Wolf

Canis lupus


© 1985 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Wolf (Canis lupus) gehört innerhalb der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zur Familie der Hundeartigen (Canidae), und hier wiederum zur Gattung der Wolfs- und Schakalartigen (Canis), welche sechs Arten umfasst: den Streifenschakal (Canis adustus), den Schabrakenschakal (Canis mesomelas) und den Abessinischen Schakal (Canis simensis), welche alle drei in Afrika zuhause sind, den Goldschakal (Canis aureus), der von der Balkanhalbinsel bis nach Indien und Ostafrika verbreitet ist, den nordamerikanischen Kojoten (Canis latrans) und den Wolf, welcher beinahe die ganze nördliche Erdhalbkugel bewohnt.

Einige Autoren trennen zudem den Haushund (Canis lupus familiaris) als eigene Art vom Wolf ab. Es besteht heute allerdings kein Zweifel mehr daran, dass der Wolf der alleinige Stammvater des Haushunds ist. Die frühere Annahme, dass auch der Goldschakal zu den Vorfahren des Haushunds zu rechnen sei, ist gemäss neueren Untersuchungen hinfällig geworden.

Entstanden sind die Hundeartigen vor rund zehn Millionen Jahren in Nordamerika. Von dort aus besiedelten sie in verschiedenen Einwanderungswellen sowohl die Alte Welt als auch den südamerikanischen Halbkontinent. Die urtümlichste Hundeart ist heute der in Asien und Osteuropa vorkommende Marderhund (Nyctereutes procyonoides), der äusserlich mehr einem Waschbären als einem Hund ähnelt.

Der Wolf ist der grösste Vertreter der Hundeartigen. Er erreicht im Durchschnitt eine Schulterhöhe von 70 bis 80 Zentimetern und ein Gewicht von etwa 50 Kilogramm. Die Wolfsformen des hohen Nordens sind im allgemeinen beträchtlich grösser als die des Südens. Sie können bis zu 80 Kilogramm schwer werden. Die kleinste Rasse ist - mit einem Gewicht von nur 15 bis 30 Kilogramm - der Rotwolf (Canis lupus niger) aus dem Süden der Vereinigten Staaten.

 

Beinahe ein Weltbürger

Die geografische Verbreitung des Wolfs war einst riesig: Sie umfasste grosse Teile Eurasiens - von der Arktis bis zum Mittelmeer, nach Arabien, Indien und Japan - und reichte in Nordamerika von Alaska bis zur Sierra Madre in Mexiko. Im Laufe der letzten 300 Jahre ist der grosse Wildhund aber vom Menschen in vielen Gebieten zurückgedrängt oder gar ausgerottet worden. So kommt er heute in Europa vor allem noch in der Sowjetunion, in Polen, Rumänien und Jugoslawien vor, während in Skandinavien, Finnland, in der Tschechoslowakei und in Italien nur noch kleine Restbestände überleben. In Asien gibt es noch grosse Wolfsbestände in der Sowjetunion und kleinere Populationen in China, Iran und Irak. In Amerika ist der Wolf in den USA ziemlich selten geworden, kommt aber noch in grosser Zahl in Kanada und Alaska vor.

Innerhalb dieses riesigen Verbreitungsgebiets zeigt der Wolf eine sehr grosse Anpassungsfähigkeit an Klima, Bodenbeschaffenheit und Pflanzendecke. Zwar bevorzugt er als Lebensraum ausgedehnte Waldgebiete. Er ist aber ebenso in den offenen Tundren und Steppen zuhause. Lediglich Wüsten und tropische Regenwälder haben seine weitere Ausbreitung nach Süden verhindert.

Je nach Region zeigt der Wolf beträchtliche Unterschiede in seiner Färbung. Während die «gewöhnlichen» Wölfe - die «Grauwölfe» - ein vorwiegend graues Rücken-, Flanken- und Schwanzfell mit hellerer Körperunterseite aufweisen, können die sogenannten «Timberwölfe» der nordamerikanischen Wälder fast gänzlich schwarz, und die «Weisswölfe» des hohen Nordens ausgesprochen hell gefärbt sein. Aufgrund der grossen Unterschiede in Färbung, Grösse und Gestalt werden allein in der Alten Welt sechs verschiedene Wolfs-Unterarten unterschieden. Gemäss den sowjetischen Zoologen Haptner und Naumov gehören jedoch alle europäischen Wölfe - mit Ausnahme derjenigen Italiens, Spaniens und Portugals - zur selben Unterart (Canis lupus lupus).

 

Ausdauernder Hetzjäger

Wölfe sind enorm leistungsfähige Langstreckenläufer. Wenn sie ihr weites Wohngebiet nach Beute durchstreifen, legen sie oft in einer einzigen Nacht mehr als hundert Kilometer zurück. Auf der Flucht oder bei der Verfolgung eines Beutetiers erreichen sie Spitzengeschwindigkeiten von über sechzig Kilometern in der Stunde. Auch sind sie gute Schwimmer, die selbst eisiges Wasser nicht scheuen. Durchschnittlich sind Wölfe etwa zehn Stunden je Tag in Bewegung.

Beutetiere des Wolfs sind vorwiegend grössere Huftiere wie Hirsch, Ren und Elch. Er nimmt aber durchaus auch kleinere Säugetiere wie Nager und Hasen und begnügt sich manchmal sogar mit Fröschen oder Aas.

Ein Wolf kann erstaunliche Mengen von Fleisch verzehren: an einem Tag zehn bis fünfzehn Kilogramm. Kein Wunder ist der «Wolfshunger» sprichwörtlich geworden. Wenn er kein Jagdglück hat, kann der Wolf aber auch mehrere Tage lang ohne jegliche Nahrung auskommen. In solchen Fällen kann es geschehen, dass sich der Wolf, der normalerweise die Nähe menschlicher Siedlungen meidet, an Haustieren wie zum Beispiel Schafen, Gänsen und Hunden vergreift.

Auf der Jagd verlässt sich der Wolf hauptsächlich auf seinen Geruchssinn. Wie unser Haushund ist er ein «Nasentier». Sein Gehör ist aber ebenfalls sehr gut ausgebildet, während seine Augen vor allem Bewegungen, weniger Umrisse wahrnehmen.

 

Gut organisiertes Rudelleben

Wölfe leben in Rudeln zusammen. Die Grösse des Rudels hängt in erster Linie vom Nahrungsangebot - Art und Dichte der Beutetiere - im Wohngebiet ab. Meistens umfasst das Rudel etwa zehn Tiere, manchmal auch weniger. Wächst das Rudel an, so überschreitet es gelegentlich seine «wirtschaftliche» Grösse, sodass es schwierig wird, alle Angehörigen ausreichend zu ernähren. Im allgemeinen nehmen dann die Streitigkeiten zwischen den einzelnen Rudelmitgliedern stark zu und bewirken schliesslich, dass sich das Rudel aufspaltet.

Das Wolfsrudel stellt eine der am weitesten entwickelten geselligen Organisationsformen im Tierreich dar. Dies hängt zweifellos mit der Ernährungsweise der Tiere zusammen: Wölfe sind Grosswildjäger. Allein könnte der einzelne Wolf die grossen Huftiere, welche oft das Zehnfache seines eigenen Körpergewichts wiegen, kaum erlegen. So ist er gezwungen, in der Gemeinschaft mit Artgenossen zu jagen und zu leben. Und das erfordert - bei Tieren mit kräftigem Raubtiergebiss - reiche Verständigungsmöglichkeiten und hohe gesellschaftliche Organisation.

Das Leben innerhalb des Rudels ist geprägt durch eine strenge Rangordnung sowohl unter den Männchen als auch unter den Weibchen. Vielfältige zeremonielle Gebärden und Verhaltensweisen dienen dazu, diese Rangordnung ohne unnötigen Kräfteverschleiss aufrecht zu erhalten. Bei Rangkämpfen und anderen Auseinandersetzungen innerhalb des Rudels sorgen besondere Demutsgebärden dafür, dass der Sieger den Unterlegenen nicht ernsthaft verletzt.

 

Heulen und Knurren

Das berühmte Wolfsgeheul dient in erster Linie als Stimmfühlungslaut innerhalb der Rudelgemeinschaft. Die Rudelgefährten, die sich bei der Nahrungssuche oft weit voneinander trennen, können auf diese Weise über grosse Distanzen Kontakt miteinander halten. Für das menschliche Ohr ist das Wolfsgeheul über eine Entfernung von acht Kilometern wahrnehmbar; für das empfindliche Ohr des Wolfs dürfte es noch viel weiter hörbar sein.

Das «Chorgeheul» mehrerer Wölfe hat gleichfalls gesellige Bedeutung: Es fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl der Rudelmitglieder. Ausserdem ermöglicht es Nachbarrudeln, einander aus dem Weg zu gehen.

Wölfe können auch bellen, knurren, winseln und fiepen.

 

Jungenaufzucht ist Rudelsache

Die Paarungszeit der Wölfe beginnt im Dezember und endet im Februar. Die Paarung selber dauert fünfzehn bis dreissig Minuten. Im März oder April - nach einer Tragzeit von 63 bis 65 Tagen - bringt das Weibchen in einem unteriridischen Bau durchschnittlich fünf Junge zur Welt. Den Bau hat es zuvor selbst gegraben oder hat einen bestehenden Fuchsbau vergrössert. Manchmal wählt es als Geburtsstätte auch einen hohlen Baumstamm.

Die Welpen wiegen bei der Geburt 300 bis 500 Gramm und werden etwa sechs Wochen lang von ihrer Mutter gesäugt. Sie sind anfänglich blind, öffnen aber schon nach 9 bis 13 Tagen ihre Augen.

In ihren ersten zehn Lebensmonaten sind die Jungwölfe sehr anfällig auf Kälte, Feuchtigkeit und Krankheiten. Die Jungensterblichkeit beträgt mindestens fünfzig Prozent und manchmal - bei schlechten Witterungsverhältnissen - sogar bis achtzig Prozent. Als natürliche Feinde der Welpen kommen Adler und grosse Eulen in Frage, während der ausgewachsene Wolf einzig den Menschen zu fürchten hat.

Die Weibchen werden mit knapp zwei Jahren geschlechtsreif, die Männchen im Lauf ihres dritten Lebensjahrs. In Gefangenschaft liegt das Höchstalter von Wölfen bei fünfzehn Jahre. In freier Wildbahn dürfte es selten mehr als zehn Jahre betragen. Dann nämlich ist die Abnützung der Zähne derart weit fortgeschritten, dass die Tiere Schwierigkeiten haben, sich ausreichend zu ernähren. Sehr alte Wölfe werden zuweilen von ihren Rudelgefährten ausgestossen und gehen als Einzelgänger zugrunde.

Obschon in einem Rudel meistens mehrere geschlechtsreife Weibchen leben, paaren sich jeweils nur die ranghohen Rudelangehörigen und verhindern Begattungsversuche rangniederer Tiere. Dies trägt zur «Geburtenkontrolle» und damit zur Selbstregelung der Populationsdichte bei, wie man es auch von anderen grossen Raubtieren her kennt.

An der Aufzucht der Jungwölfe ist hingegen nicht nur das Elternpaar, sondern sind ebenso die übrigen Rudelmitglieder beteiligt. Wenn das Rudel auf Jagd geht, werden die Welpen von einem erwachsenen Tier - vielfach einem jüngeren Weibchen - gehütet. Es spielt mit ihnen und beschützt sie bei Gefahr.

Die jungen Wölfe wachsen sehr rasch heran und machen schon bald spielerisch Jagd auf Mäuse, Vögel und andere Kleintiere. Bereits im Herbst begleiten sie als «Lehrlinge» das Rudel auf der gemeinschaftlichen Jagd nach grossen Wildtieren.

 

Der Wolf in Polen

Für den Menschen auf der nördlichen Erdhalbkugel hat der Wolf schon immer eine besondere Bedeutung gehabt - bei Jägerstämmen als Beutekonkurrent, bei sesshaften Völkern als Haustierräuber, und ganz allgemein als lebensbedrohender Angreifer. Zwar ist die Gefahr durch den Wolf aufgrund der Entwicklung der Schusswaffen längst gebannt. Doch besitzt noch heute wohl kein anderes Raubtier einen derart schlechten Ruf wie der «blutrünstige» Wolf. Dies sehr zu unrecht, wie die neuere wissenschaftliche Erforschung der Lebensweise freilebender Wölfe zeigt. Sie gibt nicht nur ein weitaus freundlicheres Bild dieses ausdauernden Jägers, als es in all den vielen Schauermärchen entworfen wird. Sie zeigt auch klar auf, welch wichtige Rolle der kräftige Grosswildjäger im Haushalt der Natur spielt: Obschon Wölfe ohne Mühe gesunde, kräftige Beutetiere zu erlegen vermögen, fallen ihnen vorwiegend ältere, kranke und gebrechliche Tiere zum Opfer. Sie tragen durch diese natürliche Auslese wesentlich zur Gesunderhaltung ihrer Beutetierbestände bei.

Noch im Mittelalter war der Wolf über ganz Polen verbreitet gewesen. Zwar nahm sein Bestand mit dem Aufkommen der Feuerwaffen ab, doch wurde er nie derart unnachgiebig bekämpft wie in anderen Ländern Europas. Er konnte sich daher besonders in den nordöstlichen Teilen Polens gut halten. Während des Zweiten Weltkriegs und den ersten Nachkriegsjahren, als die polnische Bevölkerung andere Sorgen hatte, als dem Wolf nachzustellen, wuchs der Bestand des grossen Wildhunds wieder an, und er besiedelte erneut auch die westlichen Provinzen des Landes.

Diese Situation änderte sich schlagartig im Jahr 1955, als die polnischen Behörden dazu aufriefen, den Wolf mit allen Mitteln - Feuerwaffen, Gift und Schlageisen - auszurotten, und eine Prämie auf jedes getötete Exemplar aussetzten. Nun ging der Wolfsbestand drastisch zurück. Nur dank dem Einsatz polnischer Naturschutzkreise hat der Wolf dieses Massaker überlebt. Sie erreichten 1975, dass der Wolf als ein - nach waidmännischen Regeln zu hegendes - Jagdwild mit einer Schonzeit vom 1. April bis zum 31. August eingestuft wurde. Heute lebt in Ost- und Südost-Polen wieder eine gesunde, ungefähr 300 Tiere umfassende Wolfspopulation. Die grösste örtliche Bestandsdichte liegt bei etwa 1 bis 1,5 Individuen je 10 Quadratkilometer.

Polen setzt heute alles daran, den Wolf als Teil der einheimischen Tierwelt zu erhalten. So werden beispielsweise durch Wölfe verursachte Schäden an Haustieren durch die polnische Forstbehörde ersetzt. Und es ist beabsichtigt, die Schonzeit bis zum 31. Oktober zu verlängern. Auch wird die Erforschung der Lebensweise des Wolfs in Polen weitergeführt, um so die Grundlagen für gezielte Schutzmassnahmen zu erarbeiten. Und nicht zuletzt wird versucht, mit all den Gruselgeschichten über den Wolf aufzuräumen und die Öffentlichkeit über das wirkliche Wesen dieses kraftvollen Wildhunds aufzuklären. Dabei hofft man vor allem auch auf das Verständnis und die Unterstützung der Hundehalter, denn schliesslich ist der Wolf der Stammvater all ihrer treu umsorgten Hausgenossen.




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