Wisent

Bison bonasus


© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)



Der Wisent (Bison bonasus) aus der Sippe der Wildrinder ist der unangefochtene Riese unter den Landsäugetieren Europas: Grossgewachsene Bullen erreichen eine Schulterhöhe von nahezu zwei Metern und bringen mitunter fast eine Tonne auf die Waage.

Als Lebensraum bevorzugt der Wisent urtümliche Waldlandschaften. Dort ernährt er sich von verschiedenerlei Blättern, Trieben, Zweigen, Rinden und Flechten, die er bei gemächlichen Streifzügen durchs Unterholz zu sich nimmt. Daneben verzehrt er gern saftige Gräser, Kräuter und Stauden, die er auf Waldlichtungen und an Gewässerrändern findet. Im Herbst nimmt er auch reichlich Pilze, Beeren, Eicheln und andere Früchte zu sich.

Während des Winters bilden die Wisentkühe zusammen mit ihren abhängigen Kälbern sowie den bereits selbständigen Jungkühen grössere Herden, und die Bullen tun mit ihresgleichen dasselbe. Jeweils im Frühjahr spalten sich die Weibchenherden dann in kleinere Gruppen von 8 bis 20 Tieren auf. Die «Junggesellengruppen» ihrerseits zerfallen in Trupps von zwei bis vier Tieren und in Einzelgänger. Alle diese «Formationen» verteilen sich ziemlich gleichmässig über den vorhandenen Lebensraum und ziehen friedlich darin umher.

Hektisch wird das Leben der Wisente einzig während der Brunftzeit, welche in die Monate August und September fällt. Die Männchen folgen dann den Weibchen nach und tragen untereinander heftige Rangordnungskämpfe aus. In dieser aufregenden Zeit lassen sie oft ihr Brüllen hören. Auch schnauben und stampfen sie angriffslustig oder bearbeiten einen Baum mit ihren Hörnern. Neben solchen Droh- und Imponiergesten sind erbitterte Nahkämpfe an der Tagesordnung, die unter Umständen mit schweren Verletzungen oder gar mit dem Tod eines der Rivalen enden können. So wird letztlich das Vorrecht zur Paarung mit den Weibchen geregelt: Nur den kräftigsten, ranghöchsten Bullen ist es nämlich vergönnt, die brünftigen Kühe zu begatten und so mit ihr Erbgut weiterzugeben.

Nach einer Tragzeit von knapp neun Monaten bringen die Weibchen im Mai oder Juni, wenn das Nahrungsangebot besonders reichlich ist, ihre Jungen gewöhnlich als Einzelkinder zur Welt. Die Kälber wiegen bei der Geburt etwa 30 Kilogramm. Sie werden rund ein halbes Jahr lang gesäugt, doch nehmen sie schon nach drei Wochen auch selbständig Nahrung zu sich. Die Geschlechtsreife erreichen sie zwar schon im Alter von zwei Jahren, doch sind sie frühestens mit sechs Jahren voll aus gewachsen. Ihre Lebensdauer beträgt wie bei den meisten Wildrindern 20 bis 25 Jahre.

Der Wisent war einst in den Wäldern Europas und des gemässigten Asiens weitverbreitet. Mit der zunehmend dichteren Besiedlung dieser Regionen durch den Menschen wurden seine Bestände jedoch rapid vermindert. Zum einen machte der Mensch eifrig Jagd auf das grosse Wildrind, weil er dessen schmackhaftes Fleisch und strapazierfähiges Leder sehr zu schätzen wusste. Zum anderen rodete er die Wälder, um Platz für seine Kulturpflanzen und sein Vieh zu schaffen, und zerstörte dadurch auf grossen Flächen den Wisentlebensraum.

Zu Beginn unseres Jahrhunderts gab es nur noch im Kaukasusgebirge einen kläglichen Rest des leichter gebauten, dunkleren Bergwisents (Bison bonasus caucasicus). Und im Urwald von Bialowieza, im Grenzgebiet zwischen Polen und Weissrussland, führten die letzten paar hundert Vertreter des Flachlandwisents (Bison bonasus bonasus) ein verstecktes Dasein. Die Wirren des Ersten Weltkriegs machten dann beiden Rassen endgültig den Gar aus: 1921 wurde der letzte Flachlandwisent, 1927 der letzte Kaukasuswisent abgeschossen. Damit schien das Schicksal des mächtigsten europäischen Wildtiers besiegelt zu sein.

Zum Glück befanden sich aber noch insgesamt 56 Flachlandwisente in verschiedenen Tiergärten Europas. Mit diesen wenigen Tieren nahmen ein paar Fachleute den nahezu hoffnungslosen Kampf um die Erhaltung der Art auf. Und tatsächlich waren ihre planmässigen Zuchtanstrengungen - trotz anfänglicher Rückschläge - von Erfolg gekrönt: Es konnten nicht nur mehrere blühende Wisentzuchtgruppen in Menschenobhut gegründet werden, sondern es gelang sogar (ab 1952), im grenzüberschreitend angelegten, 1250 Quadratkilometer grossen Nationalpark von Bialowieza einen freilebenden Wisentbestand aufzubauen. Dort hat sich zwischenzeitlich dank guter Betreuung eine ansehnliche Population - rund 250 Tiere auf polnischer und 200 auf weissrussischer Seite - entwickelt, und bereits konnten weitere Herden in anderen Schutzgebieten im östlichen Europa gebildet werden. So hat der eindrucksvolle Wisent zu guter Letzt doch überlebt.




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