Wiesenotter

Vipera ursinii


© 1999 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der aufrecht gehende Mensch scheint eine tiefsitzende Abneigung gegen alles Kriechende zu haben. Hier liegt wohl jene biologische Wurzel des Abscheus, mit dem die meisten Menschen den Schlangen begegnen. Bei vielen Völkern und in vielen Kulturen gelten Schlangen ja als Symbole des Falschen und Bösen schlechthin. Uns Menschen sind Tiere mit senkrechter Ausrichtung im allgemeinen viel sympathischer als solche mit waagrechter Körperhaltung, wie sie in extremer Weise für die Schlangen bezeichnend ist. So geniesst beispielsweise der Bär bei uns besondere Sympathie unter den Raubtieren; zweifellos hängt das mit seiner Fähigkeit zum aufrechten Gehen zusammen. Hunde und andere Säugetiere empfinden wir als niedlicher und ansprechender, wenn sie «Männchen» machen. Bei den Vögeln ist der aufrechte Gang besonders ausgeprägt bei den allgemein beliebten Pinguinen. Und sogar bei den Fischen gilt diese gefühlsmässige Einstellung des Menschen gegenüber Tieren: Kein Fisch hat eine so weltweite Volkstümlichkeit erlangt wie das (senkrecht orientierte) Seepferdchen

Es ist also nicht die Giftigkeit mancher Schlangen verantwortlich zu machen für die fast allgemein zu beobachtende gefühlsmässige Ablehnung dieser Kriechtiere durch den Menschen. Die Angst vor dem Biss einer Giftschlange hat jedoch dazu geführt, dass ausnahmslos alle Schlangen vom Menschen verfolgt und umgebracht werden, wann und wo immer sie sich zeigen. Viele dieser interessanten Reptilien haben unter dieser unnachgiebigen Nachstellung seitens des Menschen stark gelitten, umso mehr, als letzterer ihnen durch die fortschreitende Umwandlung der Naturräume in Nutzflächen auch zunehmend die Lebensgrundlage entzieht.

Dies alles gilt beispielhaft für die Wiesenotter (Vipera ursinii), eine im östlichen Europa und zentralen Asien heimische Giftschlange aus der Familie der Vipern. Von ihr soll hier die Rede sein.

 

Europas kleinste Viper

Die Schlangen gehören innerhalb der Klasse der Kriechtiere (Reptilia) zur Ordnung der Eigentlichen Schuppentiere (Squamata), wo sie in der Unterordnung der Schlangen (Serpentes) von den Echsen (Unterordnung Sauria) abgegrenzt werden. Weltweit gibt es rund 2400 Schlangenarten, welche in elf Familien gegliedert werden.

Die Meinung der Fachleute über die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Schlangenfamilien sind widersprüchlich. So sind manche Experten der Ansicht, dass die 190 Arten umfassende Familie der Vipern (Viperidae) in grauer Vorzeit aus der Familie der Nattern (Colubridae), der mit nahezu 1600 Arten grössten Schlangenfamilie, hervorgegangen ist. Andere meinen, sie hätte sich aus der 250 Arten umfassenden Familie der Giftnattern (Elapidae) herausgebildet. Die meisten gehen heute jedoch davon aus, dass sich die Vipernfamilie parallel zu diesen beiden Familien entwickelt hat und direkt aus der Familie der Riesenschlangen (Boidae) entstanden ist, welche allgemein als die urtümlichste aller Schlangensippen gilt. Was auch immer richtig sein mag: Gewiss ist, dass die Vipern auf eine recht lange eigenständige Stammesgeschichte zurückblicken können: Die frühesten Funde fossiler Vipern stammen aus dem Miozän, sind also 20 bis 26 Millionen Jahre alt.

Die Familie der Vipern wird gewöhnlich in drei Unterfamilien gegliedert: erstens die Unterfamilie der Eigentlichen Vipern (Viperinae), zu der ungefähr 60 Arten von Vipern und Ottern gehören, welche über weite Teile Europas, Asiens und Afrikas verbreitet sind; zweitens die Unterfamilie der Grubenottern (Crotalinae), welche rund 130 Arten von Ottern, Klapperschlangen und Mokassinschlangen umfasst, die in Amerika und Ostasien heimisch sind; drittens die Unterfamilie der Fea-Vipern (Azemiopinae) mit nur einer Art, der in Asien heimischen Fea-Viper (Azemiops feae). Allerdings besteht auch hinsichtlich dieser systematischen Gliederung in Fachkreisen keineswegs Einigkeit: Die Grubenottern werden verschiedentlich als eine separate Familie betrachtet.

Die Wiesenotter gehört innerhalb der Familie der Vipern zur Unterfamilie der Eigentlichen Vipern und da zur Gattung der Echten Ottern (Vipera), welche 16 Arten umfasst, darunter die Jura- oder Aspisviper (Vipera aspis), die Kreuzotter (Vipera berus) und die Sandotter (Vipera ammodytes). Mit einer Länge von gewöhnlich 40 bis 50 Zentimetern ist sie Europas kleinste Viper. Die Weibchen sind durchschnittlich etwas länger als die Männchen, und die Individuen im Osten des Verbreitungsgebiets sind durchschnittlich etwas länger als die im Westen.

Ottern und Vipern sind meistens gedrungene, dickleibige Schlangen, deren kurzer, dreieckiger Kopf deutlich vom Leib abgesetzt ist. Die Wiesenotter ist diesbezüglich kein sehr typisches Mitglied ihrer Familie: Sie ist verhältnismässig schlank gebaut und hat einen ovalen Kopf mit einer ziemlich spitzen Schnauze, weshalb sie manchmal auch «Spitzkopfotter» genannt wird.

 

Die Schlange des Grafen

Die Wiesenotter ist eine sehr weitverbreitete Schlange. Ihr hauptsächliches Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Rumänien, der Moldau und der Ukraine ostwärts durch Kasachstan und den südlichen Bereich der Russischen Föderation bis in die chinesische Autonome Region Xinjiang (Sinkiang) östlich des Balkasch-Sees. Im Süden reicht das Hauptverbreitungsgebiet bis Kirgisistan, Usbekistan und Turkmenistan sowie in die transkaukasische Region (Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Nordosttürkei, Nordiran). Westlich und südwestlich dieses Hauptverbeitungsgebiets existieren zusätzlich ein paar verstreute, inselartige Populationen, nämlich in der südwestlichen Türkei, auf der Balkanhalbinsel, im südöstlichen Österreich, im südwestlichen Ungarn, im zentralen Italien und im südöstlichen Frankreich.

Der Wissenschaft bekannt gemacht worden war die Wiesenotter in den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch den Grafen Orsini, der sie im Hochland der Abruzzen nordöstlich von Rom entdeckt hatte. Nach ihm trägt sie ihren wissenschaftlichen Namen «ursinii» (nicht «orsinii», weil der italienische Familiennamen des Grafen auf das lateinische Wort «ursus» (für «Bär») zurückgeht).

Wie ihr deutscher Name andeutet, ist die Wiesenotter zur Hauptsache eine Bewohnerin offener, trockener Grasländer, so insbesondere der eurasiatischen Steppen. In den meisten Bereichen ihres Verbreitungsgebiets kommt sie nur in tiefen Lagen vor, von Meereshöhe bis in Höhen von maximal 800 Metern ü.M. Interessanterweise leben jedoch mehrere der europäischen Populationen ausschliesslich in Bergregionen in Höhen zwischen 1400 und 2700 Metern ü.M.

Das ganze Verbreitungsgebiet der Wiesenotter ist klimatisch gekennzeichnet durch kalte Winter. Da die kleine Viper wie praktisch alle Reptilien ein wechselwarmes Geschöpf ist, ihre Körpertemperatur also in starkem Mass von der Umgebungstemperatur abhängt, und da ihre Körperfunktionen unterhalb einer gewissen Mindesttemperatur nicht gewährleistet sind, sucht sie während des Winter Zuflucht im Boden und verbringt diese unwirtliche Zeit im Winterschlaf. Gebietsweise zieht sie sich bereits im September in ein geeignetes Winterquartier zurück; anderenorts kann sie aber noch bis Anfang November im Freien beobachtet werden.

Im Frühjahr gehört die Wiesenotter stets zu den ersten Schlangen, die ihren winterlichen Unterschlupf verlassen. Die Temperatur, bei der sie knapp zur Fortbewegung fähig ist, liegt bei ungefähr plus 10°C. Die optimale Körpertemperatur scheint bei 25 bis 28°C zu liegen. Bei 15 bis 20°C wäre sie zwar durchaus in der Lage sich zu bewegen und zu jagen. Sie könnte aber ihre Beute nicht ausreichend verdauen und würde letztlich verhungern. Dementsprechend nimmt die Wärmeregulierung einen sehr wichtigen Platz im Leben der Wiesenotter ein: Bei kühler Umgebungstemperatur sucht sie während ihrer Aktivitätsphasen immer wieder windgeschützte, gut besonnte Stellen auf, um mit Hilfe der wärmenden Sonnenstrahlen ihre Körpertemperatur über diejenige der Umgebung anzuheben.

Im Höchstfall erträgt die Wiesenotter 33 bis 37°C. Insbesondere in den tiefliegenden Steppen, die sie vorzugsweise bewohnt, können jedoch im Sommer die mittäglichen Temperaturen weit höher steigen. Aus diesem Grund ist die Wiesenotter im Sommerhalbjahr vielerorts nur während der Vormittagsstunden, von 8 bis 12 Uhr, unterwegs und dann wieder gegen Abend, etwa zwischen 17 und 19 Uhr. Die kühlen Nachtstunden und die heissen Mittagsstunden verbringt sie zumeist in einer unbewohnten Nagerhöhle.

 

Die Jungen kommen lebend zur Welt

Die Paarungszeit der Wiesenottern beginnt unmittelbar nach dem Auftauchen der hübsch gezeichneten Schlangen aus ihren Winterquartieren. Die Männchen suchen dann eifrig nach paarungsbereiten Weibchen. Dabei folgen sie wahrscheinlich der Duftspur, die die Weibchen auf dem Boden hinterlassen, wie das auch bei anderen Schlangen der Fall ist.

Begegnet ein Männchen einem Weibchen, so begleitet es dieses hautnah und indem es sich jeder seiner Windungen anpasst. Immer wieder umschlingt das Männchen mit seinem Schwanz die hintere Körperpartie des Weibchens und versucht, das Zusammtreffen der Kloaken zu erreichen. Doch viele Male schnellt das Weibchen vor, löst sich so vom Männchen und zwingt dieses, seine Annäherung von neuem zu beginnen. Erst nach ein- bis zweitägigem «Vorspiel» findet schliesslich die Begattung statt.

Taucht während des Paarungsvorspiels ein weiteres Männchen auf, so tragen die beiden Rivalen oftmals einen ritualisierten Kampf aus, bei dem sie gegenseitig ihre Kräfte messen, ohne einander zu beissen oder anderweitig zu verletzen. Sie richten sich gegeneinander auf, umschlingen einander und pendeln Kopf an Kopf mit dem Vorderkörper. Diese anmutigen, stillen Ringkämpfe wurden früher irrtümlich als «Paa-rungstänze» gedeutet. Hat das schwächere Männchen schliesslich seine Unterlegenheit erkannt, so gibt es auf und verlässt den Platz, um nach einem anderen Weibchen zu suchen.

Gewöhnlich im Juli oder im frühen August bringt das Wiesenotternweibchen wie die meisten Vipernweibchen lebende Junge zur Welt. Die Anzahl der Jungen schwankt zwischen 3 und 27, wobei ältere Weibchen im allgemeinen die grössere Jungenzahl haben als jüngere. Die Schlänglein sind bei der Geburt 12 bis 18 Zentimeter lang und können vom ersten Tag an für sich selbst sorgen.

 

Heuschrecken als Hauptspeise

Die Wiesenotter ist wie alle Schlangen eine reine Fleischesserin. Als verhältnismässig zierliche Schlange ernährt sie sich in ihren grasbewachsenen Lebensräumen hauptsächlich von Heuschrecken, Grillen, Käfern und anderen Insekten, überfällt aber auch Jungmäuse und kleine Eidechsen. Hinsichtlich ihres Jagdverhaltens unterscheidet sie sich von den meisten ihrer Verwandten: In der Regel jagen Vipern vor allem lauernd und geben sich mit den Beutetieren zufrieden, die in ihre Reichweite geraten und die sie mit einem schnellen Giftbiss zu lähmen vermögen. Die Wiesenotter ist demgegenüber eine recht aktive Jägerin, welche viel umherstreift, Nagetierhöhlen und andere Schlupfwinkel auskundschaftet, ihre Beutetiere geschwind verfolgt, sie packt und sogleich verschlingt, zumeist ohne von ihrem Gift (das sie durchaus besitzt) Gebrauch zu machen. In dieser vipernuntypischen Regsamkeit liegt wohl der Grund dafür, dass die Wiesenotter sichtlich schlanker gebaut ist als ihre Verwandten, die ja ein recht träges Leben führen.

Die Zurückhaltung beim Einsetzen ihres Gifts zeigt die Wiesenotter nicht nur gegenüber ihren Beutetieren, sondern auch gegenüber ihren Feinden, zu denen neben Mardern, Dachsen und Igeln auch verschiedene Vögel wie Adler, Krähen und Trappen gehören. Fühlt sich die Wiesenotter durch einen Fressfeind bedroht, so ist ihre Reaktion zumeist die sofortige Flucht in einen Unterschlupf. Da sie ihr Wohngebiet und die Lage der verschiedenen Schlupfwinkel darin genau kennt, kann sie ihren Feinden gewöhnlich schnell entkommen. Auch gegenüber dem Menschen erweist sich die Wiesenotter im übrigen als wenig beissfreudig; ernsthafte Vergiftungsfälle sind keine bekannt.

 

Grasländer weichen Agrarflächen

Die Wiesenotter weist vor allem in den asiatischen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets noch verhältnismässig gesunde Bestände auf und gilt deshalb als Art nicht als im Fortbestand gefährdet. In Europa ist die Bestandssituation der zierlichen Viper hingegen wenig erfreulich. Durch die fortschreitende Umwandlung der Steppen wie auch der verschiedenen anderen Wiesländer in landwirtschaftliche Nutzflächen ist sie hier aus weiten Teilen ihrer ursprünglichen Lebensräume verdrängt worden. Dies betrifft vor allem die Tieflandpopulationen, das heisst die Bestände in Österreich, Ungarn, Rumänien, der Moldau und der Ukraine.

Die Bergpopulationen wurden durch diese Form des vom Menschen bewirkten Landschaftswandels weniger beeinträchtigt, haben aber ihrerseits stark gelitten unter der Übernutzung ihrer Lebensräume durch Weidevieh, unter Wald- und Buschbränden sowie unter verschiedenen Formen der touristischen Erschliessung.

Aus den eingangs erwähnten Gründen wird die Wiesenotter überdies vom Menschen unnachgiebig bejagt. Lebensraumvernichtung einerseits und ständige Nachstellung andererseits haben dazu geführt, dass sie in Bulgarien bereits ausgestorben ist und im übrigen Europa dermassen selten geworden ist, dass sie heute als eines der meistgefährdeten Kriechtiere Europas eingestuft wird.

Anzumerken bleibt, dass in einigen Regionen nicht die Angst und die Abscheu des Menschen gegenüber Schlangen die grösste Gefahr für die Wiesenotter darstellt, sondern im Gegenteil ihre Attraktivität, die sie für Schlangenliebhaber hat. Wegen ihrer hübschen Zeichnung, ihres aktiven Wesens und ihrer Zurückhaltung beim Einsetzen ihrer Giftzähne ist sie bei den Reptilienhaltern in Europa sehr beliebt. Mehrere Bestände in Österreich, Ungarn und auf dem nördlichen Balkan sind deshalb durch Schlangenfänger massiv ausgedünnt worden. Diese Bedrohung hat allerdings abgenommen, seit die Wiesenotter in verschiedenen europäischen Ländern unter Naturschutz gestellt wurde.




ZurHauptseite