Wale des Nordatlatiks
Nordkaper - Eubalaena glacialis
Grönlandwal - Balaena mysticetus
Nördlicher Entenwal - Hyperoodon ampullatus
Zweizahnwal - Mesoplodon bidens
© 1990 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Vor 65 Millionen Jahren, zur Zeit des grossen Sauriersterbens,
waren die Vorfahren der heutigen Wale und Delphine noch kleine,
vierbeinige, auf dem Land lebende Säugetiere. Schon bald
begannen sie sich aber an ein Leben im Salzwasser zu gewöhnen
und besetzten dort ökologische Nischen, aus welchen die
Ichthyosaurier und andere wasserlebende Saurierarten eben erst
verschwunden waren. Ort des Geschehens war das Thethis-Meer,
jenes riesige und verhältnismässig warme Binnenmeer,
das sich zwischen den nördlichen und den südlichen
Teilen der Alten Welt ausdehnte.
Vor etwa 30 Millionen Jahren, im Oligozän, spaltete
sich die grosse Verwandschaft der Waltiere (Ordnung Cetacea)
dann in zwei separate Verwandschaftsgruppen mit unterschiedlichen
Ernährungsgewohnheiten auf: Die einen wurden zu gemächlichen
Planktonfilterern, verlegten sich also auf den Verzehr grosser
Mengen sehr kleiner Beutetiere. Ihre Nachfahren sind die heutigen
Bartenwale (Unterordnung Mysticeti). Die anderen, deren Nachfahren
die heutigen Zahnwale (Unterordnung Odontoceti) sind, spezialisierten
sich auf den Fang grösserer, schneller Fische und entwickelten
sich zu schnittigen Unterwasserjägern.
Die Bartenwale, von denen es insgesamt zwölf
Arten gibt, sind grosse bis riesige Waltiere. Sie haben einen
mächtigen Kopf mit einer geräumigen Mundhöhle
und besitzen im Oberkiefer zwei Reihen sogenannter «Barten».
Es handelt sich um lange, biegsame, an der Innenkante ausgefranste
Hornplatten, welche auf beiden Seiten des Riesenmundes dicht
an dicht vom Gaumendach herunterhängen und dem Ausseihen
von tierlichen Kleinlebewesen (Zooplankton) aus dem Meerwasser
dienen. Beim Nahrungserwerb nimmt der Bartenwal jeweils einen
kräftigen Schluck planktonreichen Meerwassers in seinen
Rachen auf, dann schliesst er den Mund und presst das überflüssige
Wasser mit Hilfe seiner Zunge durch den «Bartenvorhang»
und zwischen den Lippen hindurch wieder hinaus. Die winzigen
Planktontierchen bleiben dabei an den ausgefransten Innenrändern
der Barten hängen und werden anschliessend verschluckt.
Gelegentlich fallen die Meeresriesen auch auf dieselbe Weise
über Schwärme kleiner Fische her.
Die Zahnwale, zu denen etwa 70 Arten von Delphinen
und Flussdelphinen sowie der Pottwal gehören, bejagen hauptsächlich
grössere Fische und Tintenfische und besitzen zum Packen
ihrer Beutetiere bis zu 200 kräftige Zähne aus Knochensubstanz.
Die meisten Zahnwale vermögen sich unter Wasser durch Ultraschallpeilung
zu orientieren, verfügen also - ähnlich wie die Fledermäuse
- über ein Ortungsverfahren nach dem Echolot- bzw. Radarprinzip,
was einem «Sehen mit den Ohren» entspricht. Der Delphin
sendet Ultraschallwellen aus, die vom angepeilten Fisch als Echo
zu ihm zurückkehren, wodurch der schnelle Meeressäuger
Entfernung, Grösse und Bewegungsrichtung seiner Beute exakt
bestimmen kann.
Im folgenden sollen zwei Bartenwale aus der Familie
der Glattwale (Balaenidae), der Nordkaper und der Grönlandwal,
sowie zwei Zahnwale aus der Familie der Schnabelwale (Ziphiidae),
der Nördliche Entenwal und der Zweizahnwal, vorgestellt
werden. Alle vier Walarten kommen im Nordatlantik vor.
Der Nordkaper
Der Nordkaper (Eubalaena glacialis) erreicht
eine Körperlänge von etwa 17 Metern und ein Gewicht
bis zu 100 Tonnen. Er war einst in den Küstenbereichen des
Nordatlantiks und des Nordpazifiks recht häufig. Heute überleben
aber infolge der übermässigen Bejagung durch den Menschen
nur noch ein paar wenige hundert Individuen bei Neufundland,
Madeira, Alaska und den Aleuten. Die Art schien bereits endgültiger
Ausrottung verfallen, doch scheinen strenge, international gültige
Schutzbestimmungen dieses Schicksal jetzt noch einmal aufhalten
zu können.
Der Nordkaper hat wie alle Mitglieder der Familie
der Glattwale (Balaenidae) einen auffallend glatten, rundlichen
Körper ohne Furchung auf der Unterseite und ohne Rückenflosse
(«Finne»). Der Oberkiefer, von dem die bis zu zwei
Meter langen Barten herabhängen, ist ausgesprochen lang
und gebogen. Die beiden Nasenöffnungen («Blaslöcher»)
des Nordkapers liegen verhältnismässig weit auseinander
und sind so geformt, dass der beim Ausatmen entstehende Wasserdampf
eine charakteristische V-förmige Doppelwolke bildet. In
der Nähe der Blaslöcher, auf dem Oberkiefer und am
Kinn des Nordkapers finden sich fast stets sogenannte «Mützen»
- weissgraue, krustige Bewuchspolster aus verschiedenen Meeresorganismen
wie Seepocken (eine festsitzende Krebsart), parasitischen Würmern,
Milben, Entenmuscheln und Algen. Grösse und Form dieser
weissgrauen «Mützen» sind von Wal zu Wal verschieden,
so dass sie der Beobachter als Erkennungszeichen nutzen kann.
Der Nordkaper geht zumeist direkt an der Wasseroberfläche
oder aber knapp darunter auf Fresswanderung. Gemächlich,
mit einer Geschwindigkeit von etwa vier Kilometern pro Stunde,
schwimmt er dahin und «durchpflügt» dabei die
im oberflächennahen Wasser besonders dichten Planktonwolken.
Manchmal nimmt er auch bodenlebende Weichtiere auf, wobei er
förmlich Kopf steht. Gerne sonnt und «wälzt»
sich der Nordkaper an der Wasseroberfläche, und mitunter
lässt er sich sogar vom Wind treiben, indem er seine breite
Schwanzflosse wie ein Segel aus dem Wasser hält.
Gewöhnlich lebt der Nordkaper in kleinen Familienverbänden
von weniger als sechs Tieren. Die Paarungen finden jeweils im
Frühjahr statt, und die Weibchen bringen dann ihre Jungen
nach einer Tragzeit von neun bis zehn Monaten mitten im Winter
in einer geschützten, flachen Bucht zur Welt. Fast immer
wird nur ein einzelnes Jungtier geboren; Zwillingsgeburten sind
mindestens ebenso selten wie beim Menschen. Die Jungtiere weisen
bei der Geburt eine Länge von fünf bis sechs Metern
auf, werden rund ein Jahr lang gesäugt und bleiben dann
noch weitere zwei Jahre lang eng mit ihrer Mutter verbunden.
Der Grönlandwal
Der Grönlandwal (Balaena mysticetus),
der wie der Nordkaper zur Familie der Glattwale gehört,
erreicht eine Körperlänge von maximal 20 Metern und
bringt bis zu 90 Tonnen auf die Waage. Seine Heimat ist die Randzone
des arktischen Packeises, die er selbst für die Geburt seiner
Jungen nicht verlässt. Er besitzt denn auch eine besonders
dicke Speckschicht, die stellenweise bis 70 Zentimeter misst
und ihn in seiner frostigen Heimat wirksam vor der Auskühlung
schützt.
Der Kopf des Grönlandwals ist enorm gross; er
macht etwa ein Drittel der Gesamtlänge aus. Im Riesenmaul
finden sich auf jeder Oberkieferseite etwa 350 hellgraue Barten,
von denen einige mehr als fünf Meter lang sind! Die Fransen
an den Barteninnenseiten sind so haarfein, dass der Grönlandwal
im Gegensatz zu den anderen Bartenwalen selbst das sogenannte
Mikroplankton, so etwa die nur drei Millimeter langen Ruderfusskrebse
der Gattung Calanus, nutzen kann.
Grönlandwale trifft man gewöhnlich einzeln
oder in Kleingruppen von drei bis vier Tieren an. Früher,
bevor die Art durch den Menschen an den Rand der Ausrottung getrieben
worden war, konnte man aber durchaus auch Verbände («Schulen»)
von 50 bis 100 Tieren beobachten. Seitdem die Art internationalen
Schutz geniesst und lediglich noch die Eskimobevölkerung
Alaskas eine genau festgelegte, kleine Anzahl Grönlandwale
im Jahr fangen darf, scheint sich der Bestand der mächtigen
Meeresbewohner nun wieder etwas zu erholen. Die Gesamtpopulation
ist aber mit schätzungsweise 7000 bis 8000 Individuen noch
immer sehr klein und verletzlich.
Der Nördliche Entenwal
Der Nördliche Entenwal oder Dögling (Hyperoodon
ampullatus) lebt im nördlichen Bereich des Nordatlantiks
und wird etwa zehn Meter lang und fünf bis zehn Tonnen schwer.
Wegen seiner kennzeichnenden, bei den Männchen besonders
ausgeprägten «hohen Stirn» wird er mitunter
auch «Butzkopf» genannt.
Der Nördliche Entenwal ist ein unauffälliger
Bewohner der Hochsee und ein ausgezeichneter Tieftaucher, der
manchmal über eine Stunde lang unter Wasser bleibt. Seine
Nahrung besteht hauptsächlich aus Tintenfischen; gelegentlich
nimmt er aber auch Heringe und Seesterne.
Der Nördliche Entenwal gehört zur Familie
der Schnabelwale (Ziphiidae), einer wenig erforschten Zahnwalsippe,
die sich aus etwa zwanzig Arten zusammensetzt. Wie der Familienname
sagt, sind die Kiefer dieser Tiere zu einem länglichen «Schnabel»
ausgezogen. Ihr Gebiss ist dagegen stark rückgebildet und
umfasst nur noch ein einziges Zahnpaar im Unterkiefer. Bei den
Entenwal-Weibchen bleibt aber selbst dieses zeitlebens im Zahnfleisch
verborgen, und auch bei den Männchen tritt es erst lange
nach der Geschlechtsreife an der Unterkieferspitze in Erscheinung.
Im allgemeinen lebt der Nördliche Entenwal in
eng zusammenhaltenden Gruppen von vier bis zehn Tieren, bei denen
es sich gewöhnlich um ein vollerwachsenes Männchen
mit seinen Weibchen und Jungen handelt.
Die gegenwärtige Bestandsgrösse des Entenwals
ist unbekannt. Die Art hat aber unter der enormen Nachstellung
durch den Menschen in unserem Jahrhundert stark gelitten. Sie
gilt heute als äusserst selten und stark gefährdet
und steht darum unter internationalem Schutz.
Der Zweizahnwal
Der Zweizahnwal (Mesoplodon bidens) ist wie
der Entenwal ein Mitglied der Familie der Schnabelwale (Ziphiidae).
Er kann eine Länge von fünf Metern und ein Gewicht
von bis zu drei Tonnen erreichen. Die älteren Männchen
besitzen in der Mitte jeder Unterkieferhälfte einen seitlich
herausstehenden «Hauer». Die Weibchen sind dagegen
wie beim Entenwal zahnlos.
Der Zweizahnwal ist ein schneller Hochseeschwimmer,
der vorwiegend die kühlen Gewässer des Nordatlantiks
mit Tiefen von 1000 bis 3000 Metern zu bewohnen scheint. Über
seine Lebensweise wissen wir kaum etwas, denn er ist fast ausschliesslich
in Form gestrandeter Einzeltiere «bekannt». Die Seltenheit
der Funde und Beobachtungen mag darauf hindeuten, dass die Art
besonders selten ist. Es könnte aber durchaus auch sein,
dass eine grössere Population von Zweizahnwalen existiert,
die wegen ihres Vorkommens im offenen Meer und ihrer unauffälligen
Lebensweise weitgehend unbemerkt bleibt.
Solange wir keine genaueren Kenntnisse über die
Bestandsgrösse und -entwicklung des Zweizahnwals haben,
verdient diese Art unsere ganz besondere Aufmerksamkeit, denn
sie steht bis heute nicht unter internationalem Schutz. Die Mitgliedstaaten
der Internationalen Walfang-Kommission (IWC), jener Instanz,
welche über den Schutzstatus der Waltiere bestimmt, sind
sich nämlich hinsichtlich der kleineren Vertreter der Ordnung
der Waltiere bis heute nicht einig geworden, welche davon wirklich
als Wale zu betrachten sind und damit in die Kompetenz der Kommission
fallen...
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