Weisskopf-Seeadler

Haliaeetus leucocephalus


© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der UN-Briefmarkensammlung «Gefährdete Tierarten»)




Artwork by Owen Bell



Der Weisskopf-Seeadler (Haliaeetus leucocephalus), seit 1782 Wappenvogel der USA, gehört mit einer Flügelspannweite von gut zwei Metern weltweit zu den mächtigsten Greifvögeln. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich über das gesamte Nordamerika - vom Pazifik ostwärts bis zum Atlantik und von Alaska südwärts bis Florida.

Innerhalb dieses weiten Areals hält sich der Weisskopf-Seeadler stets im Bereich von Flüssen, Seen und Meeresküsten auf und macht dort hauptsächlich Jagd auf Fische. Er erbeutet auf seinen ausgedehnten Suchflügen aber auch Wasservögel und Kleinsäuger und verschmäht selbst tot aufgefundene Tiere nicht. Trotz seiner Grösse ist der Weisskopf-Seeadler ein schneller und wendiger Jäger, der seine Opfer im kraftvollen «Tauchflug» überfällt und mit Hilfe seiner dolchartigen Krallen auf der Stelle tötet.

Wie die meisten Adler lebt der Weisskopf-Seeadler monogam. Das fest verheiratete Paar hält für sich und seine abhängigen Kinder ein grossflächiges Jagdrevier besetzt. Darin sind häufig die für alle Seeadler charakteristischen gellenden Rufserien zu hören, bei denen die Vögel den Hals anfangs strecken und dann immer weiter nach hinten legen. Diese weittragenden Rufe dienen sowohl der Festigung des Paarzusammenhalts als auch der Abgrenzung des Eigenbezirks gegenüber fremden Artgenossen.

Von allen Vögeln Nordamerikas bauen die Weisskopf-Seeadlerpaare die grössten Nester, denn sie benützen Jahr für Jahr denselben Horst und erweitern ihn im Lauf der Zeit immer mehr. Den Rekord hält ein Seeadlerhorst, der über 2,5 Meter breit, 6 Meter hoch und 2 Tonnen schwer war. Gewöhnlich befindet sich das eindrucksvolle Bauwerk im Geäst eines besonders hohen Baums, oft dreissig und mehr Meter über dem Boden.

An diesem «luftigen» Ort zieht das Adlerpaar jeweils im Frühjahr seine ein oder zwei Jungen auf. Die Jungadler schlüpfen nach einer Brutzeit von etwa fünf Wochen aus den Eiern und sind ungefähr zehn Wochen später flugfähig. Sie müssen aber noch mehrere Monate lang von ihren Eltern betreut werden, bis sie die schwierigen Techniken des Jagens am Gewässerrand beherrschen und sich selbständig machen können. Sie streichen in der Folge weit umher, bis sie im Alter von vier bis fünf Jahren den arttypischen weissen Kopf bekommen und damit «reif für die Ehe» sind.

Von alters her wurde der Weisskopf-Seeadler von Schaffarmern, Lachsfischern, Federwildjägern und anderen menschlichen «Wettstreitern» als Schädling betrachtet und deshalb abgeschossen und vergiftet, wann immer sich Gelegenheit dazu bot. Aufgrund von Waldrodungen und Uferverbauungen verlor er zudem vielerorts seine Nistgelegenheiten und Nahrungsgründe. Dennoch war der imposante Greifvogel noch um die Mitte unseres Jahrhunderts überall in seinem nordamerikanischen Verbreitungsgebiet regelmässig anzutreffen.

Vor rund 30 Jahren war der gellende Ruf des Weisskopf-Seeadlers jedoch plötzlich in einem grossen Teil der USA verstummt. Die Bestände ganzer Regionen waren innerhalb weniger Jahren aus zunächst unerklärlichen Gründen zusammengebrochen. Untersuchungen zeigten daraufhin, dass DDT und andere hochgiftige Schädlingsbekämpfungsmittel, welche zum Schutz landwirtschaftlicher Kulturen allerorten massenhaft versprüht wurden, dafür verantwortlich waren. Als Endglied verschiedener Nahrungsketten hatte der Weisskopf-Seeadler in seinem Körper grosse Mengen solcher Giftstoffe angereichert, und diese beeinträchtigten seinen Gesundheitszustand, was sich unter anderem in brüchigen Eischalen und missgebildeten Embryonen äusserte.

Nachdem diese - nicht zuletzt ja auch für den Menschen - heimtückische Gefahr erkannt war, wurde 1972 die Anwendung von DDT und verwandten Pestiziden in den USA und in Kanada verboten. Hinzu kamen gezielte Artenschutzmassnahmen zugunsten des Weisskopf-Seeadlers: Horste wurden bewacht, die brütenden Vögel und ihr Nachwuchs mit schadstofffreiem Fleisch versorgt, Wiederansiedlungen vorgenommen. Ausserdem wurde die Wilderei bekämpft und der Schwarzhandel mit den begehrten Adlerfedern und -krallen unterbunden. Dies brachte in der Tat die erhoffte Wende: Der Brutbestand der Weisskopf-Seeadler wuchs wieder an.

Heute gibt es auf dem Gebiet der 48 traditionellen Bundesstaaten wieder mehr als 6000 Weisskopf-Seeadler, in Alaska und Kanada je weitere 50 000. Der majestätische Vogel, der uns frühzeitig vor dem allzu sorglosen Umgang mit nicht abbaubaren Umweltgiften gewarnt hat, gilt als Symbol für einen wichtigen Sieg des Naturschutzes.




Weisskopf-Seeadler
Haliaeetus leucocephalus


Systematik
Klasse: Vögel
Ordnung: Greifvögel
Familie: Habichtartige

Körpermasse
Gesamtlänge: 65-80 cm
Flügelspannweite: 190-210 cm
Gewicht: 4-6 kg

Fortpflanzung
Gelegegrösse: meist 2 Eier
Brutdauer: 34-35 Tage
Höchstalter: über 50 Jahre

Bestandssituation
Bestand: ca. 100 000 Vögel
Rote Liste: nicht aufgeführt
CITES: Anhang I




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