Zebraducker
Cephalophus zebra
© 1985 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Der schön gezeichnete Zebraducker wurde ziemlich
spät, nämlich erst im Jahr 1838, durch den amerikanischen
Naturforscher Asa Gray entdeckt. Zu Ehren seiner Frau Doria nannte
er die zierliche Waldantilope Cephalophus doriae. Dieser
Name wurde dann später durch die sachlichere, auf die markante
Fellzeichnung des Zebraduckers hinweisende Bezeichnung Cephalophus
zebra ersetzt. Sie ist heute noch gültig.
Zebraducker sind sehr seltene und ausgesprochen wachsame
Bewohner des dichten westafrikanischen Regenwalds. Sie werden
daher kaum je von Menschen gesehen, und ihre Lebensweise ist
noch weitgehend unbekannt.
«Ducker» heisst «Taucher»
Die Ducker (Unterfamilie Cephalophinae) gehören
innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur Familie
der Hornträger (Bovidae), sind also nahe Verwandte der Rinder,
Kuhantilopen, Gazellen und Ziegen. Es werden zwei Gattungen von
Duckern unterschieden: Der Kronenducker (Sylvicapra grimmia)
ist ein Bewohner der aufgelockerten Buschsteppengebiete mit ziemlich
schlankem, hochbeinigem Körperbau. Demgegenüber leben
die 14 Arten von Schopfduckern (Gattung Cephalophus) vorwiegend
in den üppigen tropischen Regenwäldern Afrikas und
besitzen einen eher gedrungen gebauten Körper.
Der Name «Ducker» ist vom Afrikaans-Wort
duiker abgeleitet. Dieses bedeutet eigentlich «Taucher»
und spielt auf das charakteristische Verhalten der Tiere an,
schon bei der geringsten Beunruhigung sofort ins Dickicht «einzutauchen».
Alfred Brehm nennt in seiner Enzyklopädie von
1864 den Ducker auch «Taucherbock» und schreibt dazu:
«Innerhalb des ärgsten Dickichts bewegt er sich mit
einer Gewandtheit, Vorsicht und Schlauheit, dass der ihm von
den alten Holländern zuerteilte Name vollständig gerechtfertigt
erscheint. Bei Annäherung eines Menschen oder eines anderen
Feindes setzt er über Büsche hinweg und schlüpft
durch sie hindurch, duckt sich und kriecht im langen Grase oder
zwischen den Büschen so still dahin, dass man glaubt, er
wäre förmlich verschwunden. Selbst der klügste
Jäger und der beste Hund werden durch den Ducker oft genug
gefoppt.»
Der Gattungsname «Schopfducker» bezieht
sich auf den Büschel langer Haare, den die Vertreter dieser
Sippe zwischen den Hörnern tragen. Der Haarschopf ist beim
Zebraducker allerdings wenig ausgeprägt und gibt die kleinen,
kegelförmigen Hörner frei, welche von Männchen
und Weibchen getragen werden.
Über die Stammesgeschichte der Ducker ist wenig
bekannt. Im Regenwald zerfällt jedes Skelett sehr rasch,
weshalb nur in wenigen Ausnahmefällen Duckerknochen als
Fossilien gefunden worden sind. Im östlichen und südlichen
Afrika sind bei Ausgrabungen einige fossile Zähne und Kiefer
früherer Ducker zum Vorschein gekommen, welche 1,8 Millionen
Jahre alt sind. Und es gibt ein paar vage Hinweise darauf, dass
sich die Ducker sogar bereits im späten Miozän - vor
über drei Millionen Jahren - herausgebildet haben.
Die heutigen Ducker zeigen in ihrem Körperbau
noch viele urtümliche Merkmale längst ausgestorbener
Hornträger und gelten deshalb als die primitivsten lebenden
Antilopen.
Eng begrenztes Verbreitungsgebiet
Der Zebraducker hat ein sehr kleines Verbreitungsgebiet:
Er kommt nur in Sierra Leone, in Liberia und im westlichen Teil
der Elfenbeinküste vor. Warum seine Verbreitung dermassen
eng begrenzt ist, bleibt nach wie vor rätselhaft. Viele
andere Säugetiere, welche zusammen mit dem Zebraducker in
den Regenwäldern der genannten Länder vorkommen, sind
durchaus auch im östlichen Teil der Elfenbeinküste,
in Ghana und noch weiter östlich anzutreffen.
Innerhalb seines knapp bemessenen Verbreitungsgebiets
bewohnt der Zebraducker ausschliesslich immergrünen Regenwald.
Johann Büttikofer, ein bekannter Schweizer Zoologe des 19.
Jahrhunderts, nannte den Zebraducker fälschlicherweise einen
«Berghirsch», da er die Tiere in Liberia hauptsächlich
in den Hügelwäldern gefunden hatte. Wir wissen heute
aber, dass die Art sowohl im Tiefland- als auch im Bergregenwald
zu Hause ist.
Zebraducker sind Dickichtschlüpfer
Der Zebraducker erreicht eine Schulterhöhe von
nur 50 Zentimetern und wiegt etwa 16 Kilogramm. Sein gedrungen
gebauter Körper ist dem Leben inmitten reichsten Pflanzenwuchses
bestens angepasst: Der Rumpf ist aufgrund der verkürzten
Vorderbeine vorne unterbaut, der Kopf ist keilförmig und
wird auf kurzem Hals tief gehalten. Dieser «strömungsgünstige»
Körperbau ermöglicht dem Zebraducker die gleitende
Bewegung durch das üppige Pflanzengewirr in seinem feuchtwarmen
Lebensraum. Sein Gehörn ist sehr klein und nach hinten gerichtet,
sodass er sich nicht mit ihm im Gezweig verfängt.
Während das Fell der meisten Ducker einheitlich
rot oder graubraun gefärbt ist, weist dasjenige des Zebraduckers
auf hellorangem Grund 12 bis 15 schwarze Querstreifen auf. Durch
diese scheinbar auffällige Fellzeichnung ist die zierliche
Antilope im dämmrigen untersten Stockwerk des Regenwalds
hervorragend getarnt: Die Streifen lösen die Umrisse des
Tiers auf und lassen so seine Gestalt mit der Umgebung verschmelzen.
Zebraducker zeigen schon bei der Geburt diese hübsche Fellzeichnung.
Der Geruchssinn des Zebraduckers ist am besten entwickelt.
Die unablässig witternde Nase dient der Nahrungsfindung,
der Feindvermeidung sowie der Kontaktnahme mit Artgenossen. Zebraducker
besitzen beiderseits des Kopfes unterhalb der Augen Duftdrüsen.
Deren Sekret streifen sie auf ihren ruhigen Esswanderungen durch
das dichte Unterholz immer wieder an Blättern und Zweigen
ab und setzen so «Visitenkarten» für nachfolgende
Tiere. Dies ist zum Beispiel für die Partnerfindung sehr
sinnvoll. An den Hinterfüssen weisen Zebraducker ein weiteres
Paar Duftdrüsen auf, mittels welcher sozusagen auf Schritt
und Tritt Information abgegeben wird.
Das Gehör des Zebraduckers ist weniger gut entwickelt
als sein Geruchssinn, und am schwächsten ausgebildet ist
sein Sehvermögen. Mit den grossen, besonders auf Dämmerungssehen
eingerichteten Augen kann die kleine Waldantilope nur gerade
ihre nächste Umgebung deutlich erkennen. Im dichten Unterholz
des Walds genügt dies aber vollauf, da die Sichtweite selten
mehr als ein paar Meter beträgt.
Ducker jagen Vögel
Wie bei allen Hornträgern ist der Magen des Zebraduckers
vergrössert und in mehrere Kammern unterteilt. Eine davon
ist eine Gärkammer, in welcher Bakterien zellulosehaltiges
Pflanzenmaterial aufschliessen und so zu einer besseren Verwertung
der Nahrung beitragen. Im Gegensatz zu manchen anderen Antilopen
machen allerdings beim Zebraducker Blätter und Zweige, welche
viel Zellulose enthalten, nur einen geringen Teil der Nahrung
aus. Er ernährt sich vorwiegend von Früchten, Beeren
und saftigen Schösslingen.
Neben Pflanzenkost nehmen Ducker auch gerne Termiten
und andere Insekten zu sich. Und sie scheinen gelegentlich sogar
Vögel zu töten und zu verzehren. An einem Schwarzrückenducker
(Cephalophus dorsalis) im Züricher Zoo ist dieses
seltsam anmutende Verhalten genauer nachgeprüft worden.
Mehrmals wurden dem Tier lebende Vögel vorgesetzt. Sobald
der Ducker einen Vogel erblickt hatte, witterte er mit vorgestrecktem
Kopf, aufgeblähten Nüstern und angelegten Ohren in
die Richtung des Vogels. Dann näherte er sich ihm mit gesenktem
Kopf. Sobald der Vogel zu fliehen begann, setzte der Ducker zur
Jagd an. Kleine Küken tötete er direkt durch einen
kräftigen Biss in die Brust. Auffliegende oder noch am Boden
befindliche Tauben betäubte er durch Schläge mit den
Vorderläufen und biss ihnen dann den Kopf ab. Anschliessend
ass er die toten Tiere ganz oder teilweise auf.
Eine Besonderheit im Verdauungstrakt der Ducker ist
das Fehlen einer Gallenblase, in welcher bei anderen Säugetieren
die zum Fettabbau benötigte Galle gespeichert wird. Warum
dieses Organ bei den Duckern fehlt, ist nicht geklärt.
Von Freunden und Feinden
Zebraducker leben einzeln oder paarweise. Sie sind
so wohl tag- als auch nachtaktiv. Viel Zeit verbringen die Tiere
mit Wiederkauen. Meistens legen sie sich dazu zwischen Brettwurzeln
mächtiger Bäume oder neben vermodernde Holzstrünke,
wo sie ausgezeichnet getarnt sind.
Das Weibchen bringt alljährlich - nach einer
Tragzeit von sieben Monaten - ein einzelnes Junges zur Welt.
Die neugeborenen Zebraducker sind sogenannte «Ablieger»:
Sie werden von der Mutter im dichten Unterholz abgelegt, bleiben
dann während ihrer ersten Lebenswochen ständig dort
verborgen und werden nur jeweils zum Säugen vom Muttertier
aufgesucht.
Das Junge wächst rasch heran und wandert schon
bald mit seiner Mutter umher. Von ihr lernt es die bekömmlichen
Pflanzen kennen, Gefahren ausweichen und Duftmarken deuten. Mit
etwa neun Monaten ist der junge Zebraducker schliesslich ausgewachsen
und trennt sich in diesem Stadium von seiner Mutter. In menschlicher
Pflege sind Ducker über zehn Jahre alt geworden.
Auf ihren Esswanderungen folgen Zebraducker oft Affenhorden,
welche in den Wipfeln der Bäume Friüchte essen, und
verzehren die herunterfallenden Essensreste der Klettertiere.
Solche Essgemeinschaften haben für beide Tierarten den Vorteil,
dass mehr Augen und Nasen für die Feindvermeidung zur Verfügung
stehen. Tatsächlich reagieren sämtliche beteiligten
Tiere sowohl auf die grellen Alarmrufe der Affen wie auch auf
das nasale Alarmschnauben der Ducker.
Die hauptsächlichen natürlichen Feinde besonders
der jungen Zebraducker sind Leopard, Serval, Afrikanische Goldkatze,
grössere Schleichkatzen und Pythons. Bei Annäherung
eines Feinds bleibt der Ducker oft regungslos stehen oder liegen
und vertraut vorerst auf seine Tarnfärbung. Glaubt er aber,
beobachtet zu werden, so springt er auf und davon, setzt blitzschnell
über Hindernisse und schlägt eine Reihe scharfer Haken,
um den Angreifer zu verwirren. Seine Beine sind für längere
Verfolgungsjagden allerdings wenig geeignet. Er schützt
sich daher am besten dadurch, dass er unentdeckt bleibt.
Hauptgefahren: Bejagung und Lebensraumzerstörung
Leider ist die heimliche Lebensweise des Zebraduckers kein genügender
Schutz gegen seinen Hauptfeind, den Menschen, welcher die zierliche
Antilope ihres Fleisches und des schön gezeichneten Fells
wegen mit dem Gewehr erlegt und in Schlingfallen fängt.
Die Duckerjagd findet in der Regel nachts statt. Mit
Scheinwerfern werden die Tiere aufgespürt und geblendet.
Erfahrene Jäger haben aber auch eine Reihe von Rufen und
Pfiffen entwickelt, mit denen sie Ducker selbst bei Tag aus dem
Gebüsch und in Schussweite zu locken vermögen.
In Sierra Leone werden das Fleisch und die Felle von
Zebraduckern selten auf den Märkten angeboten. In Liberia
hingegen werden die Tiere recht häufig und zu hohen Preisen
gehandelt. Auch in der Republik Elfenbeinküste scheinen
Zebraducker ziemlich häufig erlegt zu werden. Genauere Abschätzungen
der Zebraduckerbestände fehlen zwar bislang. Es steht jedoch
zweifelsfrei fest, dass als Folge des zunehmenden Jagddrucks
der Artbestand im gesamten Verbreitungsgebiet rasch abnimmt.
Dieser Rückgang der Zebraduckerbestände
wird durch die grossflächige Zerstörung der westafrikanischen
Regenwälder und damit der Lebensgrundlage der Tiere noch
wesentlich verschlimmert. Denn leider scheint es so, dass der
Zebraducker - im Gegensatz zu anderen Duckerarten - in einstmals
gerodeten und dann wieder verwilderten Landstrichen nicht zu
leben vermag. Angesichts der ständig wachsenden menschlichen
Bevölkerung mindert dieser Umstand die Überlebenschancen
des Zebraduckers beträchtlich. Eine eingehende Studie der
genauen ökologischen Ansprüche des Zebraduckers ist
dringend, denn sie könnte Antwort auf die Frage geben, warum
der Zebraducker dermassen stark von unberührtem Regenwald
abhängig ist. Solches Wissen würde die Anstrengungen
zum Schutz der Art wesentlich erleichtern.
Letzte Hoffnung: Schutzgebiete
Derzeit die einzige Hoffnung, das Überleben des
Zebraduckers langfristig zu sichern, liegt in der Errichtung
und dem wirksamen Schutz grossflächiger Regenwald-Reservate.
Von erstrangiger Bedeutung für die hübsche
Waldantilope ist daher der 1972 gegründete Tai-Nationalpark
im Südwesten der Elfenbeinküste. Mit einer Fläche
von 3000 Quadratkilometern stellt er das letzte grosse Regenwaldgebiet
Westafrikas dar. Hier leben etwa 80 typisch afrikanische Regenwald-Säugetiere,
darunter so seltene Arten wir das Zwergflusspferd, der Bongo
und der Waldelefant. Ein weiteres wichtiges Rückzugsgebiet
des Zebraduckers ist der Sapo-Nationalpark in Liberia.
Sowohl für den Tai-Nationalpark als auch für
den Sapo-Nationalpark hat der World Wildlife Fund (WWF) in den
vergangenen Jahren ein breitgefächertes Schutzprogramm entwickelt,
welches zur Hauptsache die folgenden Massnahmen umfasst: Verbesserung
des bestehenden Bewachungssystems, deutliche Kennzeichnung der
Parkgrenzen und Schaffung einer Pufferzone, welche nur in ökologisch
vertretbarem Ausmass genutzt werden darf.
Für zwei weitere Gebiete, welche ebenfalls von
grosser Bedeutung für das Überleben der vielgestaltigen
Regenwaldflora und -fauna Westafrikas sind, fehlen solche Schutzprogramme
leider zur Zeit noch. Es handelt sich um den Gola-Wald in Sierra
Leone und um die angrenzende Loffa-Mano-Region in Liberia. Dieser
Mangel soll aber in naher Zukunft durch entsprechende Projekte
behoben werden - zum Wohl des Zebraduckers und seiner vielen
Leidensgenossen.
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