Weihnachtsinsel-Buschkauz - Ninox natalis

Weihnachtsinsel-Fruchttaube - Ducula whartoni

Weihnachtsinsel-Bänderhabicht - Accipiter fasciatus natalis

Weihnachtsinsel-Südseedrossel - Turdus poliocephalus erythropleurus


© 2002 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Bei der grossen Mehrzahl der Tierarten, von denen wir wissen, dass sie im Verlauf der vergangenen fünfhundert Jahre ausgestorben sind, handelte es sich um «Insulaner». Das hat damit zu tun, dass insbesondere auf kleinen, abgeschiedenen Ozeaninseln das Raumangebot stark begrenzt ist und infolgedessen die Bestände der ansässigen Tiere wenig umfangreich sind. Ein einziges Schadereignis - beispielsweise die Eruption eines Vulkans, das Erscheinen eines neuen Fressfeinds oder der Ausbruch einer Seuche - vermag eine tierliche Inselpopulation innerhalb kurzer Zeit vollständig auszulöschen. Und damit verschwindet in vielen Fällen gleich eine ganze Tierart.

Die Verwundbarkeit der auf Festländern heimischen Tierarten ist im Allgemeinen erheblich geringer. Ihre Populationen sind zumeist weit verbreitet und gliedern sich in mehrere geografische Teilpopulationen. Jede dieser Teilpopulationen kann gelegentlich einem Schadereignis zum Opfer fallen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sämtliche Teilpopulationen gleichzeitig aussterben, ist jedoch klein. Und da die überlebenden Teilpopulationen das entstandene «Vakuum» in den meisten Fällen über kurz oder lang wieder aufzufüllen vermögen, bleibt die Verletzlichkeit der Art über lange Zeiträume gerechnet ziemlich konstant.

Schadereignisse natürlicher Art hat es auf Ozeaninseln schon immer gegeben. Mit dem Auftauchen des Menschen kamen jedoch vielfältige neue Schrecknisse hinzu. Verheerende Folgen hatten vor allem die Rodung der natürlichen Pflanzendecke zwecks Gewinnung von Holz und Anbauflächen, die Bejagung der Wildtiere für den Verzehr und die Einfuhr von räuberischen Säugetieren wie Hunden, Katzen und Ratten. Den allermeisten Inseltierarten, deren Aussterben dokumentiert ist, wurden nicht Naturkatastrophen, sondern menschgemachte Schadfaktoren zum Verhängnis.

Durch den Menschen verursachte Schadereignisse haben nicht nur in der Vergangenheit vielen Inseltierarten das Leben schwer gemacht. Sie tun es noch immer - und sind dafür verantwortlich, dass ein erschreckend hoher Prozentsatz der heutigen Inseltierarten vom Aussterben bedroht ist. Arg bedrängte Inselgeschöpfe sind beispielsweise die sieben Landvögel, welche auf der Weihnachtsinsel im Indischen Ozean heimisch sind und von denen wir hier den Weihnachtsinsel-Buschkauz (Ninox natalis), die Weihnachtsinsel-Fruchttaube (Ducula whartoni), den Weihnachtsinsel-Bänderhabicht (Accipiter fasciatus natalis) und die Weihnachtsinsel-Südseedrossel (Turdus poliocephalus erythropleurus) vorstellen wollen. (Bei den anderen drei Landvögeln handelt es sich um die Weihnachtsinsel-Glanzkäfertaube (Chalcophaps indica natalis), den Weihnachtsinsel-Brillen-vogel (Zosterops natalis) und die Weihnachtsinsel-Glanzkopfsalangane (Collocalia esculenta natalis).)

Die Weihnachtsinsel liegt 360 Kilometer südlich von Java und rund 1400 Kilometer westlich von Australien. Politisch gehört sie als Aussenterritorium zu Australien. Sie ist eine Korallenkalkinsel mit einer Fläche von 137 Quadratkilometern und stellt die Spitze eines Vulkans dar, der sich vom Meeresboden in 4300 Metern Tiefe erhebt und am höchsten Punkt 361 Meter über die Wasseroberfläche ragt. Die Vegetation der Weihnachtsinsel ist - dem tropischen Klima entsprechend - üppig und reicht vom salzverträglichen Schraubenbaumgürtel an der zumeist felsigen Küste bis hin zum prächtigen, vierzig Meter hohen Regenwald im Inselinneren.

 

Der Weihnachtsinsel-Buschkauz

Der Weihnachtsinsel-Buschkauz wurde lange Zeit als eine Unterart des Molukken-Buschkauzes (Ninox squamipila) betrachtet; heute gilt er als eigenständige Art. Mit einer Gesamtlänge von 26 bis 29 Zentimetern ist er ein verhältnismässig kleiner Eulenvogel.

Der Weihnachtsinsel-Buschkauz bewohnt in erster Linie den ungestörten Regenwald in den zentralen Bereichen der Weihnachtsinsel. Dort hält jedes Paar ein ungefähr fünfzehn Hektaren grosses Waldstück als Territorium besetzt. Der Artbestand wird auf rund 1200 Individuen geschätzt.

Während des Tages hält sich der Weihnachtsinsel-Buschkauz im dichten Blattwerk des Kronendachs verborgen und ruht. Erst in der Abenddämmerung wird er aktiv. Bei der Jagd fliegt er lautlos von einer Warte zur nächsten und sucht jeweils aufmerksam seine Umgebung nach Beutetieren ab. Zum Opfer fallen ihm in erster Linie grosse Insekten aller Art; daneben erbeutet er auch kleinere Wirbeltiere. Zu sehen ist die kleine Eule selten, jedoch macht sie sich während der Dunkelheit immer wieder durch ihre dumpfen «bu-buk»-Rufe bemerkbar.

Bruten scheinen beim Weihnachtsinsel-Buschkauz das ganze Jahr über stattzufinden. Als Nest dient gewöhnlich eine Höhlung im Stamm eines morschen Baums. Das Gelege besteht aus einem oder zwei Eiern und wird vom Weibchen allein bebrütet. Bei der Nahrungsbeschaffung für die nimmersatten Nestlinge hilft das Männchen jedoch kräftig mit. Etwa zweieinhalb Monate nach der Eiablage sind die Jungkäuze flugfähig und verlassen ihr Nest. Sie müssen aber noch mindestens zwei Monate lang von ihren Eltern betreut werden. Dann erst vermögen sie sich selbstständig zu ernähren und können auf eigene Faust losziehen.

 

Die Weihnachtsinsel-Fruchttaube

Die Weihnachtsinsel-Fruchttaube ist mit einer Gesamtlänge um 39 Zentimeter ein stattliches Mitglied der Taubenfamilie (Columbidae). Wie der Weihnachtsinsel-Buschkauz bewohnt sie zur Hauptsache den Regenwald in den zentralen Bereichen der Weihnachtsinsel. Ihr Gesamtbestand wird auf mindestens 1000 Individuen geschätzt. Sie ernährt sich - wie ihr Gattungsname besagt - vor allem von Früchten aller Art. Daneben verspeist sie auch saftige Knospen und Triebe.

Die Weihnachtsinsel-Fruchttauben führen ein ziemlich geselliges Leben: Sie bewegen sich oftmals in kleinen Trupps umher, besuchen schwarmweise fruchtende Bäume und brüten in lockeren Kleinkolonien in den Kronen günstiger Regenwaldbäume. Bruten finden vor allem zwischen August und Februar statt. Jedes Paar baut sich aus Zweigen ein einfaches, plattformartiges Nest. Das Gelege besteht gewöhnlich aus nur einem Ei. Das Junge ist drei bis vier Wochen nach dem Schlüpfen bereits flugfähig.

 

Der Weihnachtsinsel-Bänderhabicht

Der Weihnachtsinsel-Bänderhabicht ist eine Unterart des in Australien und im westpazifischen Raum - von den Kleinen Sundainseln im Westen bis Vanuatu im Osten - verbreiteten Bänderhabichts. Er stellt die westlichste Population dieser Greifvogelart dar. Sein Bestand wird auf ein paar wenige hundert Individuen geschätzt. Man begegnet dem schneidigen Jäger sowohl in den üppigen Wäldern des Inselinneren als auch in den lichten Wäldern der Küstenbereiche. Sein Beutetierspektrum ist recht breit und reicht von grösseren Insekten bis hin zu Weihnachtsinsel-Flughunden (Pteropus natalis).

Bei der Jagd bezieht der Weihnachtsinsel-Bänderhabicht gewöhnlich eine im Geäst eines Baums gut versteckte Warte in geringer Höhe und beobachtet von da aus aufmerksam den Waldboden und das Unterholz. Entdeckt er ein Beutetier, so stösst er blitzschnell hinunter und ergreift das Opfer zielsicher mit seinen kräftigen, krallenbewehrten Füssen. Gegenüber dem Menschen zeigt der Weihnachtsinsel-Bänderhabicht überraschend wenig Scheu. Oftmals begibt er sich sogar aus freien Stücken in die Nähe von Menschen, die sich durch den Wald bewegen. Vermutlich hat er die Erfahrung gemacht, dass wandernde Menschen allerlei Kleintiere aufscheuchen, die dann zu einer leichten Beute für ihn werden.

Zur Brut schreitet der Weihnachtsinsel-Bänderhabicht hauptsächlich während des südlichen Frühlings, von September bis Dezember. Seinen Horst baut er stets hoch oben in einem kräftigen Waldbaum. Über sein Brutverhalten auf der Weihnachtsinsel ist kaum etwas bekannt. Bei seinen Vettern in Australien besteht das Gelege aus zwei bis vier Eiern. Die Jungen schlüpfen nach einer Brutzeit von ungefähr dreissig Tagen. Im Alter von vier bis fünf Wochen sind sie flugfähig, müssen aber noch weitere zwei Wochen lang von ihren Eltern mit Futter versorgt werden.

 

Die Weihnachtsinsel-Südseedrossel

Die Weihnachtsinsel-Südseedrossel ist eine von mehreren Unterarten der Südseedrossel, welche von Sumatra und Taiwan im Westen bis Samoa im Osten auf zahlreichen Inseln des indomalaiischen und des westpazifischen Raums vorkommt. Ihre Gesamtlänge bemisst sich auf etwa 20 Zentimeter.

Die Weihnachtsinsel-Südseedrossel bewohnt sowohl die bewaldeten als auch die mit Gebüsch bestandenen Bereiche der Weihnachtsinsel. Als überaus zutraulicher und neugieriger Vogel hält sie sich fernerhin in den menschlichen Siedlungen auf, wo sie mitunter auf Fensterbänken ihren melodischen Gesang ertönen lässt und auf Gebäudesimsen unter Dachvorsprüngen ihr Nest anlegt. Ihr Bestand wird auf rund 4000 erwachsene Individuen geschätzt.

Die Weihnachtsinsel-Südseedrossel ist eine Gemischtköstlerin, die sich von Beeren und anderen pflanzlichen Stoffen sowie von Insekten und weiteren kleinen wirbellosen Tieren ernährt. Ihre Bruten führt sie hauptsächlich während der Regenzeit, zwischen November und April, durch. Sie baut ein napfförmiges Nest aus Pflanzenfasern, Grashalmen und Würzelchen. Das Gelege umfasst zwei oder drei Eier.

 

Verheerende Ameiseninvasion

Die Weihnachtsinsel war am 25. Dezember 1643 vom britischen Kapitän William Mynors entdeckt und benannt worden. Die ersten Siedler liessen sich 1888 auf der kleinen Insel nieder. Seit 1897 wird auf der Weihnachtsinsel Kalziumphosphat abgebaut. Diese Stickstoffverbindung, welche in der Düngemittelproduktion Verwendung findet, scheint neueren Erkenntnissen zufolge nicht auf die Ausscheidungen unzähliger Generationen brütender Meeresvögel zurückzuführen zu sein, wie man dies lange Zeit dachte. Sie dürfte vielmehr durch biogeochemische Prozesse zu jenen Zeiten entstanden sein, als die Weihnachtsinsel vorübergehend untergetaucht war, was in der rund fünfzig Millionen Jahre langen Geschichte des abgeschiedenen Eilands mehrfach der Fall war. Die Nutzung der Phosphatablagerungen machte es erforderlich, dass die Pflanzendecke Stück für Stück entfernt wurde. Rund dreissig Prozent des Inselregenwalds sind zu diesem Zweck vollständig zerstört worden. Der Boden ist mancherorts bis auf den nackten Kalkfels abgetragen und sieht jetzt einer öden Mondlandschaft ähnlich.

1987 wurde erfreulicherweise jeglicher Phosphatabbau eingestellt - einerseits auf Druck der australischen Naturschutzbehörde, andererseits weil die wirtschaftlich besonders interessante A-Qualität ohnehin vollständig abgetragen war. Gleichzeitig wurden jene zwei Drittel der Insel, die noch eine einigermassen intakte Pflanzendecke aufwiesen, als Nationalpark unter Schutz gestellt. So sah die Zukunft der auf der Weihnachtsinsel heimischen Tier- und Pflanzenwelt trotz der beim Phosphatabbau entstandenen «Wunden» um 1990 ganz erfreulich aus.

Da tauchte völlig unverhofft eine neue, schwere Gefahr auf: Der ursprünglich aus Afrika stammenden, heute aber mit Schiffen fast über die ganze tropische Welt verschleppten Gelben Spinnerameise (Anoplolepis gracilipes) war es gelungen, die Weihnachtsinsel zu erreichen und zu besiedeln. 1995, zum Zeitpunkt der Besorgnis erregenden Entdeckung, fanden sich ihre umfangreichen Kolonien bereits auf einem Sechstel der Inselfläche.

Die bloss vier Millimeter lange Gelbe Spinnerameise ist eine aggressive Beutegreiferin, welche unter anderem auf Sansibar, den Seychellen und Hawaii schon erhebliche ökologische Schäden angerichtet hat. Sie steht deshalb auf der berüchtigten IUCN-Liste der einhundert schlimmsten «invasiven» (gewaltsam eindringenden) Tierarten, auf der beispielsweise auch die Hauskatze und die Hausratte zu finden sind.

Auf der Weihnachtsinsel hat die Gelbe Spinnerameise inzwischen erhebliche Verluste unter den Roten Landkrabben (Gecarcoidea natalis) verursacht. Diese Krebstiere krabbeln überall in der Streuschicht des Walds umher und erfüllen die bedeutsame Aufgabe der Regenwürmer, welche auf der Insel fehlen: Durch ihre Fress- und Grabtätigkeit «pflügen» sie den Boden um und sorgen so für die Durchmischung, Durchlüftung und Wasserspeicherfähigkeit des Bodens. Rund drei Millionen Krabben sollen der Gelben Spinnerameise in nur anderthalb Jahren zum Opfer gefallen sein, was einer ökologischen Katastrophe gleichkommt.

Die Spinnerameisen «hüten» ferner allerlei Pflanzensaft saugende Insekten der Ordnung Homoptera (Blattläuse, Schildläuse, Zikaden usw.) und schützen sie vor Parasiten und Fressfeinden, um ihre Ausscheidungen («Honigtau») zu gewinnen. Durch diese Förderung von Pflanzenschädlingen greifen sie ebenfalls massiv in das einzigartige Ökosystem der Weihnachtsinsel ein.

Nicht zuletzt erbeuten die Spinnerameisen alles, was kreucht und fleucht und von ihnen im Verband überwältigt werden kann. Dazu zählen nicht nur Krabben aller Art, sondern nachweislich auch nestjunge Vögel und andere kleine Wirbeltiere, denen sie am Boden und auf Sträuchern begegnen.

Die australische Naturschutzbehörde hat nach Bekanntwerden der Gefahr unverzüglich einen Krisenstab eingesetzt. Dieser hat einerseits Massnahmen zur Bekämpfung der Gelben Spinnerameisen in die Wege geleitet und andererseits einen Rettungsplan für alle grösseren Tierarten der Weihnachtsinsel erarbeitet. Für die Landvögel ist notfalls der Aufbau von überlebensfähigen Beständen in Menschenobhut vorgesehen.

Man kann nur hoffen, dass sich die ökologische Situation auf der Weihnachtsinsel nicht dermassen zuspitzen wird, dass dieser letzte Ausweg gewählt werden muss. Die Reaktions- und Regenerationsfähigkeit der Natur ist ja oftmals höchst erstaunlich: Möglicherweise gelingt es ja den Landvögeln der Weihnachtsinsel sowie ihren vielgestaltigen tierlichen und pflanzlichen Leidensgenossen, den heimtückischen Eindringlingen aus eigener Kraft zu trotzen.

 

 

 

Legenden

Der Weihnachtsinsel-Buschkauz (Ninox natalis) ist mit einer Gesamtlänge von 26 bis 29 Zentimetern ein verhältnismässig kleiner Eulenvogel. Bei der nächtlichen Jagd erbeutet er hauptsächlich grössere Insekten, hin und wieder aber auch kleinere Wirbeltiere.

Die Weihnachtsinsel-Fruchttaube (Ducula whartoni) ist mit einer Gesamtlänge um 39 Zentimeter ein stattliches Mitglied der Taubenfamilie. Wie ihr Gattungsname besagt, ernährt sie sich vor allem von Früchten aller Art.

Wie bei vielen Taggreifvögeln sind beim Weihnachtsinsel-Bänderhabicht (Accipiter fasciatus natalis) die Weibchen mit einer Gesamtlänge von ungefähr 45 Zentimetern deutlich grösser als die etwa 37 Zentimeter messenden Männchen. Ansonsten lassen sich die beiden Geschlechter äusserlich nicht unterscheiden. Hingegen sind die Jungvögel (links) deutlich anders gefärbt als die Erwachsenen (rechts).

Die Weihnachtsinsel-Südseedrossel (Turdus poliocephalus erythropleurus) ist mit einer Gesamtlänge von rund 20 Zentimetern etwas kleiner als unsere - zur selben Gattung gehörende - Amsel (Turdus merula; 25 cm). Männchen und Weibchen sehen einander sehr ähnlich, doch ist die rotbraune Färbung der Bauchseiten beim Männchen kräftiger als beim Weibchen.

Der Zwerg unter den sieben Landvögeln der Weihnachtsinsel ist mit einer Gesamtlänge von nur 11 Zentimetern der endemische Weihnachtsinsel-Brillenvogel (Zosterops natalis). Seine Kost setzt sich aus kleinen Insekten und weichen Früchten sowie - zu einem nicht unbeträchtlichen Teil - aus Nektar zusammen.




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