Weisse Oryx

Oryx leucoryx


© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der UN-Briefmarkensammlung «Gefährdete Tierarten»)



Hitze und Trockenheit machen die Arabische Halbinsel zu einer der unwirtlichsten Regionen unseres Planeten. Sandige Dünen, kahle Geröllebenen und zerklüftete Berge prägen das Landschaftsbild. Doch selbst in dieser lebensfeindlichen Einöde leben Tiere, darunter die Weisse Oryx (Oryx leucoryx) aus der Sippe der Antilopen.

An das entbehrungsreiche Leben in der Wüste ist die Weisse Oryx perfekt angepasst. Um die aussergewöhnliche Wasserknappheit zu ertragen, weist sie einen speziellen Magen-Darm-Trakt auf, der dem verspeisten Pflanzenmaterial sämtliche Zellflüssigkeit entzieht und die unverdaulichen Pflanzenteile als staubtrockenen Kot ausscheidet. Sie vermag deshalb allein mit dem wenigen Wasser auszukommen, das in ihrer Nahrung enthalten ist.

Um die hohen Tagestemperaturen von teilweise bis gegen 50°C im Schatten auszuhalten, verfügt sie des weiteren über eine erstaunliche Toleranz gegenüber erhöhter Körpertemperatur, denn Schwitzen oder Hecheln - als die üblichen Mittel zur Körperkühlung - kommen wegen des damit verbundenen Wasserverlusts nicht in Frage. Bis zu 45°C verträgt die Weisse Oryx problemlos, während andere Wirbeltiere bei derart hohen Körpertemperaturen bleibende Organschäden erleiden. Im übrigen ruht die Weisse Oryx während der heissen Tagesstunden unter den wenigen schattenspendenden Bäumen und Sträuchern in ihrem öden Lebensraum und geht vorwiegend nachts auf Nahrungssuche.

Dem Problem des überaus spärlichen Nahrungsangebots schliesslich begegnet die Weisse Oryx zum einen durch eine sehr geringe Bestandsdichte: Sie bildet keine grossen Herden, sondern weit verstreute, halbnomadisch umherstreifende Trupps von zumeist nur etwa einem Dutzend Tieren. Zum anderen vermeidet sie jegliche Energievergeudung: So verhindert ihr überaus friedvoller Charakter, so dass beim Teilen des kargen Futters und der wenigen Schattenplätze keine kräftezehrenden Streitigkeiten zwischen den Truppmitgliedern entstehen. Als Anpassung an die Fortbewegung auf dem weichen Wüstensand besitzt sie sodann besonders breite Hufe, welche das Gewicht gut verteilen und das anstrengende Einsinken vermindern. Und nicht zuletzt läuft die Weisse Oryx vor angreifenden Geparden oder Streifenhyänen nicht davon, sondern stellt sich ihnen entgegen und wehrt sie mit ihren spitzen Hörnern ab, wobei sie ihnen oftmals tödliche Wunden beibringt.

Die Weisse Oryx war noch vor hundert Jahren überall auf der Arabischen Halbinsel - von Jordanien, Israel, Syrien, Kuwait und Irak südwärts bis nach Jemen und Oman - verbreitet gewesen. Die traditionelle Bejagung durch die arabischen Beduinenstämme zwecks Beschaffung von Fleisch und Leder erfolgte zumeist vom Pferderücken aus und unter Verwendung primitiver Waffen, so dass die Oryxbestände nie ernsthaft in Gefahr gerieten. Der Niedergang der Weissen Oryx begann jedoch, als der Mensch um die Mitte unseres Jahrhunderts die Wirksamkeit moderner Schusswaffen mit der Schnelligkeit geländegängiger Motorfahrzeuge vereinte und dadurch die bemerkenswerten Wüstenantilopen mühelos selbst in ihren entlegensten Lebensgebieten aufstöbern und erlegen konnte. Schon um die Mitte unseres Jahrhunderts überlebte nur noch ein kleiner Restbestand der Weissen Oryx in Oman, und 1972 waren auch diese letzten freilebenden Tiere allesamt abgeschossen.

Glücklicherweise war es vorgängig (ab 1962) im Rahmen der berühmten «Operation Oryx» gelungen, ein paar der arg bedrängten Weissen Oryx einzufangen. Sie wurden in den Zoo von Phoenix in Arizona (USA) gebracht, wo sie ähnliche klimatische Bedingungen vorfanden wie in ihrer arabischen Heimat - und sich über Erwarten gut vermehrten. Seit 1979 wurden zahlreiche Nachkommen aus dieser Zuchtgruppe nach Arabien zurückgebracht, und mit Hilfe dieser Tiere konnten inzwischen innerhalb gut bewachter Schutzgebiete in Oman, in Jordanien und in Saudi-Arabien kleine wildlebende Oryxbestände aufgebaut werden. Mit einem Weltbestand von ungefähr 600 Stück (von denen etwa 400 in freier Wildbahn leben) zählt die Weisse Oryx jedoch weiterhin zu den seltensten und meistbedrohten Antilopen der Welt.




Weisse Oryx
Oryx leucoryx

Systematik
Klasse: Säugetiere
Ordnung: Paarhufer
Familie: Hornträger

Körpermasse
Kopfrumpflänge: ca. 160 cm
Schulterhöhe: 80-100 cm
Gewicht: 55-75 kg

Fortpflanzung
Jungenzahl: meist 1 je Geburt
Tragdauer: 8 Monate
Höchstalter: ca. 20 Jahre

Bestandssituation
Bestand: ca. 600 Tiere
Rote Liste: «bedroht»
CITES: Anhang I




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