Weissnackenkranich

Grus vipio


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Asien ist der Erdteil mit der grössten Kranichvielfalt: Neun der insgesamt fünfzehn Kranicharten, aus denen die Familie der Kraniche (Gruidae) besteht, sind Brutvögel Asiens. Sechs davon brüten sogar ausschliesslich in diesem Teil der Erde. Es sind dies der Mandschurenkranich (Grus japonensis), der Saruskranich (Grus antigone), der Nonnenkranich (Grus leucogeranus), der Mönchskranich (Grus monacha), der Schwarzhalskranich (Grus nigricollis) und der Weissnackenkranich (Grus vipio). Alle sechs stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Vogelarten und erhalten im Washingtoner Artenschutzübereinkommen höchste Schutzwürdigkeit zuerkannt. Bei Mandschurenkranich, Nonnenkranich und Schwarzhalskranich beträgt der Artbestand weniger als 2000 Vögel; Saruskranich, Mönchskranich und Weissnackenkranich weisen noch etwas grössere Bestände auf.

Die asiatischen Kraniche sind ausgesprochene Zugvögel. Ihre Brutgebiete liegen in den nördlichen Zonen des Kontinents. Jeweils im Herbst versammeln sie sich an bestimmten Plätzen zu Hunderten, um dann von dort aus gemeinsam zum Flug in ihre weiter südlich gelegenen Überwinterungsgebiete mit milderem Klima aufzubrechen. Dabei stellen weder hohe Gebirge wie der Himalaja noch Meere Hindernisse für sie dar. Auf dem Zug bilden sie grosse Keilformationen und machen sich aus der Höhe durch ihre Rufe bemerkbar. Im zeitigen Frühjahr kehren sie dann wieder an ihre Brutplätze zurück. Eine Ausnahme in dieser Beziehung bildet einzig der Saruskranich, der in Südasien von Pakistan bis Malaysia verbreitet ist und ganzjährig seinen Brutgebieten treu bleibt.

Die meisten Weissnackenkraniche brüten im nördlichen China, einige hundert in der östlichen Mongolei und in der südöstlichen Sowjetunion. Von ihren Brutgebieten aus ziehen die Vögel auf zwei Zugrouten in den Süden: zum einen von Nordchina und der südöstlichen Sowjetunion aus nach der Halbinsel Korea und zum Teil weiter nach dem südlichen Japan, zum anderen von der Mongolei aus durch China hindurch an den Unterlauf des Jangtsekiang. Auf der Koreanischen Halbinsel - im Bereich der entmilitarisierten Zone, welche Nord- und Südkorea trennt - überwintern ungefähr 1000 Weissnackenkraniche, in Japan etwa 1200. Über die Zahl der Weissnackenkraniche, welche im südlichen China überwintern, sind keine genauen Angaben erhältlich.

 

Männchen und Weibchen sehen gleich aus

Der Weissnackenkranich ist ein recht imposanter Vogel, der eine Standhöhe von fast 150 Zentimetern erreicht. Sein Gefieder ist wie bei den meisten Kranichen vornehmlich in Weiss, Grau und Schwarz gehalten. Jedoch ist seine Gesichtshaut rot, die Iris orange, und die langen Beine sind rosafarben. Kehle, Scheitel, Hinterkopf und nicht zuletzt die Halsrückseite des Weissnackenkranichs sind mit schneeweissen Federn bedeckt - daher der Artname.

Männchen und Weibchen weisen dieselbe Gefiederfärbung und -zeichnung auf. Ihr Geschlecht kann aber trotzdem recht einfach festgestellt werden, und zwar anhand des «Paartanzes», den die Tiere nicht nur in ihrem Brutgebiet, sondern auch in ihrem Winterquartier des öftern aufführen. Das Männchen hebt dabei auf charakteristische Weise seine Flügel über den Rücken empor, lässt die Flügelspitzen nach «Truthahnmanier» hängen und öffnet und schliesst die Flügel während des Rufduetts auf eine «pumpende» Art und Weise. Das Weibchen hingegen hält seine Flügel während des ganzen Tanzzeremoniells geschlossen. Ausserdem äussert es zu jedem Ruf des Männchens im Takt zwei oder drei höher klingende Laute. Das akustisch und optisch sehr auffällige Rufduett der Weissnackenkraniche dient sowohl der Bekräftigung der Paarbindung als auch der Markierung des Brutreviers.

 

Brutgebiete im nördlichen Ostasien

Bis vor kurzem war über das Brutverhalten des Weissnackenkranichs sehr wenig bekannnt gewesen. Seit aber China im Jahr 1979 das 210.000 Hektaren grosse Zhalong-Naturschutzgebiet in der Provinz Heilongjiang errichtet hat, sind über das Verhalten der Vögel viele neue Erkenntnisse gewonnen worden.

Das Feuchtgebiet von Zhalong ist ein riesiges Inlanddelta, das sich aus weiten Schilf- und Riedgrasbeständen, sich windenden Flussarmen und ruhigen Süsswasserflächen unterschiedlichster Grösse zusammensetzt. Es befindet sich am Ostrand der mongolischen Steppengebiete und wird darum von unzähligen Wasservögeln, die von Sibirien her in den Süden ziehen, als Rastplatz benützt. Nirgendwo sonst auf der Erde kann man soviele Kraniche am selben Ort antreffen wie in Zhalong: Weissnackenkranich, Mandschurenkranich, Jungfernkranich (Anthropoides virgo) und «gewöhnlicher» Kranich (Grus grus) brüten in Zhalong; Nonnenkranich und Mönchskranich benützen das Gebiet als Rastplatz auf ihrem Zug nach Süden.

Von den vier in Zhalong brütenden Kranicharten benützen Weissnackenkranich und Mandschurenkranich praktisch denselben Lebensraum. Trotzdem scheinen die beiden Arten gut nebeneinander existieren zu können. Die Weissnackenkraniche ernähren sich nämlich vorwiegend von pflanzlicher Kost - Wurzeln und Knollen von Sumpf- und Wasserpflanzen sowie Sämereien aller Art. Der Mandschurenkranich ist hingegen ein Fleischesser; er erbeutet Fische und andere wasserlebende Tiere.

Im Frühjahr treffen die Weissnackenkraniche gewöhnlich Ende März, Anfang April aus dem Süden kommend in Zhalong ein. Gleich nach der Ankunft legen die «verheirateten» Paare Brutreviere fest, welche eine Fläche von mehreren Hektaren aufweisen und aus denen sämtliche Artgenossen rigoros vertrieben werden. Kraniche anderer Arten werden im Brutrevier geduldet, solange sie dem Nest nicht zu nahe kommen.

Das Nest des Weissnackenkranichs ist ein flaches Gebilde, das im seichten Wasser angelegt wird - an einem Ort, an dem weder Störungen durch andere Kraniche noch durch den Menschen zu erwarten sind. Ein Gelege umfasst in der Regel zwei hellbraune, rötlich gesprenkelte Eier. Tagsüber lösen sich Weibchen und Männchen beim Bebrüten der Eier ab. In der Nacht sitzt im allgemeinen das Weibchen auf den Eiern, während das Männchen nebenan Wache hält.

Nach einer Brutzeit von 28 bis 31 Tagen schlüpft das erste Junge, ein oder zwei Tage später das zweite. Sie weisen ein hübsches Daunengefieder auf, das oberseits zimtfarben, unterseits weiss ist. Bei Nahrungsknappheit kann es zu massiven Zänkereien zwischen den Geschwistern kommen, in deren Folge oftmals das Schwächere vom Nest vertrieben wird und dann verhungert oder Fressfeinden zum Opfer fällt. In den meisten Fällen gelingt den Weissnackenkranich-Paaren aber die Aufzucht beider Jungvögel.

Die jungen Weissnackenkraniche wachsen erstaunlich rasch heran: In der ersten Maihälfte schlüpfen sie im allgemeinen aus den Eiern; Mitte August sind sie dann bereits flügge und verlassen mit ihren Eltern zusammen das Nest. Nun besuchen die Kranichfamilien die Grasländer und Felder in der Umgebung des Brutplatzes und halten dort Ausschau nach Sämereien und Ernteresten. Im frühen Oktober vereinigen sich die Familien mit anderen zu grösseren Schwärmen, und Mitte Oktober brechen sie dann nach Süden auf.

Im Alter von zwei bis drei Jahren verbinden sich die Weissnackenkraniche mit Vertretern des anderen Geschlechts zu Paaren, die im allgemeinen ein Leben lang zusammenhalten. Die erste Brut erfolgt meistens im Alter von drei oder vier Jahren. Bei Weissnackenkranichen in Gefangenschaft schritten allerdings auch schon zweijährige Vögel zur Brut.

 

Im Überwinterungsgebiet im südlichen China

Die meisten Weissnackenkraniche, die den Winter in China verbringen, halten sich in den feuchten Niederungen auf, die im Nordwesten an Chinas grösstes Stillgewässer, den Pojang-See, angrenzen. Der Pojang-See steht mit dem Jangtsekiang in Verbindung. Im Frühling und Sommer, wenn in China reichlich Regen fällt und in den Bergen der Schnee schmilzt, schwillt der Jangtsekiang stark an. Sein Wasser versorgt dann auch den Pojang-See und lässt diesen stark anwachsen, bis seine Oberfläche etwa fünfmal so gross ist wie im Winter. Im Herbst, wenn die Regenfälle nachlassen und in den Bergen erneut Schnee fällt, geht das Wasser des Jangtsekiang wieder zurück, und entsprechend schrumpft auch die Ausdehnung des Pojang-Sees. Genau zu diesem Zeitpunkt treffen zu Tausenden Zugvögel aus dem Norden hier ein und finden auf den erst seit kurzem freiliegenden Schlickböden einen reich gedeckten Tisch.

Neben den Weissnackenkranichen überwintern am Pojang-See auch Mönchs- und Nonnenkraniche. Noch bis im Jahr 1983 wurden die drei Kranicharten uneingeschränkt bejagt. Wäre dieses Feuchtgebiet nicht dermassen gross und in manchen Bereichen kaum zugänglich, und wären die Kraniche nicht ausgesprochen wachsame Vögel, so gäbe es wohl schon längst keine dieser hübschen Tiere mehr am Pojang-See. Sie haben aber glücklicherweise überlebt, und seit die chinesische Regierung das Pojang-Naturschutzgebiet geschaffen hat, sind ihre Bestände hier kaum mehr gefährdet. Sämtliche Vogelarten sind innerhalb des Reservats strikt geschützt. Durch ein aufwendiges Informationsprogramm will nun die chinesische Naturschutzbehörde die ansässige Bevölkerung über Sinn und Zweck des Reservats aufklären, denn deren Verständnis und Unterstützung sind für den erfolgreichen Schutz eines derart unübersichtlichen Gebiets von grösster Bedeutung.

 

Im Überwinterungsgebiet auf der Koreanischen Halbinsel

Das Mündungsdelta des Han-Flusses bildet im Westen der Koreanischen Halbinsel die Landesgrenze zwischen Nordkorea und Südkorea. Seoul, die Hauptstadt Südkoreas, liegt etwas weiter stromaufwärts. Da sich das unübersichtliche Delta als natürliche Invasions-Route geradezu anbietet, ist es rundherum eingezäunt und wird von beiden Seiten Tag und Nacht streng bewacht. Es ist ein Niemandsland, in das sich kaum jemand hineinwagt. Und darum ist es als Feuchtgebiet weitgehend intakt geblieben; das Delta ist ein Vogelparadies sondergleichen.

Etwa 2000 Weissnackenkraniche steuern jeden Oktober von Norden kommend das Han-Delta an. Wenn das Wetter im November auch hier allmählich immer kälter und unfreundlicher wird, fliegt etwa die Hälfte von ihnen weiter über das Meer nach der japanischen Insel Kyushu. Die restlichen Weissnackenkraniche verlassen zwar das Mündungsdelta des Han ebenfalls, bleiben aber den Winter über im Bereich der entmilitarisierten Zone, die sich als vier Kilometer breites Band über die Koreanische Halbinsel zieht. Die meisten von ihnen begeben sich zum Sachon-Fluss, der durch ein Tal mit recht mildem Klima fliesst. Hier finden sie in den Panmunjom-Flussauen günstige Nahrungs- und Lebensbedingungen.

Genau durch dieses Feuchtgebiet verläuft die einzige Strasse, welche Nordkorea mit Südkorea verbindet. Links und rechts der Brücke, die den Sachon überquert, befinden sich militärische Einheiten der beiden verfeindeten Länder. Interessanterweise sind die Soldaten beider Seiten um das Wohlergehen der Weissnackenkraniche, die sich oftmals zu Hunderten im Bereich der Brücke aufhalten und wenigstens ein bisschen Leben in die Stille der entmilitarisierten Zone bringen, sehr besorgt. In besonders kalten Wintern streuen sie Reis- und Maiskörner auf die flussnahen Felder, wo sie von den recht zutraulichen Vögeln gerne angenommen werden.

 

Im Überwinterungsgebiet in Japan

In manchen orientalischen Kulturen gilt der Kranich als Symbol für ein glückliches und langes Leben. Lange Zeit brachte dies allerdings den eleganten Vögeln keinerlei Vorteile: Sie wurden bejagt wie alle anderen Wasservögel auch.

Dies hat sich zumindest in Japan seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs grundlegend geändert. Als nämlich in den Nachkriegsjahren nur noch etwa 30 bis 50 Weissnackenkraniche ihr Überwinterungsquartier, das in einem Flussdelta nahe der Stadt Izumi auf der Insel Kyushu liegt, aufsuchten, beschloss die japanische Regierung, den Vögeln zu helfen. Ein striktes Jagdverbot für Kraniche wurde erlassen. Und mit regelmässigen Fütterungen sollte zukünftig versucht werden, den Tieren das Überleben zu erleichtern. Seither werden von November bis März tagtäglich beträchtliche Mengen von Getreidekörnern im Winterquartier der Vögel ausgestreut, so dass die Tiere keinen Mangel an Nahrung zu leiden brauchen.

Diese Massnahmen haben ihre Wirkung nicht verfehlt: Der Bestand der überwinternden Weissnackenkraniche erhöhte sich stetig und erreichte gegen Ende der siebziger Jahre die Zahl von 1200 Individuen. Seither ist der Bestand allerdings stabil geblieben. Man nimmt an, dass jetzt das Angebot an geeigneten Brutplätzen im nördlichen Verbreitungsgebiet das weitere Wachstum der Population beschränkt.

Die Kraniche bei Izumi sind zu einem beliebten Touristenziel geworden. Tausende von Naturfreunden besuchen jeden Winter die Fütterungsstellen, wo die Vögel ausserordentlich zahm sind und aus nächster Nähe fotografiert werden können. Unter den Besuchern befinden sich viele frisch vermählte Paare, die sich von ihrer Begegnung mit den Kranichen Glück und Segen für ihre Ehe erhoffen.

Gegen Ende Februar veranlassen die zunehmend heftigeren Sturmwinde und der klare Himmel die Kraniche dazu, ihren Zug nach Norden in ihre Brutgebiete anzutreten. Wenn es soweit ist, versammeln sich oftmals viele hundert Zuschauer, um mitzuverfolgen, wie ihre «Schützlinge» die thermischen Aufwinde dazu benützen, sich auf ausgebreiteten Schwingen immer höher zu schrauben und schliesslich nordwärts zu entschwinden.

 

Die Zukunftsaussichten der Weissnackenkraniche

Jagdschutz, Lebensraumschutz und Fütterung sichern das Überleben der Weissnackenkraniche in ihren Winterquartieren weitgehend. Weniger rosig sieht die Situation in den Brutgebieten im nördlichen China, der südlichen Sowjetunion und der östlichen Mongolei aus. Gerade im sich rasch entwickelnden China sind «Unländer» - und als solche gelten die Feuchtgebiete leider - zur Erweiterung der landwirtschaftlichen Nutzfläche sehr gefragt. Der wirksame Schutz möglichst vieler der noch verbleibenden Feuchtgebiete in China, der Mongolei und der Sowjetunion vor dem Zugriff des Menschen ist daher für das Überleben der Weissnackenkraniche von grösster Bedeutung. Dies muss bei den künftigen Schutzbemühungen für diese schöne Vogelart schwergewichtig berücksichtigt werden.




ZurHauptseite