Wanderalbatros

Diomedea exulans


© 1999 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Inmitten des Südatlantiks - auf dem 37. Grad südlicher Breite und rund 2600 Kilometer vom brasilianischen Kap Frio bzw. 2400 Kilometer vom südafrikanischen Kap der Guten Hoffnung entfernt - befindet sich der aus vier kleinen Inseln und einigen Felseilanden bestehende Archipel Tristan da Cunha. Mit einer Fläche von 104 Quadratkilometern ist die Insel Tristan da Cunha die grösste des gleichnamigen Archipels und beherbergt als einzige eine kleine Ortschaft mit ungefähr 300 Einwohnern. Bei den anderen drei Inseln handelt es sich einerseits um Inaccessible (10 km2) und Nightingale (2 km2), andererseits um Gough (97 km2), wo sich eine bemannte Wetterstation befindet. 1816 war die Tristan da Cunha-Inselgruppe durch die Briten annektiert worden und ist seither ein britisches Aussenterritorium.

Während sich die drei Inseln Tristan da Cunha, Inaccessible und Nightingale in relativer Nähe voneinander befinden, ragt die Insel Gough rund 350 Kilometer weiter südlich völlig isoliert aus den Fluten des Südatlantiks auf. Sie gilt als eine der weltweit bedeutsamsten Brutinseln für Meeresvögel, steht deshalb seit 1976 als Naturreservat unter striktem Schutz und wurde anfangs der Neunzigerjahre in die UNESCO-Liste der Weltnaturdenkmäler aufgenommen. Gough ist nicht zuletzt für einen der grössten flugfähigen Vögel der Welt ein sehr wichtiger Stützpunkt, nämlich für den Wanderalbatros (Diomedea exulans), von dem auf diesen Seiten die Rede sein soll.

 

Bis 3,5 Meter Spannweite

Gough liegt im Bereich der «Brüllenden Vierziger", wie in der Seemannssprache die von starken Winden geprägten mittleren Breiten der Südhalbkugel genannt werden. Das Klima ist das ganze Jahr über recht kühl, sehr niederschlagsreich und ausgesprochen windig.

Wie die anderen südatlantischen Inseln ist Gough vulkanischen Ursprungs. Steile Felsklippen bilden den Grossteil der Inselküste; im Inselinnern findet sich eine hügelige Hochebene, die am höchsten Punkt etwa 900 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Die Vegetation besteht vielerorts aus einem dichten, vor allem aus Moosen und Flechten zusammengesetzten und stets wassergetränkten Pflanzenpolster, aus welchem Farnwedel, Riedgräser und andere kleinwüchsige Pflanzen aufragen. Gebietsweise findet sich auch Büschelgrasland.

Die Fauna des abgeschiedenen Felseneilands ist - wenig überraschend - ziemlich artenarm. Zwar vermag der aufmerksame Beobachter in der niedrigwüchsigen Pflanzendecke diverse wirbellose Tiere auszumachen, darunter Käfer, Fliegen und Springschwänze. Hingegen ist bislang weder Amphibien noch Reptilien oder Landsäugetieren aus eigener Kraft die gefährliche und entbehrungsreiche Ozeanüberquerung vom afrikanischen oder südamerikanischen Festland her zur Insel Gough gelungen. Und auch für landlebende Vögel stellen mehr als 2000 Kilometer offenes Meer natürlich eine schier unüberwindliche Barriere dar. Immerhin zwei Landvogelarten haben das Kunststück gleichwohl fertig gebracht: das Gough-Teichhuhn (Gallinula comeri) und die Gough-Ammer (Rowettia goughensis).

Gewissermassen «kompensiert» wird diese Armut an Landtieren durch einen überwältigenden Reichtum an Meeresvögeln: Abermillionen von ihnen dient Gough als wichtige «Niederlassung» im Südatlantik. 52 verschiedene Arten sind zumindest saisonal hier anzutreffen; 20 von ihnen brüten regelmässig auf der einsamen Insel. Die häufigste Meeresvogelart ist der Grosse Sturmtaucher (Puffinus gravis), dessen örtliche Population auf mindestens drei Millionen Paare geschätzt wird. Die spektakulärste ist aber unbestritten der Wanderalbatros: Mit einer Flügelspannweite von durchschnittlich 320 Zentimetern, einer Länge um 125 Zentimeter und einem Gewicht von gewöhnlich 7 bis 10 Kilogramm ist der Wanderalbatros nicht nur das grösste Mitglied seiner aus 14 Arten bestehenden Familie (Diomedeidae), sondern überhaupt einer der grössten und schwersten flugfähigen Vögel unseres Planeten.

 

Nächtliche Jagd auf Tintenfische

Wie die meisten Albatrosse hält sich der Wanderalbatros ganzjährig im Gürtel starker ozeanischer Luftströmungen zwischen der Antarktis im Süden und den Südspitzen Amerikas, Afrikas und Australiens im Norden auf. Seine Brutplätze befinden sich - rund um den Erdball herum - auf einer ganzen Reihe kleiner Inseln, die sich ähnlich weit südlich befinden wie Gough.

Ausserhalb der Brutzeit sucht der Wanderalbatros monatelang fernab seiner Brutinseln die unendliche Weite der südlichen Ozeane nach Nahrung ab. Tintenfische bilden seine Hauptspeise, daneben verzehrt er auch Krebstiere und kleine Fische. Ferner nimmt er tote Tiere, die an der Oberfläche treiben. Und er folgt häufig während Stunden oder gar Tagen Grosswalen oder Schiffen, um deren Speisereste bzw. Bordabfälle aufzunehmen.

Vorwiegend ergreift der Wanderalbatros seine Beutetiere schwimmend von der Wasseroberfläche aus. Im Gegensatz zu den anderen gross gewachsenen Albatrossen stürzt er sich mitunter aber auch aus der Luft auf seine Beutetiere hinunter und taucht dabei für einen kurzen Augenblick vollständig ins Wasser ein. Vielfach jagt er im übrigen nachts, denn dann steigen Tintenfische und andere Meerestiere aus der Tiefe nach oben, um nach Nahrung zu suchen.

 

Albatrosse sind dynamische Segelflieger

Die Albatrosse sind - wie die Störche, die Geier, die Adler und die meisten anderen grossen Vögel, welche einen Grossteil ihrer Zeit in der Luft verbringen - begnadete Segelflieger. Sie beanspruchen also in aller Regel nicht ihre Muskelkraft, um flügelschlagend vorwärts zu kommen, sondern sie halten ihre Flügel starr ausgebreitet und gewinnen die für die Fortbewegung benötigte Energie aus den Bewegungen der Luft.

Allerdings bedienen sich die meerlebenden Albatrosse einer anderen Segelflugtechnik als ihre landlebenden Verwandten. Störche, Geier usw. nutzen beim Segelflug Wärmeaufwinde, die sich am Tag über besonntem Offenland bilden. Sie lassen sich von einer «Thermik» in Schrauben hochtragen, gleiten dann zur nächsten, wo sie erneut an Höhe gewinnen, um dann zur übernächsten zu gelangen, und so fort. Wärmeaufwinde entwickeln sich allerdings nicht über Meeren und anderen grösseren Wasserflächen. Albatrosse und andere segelfliegende Meeresvögel stützen sich stattdessen auf die Winde ab, welche horizontal über das Meer streichen und im Bereich der Meeresoberfläche durch das Wellenrelief vertikal abgelenkt werden. Sie lassen sich vom Aufwind, der von einem Wellental her nach oben über einen Wellenkamm strömt, zehn bis fünfzehn Meter hoch anheben. Dann gleiten sie schräg nach unten zum nächsten Wellenkamm, wo sie erneut Auftrieb erhalten, und so weiter. Auf diese Weise können sie praktisch endlos in elegantem, scheinbar schwerelosem Segelflug über das Meer ziehen...

...vorausgesetzt, es weht überhaupt ein Wind. Bei Windstille funktioniert die als «dynamischer Segelflug» bezeichnete Segelflugtechnik der Albatrosse nämlich nicht. Und da ihre Muskelkraft höchstens kurzfristig ausreicht, um den schweren Körper flügelschlagend in der Luft zu halten, sind sie bei Flaute gezwungen, sich auf dem Meer niederzulassen, zu ruhen und auf bessere Windverhältnisse zu warten. Im Bereich der «Brüllenden Vierziger» ist dies jedoch kaum je der Fall, was die Vorliebe der grossen Meeresvögel für diese südlichen Breiten verständlich macht.

 

Dreizehnmonatiger Brutzyklus

Festhalten am Ehepartner und am Nistplatz ist bei den Wanderalbatrossen die Regel. Die Bildung eines Paarbunds zwischen jungerwachsenen Individuen dauert mehrere Wochen lang und ist von spektakulären Balzritualen begleitet, zu denen Schreittänze, Schnabelfechten, Verbeugungen und noch manches mehr gehört. Eine solcherart geschlossene «Ehe» dauert gewöhnlich bis zum Tod eines der beiden Partner. Trennungen erfolgen höchstens nach mehreren Misserfolgen bei der Brut.

Im Gegensatz zu vielen anderen Meeresvögeln bauen die Wanderalbatrosse ein beachtliches Nest: einen kegelförmigen, bis neunzig Zentimeter hohen Nisthügel aus festgetretener Erde, welcher oben eine mit Federn und Gräsern ausgepolsterte Nestmulde aufweist. So ist das Ei bzw. der Nestling vor der stets hohen Bodenfeuchtigkeit gut geschützt.

Zu Beginn der Fortpflanzungsperiode trifft das Männchen gewöhnlich als erstes am Brutplatz ein und beginnt sogleich, das «angestammte» Nest instand zu setzen. Eine oder zwei Wochen später trifft auch das Weibchen am Brutplatz ein. Es folgt ein ausgedehntes Begrüssungsritual zwischen den beiden Partnern und alsbald die Paarung. Danach begeben sie sich nochmals für ein paar Tage auf das Meer, um gut genährt das bevorstehende, anstrengende Brutgeschäft angehen zu können.

Nach der Rückkehr des Paars zum Nest legt das Weibchen ein einzelnes Ei - und fliegt gleich wieder in Richtung Meer davon, so dass zwangsläufig dem Männchen die erste Schicht des Bebrütens zufällt. Diese dauert zwei bis drei Wochen, während denen das Männchen weder isst noch trinkt. Danach erst wird es vom Weibchen abgelöst, das nun die zweite, ebenso lange Schicht übernimmt.

Nach einer Bebrütungszeit von etwa elf Wochen schlüpft das Junge aus dem Ei und wird in der Folge von beiden Eltern abwechselnd gehudert und betreut, bis es im Alter von etwa fünf Wochen deren Gefiederwärme nicht mehr benötigt. Danach kehren die Altvögel wieder auf das Meer zurück und suchen ihr Junges nur noch unregelmässig zu kurzen Besuchen auf, um es mit einer Mischung aus vorverdauten Meerestieren und lipoidreichem «Magenöl» - einer speziellen Abscheidung der Magenwand - zu füttern.

Durchschnittlich neun Monate und eine Woche dauert die Aufzuchtzeit des Jungvogels. Dann erst ist sein Gefieder vollständig ausgebildet. Eines Tages, wenn seine Eltern abwesend sind, fliegt er schliesslich auf das Meer hinaus und sorgt von da an für sich selbst. Der gesamte Brutzyklus dauert also - vom Eintreffen des Paars am Nistplatz bis zum Ausfliegen des Jungvogels - ungefähr dreizehn Monate. Infolge dieser ausgedehnten Aufzuchtzeit brüten die grossen Albatrosse nur alle zwei Jahre.

Nachdem die jungen Wanderalbatrosse ihre Geburtsinsel verlassen haben, umrunden sie - genauso wie die erwachsenen Vögel - in westlicher Richtung, den vorherrschenden Winden entgegen, den Erdball. Sie verbringen mehrere Jahre auf dem offenen Meer, und obwohl sie schon im dritten oder vierten Lebensjahr fortpflanzungsfähig werden, kehren sie erst im Alter von neun bis elf Jahren zu der Insel zurück, auf der sie zur Welt kamen, um nach einem Partner Ausschau zu halten und sich ihrerseits der Fortpflanzung zu widmen.

Dass eine solch lange Jugendphase biologisch «tragbar» ist, hängt damit zusammen, dass Wanderalbatrosse sehr langlebige Vögel sind: Sie haben eine mittlere Lebenserwartung von dreissig bis vierzig Jahren und können ein Höchstalter von etwa achtzig Jahren erreichen. Es bleibt den Jungvögeln also noch reichlich Zeit, um für eigenen Nachwuchs - und so für die Arterhaltung - zu sorgen.

 

Gefahr durch Langleinen

Ursprünglich waren die Brutkolonien der Wanderalbatrosse durch ihre Lage auf entlegenen ozeanischen Inseln und das dortige Fehlen natürlicher Feinde gut geschützt gewesen. Mit der Entwicklung der Seefahrt kamen aber schliesslich Menschen auf ihre Brutinseln - und von da an war es mit der Ruhe und Ungestörtheit vorbei.

Viele der frühen Seefahrer sammelten die Eier der Albatrosse ein, andere stellten den grossen Vögeln auch direkt nach, um etwas Abwechslung in den einförmigen Speiseplan während ihrer mehrmonatigen Seereisen zu bringen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde dann zusätzlich Jagd auf die Albatrosse an ihren Brutplätzen gemacht, um die enorme Nachfrage nach Vogelfedern für die damalige Damenmode zu stillen. Hunderttausende der eleganten Vögel mussten seinerzeit ihr Leben lassen.

Die Zeiten der direkten Verfolgung der Albatrosse durch den Menschen sind erfreulicherweise vorbei. In jüngerer Zeit werden die Meeresvögel jedoch immer stärker durch den masslosen Fischfang in den südlichen Bereichen des Atlantischen, Indischen und Pazifischen Ozeans beeinträchtigt. Zum einen schmälern die Fischfangflotten vieler Nationen durch die Übernutzung der Fisch-, Tintenfisch- und Krillbestände zunehmend die Nahrungsgrundlage der Vögel, zum anderen erhöht die immer häufigere Verwendung von Langleinen beim Fang von Thunfischen ihre Unfallhäufigkeit massiv. Bei dieser Fangmethode werden mehrere hundert Meter lange, mit beköderten Haken versehene und durch Gewichte beschwerte Leinen hinter Booten hergezogen. Albatrosse, die solchen Fischerbooten in der Hoffnung auf Bordabfälle folgen, schnappen nach dem Auswerfen der Leinen nach den beköderten Haken, bevor diese abgesunken sind und werden jämmerlich ertränkt.

Wo die Brutbestände des Wanderalbatros überwacht werden, so auf dem britischen Südgeorgien und auf den französischen Crozetinseln, sind diese in den letzten dreissig Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Als Hauptursache hierfür wird der Einsatz von Thunfisch-Langleinen vermutet.

Der Wanderalbatros wird heute von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als in seinem Fortbestand gefährdet eingestuft. Sein Weltbestand ist auf 15 000 bis 20 000 Brutpaare geschrumpft. Davon sind rund 3000 auf Gough heimisch. Gough steht - wie eingangs erwähnt - unter striktem Naturschutz, und die britischen Behörden sind bestrebt, eine Invasion von Ratten oder anderen Raubsäugern auf Gough mit allen Mitteln zu verhindern. So darf kein Mensch ohne Genehmigung landen, und Boote dürfen keine an der Küste anlegen. Die Besatzung der örtlichen Wetterstation erreicht und verlässt die Insel jeweils durch die Luft: Hubschrauber bringen sie vom Schiff zur Insel und zurück.

Diese umsichtigen Schutzvorkehrungen vermögen zwar die Wanderalbatrosse - und mit ihnen all die anderen auf Gough zur Brut schreitenden Meeresvögel - nicht zu schützen, so lange sie über die Weltmeere streifen. Zumindest wird aber gewährleistet, dass sie hier ihre Jungen in Frieden aufziehen können.




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