Wisent

Bison bonasus


© 1996 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Ein Riese unter Europas Wildtieren

Der Wisent, von dem auf diesen Seiten die Rede sein soll, gehört innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur grossen Familie der Hornträger (Bovidae) und da zur Unterfamilie der Rinder (Bovinae). Im allgemeinen werden heute 12 Arten von Wildrindern unterschieden, von denen 8 in Asien, 2 in Eurasien, 1 in Afrika und 1 in Nordamerika heimisch sind. Fünf Arten rechnet man zur Gattung Bos: den Gaur (Bos gaurus), den Banteng (Bos javanicus), den Kouprey (Bos sauveli), den Jak (Bos mutus) und das Hausrind (Bos primigenius taurus), das vom 1627 ausgestorbenen Auerochsen (Bos primigenius) abstammt. Vier Arten werden in die Gattung Bubalus gestellt: der asiatische Wasserbüffel (Bubalus arnee), der Tieflandanoa (Bubalus depressicornis), der Berganoa (Bubalus quarlesi) und der Tamarau (Bubalus mindorensis). Zwei Arten werden der Gattung Bison zugeordnet: der nordamerikanische Bison (Bison bison) und der Wisent (Bison bonasus). Nur eine Art umfasst schliesslich die Gattung Syncerus, nämlich den afrikanischen Kaffernbüffel (Syncerus caffer).

Der Wisent ist mit dem Bison sehr nah verwandt. Kreuzt man Vertreter der beiden Arten in Menschenobhut miteinander, so sind die Nachkommen nicht nur völlig gesund, sondern auch fruchtbar. Gemäss der strengen biologischen Artdefinition, wonach alle Individuen, welche untereinander fruchtbare Nachkommen zeugen, ein und derselben Art angehören, müssten Wisent und Bison also zu einer Art zusammengefasst werden. Tatsächlich wird dies von manchen Fachleuten so gehandhabt, wobei der Wisent als «Europäischer Bison» (Bison bison bonasus) dem amerikanischen Bison (Bison bison bison) angegliedert wird. Im allgemeinen werden die beiden Wildrinder jedoch als separate Arten behandelt, was auch wir hier so halten wollen.

Unter den Landsäugetieren Europas ist der Wisent der unangefochtene Riese: Grossgewachsene Bullen erreichen eine Schulterhöhe von nahezu zwei Metern und bringen mitunter fast eine Tonne auf die Waage. Die Weibchen sind zwar deutlich kleiner und leichter gebaut als die Männchen, können aber immerhin auch über eine halbe Tonne wiegen.

 

Kranke Wisente nehmen «Aspirin»

Als Lebensraum bevorzugt der Wisent urtümliche Waldlandschaften. Dort ernährt er sich von Blättern, Trieben, Zweigen, Rinden und Flechten, die er bei gemächlichen Streifzügen durchs Unterholz zu sich nimmt. Daneben verzehrt er gern saftige Gräser, Kräuter und Stauden, die er auf Waldlichtungen und an Gewässerrändern findet. Im Herbst isst er auch reichlich Pilze, Beeren, Eicheln und andere Früchte. Mit dieser energiereichen Kost baut er Fettreserven auf, von denen er während der frostigen, nahrungsarmen Wintermonate zehren kann.

Interessanterweise nehmen Wisente, die sich krank oder unwohl fühlen, in grossem Ausmass Rinde von Weiden (Salix spp.) zu sich - und beweisen damit ihr Wissen um die medizinalen Eigenschaften dieser Baumrinde. Letztere enthält nämlich Acetylsalicylsäure, den Wirkstoff von Aspirin, einem der weltweit meistverwendeten Heilmittel gegen Schmerzen, Fieber und Rheumatismus.

Während des Winter bilden die Wisentkühe zusammen mit ihren abhängigen Kälbern sowie den bereits selbständigen Jungkühen grössere Herden, und die Bullen tun mit ihresgleichen dasselbe. Jeweils im Frühjahr spalten sich die Weibchenherden dann in kleinere Gruppen von 8 bis 20 Tieren auf. Die «Junggesellengruppen» ihrerseits zerfallen in Trupps von zwei bis vier Tieren und in Einzelgänger. Alle diese «Formationen» verteilen sich ziemlich gleichmässig über den vorhandenen Lebensraum und ziehen friedlich darin umher.

Hektisch wird das Leben der Wisente einzig während der Brunftzeit, welche in die Monate August und September fällt. Die Männchen folgen dann den Weibchen nach und tragen untereinander heftige Rangordnungskämpfe aus. In dieser aufregenden Zeit lassen sie oft ihr Brüllen hören. Auch schnauben und stampfen sie angriffslustig oder bearbeiten einen Baum mit ihren Hörnern. Neben solchen Droh- und Imponiergesten sind erbitterte Nahkämpfe an der Tagesordnung, die unter Umständen mit schweren Verletzungen oder gar mit dem Tod eines der Rivalen enden können. So wird letztlich das Vorrecht zur Paarung mit den Weibchen geregelt: Nur den kräftigsten, ranghöchsten Bullen ist es nämlich vergönnt, die brünftigen Kühe zu begatten und somit ihr Erbgut weiterzugeben.

Nach einer Tragzeit von knapp neun Monaten bringen die Weibchen im Mai oder Juni, wenn das Nahrungsangebot besonders reichlich ist, ihre Jungen gewöhnlich als Einzelkinder zur Welt. Die Kälber wiegen bei der Geburt etwa 30 Kilogramm. Sie werden rund ein halbes Jahr lang gesäugt, doch nehmen sie ab der vierten Woche auch selbständig Nahrung zu sich. Die Geschlechtsreife erreichen sie zwar schon im Alter von zwei Jahren, doch sind sie frühestens mit sechs Jahren voll ausgewachsen. Ihre Lebensdauer beträgt wie bei den meisten Wildrindern 20 bis 25 Jahre.

 

Weltbestand 1923: 57 Individuen

Der Wisent war einst in den Wäldern Europas und des gemässigten Asiens weitverbreitet. Mit der Besiedlung dieser Regionen durch den Menschen wurden seine Bestände jedoch immer stärker vermindert. Zum einen machte der Mensch eifrig Jagd auf das grosse Wildrind, weil er dessen schmackhaftes Fleisch und strapazierfähiges Leder sehr zu schätzen wusste. Zum anderen rodete er die Wälder, um Platz für seine Kulturpflanzen und sein Vieh zu schaffen, und zerstörte dadurch auf grossen Flächen den Wisentlebensraum.

Zu Beginn unseres Jahrhunderts gab es nur noch im Kaukasusgebirge einen kläglichen Rest der leichtergebauten, dunkleren Bergwisents (Bison bonasus caucasicus). Und im Urwald von Bialowieza, im Grenzgebiet zwischen Polen und Weissrussland, führten die letzten paar hundert Vertreter des Flachlandwisents (Bison bonasus bonasus) ein verstecktes Dasein.

Die Wirren des Ersten Weltkriegs machten dann beiden Rassen endgültig den Garaus: 1921 wurde der letzte Flachlandwisent, 1927 der letzte Kaukasuswisent abgeschossen. Damit schien das Schicksal des mächtigen Huftiers besiegelt zu sein.

Zum Glück befanden sich aber noch insgesamt 57 Wisente in Gefangenschaft: 53 Flachlandwisente lebten weit verstreut in verschiedenen Zoos und Tiergärten Europas. 3 weitere Flachlandwisente wurden in Halbfreiheit auf einem privaten Anwesen im damaligen oberschlesischen Pless (dem heutigen polnischen Pszczyna) gehalten. Das einzige überlebende Exemplar der Bergwisentrasse war ein Bulle namens «Kaukasus», der einem Tierhändler in Hamburg gehörte.

Mit diesen wenigen Tieren nahmen ein paar Fachleute den nahezu hoffnungslosen Kampf um die Erhaltung der Art auf. Unter Führung des ehemaligen Frankfurter Zoodirektors Kurt Priemel wurde im August 1923 die «Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents» gegründet. Ihre Ziele waren erstens eine planmässige Züchtung der letzten Wisente durch eine über die europäischen Landesgrenzen hinweg reichende Zusammenarbeit und zweitens - wenn immer möglich - eine spätere Wiederausbürgerung der nachgezüchteten Tiere in geeigneten Schutzgebieten.

Der Gesellschaft gelang es, im polnischen Teil des Bialowieza-Waldgebiets eine kleine Herde in einem umzäunten Gehege mit einer Fläche von 200 Hektaren aufzubauen. Ausserdem vermochte sie in verschiedenen europäischen Zoos kleine Zuchtgruppen zusammenzustellen.

Das Zuchtprogramm in Polen erlitt anfangs etwelche Rückschläge. Ein Bulle und eine Kuh, welche aus Deutschland importiert worden waren, erwiesen sich als nicht verwendbare Mischlinge von Bison und Wisent; ein Bulle, der aus Schweden stammte, starb an den Folgen einer Auseinandersetzung mit einem anderen Bullen; eine Kuh aus Pless starb, bevor sie Junge zur Welt gebracht hatte. Nach dieser anfänglichen «Pechsträhne» besserte sich die Situation jedoch: Die kleine Wisentherde im Bialowieza-Gatter wuchs langsam aber stetig heran. Gegen Ende der dreissiger Jahre umfasste sie 16 gesunde, zuchtfähige Erwachsene, 1947 bereits deren 44.

Zu diesem Zeitpunkt beschloss die Wisent-Gesellschaft, die Bialowieza-Herde auf reinrassige Tieflandwisente zu beschränken. In den Adern etlicher Tiere floss nämlich teilweise Bergwisentblut - Vermächtnis hauptsächlich des Bergwisentbullen «Kaukasus». Diese gemischtrassigen Tiere wurden aus der Herde entfernt und verschiedenen Zuchtgruppen im übrigen Polen und in einigen der damaligen Sowjetrepubliken angegliedert. Zeitgleich wurde eine zweite reinrassige Tieflandwisent-Herde in einem Gatter auf der sowjetischen Seite des Bialowieza-Walds gegründet.

 

Rückkehr in die freie Wildbahn

Anfang der fünfziger Jahre entschloss sich die Wisent-Gesellschaft, den zweiten Schritt ihres Plans zur Erhaltung des grossen europäischen Wildrinds in die Wege zu leiten: die Rückführung in die freie Wildbahn. Als Rückführungsort entschied man sich aus naheliegenden Gründen für den Bialowieza-Wald. Mit einer Gesamtfläche von mehreren tausend Quadratkilometern war und ist er nicht nur das grösste Reststück urtümlichen Eichen-Buchen-Mischwalds, wie er einst in ganz Mitteleuropa vorkam; grössere Teile davon waren auch bereits (ab 1932 in Polen und ab 1940 in Weissrussland) als Naturschutzgebiete ausgewiesen.

Die Wiederausbürgerung wurde sehr behutsam angegangen: Zuerst, 1952, wurden lediglich zwei überzählige Bullen im polnischen Teil des Bialowieza-Walds freigelassen. Sie wurden ständig im Auge behalten, denn man wollte sehen, wie sie mit der neuerlangten Freiheit umgingen. Insbesondere wollte man wissen, ob sie ihren ersten Winter in der «Wildnis» heil überstanden. Nachdem die beiden «Versuchskaninchen» weder mit den neuen Lebensumständen noch mit den klimatischen Gegebenheiten irgendwelche Mühe bekundet hatten, wurden ihnen 1953 ein paar Weibchen und dann nach und nach weitere Wisente beiderlei Geschlechts zugesellt. Allesamt lebten sich die grossen Huftiere gut ein und pflanzten sich alsbald auch fort. 1966 gab es im polnischen Teil des Bialowieza-Walds bereits 157 freilebende Wisente, und ihre Zahl stieg weiter an.

So gingen zu guter Letzt die Hoffnungen der Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents tatsächlich in Erfüllung: Das mächtige Wildrind lebt heute wieder frei in Europa. Im grenzüberschreitend angelegten Nationalpark von Bialowieza, der eine Fläche von 1250 Quadratkilometer aufweist, gibt es gegenwärtig auf polnischer Seite rund 250 Individuen, auf weissrussischer Seite deren 200. Die Tiere werden sorgfältig überwacht, und sie werden im Winter jeweils mit Heu, Hafer und Rüben zugefüttert. Eine kleine Herde von rund 20 Tieren wird weiterhin isoliert vom Rest in einem Gatter gehalten - gewissermassen als «Reserve», falls die freilebende Herde von einer Seuche heimgesucht würde oder ihr sonst etwas zustossen sollte.

 

Reinrassige Wisente auch in Litauen

Mit rund 450 Individuen stellt die Wisentpopulation im Urwald von Bialowieza heute den weltweit grössten zusammenhängenden Bestand dieser Tierart dar. Allerdings existieren auch andernorts blühende Wisentzuchtgruppen. Freilebende Herden finden sich hauptsächlich in Polen und in ein paar ehemaligen Sowjetrepubliken. Gefangenschaftsgruppen gibt es in vielen Zoos Europas und Nordamerikas, ja sogar in Japan und in Südkorea. Rund 1600 Wisente leben derzeit ausserhalb des Bialowieza-Nationalparks. Die Lebensdaten eines jeden Individuums werden detailliert im Internationalen Wisent-Zuchtbuch festgehalten, das seit 1932 im Zoo von Warschau geführt wird. So ist der Überblick über die weit verstreut lebende Gesamtpopulation jederzeit gewährleistet, und es kann durch geschickten Austausch der zuchtfähigen Tiere auf internationaler Ebene der verhängnisvollen Inzucht entgegengewirkt werden.

Leider gehen die meisten dieser freilebenden Wisentherden - im Gegensatz zur Bialowieza-Herde - auf gemischtrassige Zuchtstämme zurück. Ein paar wenige reinrassige Tieflandwisent-Herden gibt es aber immerhin, und davon lebt eine der blühendsten in Litauen, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken.

1969 wurde in Litauen eine Zuchtstation für reinrassige Tieflandwisente aufgebaut. Zwei Männchen und acht Weibchen wurden damals von Bialowieza in ein Gatter bei Naujamiestis im Distrikt Panevezys im Norden Litauens verbracht. 1971 kamen die ersten drei Kälber zur Welt, und 1973 konnten bereits die ersten fünf der lokal gezüchteten Wisente in der Nachbarschaft des Gatters freigelassen werden. Die freigesetzten Tiere lebten sich in ihrer neuen Heimat schnell ein und sorgen inzwischen Jahr für Jahr für Nachwuchs.

In der Tat ist die Nachzuchtrate der Naujamiestis-Herde seit geraumer Zeit eher zu hoch. Um einer Übernutzung ihres begrenzten Lebensraums vorzubeugen, sollte der Bestand nämlich auf ungefähr 35 Tiere beschränkt bleiben - 25 in freier Wildbahn und 10 im Gatter. Dies bedeutet, dass alljährlich fünf bis sechs Tiere aus der Herde entnommen und verkauft werden müssen.

Erfreulicherweise hat das junge litauische Parlament die Wertschätzung des grossen Wildrinds durch das kleine Land bereits zum Ausdruck gebracht: Es hat mittels eines speziellen Beschlusses verfügt, dass die Wisentzahl innerhalb der Grenzen Litauens auch zukünftig stets um 35 Individuen betragen muss. Im übrigen wird derzeit untersucht, ob allenfalls in den Distrikten Sirvintos und Marijampole im Süden des Landes neue Wisentherden gegründet werden können. Ausserdem sollen in nächster Zeit mehrere reinrassige Tieflandwisente eingeführt werden und für eine Blutauffrischung der litauischen Herde sorgen.




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