Waldbison
Bison bison athabascae
© 1995 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der UN-Briefmarkensammlung
«Gefährdete Tierarten», Groth AG, Unterägeri)
Vom Bison (Bison bison), dem mächtigsten
Landsäugetier Nordamerikas, gibt es zwei Unterarten: erstens
den wohlbekannten Präriebison (Bison bison bison),
dessen Heimat die offenen Grasländer («Prärien»)
des zentralen Nordamerikas sind, und zweitens den weniger bekannten
Waldbison (Bison bison athabascae), der in den Wäldern
des nordwestlichen Kanadas zu Hause ist.
Der Waldbison, von dem hier die Rede sein soll, ist
etwas grösser als sein Vetter aus der Prärie: Ausgewachsene
Bullen bringen mitunter mehr als eine Tonne auf die Waage. Überdies
hat er im Vergleich zu jenem längere Hörner, einen
höheren Buckel und ein dunkleres Fell.
Die Waldbisons ernähren sich zur Hauptsache von
Blättern, Trieben und Rinden, die sie bei ihren gemächlichen
Streifzügen durchs Unterholz ihrer Waldheimat zu sich nehmen.
Daneben verzehren sie gern saftige Gräser und Krautpflanzen,
die sie auf Waldlichtungen und an Waldrändern finden.
Im Gegensatz zu den Präriebisons, welche vorzugsweise
grosse bis riesige Herden bilden, bewegen sich die Waldbisons
stets in kleineren Trupps umher. Es handelt sich um gemischtgeschlechtliche
Verbände, bei denen jeweils ein paar erwachsene Kühe
zusammen mit ihren abhängigen Kälbern sowie bereits
selbständigen Jungkühen und Jungbullen den Kern bilden,
während sich die erwachsenen Bullen verstreut am Rand aufhalten.
Während der Brunftzeit von Juli bis September
tragen die Männchen untereinander heftige Rangordnungskämpfe
aus. In dieser aufregenden Zeit lassen sie oft ihr dröhnendes
Brüllen hören. Auch schnauben und stampfen sie angriffslustig,
scharren, dass die Fetzen fliegen, und wälzen sich in dichten
Staubwolken auf dem Boden. Neben solchen Droh- und Imponiergesten
sind erbitterte Nahkämpfe an der Tagesordnung, die unter
Umständen mit schweren Verletzungen eines der Rivalen enden
können. Durch die Rangordnung wird letztlich das Vorrecht
zur Paarung mit den Weibchen geregelt: Nur dem ranghöchsten
Bullen eines Verbands ist es nämlich vergönnt, die
brünftigen Kühe zu begatten und somit sein Erbgut weiterzugeben.
Nach einer Tragzeit von 9,5 Monaten bringen die Weibchen
jeweils im Frühling, wenn das Nahrungsangebot besonders
reichlich ist, ihre Jungen zur Welt. Diese halten von der ersten
Stunde an enge «Tuchfühlung» zu ihren Müttern,
um vor Wölfen und anderen Raubtieren sicher zu sein.
Der Waldbison war einst in den Wäldern des nordwestlichen
Kanadas weitverbreitet. Man schätzt, dass die ursprüngliche
Gesamtpopulation mindestens 150 000 Tiere umfasste. Mit dem Vordringen
der Europäer in Nordamerika ab dem 17. Jahrhundert wurden
die Bestände der grossen Wildrinder jedoch immer stärker
vermindert, denn die weissen Einwanderer wussten deren schmackhaftes
Fleisch und strapazierfähiges Leder sehr zu schätzen.
1894 waren die arglosen Pflanzenesser bis auf einen
kläglichen Rest von etwa 300 Tieren ausgerottet. Dieser
Bestand lebte in einer abgeschiedenen Gegend zwischen dem Athabasca-See
im Süden und dem Grossen Sklavensee im Norden - und wurde
im letzten Moment gerettet, indem die Art unter strikten Jagdschutz
gestellt und das Gebiet zum Naturschutzgebiet («Wood-Buffalo-Nationalpark»)
erklärt wurde.
Der Bestand entwickelte sich anfänglich sehr
erfreulich. Da machten bürokratische Naturschutzbeamte einen
schweren Fehler: Sie liessen - zwecks Aufstockung des Waldbisonbestands
- in den zwanziger Jahren mehrere tausend «überschüssige»
Präriebisons aus dem weiter südlich gelegenen Wainwright-Bisonpark
einführen. Dies führte zwangsläufig zur Vermischung
der beiden Bisonrassen, und dabei lösten sich die Wesenszüge
der zahlenmässig weit unterlegenen Waldbisons völlig
auf. Ab 1940 galt der Waldbison als endgültig ausgestorben.
Gross war deshalb die Überraschung, als 1957
ein junger kanadischer Biologe in einem unzugänglichen Teil
des Wood-Buffalo-Nationalparks eine kleine Herde reinrassiger
Waldbisons entdeckte. Um diese allerletzten Vertreter ihrer Rasse
vor der drohenden Vermischung mit Präriebisons zu bewahren,
wurden alsbald zwei Dutzend von ihnen in das neugeschaffene Mackenzie-Bisonreservat
nördlich des Grossen Sklavensees und weitere zwei Dutzend
in den Elk-Island-Nationalpark südlich des Athabasca-Sees
verbracht. Dort haben sich zwischenzeitlich dank guter Betreuung
ansehnliche Bestände entwickelt, und bereits konnten weitere
Zuchtgruppen in anderen Schutzgebieten aufgebaut werden. So hat
der eindrucksvolle Waldbison zu guter Letzt doch überlebt.
Waldbison
Bison bison athabascae
Systematik
Klasse: Säugetiere
Ordnung: Paarhufer
Familie: Hornträger
Körpermasse
Kopfrumpflänge: bis 300 cm
Schulterhöhe: bis 190 cm
Gewicht: oo bis 1050 kg, oo bis 550 kg
Fortpflanzung
Jungenzahl: meist 1 je Geburt
Tragdauer: 9_ Monate
Höchstalter: 20 bis 25 Jahre
Bestandssituation
Bestand: ca. 2000 Tiere
Rote Liste: nicht aufgeführt
CITES: Anhang I
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