäuerlichen Wirtschaftsweise erheblichen nachteiligen Einfluss auf ihr Leben und besonders ihren Nachzuchterfolg gehabt.

Ursprünglich wurde das zur Heugewinnung bestimmte Gras der hochwüchsigen Wiesländer erstmals im Hochsommer und von Hand, mit der Sense, geschnitten. Den Wachtelkönigen war es damals zeitlich gut möglich, eine oder gar zwei Bruten unbeschadet durchzuführen. Ausserdem konnten sich die noch nicht flugfähigen Jungvögel vor dem langsam voranschreitenden Menschen gut in Sicherheit bringen. Seit jedoch infolge des zunehmenden Einsatzes industrieller Düngemittel der erste Grasschnitt immer früher im Jahr erfolgt und die Mähmaschinen immer grösser und schneller werden, nehmen die Chancen der erwachsenen Weibchen auf eine erfolgreiche Brut und die Chancen der noch nicht flüggen Jungvögel auf eine erfolgreiche Flucht immer stärker ab.

Für letztere erweist sich als besonders verheerend, dass die Mähmaschinen in aller Regel zunächst dem Rand einer Wiese entlang und dann spiralförmig zu deren Mitte geführt werden. Während erwachsene und flugfähige junge Wachtelkönige auf und davon fliegen, wenn ihnen eine Maschine zu nahe kommt, rennen flugunfähige Jungvögel - sofern sie überhaupt schnell genug sind - in die Deckung des noch ungeschnittenen Grases. Je weiter sich die Mähmaschine vorarbeitet, desto kleiner wird die ihnen zur Verfügung stehende Grasfläche. Am Schluss verbleibt ihnen keine Rückzugsmöglichkeit mehr: Sie fallen dann entweder der Maschine zum Opfer, oder sie versuchen sich notgedrungen über die gemähte Fläche zu retten, wo sie zu einer leichten Beute von Greifvögeln, Möwen oder Störchen werden. Wissenschaftliche Untersuchungen in Schottland und Irland haben gezeigt, dass die Sterblichkeit der jungen Wachtelkönige erheblich vermindert werden könnte, wenn beim Mähen von Wiesen - entgegen der üblichen Methode - von innen nach aussen oder von einer Seite zur anderen vorgegangen würde.

Die rückläufige Entwicklung der Wachtelkönigbestände begann - ebenso wie der Niedergang vieler anderer im Kulturland lebender, bodenbrütender Vogelarten - anfangs des 20. Jahrhunderts und hat sich im Laufe desselben zusehends beschleunigt. So sind allein im vergangenen Jahrzehnt die Restpopulationen in den meisten west- und mitteleuropäischen Ländern um zwanzig bis fünfzig Prozent geschrumpft. Die Intensivierung und Mechanisierung der Heugewinnung gilt als Hauptfaktor für diese unerfreuliche Entwicklung. Nebenfaktoren sind unter anderem die Umwandlung von Wiesland in Pflanzungen mit Mais, Sonnenblumen und weiteren in Silos einlagerbaren Viehfutterpflanzen sowie der Abschuss der Vögel entlang ihrer Zugroute.

Zwar wird der Gesamtbestand des Wachtelkönigs in seinem europäischen Verbreitungsgebiet gegenwärtig noch auf mehrere hunderttausend Brutpaare geschätzt. Es gilt jedoch zu beachten, dass hiervon der Grossteil in den ehemaligen Sowjetrepubliken Russland, Weissrussland und Ukraine leben. In West- und Mitteleuropa sieht die Situation hingegen bedenklich aus: In Österreich beispielsweise dürfte der Bestand unter 500 Paare, in Deutschland unter 250 Paare und in der Schweiz gar unter 20 Paare gesunken sein. Da sich die Entwicklung der Landbewirtschaftung im fernöstlichen Europa nicht grundsätzlich von derjenigen in West- und Mitteleuropa unterscheidet, sondern dieser lediglich «hinterherhinkt», fallen die Prognosen für die Bestandsentwicklung des Wachtelkönigs düster aus.

Eine «Ökologisierung» der Landwirtschaft tut gesamteuropäisch not - und dies nicht nur des Wachtelkönigs wegen. Wie die Erhaltung der Biodiversität im Agrarland einfach und wirksam gefördert werden kann, lässt sich etwa anhand des in der Schweiz 1996 geschaffenen Instruments der «ökologischen Ausgleichszahlungen» ersehen: Schweizer Landwirte können heute in Form von Direktzahlungen für anerkannte naturschonende Leistungen (bzw. die daraus entstehenden Ertragseinbussen) entschädigt werden. Darunter fällt nicht zuletzt die extensive Bewirtschaftung von Wiesland.

 

 

 

Legenden

 

Der Wachtelkönig (Crex crex) ist ein mittelgrosses Mitglied der Rallenfamilie. Erwachsene Individuen weisen eine Gesamtlänge von 27 bis 30 Zentimetern, eine Flügelspannweite von 46 bis 53 Zentimetern und ein Gewicht von durchschnittlich 170 Gramm (Männchen) bzw. 145 Gramm (Weibchen) auf. Einst wurde der Wachtelkönig auch «Wiesenralle» genannt - dies im Bemühen, seltsame volkstümliche Namen im Tierreich durch Bezeichnungen zu ersetzen, die mit der zoologischen Systematik besser übereinstimmen. Der Name hat sich aber nicht durchgesetzt.

Wie die meisten Rallen ist der Wachtelkoenig ein bodenlebender Vogel. Im Normalfall sucht er sich der Sicht durch rasches Verschwinden im Pflanzengewirr zu entziehen; nur im äussersten Notfall entschliesst er sich zum Auffliegen. Für das Flugbild sind die herabbaumelnden Beine charakteristisch.

Das Brutareal des Wachtelkönigs erstreckt sich über weite Bereiche Eurasiens, von Irland im Westen bis zum Baikalsee im Osten und vom 40. Breitengrad im Süden bis fast zum Polarkreis im Norden. Als Lebensraum bevorzugt der scheue Vogel hochwüchsige, nicht zu trockene Wiesen im Flach- und Hügelland unterhalb der 1400-Meter-Höhenlinie. Hier stellt er sich eine abwechslungsreiche Kost aus allerlei tierlichen und pflanzlichen Stoffen zusammen.

Die männlichen Wachtelkönige besetzen zur Brutzeit Territorien und äussern darin besonders in der Abenddämmerung ihren schnarrenden, zweisilbigen Balzruf, der wie «rerrrp-rerrrp» klingt. Der wissenschaftliche Name Crex crex weist lautmalerisch auf die wenig melodiöse Stimme des Vogels hin.

Am Brutgeschäft beteiligt sich der männliche Wachtelkönig nicht. Für den Bau des Nests, das Bebrüten der Eier und das Betreuen der Küken ist allein das Weibchen zuständig. Das Gelege umfasst gewöhnlich sieben bis elf Eier.

Vor allem wegen der Intensivierung und Mechanisierung der Heugewinnung sind die Bestände des Wachtelkönigs in den vergangenen Jahrzehnten europaweit bedenklich zurückgegangen. So wurde die in der Republik Moldau, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, heimische Wachtelkönigpopulation noch zu Beginn der 1990er-Jahre auf etwa 450 bis 1000 rufende Männchen geschätzt, während sie heute wohl nur noch deren 100 bis 250 umfasst.




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