Walhai - Rhincodon typus
und
Riesenmanta - Manta birostris
© 1991 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Der Walhai und der Riesenmanta, beides Bewohner der
warmen tropischen Meere der Erde, gehören zu den mächtigsten
Fischen unseres Planeten. Der Walhai ist der grösste lebende
Fisch überhaupt. Er kann eine Länge von bis zu 16,
möglicherweise sogar 18 Metern erreichen und bringt bis
zu 40 Tonnen auf die Waage, was dem Gewicht von rund 600 erwachsenen
Personen entspricht! Der Riesenmanta gehört mit einer «Flügelspannweite»
von bis zu 7 Metern und einem Gewicht von manchmal über
1300 Kilogramm ebenfalls zu den Giganten der Fischwelt. Ein grossgewachsenes
Individuum fände im durchschnittlich grossen mitteleuropäischen
Wohnzimmer keinen Platz! Obschon sich der Walhai und der Riesenmanta
in ihrer Gestalt deutlich voneinander unterscheiden, sind sie
nahe miteinander verwandt und weisen bezüglich Körperbau
und Lebensweise viele Gemeinsamkeiten auf, wie wir im folgenden
sehen werden.
Sie haben ein Knorpelskelett
Die erdgeschichtlich ältesten Fische, die uns
bekannt sind, stammen aus dem Kambrium und sind rund 500 Millionen
Jahre alt. Erst viel später allerdings, nämlich im
Devon vor knapp 400 Millionen Jahren, entwickelten sich die Fische
zu einer formenreichen und im Meer vorherrschenden Tiersippe.
So überaus vielgestaltig war damals das Spektrum von Fischarten,
dass man das Devon auch als «Zeitalter der Fische»
bezeichnet.
Schon der griechische Philosoph und Naturhistoriker
Aristoteles (384-322 v.Chr.) unterteilte die Fische aufgrund
ihres Skeletts in Knochenfische und Knorpelfische, und noch heute
hat diese Gliederung der ungefähr 25 000 uns bekannten Fischarten
Gültigkeit. Die Klasse der Knochenfische (Osteichthyes)
umfasst sämtliche Fische, deren Körper von jenem kalkhaltigen
Hartgewebe gestützt wird, das wir «Knochen»
nennen. Der Klasse der Knorpelfische (Chondrichthyes) gehören
dagegen alle Fische an, deren Skelett aus elastischer, halbdurchsichtiger,
mit Bindegewebsfasern durchsetzter Substanz, sogenanntem «Knorpel»,
besteht.
Die Knorpelfische setzen sich zur Hauptsache aus den
Haien (Ordnung Selachii) und den Rochen (Ordnung Rajiformes)
zusammen. Da sich Knorpelmaterial im Gegensatz zu Knochensubstanz
in der Natur rasch zersetzt, sind Fossilfunde von Knorpelfischen
überaus selten. Entsprechend mager ist unser Wissen über
die Stammesgeschichte dieser Tiersippe. Die Ahnen der heutigen
Haie scheinen aber um die Mitte des Devons, vor rund 350 Millionen
Jahren, entstanden zu sein. Als Seitenzweig der Haiverwandtschaft
sind die Rochen spezialisierte Abkömmlinge der Haie und
wesentlich jünger als diese. Sie haben sich wahrscheinlich
erst im Trias, vor rund 190 Millionen Jahren, herausgebildet
- etwa zu der Zeit, als auf dem Land bereits die ersten Säuger
auftraten.
Alte Schuhe und Plastikbojen im Magen
Trotz seiner enormen Körpergrösse blieb
der Walhai der westlichen Wissenschaft lange verborgen. Erst
1828 erfolgte die erste detaillierte Beschreibung des mächtigen
Meeresbewohners, und 1829 erhielt er seinen wissenschaftlichen
Namen Rhincodon typus. Da sich der Walhai in einigen wichtigen
Körpermerkmalen deutlich vom Rest der Haiverwandschaft unterscheidet,
wird er heute in eine eigene Familie namens Rhincodontidae gestellt.
Unser Wissen über das Leben des Walhais ist ziemlich
mager, und die wenigen zuverlässigen Informationen, die
wir besitzen, verdanken wir zur Hauptsache einem einzigen Mann:
E.W. Gudger vom Amerikanischen Museum für Naturgeschichte.
In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts hatte er sich
intensiv mit dieser Fischart befasst, 47 wissenschaftliche Arbeiten
über sie veröffentlicht und sein Büro in ein Walhai-Dokumentationszentrum
verwandelt.
Gemäss der von Gudger gesammelten Informationen
ist der Walhai ein echter Hochseebewohner. Er kommt in allen
Weltmeeren vor, hält sich vorzugsweise in den warmen Gewässern
der tropischen Breiten auf und verlässt diese höchstens
dort, wo warme Meeresströmungen weiter nach Norden oder
Süden fliessen, wie dies etwa bei den japanischen Inseln
oder beim südlichen Afrika der Fall ist.
Hinsichtlich seiner Ernährungsweise unterscheidet
sich der Walhai deutlich von der Mehrzahl seiner Vettern: Während
die meisten Haie angriffslustige Unterwasserjäger sind,
ernährt er sich hauptsächlich von Zooplankton, also
jenen Wolken von Ruderfusskrebschen und anderen tierlichen Kleinstlebewesen,
welche ohne nennenswerte Eigenbewegung frei im Wasser schweben.
Als Anpassung an die Nutzung dieser Futterquelle besitzt
der Walhai einen sehr breiten Kopf mit einer besonders grossen,
«endständigen» Mundöffnung. Die Zähne
sind stark rückgebildet und für die Ernährung
nicht mehr von Bedeutung. Eine wichtige Funktion hat dagegen
der ungewöhnlich gebaute Kiemenkorb übernommen: Die
knorpeligen Kiemenbögen weisen zahlreiche, dichtstehende
Querverbindungen auf und sind mit einem schwammartigen Gewebe
überzogen. So bildet der Kiemenkorb eine Art Netz mit einer
Maschengrösse von nur zwei bis drei Millimetern. Zur Nahrungsgewinnung
saugt der Walhai beim Schwimmen planktonhaltiges Wasser durch
den Mund ein und presst es dann durch seinen «Kiemenfilter»
wieder hinaus. Selbst die winzigsten Organismen werden bei diesem
Vorgang unweigerlich im Kiemenkorb zurückgehalten und gelangen
anschliessend in den Verdauungstrakt.
Untersuchungen von Mageninhalten haben gezeigt, dass
der Walhai neben Zooplankton auch kleinere Fische und Tintenfische
erbeutet, welche in den Sog seines riesigen Mundes geraten. Und
da er oft unmittelbar unter der Wasseroberfläche auf Nahrungssuche
geht, fallen ihm auch recht häufig alte Schuhe, Holzstücke,
Plastikbojen und andere Abfälle des Menschen «zum
Opfer».
Gerne vergesellschaftet sich der Walhai im übrigen
mit kopfstarken Schwärmen teils planktonfressender, teils
auch räuberischer Hochseefische. Warum er das tut, ist nicht
geklärt. Das Verhalten ist aber so typisch, dass beispielsweise
die Fischer im Golf von Guinea Ausschau nach dem mächtigen
Hai halten, um gute Fischgründe ausfindig zu machen. Anderenorts,
so etwa im Bereich der Malaiischen Halbinsel, gehen die Fischer
dem Walhai hingegen möglichst aus dem Weg, da sich der «Koloss»
oft in ihren Netzen verstrickt und dabei grossen Schaden anrichtet.
Gezielter Walhaifang ist selten
Wie bei den meisten Grosstieren scheint die Populationsdichte
der Walhaie von Natur aus sehr gering zu sein. Dieser Seltenheit
wegen, aber auch zufolge ihrer «unhandlichen» Körpergrösse,
wird der Fang von Walhaien gewöhnlich nicht auf kommerzieller
Basis betrieben. Eine Ausnahme hierin bilden einzig jene paar
pakistanischen und indischen Küstenfischer, welche im Arabischen
Meer gezielt nach Riesenhaien Ausschau halten. Ihre jährliche
Fangbilanz ist allerdings unerheblich, weshalb sie sich die meiste
Zeit anderer Beute widmen. Entdecken sie aber einen der grossen
Knorpelfische, so machen sie gezielt Jagd auf ihn, erlegen ihn
von ihren Booten aus mit Harpunen und fahren dann mit dem Tier
im Schlepptau an die Küste zurück, um es dort zu verwerten.
Das Fleisch des Walhais wird in der Küche für verschiedenerlei
Speisen verwendet. Die Flossen dienen als Suppenbeilage. Und
die Haut lässt sich entweder zu einem zähen Leder gerben
oder zum sogenannten «Chagrinleder», einem fein schleifenden
Poliertuch, verarbeiten.
Einigermassen seriöse Aussagen bezüglich
der Grösse des Walhai-Weltbestands und einer etwaigen Entwicklung
desselben sind nicht möglich; das lässt die allzu dürftige
Informationslage vorderhand nicht zu. Zwar scheint die Häufigkeit
der Walhaisichtungen gegenüber früher zurückgegangen
zu sein, und dies könnte auf eine Abnahme der Bestände
hindeuten. Es wäre allerdings auch möglich, dass Begegnungen
mit Walhaien heute einfach weniger Aufsehen erregen als früher
und dass deshalb seltener darüber berichtet wird.
In Fachkreisen wird ein - möglicherweise massiver
- Bestandsrückgang jedoch nicht ausgeschlossen. Denn von
der immer intensiver und mit immer raffinierterer Technik betriebenen
Hochseefischerei geht zweifellos eine ernsthafte Gefahr für
die Walhaie aus. Da sich die grossen Fische gerne im oberflächennahen
Wasser und ausserdem in fischreichen Gebieten aufhalten, geraten
sie verhältnismässig häufig als «Beifang»
in die ausgelegten Netze. Zuverlässige Zahlen hierzu sind
aber einzig für zwei taiwanische Fischereien erhältlich,
deren Fangflotten jährlich 60 bis 100 Walhaie zum Opfer
fallen.
Um genügend Informationen über die Bestandssituation
des Walhais einerseits und seine Lebensgewohnheiten andererseits
zu beschaffen, wäre ein internationales Forschungsprogramm
dringend notwendig. Erst danach könnte man, würde sich
eine Gefährdung der Art abzeichnen, wirksame Massnahmen
zur Sicherung des Fortbestands dieses weltweit grössten
Fisches treffen. Wegen des Lebens des Walhais auf hoher See wäre
eine solche Studie allerdings sehr kostenaufwendig - und dürfte
daher noch lange auf sich warten lassen.
Ein «teuflischer» Rochen
Innerhalb der Ordnung der Rochen gehört der Riesenmanta
(Manta birostris) zur Familie Mobulidae, welche insgesamt
zehn Mitglieder umfasst. Mit einer Flügelspannweite von
bis zu sieben Metern ist der Riesenmanta der imposanteste von
ihnen. Auf Platz 2 der «Rangliste» folgt der Alfred-Riesenmanta
(Manta alfredi), der nur geringfügig kleiner ist.
Die restlichen Mitglieder der Familie, so zum Beispiel der Westatlantische
Manta (Mobula hypostoma), sind deutlich kleiner und messen
in der Breite gewöhnlich weniger als zwei Meter.
Der Riesenmanta ist wie der Walhai zur Hauptsache
in den warmen tropischen Zonen der Weltmeere zu Hause. Dort hält
er sich aber vorzugsweise nicht auf offener See, sondern in küstennahen
Gewässern auf und besucht im Pazifik mitunter sogar die
Lagunen grösserer Atolle.
Häufig wird der Riesenmanta auch als «Teufelsrochen»
bezeichnet. Wie er zu diesem nicht besonders schmeichelhaften
Namen kam, lässt sich nur vermuten: An seinem Kopf weist
der mächtige Rochen zwei lappenartige Gebilde, sogenannte
«Kopfflossen», auf, welche phantasievolle Beobachter
früherer Zeiten möglicherweise an die Hörner des
Teufels erinnerten wobei sein runder peitschenartiger Schwanz,
sein schwarzer «Frack» und seine flügelartigen
Brustflossen, mit denen er geisterhaft durchs Wasser «fliegt»,
natürlich bestens ins «teuflische» Bild passten.
All dies dürfte letztlich zu den vielen gruseligen Geschichten
über menschenmordende «Teufelsrochen» geführt
haben, welche sich die Seeleute des 18. und 19. Jahrhunderts
erzählten. So würden Riesenmantas gelegentlich Boote
an der Ankerkette fassen, auf hohe See ziehen und dort mitsamt
der Mannschaft versenken. Oder sie würden absichtlich durch
gezielte Luftsprünge Boote zum Kentern bringen. Vielleicht
gingen diese Geschichten auf tatsächliche Unglücksfälle
zurück; möglicherweise entbehrten sie aber auch jeglicher
Grundlage und waren reines «Seemannsgarn». Verbürgte
Berichte neueren Datums über «teuflisches» Verhalten
von Riesenmantas liegen jedenfalls keine vor; die grossen Rochen
sind für den Menschen völlig harmlos.
Akrobaten der Meere
Rochen sind, wie einleitend bereits erwähnt,
spezialisierte Abkömmlinge der Haiverwandtschaft. Sie haben
sich an ein Leben auf dem Meeresboden angepasst und ernähren
sich dort hauptsächlich von Krebsen, Schnecken und anderen
wirbellosen Meerestieren. Als Antriebsorgan dient ihnen nicht
mehr die Schwanzflosse, sondern es kommen die beiden Brus flossen
zum Einsatz, welche zu diesem Zweck stark vergrössert sind.
Nicht immer ist die Technik der Fortbewegung allerdings dieselbe:
Während die meisten Rochen vermittels wellenförmiger
Bewegungen ihrer Brustflossen ruhig durchs Wasser gleiten, schlagen
die Mantas, die sich nachträglich wieder an das Leben im
offenen Wasser angepasst haben, mit ihren Brustflossen wie mit
grossen Flügeln und vermögen dadurch rasch und wendig
zu schwimmen.
Auch hinsichtlich ihrer Ernährung unterscheiden
sich die Mantas von den übrigen Rochen: Wie der Walhai ernähren
sie sich von tierlichem Plankton, und wie bei jenem werden auch
bei ihnen diese Kleinstlebewesen durch die zu einem Seihsieb
umgestalteten Kiemen aus dem Wasserstrom herausgefiltert, der
beim Schwimmen durch den Mund ein- und durch die Kiemenspalten
ausfliesst. Die sehr beweglichen «Hörner» der
Mantas spielen dabei eine wichtige Rolle: Sie lenken die planktonhaltigen
Wassermassen zum Mund. Einige Taucher, unter ihnen der bekannte
österreichische Zoologe und Pionier der Unterwasserfotografie
Hans Hass, konnten im übrigen beobachten, dass Mantas manchmal
auch kleine Schwarmfische überfallen.
Mantas sind bei Tauchern für ihre akrobatischen
Bewegungsspiele unter Wasser bekannt: Ohne äusserlich erkennbaren
Grund schlagen sie manchmal ein Rad oder machen einen Purzelbaum.
Und gelegentlich vollführen sie auch Luftsprünge von
bis zu 1,5 Metern Höhe und lassen sich dann mit einem lauten
Knall, der wie ein Pistolenschuss klingt und zwei bis drei Kilometer
weit hörbar ist, wieder auf die Wasseroberfläche klatschen.
Man hat sich schon gefragt, ob die Tiere auf diese Weise lästige
Parasiten loszuwerden versuchen. Möglicherweise steht das
Verhalten aber auch im Dienst der Kontaktaufnahme mit Artgenossen
auf Distanz.
Vielerorts wird das Fleisch der Riesenmantas gern
verspeist und deshalb werden die grossen Rochen in einigen Bereichen
ihres Verbreitungsgebiets kräftig bejagt, wobei meistens
Harpunen eingesetzt werden. In einigen Gebieten des Pazifiks
werden die Riesenmantas aber auch aufgrund tradierter, religiös
gefärbter Gebote («Tabus») in Ruhe gelassen.
Unter anderem heisst es, dass diejenigen, welche Mantafleisch
zu sich nähmen, einen Pakt mit dem Teufel eingingen.
Wie beim Walhai ist über die Grösse und
Entwicklung der Riesenmantabestände kaum etwas bekannt.
Das einzige, was wir sicher wissen, ist, dass die Tiere überall
recht selten vorkommen. Ob dies aber schon immer so war oder
ob die Aktivitäten des Menschen dazu beigetragen haben,
ist unklar. Auch hierüber könnte nur ein wissenschaftliches
Forschungsprogramm Aufschluss geben. Mangels solcher Unterlagen
sind gezielte Schutzanstrengungen zugunsten der Riesenmantas
vorderhand nicht denkbar.
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