Wanderfalke

Falco peregrinus


© 2001 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Wanderfalke (Falco peregrinus) gehört zu den am weitesten verbreiteten Vogelarten der Erde. Man findet ihn in Europa, in Nord- und Südamerika, in Asien sowie in Afrika und Australien. Einzig öde Wüsten-, Gebirgs- und Polarregionen, abgeschiedene Eilande und dichte tropische Regenwälder hat er nicht zu besiedeln vermocht.

Von alters her ist der Wanderfalke auch auf den Kanalinseln heimisch, jenen zwar der britischen Krone zugehörigen, jedoch nicht der britischen Regierung unterstehenden Inselchen, welche vor der Küste der Normandie im Ärmelkanal liegen. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts starb er dort zwar aus Gründen, die noch zur Sprache kommen werden, aus. Erfreulicherweise ist er aber im letzten Jahrzehnt wieder dahin zurückgekehrt. So auch auf die Insel Alderney, welche die vorliegenden Briefmarken verausgabt. Das oval geformte Eiland ist etwa 5,6 Kilometer lang, maximal zwei Kilometer breit und weist eine Fläche von ungefähr 15 Quadratkilometern auf. Seine westlichen zwei Drittel bestehen aus einem bis zu 90 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Plateau, welches im Westen und Süden von jäh ins Wasser abfallenden Granitklippen begrenzt wird. In letzteren findet der Wanderfalke ideale Brutplätze.

Der Name «Wanderfalke» trifft übrigens nur auf die in hochnordischen Regionen heimischen Vögel zu, denn nur sie wandern allherbstlich von ihren frostigen Brutgebieten in tropische Winterquartiere ­ manchmal mehr als 10 000 Kilometer weit. Die in gemässigten und subtropischen Breiten lebenden Wanderfalken sind hingegen mehr oder weniger «Standfalken».

 

Er bejagt fliegende Vögel

Der Wanderfalke ist eines von 63 Mitgliedern der Falkenfamilie (Falconidae). Männchen und Weibchen sind fast gleich gefärbt. Das Weibchen ist allerdings auf der Unterseite etwas stärker schwarz gefleckt und gebändert als das Männchen. Ausserdem ist es erheblich grösser und schwerer. Das Falkenmännchen wird deshalb auch «Terzel» («Drittel»; von lateinisch tertium) genannt, denn es ist rund ein Drittel kleiner als das Weibchen. Dieser Grössenunterschied der Geschlechter spiegelt die Aufgabenverteilung bei der Brut und der Jungenaufzucht wider: Der Terzel vermag nämlich dank seiner grösseren Wendigkeit allein für die Ernährung der ganzen Familie zu sorgen, während das kräftigere Weibchen die Bewachung des Geleges und später der Nestlinge übernimmt.

Die Körpergrösse des Wanderfalken ist innerhalb des weiten Artverbreitungsgebiets erheblichen geografischen Schwankungen unterworfen. In Mitteleuropa weisen die erwachsenen Weibchen aber gewöhnlich eine Gesamtlänge von 43 bis 48 Zentimetern, eine Flügelspannweite von rund einem Meter und ein Gewicht von gut einem Kilogramm auf. Die erwachsenen Männchen sind demgegenüber 38 bis 43 Zentimeter lang, haben eine Flügelspannweite von etwa 85 Zentimetern und wiegen knapp 700 Gramm.

Hinsichtlich seiner Kost kann man den Wanderfalken einerseits als Spezialisten bezeichnen, denn er stellt praktisch ausschliesslich fliegenden Vögeln nach. Andererseits ist er ein Generalist: Es gibt nur wenige Vögel, die nicht auf seinem Speiseplan stehen. Allein im Bereich der Britischen Inseln sind 140 Vogelarten verzeichnet, die ihm nachweislich schon zum Opfer gefallen sind. Nur die allergrössten Vogelarten wie Schwäne und Adler sind vor seinem Angriff ­ genauer vor dem des Wanderfalkenweibchens ­ gefeit. Letzteres vermag nämlich selbst mehrere Kilo schwere Vögel wie Weisswangengänse (Branta leucopsis) und Auerhühner (Tetrao urogallus) zu schlagen.

Die bevorzugte Beute sowohl des Wanderfalkenweibchens als auch des -männchens besteht im allgemeinen jedoch aus mittelgrossen Vögeln mit einem Gewicht zwischen 50 und 500 Gramm. In Mitteleuropa stellen Tauben die häufigsten Beutetiere dar, gefolgt von Staren, Drosseln, Krähen, Lerchen, Buchfinken und anderen.

 

Schnellstes Lebewesen unseres Planeten

Anhand seiner schlanken, sichelförmigen Schwingen lässt sich gut erkennen, dass der Wanderfalke kein gemächlicher Segler, sondern ein rasanter Sprinter ist. Im normalen Streckenflug beträgt seine Geschwindigkeit zwar «nur» ungefähr 50 bis 60 Kilometer je Stunde, doch schon beim in grösserer Höhe durchgeführten Spähflug erreicht er mühelos 100 Kilometer je Stunde. Und stösst er dann in einem Winkel von etwa 45 Grad auf einen Beutevogel nieder, so beschleunigt er mit ein paar zackigen Flügelschlägen seinen stromlinienförmigen Körper auf ein geradezu atemberaubendes Tempo. Bei einem Wanderfalken, der einst auf dem Kölner Dom überwinterte und von dort aus Tauben jagte, konnte man die Geschwindigkeiten beim Steilstoss recht genau messen: Es waren siebzig bis neunzig Meter in der Sekunde, das entspricht 250 bis 320 Kilometern in der Stunde. Damit gilt der Wanderfalke als das schnellste Lebewesen unseres Planeten.

Das ahnungslose Opfer wird in den meisten Fällen von hinten oben wie vom Blitz getroffen. Wegen der unterschiedlichen Geschwindigkeit kann der Wanderfalke seinen Beutevogel nicht wirklich ergreifen. Er versetzt ihm bloss einen massiven Stoss, verwundet ihn im Drüberhinweggleiten fatal mit den Krallen seiner Hinterzehen und bringt ihn so zum Absturz. In der Folge bremst der Jäger aufsteigend seine eigene Geschwindigkeit ab und fliegt schliesslich dem toten oder zumindest schwer verletzten, im freien Fall befindlichen Vogel hinterher. Eher selten fällt letzterer zu Boden; gewöhnlich gelingt es dem Wanderfalken, ihn noch in der Luft zu packen. Er trägt ihn daraufhin an einen sicheren Platz, um ihn dort in Ruhe zu verspeisen.

Die beschriebene Spähflug-Steilstoss-Jagdweise ist zwar gewiss die spektakulärste des Wanderfalken, jedoch nicht seine einzige. In vielen Fällen hält der schneidige Jäger auch von einer Klippe, einem Turm, einem Baum oder einer anderen günstigen Warte Ausschau nach Beute. Hat er ein mögliches Opfer erspäht, so fliegt er ihm in grossem Tempo hinterher, packt es mit seinen krallenbewehrten Füssen und tötet es schliesslich nach dem Landen mit einem gezielten Biss ins Genick.

 

Kinderstube in Felswänden

Als Brutplatz wählt das Wanderfalkenpaar in den meisten Bereichen seines Verbreitungsgebiets Nischen in steilen, unzugänglichen Felswänden. Dort baut es jedoch keinen eigentlichen Horst, denn wie bei allen Falkenarten fehlt ihm der Nestbautrieb vollständig. Das Weibchen scharrt lediglich im lockeren Bodenmaterial eine flache Mulde aus, in die es dann seine Eier legt. Manchmal eignet sich das Paar auch das Nest eines anderen im Fels nistenden Vogels an. Verwendung finden zum Beispiel die Nester von Kolkraben (Corvus corax), Schwarzstörchen (Ciconia nigra), Seeadlern (Haliaeetus albicilla) und Bartgeiern (Gyps barbatus). Nur in der Region zwischen Norddeutschland und dem Baltikum brüten die Wanderfalken auch auf Bäumen. Sie beziehen dort alte Horste beispielsweise von Graureihern (Ardea cinerea) oder Fischadlern (Pandion haliaetus). Nicht selten schreiten Wanderfalken heute auch an hohen Gebäuden -­ Kirchen, Hochhäusern, Kraftwerken, Burgen ­ zur Brut, manchmal sogar mitten in Grossstädten. Berühmt war beispielsweise jenes Wanderfalkenpaar, welches von 1936 bis 1952 auf dem Sun Life Building in Montreal (Kanada) seine Jungen aufzog.

Im allgemeinen bleibt jedes Weibchen seinem Nistplatz ein Leben lang treu. Auch die Männchen kehren gewöhnlich Jahr für Jahr zum selben Nistplatz zurück. Es scheint diese Treue zum Nistplatz ­ und nicht die zum Partner ­ zu sein, welche dazu führt, dass die meisten Wanderfalkenpaare während Jahren gemeinsam zur Brut schreiten.

Das Wanderfalkenweibchen beginnt in Mitteleuropa gewöhnlich Anfang April mit dem Ablegen seiner zumeist drei bis vier rotbraun gewölkten Eier. Das Bebrüten dauert 28 bis 33 Tage und wird vor allem vom Weibchen, zwischendurch aber auch vom Männchen besorgt.

Die Jungen schlüpfen mit geschlossenen Augen und tragen zunächst ein weisses Daunenkleid. Ihre Augen öffnen sich nach vier bis fünf Tagen. Das Männchen trägt seiner Familie ständig Futter zu, während das Weibchen rund um die Uhr das Nest bewacht und die Jungen betreut. Im Alter von ungefähr vier Wochen spriesst den Nestlingen das beige und braun gefärbte Jugendgefieder, und nach weiteren ein bis zwei Wochen sind sie bereit für ihren ersten Flug.

Sobald die Jungen flugfähig sind, geht auch das Weibchen wieder regelmässig auf die Jagd. Zu Beginn füttern die beiden Altvögel ihren Nachwuchs weiterhin am oder beim Nistplatz, doch alsbald findet die Futterübergabe im Flug statt: Die Altvögel fliegen mit der Beute über einen der Jungvögel und lassen die Beute fallen, worauf diese vom Jungvogel mit den Füssen gefangen wird. Dies glückt anfangs nicht immer, doch nimmt die Geschicklichkeit der jungen Falken rasch zu. Bald beginnen sie, Scheinangriffe auf vorbeiziehende Vögel zu machen, und wenige Wochen später gelingt ihnen ihre erste erfolgreiche Jagd. Im Spätsommer können sie sich schliesslich selbstständig ernähren, worauf sich die Familie auflöst.

Wie praktisch alle Wildtiere unterliegen die jungen Wanderfalken einer hohen Sterblichkeit während ihres ersten Lebensjahrs. Die glücklichen Überlebenden pflanzen sich gewöhnlich im Alter von zwei Jahren erstmals fort. Ihre Lebenserwartung liegt unter natürlichen Bedingungen bei rund zwanzig Jahren.

 

Von Taubenzüchtern, Falknern und DDT

Seine ausserordentlichen jagdlichen Leistungen waren dem Wanderfalken schon früh zum Verhängnis geworden. Zum einen hatte er sich bei den Taubenzüchtern, Geflügelhaltern und Federwildjägern den Ruf eines Schädlings eingehandelt und wurde deshalb vielerorts unnachgiebig verfolgt. Zum anderen galt er von alters her unter den Falknern als besonders edler und wertvoller «Beizvogel», weshalb das Aushorsten der Jungfalken zu diesem Zweck verheerende Formen annahm. Dies führte vielerorts zu einem dermassen starken Schwund der Wanderfalkenbestände, dass die Art in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in verschiedenen europäischen Ländern unter gesetzlichen Schutz gestellt werden musste. Illegale Abschüsse und Nestplünderungen fanden zwar in einem gewissen Ausmass weiterhin statt, dennoch vermochten sich die Wanderfalkenbestände hernach zu stabilisieren, teils sogar etwas zu erholen.

Dies änderte sich gegen Ende der Fünfzigerjahre: Unvermittelt erlitten damals die Wanderfalkenbestände in vielen Bereichen Europas und Nordamerikas herbe Bestandseinbussen, die sich zunächst nicht erklären liessen. Anfang der Sechzigerjahre gelangten schliesslich ein paar umsichtige Biologen zur Überzeugung, dass Dichlordiphenyltrichloräthan (DDT) und andere chlorierte Kohlenwasserstoffe die Übeltäter waren. Diese Chemikalien wurden ungefähr ab 1955 massenweise in der Landwirtschaft als Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt. Was anfangs als ein Segen für die Lebensmittelproduktion galt, erwies sich nun als übles Problem ­ das heisst als besonders schwer abbaubare Giftstoffe, welche sich in der Nahrungskette stark anreicherten und vor allem deren Endglieder, darunter die Wanderfalken, massiv verseuchten. Besonders gravierend wirkte sich für die gefiederten Jäger aus, dass die Weibchen aufgrund der Vergiftung ihres Körpers mit diesen Chemikalien Eier mit dünnerer, zerbrechlicher Schale legten. Diese zerbrachen zumeist, bevor die Brutzeit zu Ende war, was einen miserablen Bruterfolg und einen markanten Schwund der Bestände mangels Nachwuchses zur Folge hatte.

Keiner anderen Vogelart wurde hierauf von den Wissenschaftlern, den Naturschützern und der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit zuteil wie dem Wanderfalken. Zunächst gelang es, die Regierungen der westlichen Welt davon zu überzeugen, dass DDT und einige andere Pestizide im Begriff waren, das gesamte Ökosystem, das auch dem Menschen als Lebensgrundlage dient, zu vergiften. Trotz starker Opposition seitens der chemischen Industrie und der Landwirtschaft wurde in der Folge der Einsatz dieser umweltbelastenden Stoffe weltweit massiv eingeschränkt. Ausserdem wurden in Mitteleuropa und Nordamerika alljährlich die letzten Wanderfalkennester während der Brutzeit Tag und Nacht gegen Nestplünderer bewacht.

Diese Massnahmen führten tatsächlich zum Erfolg: Einerseits ist inzwischen eine markante Bestandszunahme der Wanderfalken in jenen Gebieten zu verzeichnen, wo die Art in Restbeständen überlebt hatte. Andererseits hat eine Wiederbesiedlung von Gebieten stattgefunden, aus denen sie vollständig verschwunden war. Die «Heimkehr» des Wanderfalken auf die Kanalinsel Alderney um die Mitte der Neunzigerjahre ist ein schönes Beispiel hierfür.

Bleibt anzumerken, dass es diese Geschichte von Wanderfalke und DDT war, welche in den frühen Sechzigerjahren die Weltöffentlichkeit schlagartig darauf aufmerksam machte, dass die Umwelt offensichtlich nicht alles zu verkraften vermag, was der Mensch ihr antut. Es fand damals eine allgemeine Sensibilisierung für Umweltfragen statt, und dies mündete nicht allein in der Gründung des Welt Natur Fonds (WWF), sondern war der entscheidende Auslöser für die ganze heutige Umweltschutzbewegung.

 

 

 

Legenden

 

Beim Wanderfalken (Falco peregrinus) sind Männchen und Weibchen zwar sehr ähnlich gefärbt, doch besteht zwischen den beiden ein erheblicher Grössenunterschied: Während die Weibchen in Mitteleuropa eine Gesamtlänge von 43 bis 48 Zentimetern und ein Gewicht von gut einem Kilogramm aufweisen, sind die Männchen 38 bis 43 Zentimeter lang und wiegen knapp 700 Gramm.

Der Wanderfalke ernährt sich fast ausschliesslich von fliegenden Vögeln und gilt als einer der tüchtigsten Jäger des Luftraums. Oft stösst er aus grosser Höhe auf seine Opfer nieder und beschleunigt dabei seinen stromlinienförmigen Körper mit ein paar zackigen Flügelschlägen auf 200 bis 300 Kilometer je Stunde (links). Mittelgrosse Vögel mit einem Gewicht zwischen 50 und 500 Gramm bilden die hauptsächliche Beute des Wanderfalken. Hier hat er einen Kiebitz (Vanellus vanellus) erlegt (unten).

Nicht immer macht der Wanderfalke seine Beutetiere im hohen Spähflug aus und erjagt sie hernach im spektakulären Sturzflug. Gelegentlich hält er auch von einer günstigen Warte Ausschau nach möglichen Opfern und schiesst ihnen dann als rasanter Sprinter hinterher (oben). Nur selten macht er hingegen Jagd auf einen am Boden befindlichen Vogel (unten).

Als Brutplatz wählt das Wanderfalkenpaar im allgemeinen eine Nische in einer steilen, unzugänglichen Felswand. Während das schlankere, wendigere Männchen die ganze Familie mit Futter versorgt, bewacht und betreut das kräftigere Weibchen rund um die Uhr die Jungen (links). Letztere haben nach fünf bis sechs Wochen ihr weisses Daunenkleid gegen ein beige-braunes Jugendgefieder ausgetauscht und sind dann bereit für ihren ersten Flug (unten).

Von den Erwachsenen (links) lassen sich die jugendlichen Wanderfalken (rechts) auch im Flug gut unterscheiden: Ihr Bauchgefieder ist längs gestreift, während das der Altvögel quer gebändert ist. Zudem sind dieJungfalken beige/braun, nicht weiss/schwarz gefärbt, und ihre Augenringe sowie die Wachshaut am Schnabelansatz sind blaugrau, nicht gelb.




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