Waldhund

Speothos venaticus


© 2012 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)




Artwork © Owen Bell



Das bekannteste Mitglied der etwa 35 Arten umfassenden Familie der Hunde (Canidae) ist sicherlich der vom Wolf (Canis lupus) abstammende Haushund (Canis lupus familiaris). Er ist heute überall auf der Erde anzutreffen, wo der Mensch siedelt. Der Haushund ist ferner der variabelste Vertreter der Hundefamilie. Denn von alters her züchtet der Mensch Hunderassen für sehr verschiedenartige Verwendungszwecke. Abbildungen aus dem alten Ägypten und aus Mesopotamien zeigen, dass dort schon vor 4000 Jahren windhundartige Jagdhunde, schäferhundartige Wachhunde und spitzartige Zierhunde lebten. Diese Rassenzüchtung hat sich bis zum heutigen Tag fortgesetzt - mit dem Ergebnis, dass es derzeit rund 350 anerkannte Hunderassen gibt. Manche, so etwa die Deutsche Dogge, ähneln Kälbern; andere, beispielsweise der Chihuahua, erinnern an grossgewachsene Meerschweinchen.

Bei den wildlebenden Mitgliedern der Hundefamilie ist die Formenvielfalt bescheidener. Bei genauerer Betrachtung erweisen sich aber auch die Wildhunde als recht vielgestaltig. Das Spektrum reicht vom Wüstenfuchs (Vulpes zerda), der die nordafrikanischen Sandwüsten bewohnt und als erwachsenes Tier nur wenig mehr als ein Kilogramm auf die Waage bringt, bis hin zum Wolf, der in den Wäldern Alaskas und Kanadas bis 80 Kilogramm schwer wird. Und es umfasst manch sonderbare, «hundeuntypische» Form. So etwa den grossohrigen Löffelhund (Otocyon megalotis), der in den Grasländern Südwestafrikas Jagd auf Termiten macht, den Graufuchs (Urocyon cinereoargenteus), der in Nordamerika wieselflink im Geäst der Baumkronen umherklettert, den ostasiatischen Marderhund (Nyctereutes procyonoides), der in den frostigen Monaten einen Winterschlaf hält, und nicht zuletzt den kurzbeinigen Waldhund (Speothos venaticus), der in Südamerika in den Urwaldflüssen umherschwimmt und über den hier berichtet werden soll.


Zehn südamerikanische Wildhunde

Entstanden ist die Familie der Hunde während des Eozäns (vor 56 bis 34 Millionen Jahren) in Nordamerika. Die ersten «Urhunde» dürften in ihrer Erscheinung den heutigen Schleichkatzen (Familie Viverridae) recht ähnlich gesehen haben. Sie waren vermutlich unspezialisierte Jäger, die jedes Lebewesen überfielen, das ihnen über den Weg lief und schwächer war als sie.

Offensichtlich übten die frühen Hunde ihr «Handwerk» sehr erfolgreich aus, denn im Verlauf der folgenden Jahrmillionen breiteten sie sich rasch über fast alle Landmassen der Erde aus. Ihre Blütezeit erlebte die Sippe dann im Miozän (vor 23 bis 5,5 Millionen Jahren), als über vierzig verschiedene Hundegattungen unseren Planeten bevölkerten. Danach ging die Formenvielfalt der Hunde wieder zurück, bis schliesslich die etwa zwölf Gattungen der Jetztzeit übrig geblieben sind.

Südamerika, wo heute zehn Wildhundarten vorkommen, wurde erst verhältnismässig spät, nämlich irgendwann im Pliozän, vor 5,5 bis 2,5 Millionen Jahren, von Vertretern der Hundefamilie erreicht. Sie wanderten von Nordamerika her kommend über die mittelamerikanische Landbrücke nach Südamerika ein und breiteten sich anschliessend über den gesamten Halbkontinent aus. Jene frühen Einwanderer scheinen Fossilfunden zufolge dem heutigen Argentinischen Kampfuchs (Lycalopex griseus) ähnlich gewesen zu sein. Aus einzelnen Teilpopulationen entwickelten sich in der Folge separate, den jeweiligen lokalen Umweltbedingungen angepasste Formen. So entstanden schliesslich die heutigen südamerikanischen Wildhundarten.

Die beiden Arten, welche vom Erscheinungsbild der frühen südamerikanischen Wildhunde am meisten abweichen, sind einerseits der langbeinige Mähnenwolf (Chrysocyon brachyurus), welcher die weiten Hochgras- und Trockenbuschsavannen des zentralen Südamerikas bewohnt, andererseits der kurzbeinige Waldhund, der in den dichten Waldrandzonen des nördlichen und zentralen Südamerikas umherstreift. Körperbaulich ebenfalls deutlich von ihren Vorfahren wegentwickelt haben sich der im Tieflandregenwald des Amazonasbeckens beheimatete Kurzohrfuchs (Atelocyon microtis) und der weitverbreitete Maikong (Cerdocyon thous). Sie werden deshalb ebenfalls je einer eigenen Gattung zugeordnet. Dem südamerikanischen Grundtyp des Wildhunds am nächsten geblieben sind neben dem bereits erwähnten Argentinischen Kampfuchs der Brasilianische Kampfuchs (Lycalopex vetulus), der Pampasfuchs (Lycalopex gymnocercus), der Andenschakal (Lycalopex culpaeus), der Sechurafuchs (Lycalopex sechurae) und der Darwinfuchs (Lycalopex fulvipes).

Ausser den Wildhundarten des südamerikanischen Festlands gab es früher auch noch eine «Inselform», und zwar auf den Falklandinseln, welche rund 400 Kilometer vor der argentinischen Küste im Südatlantik liegen: den Falklandfuchs (Dusicyon australis). Er wurde aber leider 1876 vom Menschen ausgerottet. Mit der Einführung der Schafzucht auf dem Archipel war sein Schicksal besiegelt. Denn als er sich hin und wieder an den Lämmern vergriff, begannen die Viehzüchter, planmässig Jagd auf ihn zu machen. Das war nicht sonderlich schwer, da der Falklandfuchs den Menschen nicht als Feind kannte und daher ausserordentlich zutraulich war. Er liess sich mit Ködern auf Armeslänge anlocken und wurde einfach erschlagen.

Es ist viel darüber gerätselt worden, wie der Falklandfuchs wohl einst auf die abgelegene Inselgruppe gelangt war. Gegen die Verdriftung einzelner Tiere auf Treibholz sprechen die örtlichen Strömungsverhältnisse. Und die Einbürgerung gezähmter Tiere durch Indianer in vorkolumbianischer Zeit scheint unwahrscheinlich, weil es zum einen in Südamerika nirgendwo domestizierte Füchse gibt und zum anderen die Falklandinseln bei der Entdeckung durch die Europäer unbesiedelt waren. Vermutlich war es irgendwann im Pleistozän - während einer besonders starken Absenkung des Meeresspiegels aufgrund der Vergletscherung der Arktis - Ahnen der Falklandfüchse gelungen, aus eigener Kraft auf die Inseln einzuwandern.

 


Tapirjagd im Rudel

Mit seinen kurzen Beinen, den kleinen rundlichen Ohren, dem kurzen Stummelschwanz und dem gedrungenen Leib ähnelt der Waldhund auf den ersten Blick eher einem kleinen Bären als einem Wildhund. Bei einer Kopfrumpflänge von gewöhnlich 60 bis 70 Zentimetern und einem Gewicht von 5 bis 7 Kilogramm bemisst sich seine Schulterhöhe auf nur 25 bis 30 Zentimeter.

Der Waldhund hat in Südamerika eine überaus weite Verbreitung, die sich vom südlichen Panama durch Kolumbien, Venezuela, Guyana, Surinam, Französisch-Guayana und Brasilien bis ins nördliche Ecuador, östliche Peru, nördliche Bolivien, nördliche Paraguay und nördliche Argentinien erstreckt. Innerhalb dieses ausgedehnten Areals bewohnt der Waldhund hauptsächlich waldrandähnliche Lebensräume in tieferen Lagen, das heisst jene Übergangszone, welche zwischen den geschlossenen Hochwäldern und den offenen Grasländern liegt. Ausserdem hält er sich fast immer in der unmittelbaren Nähe eines Gewässers auf. Seine «kompakte» Körperform ist demzufolge als eine Anpassung an das Leben im dichten Pflanzengewirr der Fluss- und Seeufer zu verstehen. Sie erlaubt es ihm, rasch und mühelos selbst durch üppigstes Dickicht zu schlüpfen. Schwimmhäute zwischen den Zehen erleichtern ihm ferner das Laufen auf sumpfigem Grund.

Die Waldhunde führen ein tag- und dämmerungsaktives Leben. Sie gelten als zünftige, ja sogar als «grimmige» oder «raubgierige» Jäger. Tatsächlich scheinen in Zoos gehaltene Waldhunde sämtliche anderen Tiere ausserhalb ihrer Gehege - mit alleiniger Ausnahme von Haushunden und Menschen - als mögliche Beute zu betrachten. In der freien Wildbahn ist beobachtet worden, dass Waldhunde durchaus Tiere angreifen, die beträchtlich grösser sind als sie selbst und überdies recht wehrhaft, darunter Tapire, Mazamas (Spiesshirsche), Pekaris (Nabelschweine) und Nandus (Laufvögel). Dies mag vielleicht auf den ersten Blick etwas unglaubhaft erscheinen, ist aber deshalb möglich, weil die kurzbeinigen Hunde stets in kleinen Familienverbänden von vier bis sechs, manchmal auch bis zehn Tieren jagen und dabei perfekt zusammenarbeiten. Angeführt wird jedes Waldhundrudel von einem Alphapaar. Bei den restlichen Rudelmitgliedern dürfte es sich um Söhne und Töchter desselben handeln.

Die Hauptbeutetiere der Waldhunde scheinen in ihrer südamerikanischen Heimat allerdings vielerorts Pakas (Cuniculus paca) und Capybaras (Hydrochaeris hydrochaeris) zu sein. Diese grossen Nagetiere kommen in Südamerika häufig vor, sind gute Schwimmer und nehmen darum oft im Wasser Zuflucht, wenn Gefahr droht. Sind allerdings Waldhunde hinter ihnen her, so nützt ihnen das wenig. Die stämmigen Jäger sind nämlich - im Gegensatz zu den meisten anderen Wildhunden - hervorragende Schwimmer und Taucher und lassen ihren Opfern auch im Wasser kaum eine Chance.

Neueren Untersuchungen zufolge scheinen die Waldhundrudel kein festes Territorium zu haben, sondern ein halbnomadisches Leben innerhalb eines enorm ausgedehnten, möglicherweise bis 150 Quadratkilometer grossen Streifgebiets zu führen. Offensichtlich bleiben sie zunächst eine Weile an einem bestimmten Ort und verbringen die Nächte in einem gemeinsamen Bau, dann ziehen sie weiter und kehren wochen- bis monatelang nicht mehr zu diesem Ort zurück. Dies würde erklären, weshalb die Waldhunde in ihrer Heimat so selten und unregelmässig zu beobachten sind.


Waldhundrüden sind gute Väter

Über das Fortpflanzungsverhalten der Waldhunde in der freien Wildbahn ist wenig bekannt. Wir wissen einzig, dass die Weibchen ihre Jungen in Höhlungen werfen und aufziehen, beispielsweise in vorgefundenen und den eigenen Bedürfnissen angepassten Bauen von Gürteltieren oder Ameisenbären, nicht selten aber auch im Wurzelwerk mächtiger Urwaldbäume.

Aufgrund der Beobachtung von Waldhunden in Menschenobhut wissen wir, dass sich stets nur das Alphapaar fortpflanzt. Die restlichen Rudelmitglieder beteiligen sich zwar am Hüten und Putzen der Welpen, doch spielt das Alphamännchen die Hauptrolle bei der Aufzucht des Rudelnachwuchses. Zunächst versorgt es das Weibchen regelmässig mit Nahrung, während dieses die Jungtiere hütet und säugt. Später trägt es auch den Jungen selbst Futter zu, wenn diese nach gut vier Wochen beginnen, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Es verbringt im Übrigen weit mehr Zeit mit den Welpen als die anderen Rudelmitglieder, vom Alphaweibchen natürlich abgesehen.

Eine feste Fortpflanzungszeit scheint es bei den Waldhunden nicht zu geben. Sowohl im Freiland als auch in Menschenobhut können Geburten zu jeder Jahreszeit stattfinden. Die Tragzeit dauert etwa siebzig Tage. Pro Wurf kommen gewöhnlich drei bis sechs, selten bis zehn Junge zur Welt, die bei der Geburt um 150 Gramm wiegen. Die Entwöhnung der Jungen von der Muttermilch erfolgt im Alter von ungefähr zwei Monaten. Die Geschlechtsreife tritt im Alter von etwa einem Jahr ein. Die Lebensdauer in Menschenobhut beträgt bis über dreizehn Jahre.


Selbst Waldhunde haben Feinde

Obschon der Waldhund ein zünftiger Jäger ist, fällt auch er gelegentlich einem natürlichen Fressfeind zum Opfer. Unter anderem sind Jaguar (Panthera onca), Grosse Anakonda (Eunectes murinus), Mohrenkaiman (Melanosuchus niger) sowie die Harpyie (Harpia harpyja) durchaus in der Lage, einen Waldhund zu erbeuten.

Für die Art als Ganzes stellen solche natürlichen Fressfeinde keine schwerwiegende Gefährdung dar, denn wie alle Tierarten vermag der Waldhund die unfallbedingten Ausfälle über seine Nachzuchtrate wettzumachen. Und doch ist die Zukunft des Waldhunds keineswegs gesichert, denn auf einen «unnatürlichen» Widersacher und Störenfried hat er sich nicht rasch genug einrichten können: den Menschen.

Da ist zum einen die direkte Verfolgung des Waldhunds durch den Menschen: Zwar wird der kurzbeinige Wildhund nirgendwo gezielt bejagt, doch fällt er immer wieder Jägern zum Opfer, deren Weg er zufällig kreuzt. Bedeutend schwerer wiegt aber die Gefährdung des Waldhunds durch die Zerstörung seines natürlichen Lebensraums, da überall in Südamerika mehr und mehr Land für Siedlungen, landwirtschaftliche Kulturen und Viehweiden benötigt wird und zu diesem Zweck die Naturlandschaften immer weiter zurückgedrängt werden. Für den Waldhund bedeutet dies einen fortwährenden Verlust von Lebensraum.

Zwar hat sich in jüngerer Zeit gezeigt, dass der Waldhund - vermutlich notgedrungen - ein breiteres Spektrum von Lebensräumen zu nutzen weiss, als dies früher angenommen wurde. So konnten Waldhunde in Paraguay fernab von Waldungen in offenen Savannengebieten beobachtet werden und im nördlichen Brasilien im Bereich von Rinderweiden und Eukalyptusplantagen. Gerade in solchen Regionen sind aber Probleme vorprogrammiert: Einerseits ist zu befürchten, dass es Konflikte mit dem Menschen gibt, der sein Vieh schützen will, andererseits besteht die Gefahr, dass es zur Ansteckung mit Infektionskrankheiten wie Tollwut kommt, die von Haushunden übertragen werden.

Langfristig, darüber besteht wenig Zweifel, wird das Überleben des Waldhunds davon abhängen, ob innerhalb seines Verbreitungsgebiets genügend grosse und vielfältige Naturlandschaften unter Schutz gestellt und in ihrer Ursprünglichkeit erhalten werden können. Bestrebungen dieser Art, die ja nicht allein dem Waldhund, sondern der gesamten, einzigartigen Flora und Fauna Südamerikas zugute kommen, unterstützt der WWF seit vielen Jahren in verschiedenen südamerikanischen Ländern mit grossem personellem und finanziellem Aufwand.



Legenden

Mit seinen kurzen Beinen, den kleinen rundlichen Ohren, dem kurzen Stummelschwanz und dem gedrungenen Leib erinnert der Waldhund (Speothos venaticus) auf den ersten Blick eher an einen kleinen Bären als an einen Wildhund. Bei einer Kopfrumpflänge von gewöhnlich 60 bis 70 Zentimetern und einem Gewicht von 5 bis 7 Kilogramm bemisst sich seine Schulterhöhe auf nur 25 bis 30 Zentimeter.

Das Verbreitungsgebiet des Waldhunds erstreckt sich über weite Bereiche Südamerikas - vom südlichen Panama bis zum nördlichen Argentinien. Wie sein Name andeutet, bewohnt er zur Hauptsache waldrandähnliche Lebensräume, und zwar vorzugsweise in der Nähe von Gewässern. Seine kompakte Körperform erlaubt es ihm, rasch und mühelos selbst durch üppigstes Dickicht an Fluss- und Seeufern zu schlüpfen. Schwimmhäute zwischen den Zehen erleichtern ihm ferner das Laufen auf sumpfigem Grund.

Waldhunde sind zünftige Jäger, welche selbst Tiere angreifen und erlegen, die bedeutend grösser sind als sie selbst. Dies ist deshalb möglich, weil die kurzbeinigen Hunde stets in kleinen Verbänden von gewöhnlich vier bis sechs Tieren jagen und dabei perfekt zusammenarbeiten. Angeführt wird jedes Waldhundrudel von einem Alphapaar. Bei den restlichen Rudelmitgliedern dürfte es sich um Söhne und Töchter desselben handeln.

Bei jedem Waldhundrudel pflanzt sich stets nur das Alphapaar fort. Pro Wurf kommen gewöhnlich drei bis sechs Junge zur Welt, die bei der Geburt um 150 Gramm wiegen. Sie ernähren sich bis zum Alter von einem Monat ausschliesslich  von Muttermilch, dann beginnen sie, auch feste Nahrung zu sich zu nehmen. In Menschenobhut beträgt die Lebensdauer bis zu zehn Jahre.

Da überall in Südamerika mehr und mehr Land für Siedlungen, landwirtschaftliche Kulturen und Viehweiden benötigt wird, nimmt der für den Waldhund verfügbare Lebensraum fortwährend ab. Langfristig wird für das Überleben des kleinen Wildhunds entscheidend sein, dass es uns gelingt, innerhalb seines Verbreitungsgebiets genügend grosse und vielfältige Naturlandschaften unter Schutz zu stellen und in ihrer Ursprünglichkeit zu erhalten.




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