Eritrea-Warzenschwein

Phacochoerus africanus aeliani


© 2001 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) lässt sich in drei Unterordnungen gliedern: erstens die Nichtwiederkäuer (Nonruminantia) mit den Schweineartigen und den Flusspferden, zweitens die Schwielensohler (Tylopoda) mit den Kamelen, und drittens die Wiederkäuer (Ruminantia) mit der grossen Masse der heute lebenden Paarhufer. Zu den Schweineartigen gehören zwei Familien: zum einen die neuweltlichen Pekaris (Tayassuidae) mit 3 Arten und zum anderen die altweltlichen «echten» Schweine (Suidae) mit 16 Arten. Zu letzteren zählen auch die Warzenschweine, jene munteren Wildschweine der afrikanischen Savannen, von denen hier berichtet werden soll.

 

Zwei Arten von Warzenschweinen

Bis vor wenigen Jahren waren sämtliche Warzenschwein-Populationen Afrikas zu einer einzigen Art, Phacochoerus aethiopicus, zusammengefasst worden. Schon vor längerer Zeit hatten jedoch Paläontologen die Feststellung gemacht, dass sich unter den jüngeren tierlichen Fossilien Afrikas die Überreste zweier verschiedener Warzenschwein-Arten befinden, die sich in ihrer Gebissstruktur deutlich voneinander unterscheiden. Im Verlauf der Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts hat sich dann im Rahmen gezielter Untersuchungen gezeigt, dass diese Unterschiede bei den heutigen Warzenschweinen fortbestehen. Aufgrund dieser Erkenntnisse sind kürzlich die Warzenschweine in zwei Arten aufgetrennt worden: das Wüstenwarzenschwein (Phacochoerus aethiopicus) einerseits und das Gewöhnliche Warzenschwein (Phacochoerus africanus) andererseits.

Zum Wüstenwarzenschwein zählen eine lebende und eine unlängst ausgestorbene Population. Die ausgestorbene Population, Phacochoerus aethiopicus aethiopicus, war in der Kapprovinz Südafrikas beheimatet gewesen und wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgelöscht, teils zufolge übermässiger Bejagung, teils wegen einer katastrophalen Rinderpest-Epidemie, welche Abertausende wildlebender Huftiere hinraffte. Die überlebende Population, Phacochoerus aethiopicus delamerei, kommt etwa 5000 Kilometer weiter nordöstlich in den trockenen bis dürren Regionen Somalias und Nordostkenias vor.

Im ganzen übrigen Afrika südlich der Sahara findet sich das Gewöhnliche Warzenschwein. Die Fachleute unterscheiden heute vier Unterarten. Drei von ihnen sind ziemlich weit verbreitet und weisen gebietsweise recht umfangreiche Bestände auf. Die vierte Unterart jedoch, das Eritrea-Warzenschwein (Phacochoerus africanus aeliani) ist überaus selten und wird von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «vom Aussterben bedroht» eingestuft. Ihr Vorkommen ist auf die beiden nordostafrikanischen Länder Eritrea und Dschibuti begrenzt.

 

Warzen, Hauer und Borsten im Gesicht

Das Gewöhnliche Warzenschwein ist ein mittelgrosses Mitglied seiner Familie. Die erwachsenen Männchen weisen im allgemeinen eine Kopfrumpflänge von etwa 1,3 Metern, eine Schulterhöhe von ungefähr 70 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 100 Kilogramm auf. Die Weibchen sind etwas kleiner: Ihre Kopfrumpflänge bemisst sich auf etwa 1,2 Meter, die Schulterhöhe auf ungefähr 60 Zentimeter, und das Gewicht beträgt bis zu 70 Kilogramm.

Seinen Namen verdankt das Warzenschwein seinen drei Paar Gesichtswarzen: den Unteraugenwarzen, die beim Männchen bis zu 12 Zentimeter, beim Weibchen bis zu 3 Zentimeter lang werden, den Voraugenwarzen, die beim Weibchen kaum ausgebildet sind, und den Unterkieferwarzen, welche bei beiden Geschlechtern einen weisslichen Borstensaum tragen. Die Warzen bestehen aus knorpeligem Bindegewebe. Ihre Funktion ist nicht ganz klar. Möglicherweise schützen sie Augen und Kiefer der Tiere bei Kämpfen mit rivalisierenden Artgenossen.

Ein weiteres augenfälliges Merkmal des Warzenschweins sind bei beiden Geschlechtern die halbkreisförmig aus dem Mund ragenden Eckzähne. Es sind die grössten «Hauer» aller Schweine und können bei den Männchen bis zu sechzig Zentimeter lang werden. Die oberen, längeren Eckzähne spielen im Kampf mit Rivalen bzw. Rivalinnen eine Rolle, und sie dienen zum Hochheben von Ästen und Umwälzen von Steinen. Die unteren, kürzeren Eckzähne werden an den oberen scharf geschliffen und stellen eine für Fressfeinde sehr gefährliche «Schlitzwaffe» dar.

 

Rückwärts in den Erdbau

Das Gewöhnliche Warzenschwein bewohnt die offenen, trockenen Landschaften Afrikas südlich der Sahara, von Mauretanien im Westen über die ganze Sahel- und Savannenzone des westlichen und zentralen Afrikas bis nach Somalia im Osten und von da südwärts durch das östliche Afrika bis nach Südafrika im Süden, und zwar in Höhenlagen zwischen 0 und etwa 3000 Metern ü.M. In lichten Busch- und Grassteppen fühlt sich das Warzenschwein ebenso zu Hause wie in den weiten Savannen. Wo der dichte (Regen-)Wald beginnt bzw. die karge Trockenwüste anfängt, endet jedoch sein Lebensraum.

Im Gegensatz zu den meisten seiner Verwandten ist das Warzenschwein tagsüber rege. Die Nacht und manchmal auch die Mittagszeit verbringt es in einer unterirdischen Höhle, in der es nachts angenehm warm und über Mittag kühler ist als auf dem Erdboden. In den meisten Fällen eignet es sich einen ausgedienten Bau des Erdferkels (Orycerus afer) an. Bei diesen führt eine drei bis fünf Meter lange Röhre zu einem oder zwei geräumigen Kesseln, welche vom Warzenschwein oft noch zusätzlich erweitert werden. Mangel an Erdferkelhöhlen herrscht in den afrikanischen Grasländern gewöhnlich nicht. In Sambia beispielsweise fand man bei einer Erhebung je Quadratkilometer bis über fünfzig Höhlen dieser unermüdlichen Graber. In einigen Bereichen des Verbreitungsgebiets scheint sich das Warzenschwein allerdings auch eigene Höhlen zu graben.

Die Erdhöhlen spielen eine sehr wichtige Rolle im Leben der Warzenschweine, denn sie stellen nicht nur ­ wie erwähnt ­ eine hervorragende «Klimakammer» dar, sondern bieten auch Schutz vor Fressfeinden. Beim Verlassen ihrer Erdhöhle verhalten sich die Warzenschweine überaus vorsichtig. Oft verweilen sie mehrere Minuten lang im Eingangsbereich, lauschen nach verdächtigen Geräuschen und prüfen die Luft nach feindlichen Gerüchen, bevor sie hervorkommen. Bei der Heimkehr gehen jeweils die Jungtiere als erste, und zwar mit dem Kopf voran, in die Höhle. Ihnen folgen die Weibchen, die sich ­ wie der Eber ­ rückwärts hineinschieben. Auf diese Weise können sie ihre Umgebung länger beobachten, und zudem wäre ein möglicher Verfolger mit ihren beachtlichen Hauern konfrontiert, falls er ihnen in die Höhle nachfolgen würde. Selbst wenn ein Warzenschwein in hohem Tempo zu seiner Wohnhöhle flüchtet, weil es von einem Fressfeind verfolgt wird, geht es ­ nach jähem Stopp und abrupter Drehung ­ rückwärts hinein. Diese Sicherheitsmassnahme der «Borstentiere» lohnt sich zweifellos: Leoparden, Geparde, Tüpfelhyänen, Afrikanische Wildhunde und sogar Löwen scheuen sich, erwachsene Warzenschweine von vorn anzugreifen, da sich diese mit ihren Hauern vehement zur Wehr zu setzen wissen.

Gewöhnliche Warzenschweine sind gesellige Tiere. Sie leben in kleinen Gruppen mit meistens bis sechs, selten bis über ein Dutzend Mitgliedern. Eine stabile Gruppe besteht aus einem oder zwei verwandten Weibchen mit ihren Jungen. Häufig gesellt sich ein Eber für längere Zeit zu einer solchen Gruppe. Es gibt daneben einzelgängerische Eber sowie Junggesellengruppen mit bis zu fünf Mitgliedern.

Die Warzenschweingruppen verhalten sich nicht territorial, weshalb meistenorts die Streifgebiete mehrerer Gruppen stark überlappen. Nur die Wohnhöhle beansprucht jede Gruppe für sich allein. Alle anderen «Güter» werden mit mehreren, in der gleichen Gegend lebenden Gruppen friedlich geteilt. Eine Freilandstudie über Warzenschweine in Simbabwe hat ergeben, dass die Streifgebiete sowohl der Männchen als auch der Weibchen eine Grösse von 65 bis 350 Hektaren aufweisen.

 

Sie grasen auf den «Knien»

Jeweils bei Sonnenaufgang verlässt die Warzenschweingruppe ihre Höhle, um sich der Nahrungssuche zu widmen. Zwar sollen die savannenlebenden Schweine gemäss Augenzeugenberichten auch schon Aas zu sich genommen und sogar Schlangen und Nagetiere getötet und verspeist haben. In aller Regel ernähren sie sich jedoch vegetarisch. Der grösste Teil ihrer Kost besteht aus Gräsern aller Art. Daneben nehmen sie Seggen, Krautpflanzen, Blätter von Sträuchern, Sämereien, Wildfrüchte und Wurzeln zu sich. Vorzugsweise verzehren sie junge, kurze Halme von Gräsern, welche an feuchten Stellen wachsen. Gerne essen sie aber auch die unterirdischen, nährstoffreichen Sprossachsen («Rhizome») von Gräsern, die sie mit Hilfe ihres harten Schnauzenrückens bis in einer Tiefe von etwa 15 Zentimetern freilegen.

Zum Abweiden von Grashalmen ebenso wie zum Wühlen im Boden zeigen die Warzenschweine häufig ein sehr typisches Verhalten: Sie lassen sich auf ihre Handgelenke nieder und rutschen darauf vorwärts. Gewissermassen als «Knieschoner» tragen die Handgelenke dicke Hornschwielen, die schon embryonal angelegt sind. Dank ihrer weit oben und hinten am Kopf liegenden Augen vermögen die Tiere, selbst wenn sie beim Äsen auf den Handgelenken herumkriechen, ihre Umgebung gut zu überblicken und etwaige Feinde frühzeitig wahrzunehmen.

Zumeist gegen Mittag ziehen die Warzenschweingruppen zum offenen Wasser, um dort zu trinken. An heissen Tagen wird am Ufer auch ausgiebig gesuhlt, um den Körper abzukühlen und von Hautschmarotzern zu befreien bzw. ihn vor solchen zu schützen. Beim Schlammbaden nehmen die Tiere im Übrigen die Farbe des Bodens an und sind dadurch in ihrem Lebensraum gut getarnt. Über Mittag suchen sie entweder ihre kühle Höhle auf oder legen sich eine bis zwei Stunden lang unter einen schattigen Busch zur Ruhe, um dann am späteren Nachmittag nochmals ausgiebig zu grasen.

 

Altersrekord: 18 Jahre und 9 Monate

Im ganzen Artverbreitungsgebiet bringen die weiblichen Warzenschweine ihre Jungen jeweils zu Beginn der Regenzeit zur Welt. Es spriessen dann besonders viele frische Gräser, so dass der Tisch für die Frischlinge, die schon nach einer Woche auch feste Nahrung zu sich nehmen, reich gedeckt ist. Die Tragzeit dauert fünfeinhalb Monate, die Wurfgrösse schwankt im allgemeinen zwischen einem und fünf Jungen, und das Geburtsgewicht liegt zwischen 500 und 900 Gramm. Die ungestreift graurosa gefärbten Jungen kommen in der mütterlichen Wohnhöhle zur Welt und bleiben während ihrer ersten Lebenstage in diesem sicheren Unterschlupf. Im Alter von einer Woche verlassen sie erstmals den Bau, nehmen sofort Gras auf und erkunden die nähere Umgebung, kehren aber regelmässig in die Höhle zurück. Im Alter von sechs bis acht Wochen folgen sie dann ihrer Mutter ­ in Einerkolonne ­ auch auf weiteren Ausflügen nach und suchen bei etwaiger Gefahr unter ihr Schutz.

Die jungen Warzenschweine wachsen rasch heran. Nach drei bis vier Monaten sind sie bereits entwöhnt. Ihre Sterblichkeit ist allerdings gross, denn ein ganzes Spektrum von Fressfeinden hat es auf sie abgesehen. Ausserdem sind sie anfällig auf schlechte Wetterverhältnisse, insbesondere Kälteperioden und längere Regenperioden, da sie kein Unterhautfett und kein dichtes Fell haben Durchschnittlich überlebt nur jedes zweite Warzenschwein sein erstes Halbjahr.
Die überlebenden Jungschweine bleiben im allgemeinen etwa ein Jahr bei der Mutter und trennen sich dann von ihr. Männchen wie Weibchen sind im Alter von etwa anderthalb Monaten geschlechtsreif. Der Altersrekord in Menschenobhut liegt bei 18 Jahren und 9 Monaten.

 

Stark gefährdet in Eritrea und Dschibuti

Das Gewöhnliche Warzenschwein kommt in manchen Bereichen Afrikas noch in grossen Beständen vor, so vor allem in den grossen Nationalparks und Reservaten im Osten und Süden des Kontinents. Vielerorts werden die «Savannenschweine» jedoch für den Verzehr massiv bejagt, gebietsweise auch wegen ihres schlechten Rufs als Ernteschädlinge. In saisonal dürren Regionen weist die Art von Natur aus keine dichten Bestände auf und ist deshalb besonders anfällig auf unkontrollierte Bejagung. Dies trifft nicht zuletzt für das Eritrea-Warzenschwein zu. Gerade in seiner Heimat, im von Kriegswirren geprägten «Vierländereck» Äthiopien/Eritrea/Dschibuti/Somalia, ist der Jagddruck enorm. Denn erstens wird dem Vollzug der Natur- und Jagdschutzgesetze von den Regierungen geringe Beachtung geschenkt, zweitens sind Schusswaffen in allen Schichten der Bevölkerung weit verbreitet, und drittens zwingen die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse viele Menschen zur Plünderung der Natur.

Die Fachleute gehen davon aus, dass die meisten grösseren Säugetiere ­ und zu diesen zählt auch das Eritrea-Warzenschwein ­ inzwischen in dieser Region massiv zurückgedrängt, teilweise sogar vollständig ausgelöscht worden sind. Guter Rat ist derzeit teuer. Man kann eigentlich nur hoffen bzw. den Menschen wie den Wildtieren in diesem Teil Afrikas wünschen, dass sich die politische Lage endlich stabilisiert, dass die Schäden an der Natur geringer sind als befürchtet und dass danach die natürlichen Ressourcen wieder sinnvoll und nachhaltig genutzt werden können.

 

 

 

Legenden

Das Gewöhnliche Warzenschwein (Phacochoerus africanus) bewohnt die offenen, trockenen Landschaften Afrikas südlich der Sahara. Die Männchen sind etwas grösser als die Weibchen: Sie weisen im allgemeinen eine Kopfrumpflänge von etwa 1,3 Metern, eine Schulterhöhe von ungefähr 70 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 100 Kilogramm auf. Ihren Namen verdankt die Art den Gesichtswarzen, die vor allem beim Männchen sehr ausgeprägt sind.

Zur Hauptsache ernährt sich das Gewöhnliche Warzenschwein von Gräsern. Es bevorzugt junge, kurze Halme, welche an feuchten Stellen wachsen. Beim Abweiden derselben zeigt es ein sehr typisches Verhalten: Es lässt sich auf seine Handgelenke nieder und kriecht darauf vorwärts.

Die Gewöhnlichen Warzenschweine leben im allgemeinen in Kleingruppen. Eine stabile Gruppe besteht meistens aus einem oder zwei verwandten Weibchen mit ihren Jungen. Ihnen gesellt sich häufig ein Eber für längere Zeit zu. Daneben gibt es einzelgängerische Eber sowie Junggesellentrupps.

Aus der Entfernung erscheinen die Gewöhnlichen Warzenschweine ziemlich nackt. Ihre graue, oft faltige Haut ist jedoch am ganzen Körper spärlich mit Borsten übersät. Ferner finden sich eine Hals- und Rückenmähne, ein «Backenbart» und eine Schwanzquaste. Bei Beunruhigung und auf der Flucht strecken die Tiere ihren Schwanz steil empor, wobei die Quaste wie eine Flagge weht. Für alle Artgenossen wirkt dies als Warnsignal.

Die jungen Warzenschweine kommen nach einer Tragzeit von fünfeinhalb Monaten zur Welt und wiegen dann um 700 Gramm. Sie bleiben meistens ein Jahr lang mit ihrer Mutter zusammen und gehen dann eigene Wege. Durchschnittlich überlebt allerdings nur die Hälfte der Frischlinge ihr erstes Halbjahr, denn ein ganzes Spektrum von Fressfeinden ­ darunter Löwen, Wildhunde, Hyänen und Adler ­ haben es auf sie abgesehen.

Regelmässig ­ und mit sichtlichem Behagen ­ nehmen Gewöhnliche Warzenschweine am Ufer von Gewässern ein Schlammbad, um sich einerseits abzukühlen und sich andererseits von Hautschmarotzern zu befreien. Als Nebeneffekt tünchen sie sich mit der Farbe des Bodens und sind anschliessend in ihrem Lebensraum gut getarnt.




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