Michiganwaldsänger

Dendroica kirtlandii


© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Mit einer Gesamtpopulation von wenigen hundert Brutpaaren ist der Michiganwaldsänger (Dendroica kirtlandii) einer der seltensten Vögel Nordamerikas. Innerhalb der Ordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes) gehört er zur Familie der Waldsänger (Parulidae), welche rund 125 Arten umfasst. Sämtliche Waldsänger sind in der Neuen Welt beheimatet, und allesamt sind sie kleine, insektenessende, überaus lebhafte Vögel. Viele von ihnen - so auch der Michiganwaldsänger - sind im übrigen echte Waldbewohner, werden also ihrem Namen durchaus gerecht.

Als erwachsene Vögel weisen die Michiganwaldsänger eine Gesamtlänge von etwa 15 Zentimetern und ein Gewicht um 14 Gramm auf. Männchen und Weibchen sind etwa gleich gross und sehen einander auch recht ähnlich. Allerdings sind die Weibchen - ebenso wie die Jungvögel - deutlich blasser gefärbt als die Männchen, und es fehlt ihnen der schwarze Voraugenfleck, den die Männchen aufweisen.

 

Im Sommer in Michigan, im Winter auf den Bahamas

Der erste Michiganwaldsänger wurde der Wissenschaft 1851 bekannt. Am 13. Mai jenes Jahres wurde in der Nähe der Stadt Cleveland im Staat Ohio (USA) ein einzelnes Männchen erlegt - und zwar auf der Farm von Dr. Jared P. Kirtland, einem damals regional sehr bekannten Lehrer und Naturforscher, zu dessen Ehren die neue Waldsängerart schliesslich ihren wissenschaftlichen Artnamen kirtlandii erhielt. Man war sich einig, dass der kleine Vogel kein lokaler Brutvogel sein konnte, sondern dass es sich um ein Exemplar handeln musste, das sich auf dem Zug von seinem weiter südlich liegenden Winterquartier ins weiter nördlich gelegene Brutgebiet befand. Doch wo sich diese beiden Lebensraumbereiche des Vogels befanden, blieb vorerst ein Rätsel.

Erst 28 Jahre später, 1879, wurde das Winterquartier entdeckt. Damals konnte auf der zu den Bahamas gehörenden Insel Andros ein weiteres Exemplar dieser mysteriösen Singvogelart erlegt werden. Und weitere 24 Jahre später, 1903, wurde endlich auch das Brutgebiet entdeckt: Es befindet sich im nördlichen Bereich des Staates Michigan (USA), zwischen dem Michigan-See im Westen und dem Huron-See im Osten, im Einzugsgebiet des Flusses Au Sable. Dass die Entdeckung des Brutgebiets so lange hatte auf sich warten lassen, ist nicht erstaunlich, denn sämtliche Nester, die jemals gefunden wurden, liegen innerhalb eines Gebiets von nur 140 mal 160 Kilometer.

Über die Ausdehnung des Winterquartiers wissen wir bis heute nicht genau Bescheid, da der Michiganwaldsänger ausserhalb der Brutzeit überaus scheu ist und sich praktisch die ganze Zeit auf dem Boden in möglichst dichtem Gebüsch umherbewegt. Ein amerikanischer Ornithologe suchte in den siebziger Jahren während zwei Wintern und insgesamt 800 Stunden auf den Bahamas nach dem «Heimlichtuer» - und fand ein einziges Exemplar! Gesichtet wurden vereinzelte Michiganwaldsänger bisher auf 16 der rund 3000 Eilande, welche den Inselstaat der Bahamas bilden. Die zierlichen Vögel dürften aber noch auf manch anderer Bahama-Insel ihre «Winterferien» verbringen. Ein paar Male konnten Michiganwaldsänger im übrigen auf den Caicos-Inseln beobachtet werden, welche geografisch betrachtet das Südende des Bahama-Archipels bilden, politisch aber Teil der britischen Kronkolonie Turks-und Caicos-Inseln sind.

Die Frühlings- und Herbstwanderung der Michiganwaldsänger scheint auf ziemlich direktem Weg entlang einer schmalen Zugroute zwischen Michigan und den Bahamas stattzufinden, wobei sie jeweils beim Staat Südkarolina (USA) vom Land aufs Meer hinausfliegen bzw. vom Meer her das Land erreichen.

 

Hoch geschraubte Brutgebietsansprüche

Kaum ein Vogel ist so anspruchsvoll hinsichtlich der Wahl seiner Brutplätze wie der Michiganwaldsänger. Erstens brütet er ausschliesslich in Beständen von Bankskiefern (Pinus banksiana), einem Nadelbaum, der einzig im nördlichen Nordamerikas heimisch ist. Zweitens vermag er nur die südlichst gelegenen Bankskiefernwälder zu bewohnen, wohl weil die Sommer weiter nördlich zu kurz und zu kühl sind für ein erfolgreiches Abwickeln des Brutgeschäfts. Solche finden sich nur in den nördlichen USA.

Drittens kann er nur solche Bankskiefernbestände nutzen, die auf besonders lockerem, wasserdurchlässigem Sandboden wachsen. Das hat damit zu tun, dass der kleine Singvogel nicht auf den Kiefern selbst, sondern auf dem Boden zwischen den Kiefern brütet. Sandboden garantiert das rasche Versickern der heftigen sommerlichen Gewitterregen und schützt somit die Nester vor Durchnässung oder gar Überschwemmung. Solche Bestände finden sich nur zwischen dem Michigan- und dem Huron-See.

Als ob diese Ansprüche an die Brutplätze noch nicht genügen würden, müssen die Bankskiefernbestände viertens noch ein bestimmtes Alter aufweisen. Der Michiganwaldsänger legt sein Nest nämlich nur dort an, wo Jungkiefern im Alter zwischen 7 und 22 Jahren in Bodennähe genügend Sichtschutz bieten. Sobald die Kiefern beginnen, ihre untersten Äste zu verlieren, verlässt er das betreffende Gebiet wieder auf der Suche nach günstigeren Brutplätzen.

Die Jungkiefernbestände müssen fünftens offensichtlich auch noch eine gewisse Mindestfläche aufweisen, damit sich der Michiganwaldsänger sicher genug fühlt. Jedenfalls konnten Nester bisher nur in Beständen mit einer Fläche von mehr als 30 Hektaren festgestellt werden. Jungwuchs in diesem Ausmass findet sich praktisch nur dort, wo Waldbrände, Sturmwinde, Flutwellen oder unter Umständen auch Menschen grosse Breschen in ältere Waldstücke geschlagen haben. So kommt es, dass es im Brutareal des Michiganwaldsängers zwar nahezu 200 000 Hektaren Bankskiefernwald gibt, dass aber davon zu jedem Zeitpunkt höchstens ein paar wenige tausend Hektaren das richtige Alter und eine genügende Ausdehnung haben, um den Ansprüchen des Michiganwaldsängers zu genügen.

Eine derartige Abhängigkeit von einem ganz bestimmten Altersstadium einer ganz bestimmten Pflanzengesellschaft, welche überdies auf einem ganz bestimmten Boden wachsen muss, ist in der ganzen Vogelwelt wohl einmalig. Man ist deshalb in Fachkreisen der Ansicht, dass der Michiganwaldsänger wegen seiner «hoch geschraubten» Brutgebietsansprüche wohl nicht erst heute, sondern von alters her ein ziemlich rarer Vogel ist.

 

Fünf Eier je Gelege

Die Michiganwaldsänger verlassen gewöhnlich Ende April ihr Winterquartier auf den Bahamas und erreichen Mitte Mai ihr Brutareal in Michigan. Die Männchen treffen stets ein paar Tage früher ein als die Weibchen, und jedes von ihnen nimmt sogleich ein möglichst gutes Brutrevier in Beschlag. Durch lautes Singen von einer erhöhten Warte aus gibt es sämtlichen Rivalen bekannt, dass das betreffende Grundstück besetzt ist - und wirbt gleichzeitig um die Gunst der alsbald eintreffenden Weibchen.

Sobald auch die Weibchen ihre weite Wanderung geschafft haben, schliesst sich jedes von ihnen einem der werbenden Männchen an, paart sich mit ihm, sucht sich einen günstigen Nistplatz und beginnt mit dem Bau eines Bodennests: Mit der Brust formt es zuerst im lockeren Sandboden eine kleine Mulde, kleidet diese dann mit Kiefernnadeln, Gräsern und Laubstückchen aus und polstert das Nest zuletzt mit Hirschhaaren, Moos und feinen Würzelchen.

Das Gelege besteht gewöhnlich aus fünf Eiern, wobei das Weibchen an fünf aufeinanderfolgenden Tagen je ein Ei legt. Erst wenn das Gelege komplett ist, beginnt das Weibchen mit Brüten und verbringt dann mehr als 90 Prozent seiner Zeit auf dem Nest, derweil es vom Männchen mit Nahrung versorgt wird. Nach einer Brutzeit von 14 Tagen schlüpfen die Jungvögel aus den Eiern. Sie wiegen anfangs etwa 1 Gramm und tragen ein schütteres braunes Dunenkleid.

Bei der Aufzucht ihrer nimmersatten Jungen wechseln sich das Männchen und das Weibchen partnerschaftlich ab. Die Jungvögel werden hauptsächlich mit Schmetterlingsraupen und anderen weichen Insekten und deren Larven gefüttert. Sie wachsen rasch heran: Schon im Alter von 8 Tagen bringen sie 12 bis 13 Gramm, also rund 90 Prozent des Erwachsenengewichts, auf die Waage.

Gewöhnlich am neunten Tag nach dem Schlüpfen verlassen die Jungvögel das Nest und suchen sich im dichten Unterwuchs ein geeignetes Versteck. Noch können sie nicht richtig fliegen, sondern bei Gefahr höchstens halb flatternd, halb hüpfend das Weite suchen. Sie werden weiterhin von ihren Eltern gefüttert, suchen aber bereits auch eigene Nahrung. Im Alter von etwa drei Wochen beschaffen sie sich die meiste Nahrung selbst, und nach etwa sechs Wochen lösen sie sich von ihren Eltern. Meistens Ende August verlassen sie ihren Geburtsplatz, um in Richtung Bahamas zu ziehen. Die Altvögel folgen ihnen ein paar Wochen später.

 

Kuhstärling schädigt Waldsänger

Im Verlauf der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts schien die kleine Population des Michiganwaldsängers einigermassen stabil zu sein. Gegen Mitte unseres Jahrhunderts fiel den Ornithologen jedoch auf, dass die Zahl der Brutpaare allmählich zurückging, obschon sich die Ausdehnung des verfügbaren Brutgebiets nicht wesentlich verändert hatte. Es waren intensive Abklärungen nötig, um die Ursache für diese unerfreuliche Bestandsabnahme in Erfahrung zu bringen. Schliesslich aber wurde klar, dass der Braunkopf-Kuhstärling (Molothrus ater) der «Missetäter» war. Dieser Singvogel aus der Familie der Stärlinge (Icteridae) ist ein ausgeprägter Brutschmarotzer, der - ähnlich wie der Kuckuck (Cuculus canorus) in Europa - seine Eier in die Nester artfremder Vögel legt und seine Jungen von den «Wirtsvögeln» ausbrüten und aufziehen lässt. Schlimm wirkt sich dabei aus, dass die jungen Kuhstärlinge früher schlüpfen und schneller heranwachsen als ihre «Stiefgeschwister» und somit das meiste Futter, das die Altvögel herbeitragen, an sich zu bringen vermögen. Die Wirtsvogeljungen sterben deshalb vielfach an Hunger, wodurch der Nachzuchterfolg der Wirtsvogelart massiv sinkt.

Bezeichnenderweise ist der Braunkopf-Kuhstärling keineswegs von alters her im nördlichen Michigan heimisch. Da er aufgrund seiner Ernährungsgewohnheiten an offene Grasländer gebunden ist, konnte er erst um die Jahrhundertwende - im Gefolge rodender und viehzüchtender europäischer Einwanderer - so weit nach Norden vordringen. Er bildet also keinen ursprünglichen «Schadfaktor», mit dem der Michiganwaldsänger im Laufe seiner Stammesgeschichte zu leben gelernt hat. Darin liegt die verheerende Wirkung auf den kleinen Singvogel begründet.

Als man 1951 die Michiganwaldsänger-Population erstmals genau zählte, kam man auf 500 Paare, wobei ungefähr 55 Prozent der Nester durch Kuhstärlinge parasitiert waren. Dadurch wurde die Nachzuchtrate um etwa ein Drittel herabgesetzt. 1971 war der Bestand auf 200 Paare abgesunken, und es waren 80 Prozent der Nester von Kuhstärlingen parasitiert. Die Zahl der ausfliegenden jungen Waldsänger reichte bei weitem nicht mehr aus, um den Bestand zu erhalten.

Damals entschloss man sich, der fatalen Entwicklung einen Riegel vorzuschieben und ein Programm zur Verminderung der Kuhstärlinge im Brutgebiet des Michiganwaldsängers zu starten. Im Rahmen dieses Programms werden seither Jahr für Jahr mehrere tausend Kuhstärlinge im nördlichen Michigan gefangen und an andere Orte verfrachtet. Zog jedes Waldsängerpaar nur etwa 1 Junges im Jahr gross, bevor man mit dem Fangprogramm begonnen hatte, so liegt die Nachzuchtrate heute wieder bei 4 Jungen je Paar.

Selbstverständlich schenkt man seit geraumer Zeit auch dem Schutz des Brutgebiets des Michiganwaldsängers die nötige Beachtung: Nachdem schon in den fünfziger und sechziger Jahren vier Bankskiefern-Schutzgebiete mit einer Fläche von insgesamt 2600 Hektaren ausgewiesen worden waren, kamen in den siebziger Jahren 24 weitere Gebiete mit gesamthaft 53 600 Hektaren hinzu. Sie alle werden so gepflegt, dass dem Michiganwaldsänger jederzeit grössere Flächen junger Kiefern als optimales Brutgebiet zur Verfügung stehen.

Erfreulicherweise gelang es auf diese Weise, die negative Bestandsentwicklung des Michiganwaldsängers zum Guten zu wenden: Die letzte Erhebung im Jahr 1994 erbrachte einen historischen Höchstbestand von nahezu 650 Brutpaaren.

Sicherheitshalber wurde der Michiganwaldsaenger im übrigen sowohl in den USA als auch auf den Bahamas unter gesetzlichen Schutz gestellt, obschon die direkte Nachstellung durch den Menschen zu keiner Zeit eine Bedeutung für den Fortbestand der Art gehabt haben dürfte.

 

Auf den Bahamas auf der Hut

Ohne Zweifel hängt der Michiganwaldsänger in starkem Mass von den Verhältnissen ab, die er in seinem Brutgebiet antrifft. Schutzmassnahmen mussten deshalb zuallererst dort ansetzen. Man darf aber nicht vergessen, dass ein Zugvogel zum Überleben mehr braucht als nur einen sicheren Brutplatz: Auch entlang seiner Zugroute und im Bereich seines Winterquartiers lauern Gefahren.

Auf den Bahamas hält sich der Michiganwaldsänger vorzugsweise in Gebieten mit niedrigwüchsigem Gebüsch auf, wobei er offensichtlich keinen Unterschied macht zwischen ursprünglicher Pflanzendecke und Sekundärwuchs. Sich selbst überlassene Buschgebiete gibt es auf den Bahamas reichlich, und ihr Fortbestand ist derzeit keineswegs gefährdet, so dass also der winterliche Aufenthaltsort des zierlichen Zugvogels vorerst als gesichert gelten kann. In einem tropischen Inselstaat, der wirtschaftlich stark vom Tourismus abhängt, kann sich die Umweltsituation jedoch schnell ändern, das hat uns die Erfahrung gelehrt. Um das längerfristige Überleben des Michiganwaldsängers sicherzustellen, ist deshalb grosse Wachsamkeit auch hinsichtlich seines Winterquartiers geboten.




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