Waldrapp

Geronticus eremita


© 1985 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Zürcher Arzt und Naturforscher Conrad Gesner hat 1557 im dritten Buch seiner berühmten «Geschichte der Tiere» einen «Waldrapp» - also einen «Waldraben» - als einen schweizerischen Vogel beschrieben und sehr lebhaft dargestellt. Der Vogel soll in schroffen Felsen, alten Türmen und Schlössern genistet und in grünen Gärten und feuchten Wiesen seine Nahrung gesucht haben. Er sei von schwarzer Farbe gewesen und habe auf seinem Kopf ein «streusslin hindersich (nach hinten) gricht» getragen. Sein Schnabel sei «rotlecht» und lang gewesen und ausserdem «komlech (gut geeignet) im erdtrich zu graben, damit er die verborgenen würmlin und käferlin härauss ziehe». Im übrigen machte Gesner darauf aufmerksam, dass den gänsegrossen Vögeln bedrohlich nachgestellt werde: «Ihre jungen werdend auch zur speyss gelobt, und für einen schläck gehalten, denn sy habend ein lieblich fleisch und weich gebein...».

 

Kein Fabeltier

Im Verlauf des 16. Jahrhunderts fand der «Waldrabe» sowohl in Österreich als auch in der Schweiz noch in manch anderer handgeschriebenen Urkunde Erwähnung. Gegen Ende des Jahrhunderts wurde es aber langsam still um den dunklen Vogel, und noch vor der Mitte des 17. Jahrhunderts verschwand er völlig aus den alten Schriften.

Schon bald glaubten die Naturforscher nicht mehr, dass es den Waldrapp überhaupt je gegeben habe. Einige bezogen Gesners Beschreibung auf die Alpenkrähe, die ja ebenfalls schwarz befiedert ist und einen rötlichen, gebogenen Schnabel besitzt. Andere neigten zur Ansicht, Gesner habe wohl den Kormoran oder vielleicht den Brachvogel gemeint. Ja sogar der Wiedehopf wurde in Erwägung gezogen. Mehrere Gelehrte hielten Gesners Waldrapp auch schlicht und einfach für ein Fabeltier.

Umso grösser war die Sensation, als im Jahr 1897 die Vogelkundler Rothschild, Hartert und Kleinschmidt entdeckten und zweifelsfrei nachwiesen, dass der mittelalterliche Waldrapp identisch ist mit dem im Laufe des 19. Jahrhunderts an verschiedenen Stellen im Nahen Osten und in Nordafrika entdeckten Schopfibis (Geronticus eremita).

 

Rückgang im ganzen Verbreitungsgebiet

Man weiss heute, dass die Verbreitung des Waldrappen einstmals von Mitteleuropa über den Nahen und Mittleren Osten bis nach Nordafrika reichte. In Europa starb die Art vermutlich zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus. In den anderen Bereichen seines Verbreitungsgebiets scheint der Bestand des schwarzen Vogels ebenfalls während Jahrhunderten stetig abgenommen zu haben, wobei - wie in Europa - Bejagung, Nestplünderung, allmähliche Klimaveränderungen und Lebensraumverlust als Hauptursache dafür zu nennen wären. Der geschätzte Gesamtbestand von 10 000 Waldrappen um die Jahrhundertwende dürfte jedenfalls bereits als Bruchteil des ursprünglichen Artbestands anzusehen sein.

Leider ging der Zerfall der Waldrapp-Population in unserem Jahrhundert in dramatischer Weise weiter. 1982 waren noch ganze 400 Individuen übrig! Diese letzten Waldrappen verteilten sich auf zwölf Brutkolonien mit insgesamt 93 Brutpaaren in Marokko (sieben an der Atlantikküste, fünf im Hohen Atlas), eine Kolonie mit zehn Paaren in Algerien (der Ort wird aus Sicherheitsgründen geheim gehalten) und eine Kolonie mit lediglich fünf Paaren in der Türkei (bei Birecik).

 

Ein typischer Ibis

Bei genauem Hinsehen entpuppt sich der Waldrapp als recht typischer Ibis (Ordnung Stelzvögel, Familie Ibisvögel): Er ist ein mittelgrosser Vogel mit einer Gesamtlänge von rund 75 Zentimetern und einem Gewicht von ungefähr 1,3 Kilogramm. Gesicht und Kehle sind federlos, der Schnabel ist mit 13 bis 14 Zentimetern recht lang und sanft sichelförmig nach unten gebogen. Die Beine sind mittellang und verhältnismässig stämmig. Ebenso ist der Hals. Beide Geschlechter sind gleich gefärbt, die Weibchen sind aber gewöhnlich etwas kleiner und leichter als die Männchen.

Von den übrigen Ibissen unterscheidet sich der Waldrapp deutlich durch seinen Hals und Nackenschopf aus lanzettförmig verlängerten Federn. Sie werden oft vom Wind hochgeweht und geben dem Vogel ein etwas «zerzaustes» Aussehen. Die manchmal verwendeten deutschen Namen »Schopfibis» und «Mähnenibis» bcziehen sich auf dieses Kennzeichen.

 

Seine Hauptnahrung sind Insekten

Der Waldrapp ernährt sich hauptsächlich von Insekten und anderen wirbellosen Kleintieren. Diese sucht er gerne in trockenwarmen Steppengebieten und Geröllfeldern, denn hier findet er in der zwar spärlichen und niedrigwüchsigen, jedoch besonders artenreichen Pflanzendecke einen reich gedeckten Tisch: Unzählige Käfer, Raupen, Ameisen, Spinnen, Skorpione, Hundertfüsser, Würmer und Schnecken aller Art besiedeln diese Lebensräume.

Oft geht der Waldrapp auch in Sümpfen, seichten Flussbetten und den daran angrenzenden Feuchtwiesen auf Kleintierjagd. Hier fallen ihm neben allerlei wirbellosen Tieren auch kleine Frösche, Molche und Fische zum Opfer. Mitunter nimmt er sogar Wasserlinsen und Speicherwurzeln von Wasserpflanzen zu sich.

Bei der Nahrungssuche erweist sich der sichelförmige Schnabel des Waldrappen als ein sehr zweckmässiges Instrument: Mit ihm vermag er Erdlöcher unter Wurzeln und Steinen, Felsritzen und Grasbüschel zu untersuchen und auf diese Weise Beute aufzuspüren. Gerne stochert er mit seinem Schnabel auch im lockeren Boden und im Schlamm nach Würmern, Käferlarven und anderen grabenden Kleintieren. Sind seine Bewegungen im allgemeinen eher gemächlicher Natur, so reagiert der Waldrapp flink und blitzschnell, sobald er ein Beutetier aufgestöbert hat. Zielsicher erhascht er sein Opfer mit der Schnabelspitze und verzehrt es.

 

Waldrappen lieben die Geselligkeit

Waldrappen sind ausgesprochen gesellige Vögel. Ihr stark entwickelter «Herdentrieb» lässt sie nicht nur während der Nahrungssuche und der Nachtruhe zusammenfinden; auch in der Brutzeit versammeln sie sich zu volkreichen Kolonien.

Als Brutplätze bevorzugen die Waldrappen steile Felswände im Binnenland und am Meer, welche von waagrechten Bändern unterbrochen sind. Auf diesen Felssimsen legen die schwarzen Ibisvögel ihre recht grossen Nester an, oft kaum schrittweit von den Nachbarnestern entfernt. Manchmal nisten und brüten die Waldrappen aber auch in überdachten Nischen und sogar in Felshöhlen. Auf dieses «Einsiedlerverhalten» bezieht sich der - ansonsten für diesen geselligen Vogel wenig treffende - wissenschaftliche Artname eremita.

Nach Balz, Begattung und Nestherrichtung legt das Waldrappweibchen im März oder April drei bis vier Eier. In besonders trockenen Jahren mit schlechtem Nahrungsangebot kann es auch nur ein einzelnes Ei sein. 27 bis 28 Tage lang bebrüten die beiden Altvögel abwechslungsweise das Gelege. Dann schlüpfen die 38 bis 47 Gramm schweren, in rauchgraue Daunen gekleideten Jungvögel als recht hilflose Nesthocker, aber mit bereits offenen Augen.

Während der etwa sieben Wochen dauernden Nestlingszeit werden sie wiederum von beiden Eltern betreut. Mit drei Wochen vermögen sie bereits auf den Beinen zu stehen, und bald üben sie ihre erst kurz befiederten Schwingen. Wenn sie dann im Juni oder Juli ausfliegen, so gleichen sie schon weitgehend ihren Eltern. Allerdings sind im Gegensatz zu den Altvögeln Kopf und Hals vollständig befiedert, und der Federschopf ist erst angedeutet.

Nach dem Verlassen des Nests begeben sich die Waldrappfamilien an Orte mit besonders ergiebigem Nahrungsangebot. Schon bald trennen sich dort die Jungvögel von ihren Eltern und bilden mit anderen Halbwüchsigen zusammen kleinere und grössere Gruppen. Diese «Jugendbanden» ziehen in der Folge weit umher und kehren erst nach etwa sechs Jahren zu ihrem Geburtsfels zurück. Dann erst nämlich sind die jungen Waldrappen geschlechtsreif und schreiten ihrerseits zur Brut.

 

In Birecik ein gern gesehener Gast

Die letzte Waldrapp-Brutkolonie auf asiatischem Boden befindet sich eigenartigerweise von alters her inmitten der türkischen Stadt Birecik am Oberlauf des Euphrat. Die Vögel zeigen dort wenig Scheu vor dem Menschen. Tatsächlich haben sie auch kaum Grund dazu: Sie werden von den Einwohnern Bireciks nämlich sehr geschätzt und geniessen einen religiös-traditionellen Schutz. Wenn sie im Herbst in ihre Winterquartiere am Roten Meer ziehen, heisst es, sie würden die gläubigen Moslems auf ihrer Pilgerreise nach Mekka begleiten. Und noch in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts wurden die Waldrappen, wenn sie Mitte Februar in die Stadt zum Brüten zurückkehrten, als Heil- und Frühlingsbringer durch ein fröhliches Volksfest begrüsst.

Trotzdem ging der Bestand der Birecik-Population im Verlauf der letzten Jahrzehnte stetig zurück. 1953 zählte man noch etwa 500 Paare, 1962 noch 120, 1972 noch 23 und 1982 bloss noch fünf. Was mochte die Ursache für diesen besorgniserregenden Zerfall der Waldrapp-Brutkolonie in Birecik sein?

 

Pestizide und menschliche Störungen

Wie in vielen ähnlichen Fällen hat wohl eine ganze Reihe von Faktoren den Rückgang der Waldrappen in Birecik verursacht. Besonders gelitten hat die Population zweifellos durch den massiven Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln (Pestiziden) auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen rund um Birecik in den letzten Jahrzehnten. Besonders schwer wog der Versuch des türkischen Gesundheitsministeriums in den Jahren 1956 bis 1959, durch DDT-Sprühflüge der Malaria in den Euphratniederungen Herr zu werden. In diesen Jahren fand man mehr als 600 tote Waldrappen in und um Birecik. Verhängnisvoll wirkt sich aber auch das vorbeugende Ausbringen von Chemikalien zum Verhindern von Heuschreckenplagen aus. Nicht nur wird auf diese Weise das Nahrungsangebot der Waldrappen stark eingeschränkt; die Vögel nehmen auch Giftstoffe zu sich, die ihre Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen oder gar zum akuten Vergiftungstod führen können.

Die Waldrapp-Population von Birecik ist ferner durch das starke Anwachsen der Einwohnerschaft Bireciks in den letzten Jahrzehnten und die damit verbundene Unruhe und Bautätigkeit erheblich gestört worden. Immer wieder fielen Eier und Jungvögel aus den Nestern, wenn erschreckte Altvögel unvermittelt von den Nestern aufflogen. Ausserdem sammelten sich Bauschutt und Abfälle auf den Felssimsen an, welche dadurch schmaler wurden und eine nach vorn abfallende Neigung bekamen. Brüteten die Waldrappen auf diesen Schrägen, so fielen ebenfalls häufig Eier und Jungvögel aus den Nestern. Der Bruterfolg der Kolonie nahm dadurch massiv ab. 1972 überlebten beispielsweise lediglich sechs bis acht von insgesamt 64 geschlüpften Jungvögeln.

 

Überleben in der Türkei ungewiss

Das traurige Schicksal der Waldrappen von Birecik veranlasste 1973 den Welt Natur Fonds (WWF) und die Internationale Union für Naturschutz (IUCN), zusammen mit der türkischen Naturschutzbehörde ein Projekt zum Schutz dieser letzten Brutkolonie Asiens in die Wege zu leiten.

Im Rahmen dieses Projekts wurde zum einen das Interesse der Bevölkerung für den Waldrapp geweckt, in dem man das traditionelle Waldrappfest wieder aufleben liess. Ausserdem wurde der Kelaynak - so der türkische Name des Vogels - zum «Tier der Stadt» erkoren, wodurch er höchste Schutzwürdigkeit erlangte. Heute bringt die Bevölkerung Bireciks dem Waldrapp wieder grosse Sympathie entgegen und ist um seine Zukunft sehr besorgt.

Zum anderen wurde bei einer Felswand, welche etwa zwei Kilometer von Birecik entfernt liegt, eine grosse Voliere errichtet. Darin werden von Fachleuten Waldrappen gezüchtet und nach dem Flüggewerden an Ort und Stelle ausgesiedelt. Man will damit aber nicht nur den Wildbestand der Vögel aufstocken. Hauptziel der Massnahme war von Anfang an, die wilden Waldrappen von ihrem traditionellen Brutfels in der Stadt an diesen weit günstigeren Ort zu locken. Und tatsächlich gelang dieser nicht unumstrittene Versuch: Anfang der achtziger Jahre «zügelte» die Waldrappkolonie vor die Tore der Stadt.

Trotz dieser aufwendigen und grundsätzlich erfolgreichen Schutzmassnahmen steht leider der Waldrapp in der Türkei noch immer am Rand der Ausrottung. Während der Brutsaison 1986 zählte man bei Birecik insgesamt 35 freifliegende Waldrappen, wovon lediglich neun im brutfähigen Alter waren. So ist leider bis heute sehr ungewiss, ob der Waldrapp an diesem Fleck der Erde überleben wird.

 

Gute Überlebenschancen in Marokko

Die grösste Waldrapp-Population findet sich heute in Marokko. Das Überleben der Art in freier Wildbahn dürfte darum weitgehend von den Schutzmassnahmen abhängen, welche in diesem Land getroffen werden.

Seit 1979 führen der WWF, das marokkanische Naturschutzamt und die Universität Mohammad V. ein gemeinsames Projekt zum Schutz der seltenen Vogelart durch. Wichtigstes Anliegen dieses Projekts ist es, neben den Brutfelsen der Waldrappen auch die Gebiete unter Schutz zu stellen, in denen die Tiere auf Nahrungssuche gehen. Denn damit würden die Waldrappen nicht nur vor Bejagung, Nestplünderung und Störung beim Brutgeschäft sicher sein, sondern es könnte auch die grosse Gefahr von Pestizidvergiftungen gebannt werden.

Grosse Hoffnung setzen die im Waldrapp-Projekt mitarbeitenden Fachleute auf die bevorstehende Ausweisung von Oued Massa als Nationalpark. In diesem noch weitgehend unberührt gebliebenen Küstenstrich im südlichen Marokko liegen nämlich sowohl die Brut- als auch die Fressplätze von fünf grösseren Waldrappkolonien. Mit der Erhaltung von Oued Massa als Naturlandschaft wird ein wichtiger Schritt zur Rettung dieses einzigartigen Ibisvogels gemacht sein.




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