Europäischer Ziesel - Spermophilus citellus
Gartenschläfer - Eliomys quercinus
Baumschläfer - Dryomys nitedula
Birkenmaus - Sicista betulina
© 1996 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Ordnung der Nagetiere (Rodentia) stellt unzweifelhaft
die erfolgreichste Säugetiersippe der Gegenwart dar. Mehr
als 2000 Nagetierarten soll es gemäss der neusten Revision
der Nagetiersystematik auf unserem Planeten geben. Dies entspricht
beinahe 45 Prozent der weltweit rund 4500 Säugetierarten!
Im Laufe ihrer Stammesgeschichte haben die Nagetiere
sämtliche Kontinente und ein enorm breites Spektrum unterschiedlichster
Lebensräume zu besiedeln vermocht. Ein paar Arten, so vor
allem die Hausmaus (Mus musculus), die Hausratte (Rattus
rattus) und die Wanderratte (Rattus norvegicus) haben
sich dabei eng an den Menschen angeschlossen, so dass sie heute
praktisch überall vorkommen, wo Menschen leben oder gelebt
haben. Selbst in der Antarktis und auf abgeschiedensten Eilanden
im Pazifik kann man diesen «Allerweltsnagern» begegnen.
Bei weitem nicht alle Nagetiere haben jedoch von den
Aktivitäten des Menschen Nutzen ziehen können. Es gibt
im Gegenteil eine beachtliche Zahl von Nagetierarten, welche
aufgrund der menschlichen «Machenschaften» in Teilen
ihres Verbreitungsgebiets in ihrem Fortbestand gefährdet
sind. Vier Beispiele solch bedrängter Nagetierarten sollen
hier vorgestellt werden: der Europäische Ziesel (Spermophilus
citellus), der Gartenschläfer (Eliomys quercinus),
der Baumschläfer (Dryomys nitedula) und die Birkenmaus
(Sicista betulina).
Der Europäische Ziesel - ein Erdhörnchen
Der Europäische Ziesel ist ein Mitglied der Familie
der Hörnchenartigen (Sciuridae) und ein mittelgrosses Nagetier:
Erwachsene Individuen weisen ein Kopfrumpflänge von 18 bis
23 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 5 bis 7 Zentimetern
und ein (im Jahresverlauf stark schwankendes) Gewicht von 190
bis 430 Gramm auf.
Das Verbreitungsgebiet des Europäischen Ziesels
erstreckt sich inselartig über das südöstliche
Europa. Es reicht von Tschechien und Österreich über
Ungarn und Rumänien bis nach Bulgarien. Ferner findet man
die Art gebietsweise in Polen, in der Ukraine, im ehemaligen
Jugoslawien, in Griechenland und im europäischen Teil der
Türkei.
Während der Grossteil der Hörnchenartigen
an ein Leben in den Baumkronen angepasst ist, führt der
Europäische Ziesel ein Leben auf dem Boden. Als Lebensraum
bevorzugt er Steppengebiete und andere natürliche oder naturnahe
Grasländer auf tiefgründigen, gut entwässerten
Böden. Hier ist er gewöhnlich am Tag unterwegs. Die
Nacht verbringt er in einem Erdbau, den er sich selbst gegraben
hat und der bis anderthalb Meter unter die Erdoberfläche
führt. Im allgemeinen verfügt jedes Individuum über
seinen eigenen Bau, doch legen zumeist mehrere Ziesel ihre Baue
eng nebeneinander an, so dass vielköpfige Zieselkolonien
entstehen.
Die Nahrung des Europäischen Ziesels besteht
zur Hauptsache aus Sämereien, umfasst aber auch Wurzelwerk,
Knollen, Zwiebeln und Grünzeug aller Art, ferner Insekten
und andere wirbellose Tiere, und gelegentlich sogar Vogeleier
sowie kleine Frösche und Eidechsen.
Wie die meisten Nagetiere verfügt der Europäische
Ziesel über ein Paar geräumige Backentaschen, mit deren
Hilfe er im Spätsommer, wenn das Nahrungsangebot reichlich
ist, emsig Sämereien in seinen Bau einträgt und dort
als Futtervorrat einlagert. Tatsächlich ist er ein ausgeprägter
Winterschläfer, der gewöhnlich ein halbes Jahr lang
- von September bis März oder April - vor den Unbilden der
winterlichen Witterung geschützt in seiner unterirdischen
Wohnhöhle verbringt. Interessanterweise scheint er aber
seinen Futtervorrat während dieser ganzen Zeit nicht anzutasten,
sondern allein von seinen ebenfalls im Sommer aufgebauten Unterhautfettreserven
zu zehren. Der Futtervorrat gelangt erst zum Einsatz, wenn der
Ziesel im Frühling aus seinem Bau hervorkommt. Dann nämlich
haben die Pflanzen noch keine Samen ausgebildet, und der Ziesel
kann offensichtlich seinen Nahrungsbedarf nur ungenügend
decken - umsomehr, als gleich nach dem Aufwachen aus dem Winterschlaf
die aufregende Paarungszeit beginnt, bei der die abgemagerten
Ziesel viel Energie verbrauchen.
Das Zieselweibchen bringt seine meistens fünf
bis acht Jungen nach einer Tragzeit von etwa 25 Tagen zur Welt.
Die Zieselbabys sind anfänglich nackt, blind und taub und
wiegen lediglich sechs Gramm. Sie wachsen aber rasch heran, und
schon im Alter von vier bis fünf Wochen werden sie von ihrer
Mutter entwöhnt. Wenig später verlassen sie den mütterlichen
Bau und machen sich selbständig.
Für «Nagetierverhältnisse» sind
Europäische Ziesel überraschend langlebig: In Menschenobhut
sind einzelne Individuen schon mehr als elf Jahre alt geworden.
In freier Wildbahn dürften jedoch - angesichts der Vielzahl
natürlicher Feinde - die wenigsten von ihnen ein solch hohes
Alter erreichen.
Der Gartenschläfer - kein Gartenbewohner
Der Gartenschläfer aus der Familie der Bilche
(Myoxidae; vormals Gliridae) ist mit einer Kopfrumpflänge
von 10 bis 17 Zentimetern etwas kleiner als der Europäische
Ziesel. Deutlich länger ist hingegen mit 9 bis 14 Zentimetern
sein Schwanz. Das Gewicht schwankt beträchtlich im Jahresverlauf:
Ein Gartenschläfer, der im Herbst bereit ist für den
Winterschlaf, kann bis zu 120 Gramm auf die Waage bringen, während
er im Frühling und Sommer höchstens halb soviel wiegt.
Der Gartenschläfer ist über weite Bereiche
Europas verbreitet - von Spanien und Frankreich ostwärts
durch das zentrale und südliche Europa bis zum Ural in Russland.
Im Nordosten erstreckt sich das Verbreitungsgebiet bis nach Finnland,
und im Südwesten reicht es bis nach Nordafrika. Ausserdem
kann man dem Gartenschläfer im Nahen Osten und auf mehreren
Mittelmeerinseln begegnen.
Im Widerspruch zu seinem Artnamen ist der hübsch
gezeichnete Gartenschläfer nur hie und da in Gärten
anzutreffen. Vorzugsweise hält er sich in möglichst
ausgedehnten, abwechslungsreichen Laubwäldern auf. Er ist
ein schneller und eleganter Kletterer, der sich im Geäst
der Bäume und Sträucher überaus wohl fühlt.
Der Gartenschläfer ist ein ausgeprägter
«Gemischtköstler», der Kleintiere wie Insekten,
Nager und Vogeljunge ebensowenig verschmäht wie Samen, Nüsse,
Beeren und Früchte. Die Kostzusammenstellung ist stark vom
lokalen und saisonalen Angebot abhängig und somit beträchtlichen
Schwankungen von Ort zu Ort und von Monat zu Monat unterworfen.
In Baumhöhlen, Felsspalten, verlassenen Vogelnestern
und mitunter auch in Vogelnistkästen fertigt der Gartenschläfer
aus Blättern, Gräsern und Moos ein komfortables Nest
an. Darin verschläft er gewöhnlich den Tag, denn er
ist vornehmlich nachts rege, und er verbringt darin auch die
unwirtliche Winterzeit, denn er ist - wie der Ziesel - ein «Winterlangschläfer».
Während des Winterschlafs zehrt er von seinem «Fettpolster»,
das er im Herbst angelegt hat.
In Europa pflanzen sich die Gartenschläfer zwischen
Mai und August fort. Die Tragzeit dauert 22 bis 25 Tage, und
je Wurf kommen zwei bis acht Junge zur Welt. Soweit wir wissen,
liegt ihre Lebenserwartung in freier Wildbahn bei nur zwei bis
drei Jahren. Den Altersrekord hält ein Gartenschläferweibchen,
das in Menschenobhut fünf Jahre alt wurde.
Der Baumschläfer - ein Kugelnestbauer
Der Baumschläfer sieht dem Gartenschläfer
recht ähnlich, ist aber weniger kontrastreich gefärbt
und von kleinerem Wuchs: Erwachsene Individuen weisen eine Kopfrumpflänge
von 8 bis 13 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 7 bis 11
Zentimetern und ein «Sommergewicht» von 20 bis 35
Gramm auf.
Das Verbreitungsgebiet des Baumschläfers erstreckt
sich vom südöstlichen Deutschland, von der Schweiz,
von Österreich, Tschechien und der Slowakei ostwärts
durch das zentrale Eurasien bis zum Tienschan-Gebirge in China.
Sein Vorkommen innerhalb dieses weiten Areals ist allerdings
sehr lückenhaft. Als Lebensraum dienen dem Baumschläfer
hauptsächlich dichte Wälder und Gehölzdickichte.
Mitunter kann man dem kleinen Bilch aber auch in Gärten
und Feldgehölzen begegnen.
Hinsichtlich seiner Lebensraumansprüche und seiner
Lebensweise scheint sich der Baumschläfer kaum vom Gartenschläfer
zu unterscheiden: Er ist hauptsächlich nachts unterwegs,
hält sich als geschickter Kletterer und Weitspringer vornehmlich
im Geäst der Bäume auf und stellt sich bei seinen Streifzügen
eine gemischte Kost aus tierlichen und pflanzlichen Stoffen zusammen.
Dass die beiden nah miteinander verwandten und ökologisch
einander sehr ähnlichen Arten nebeneinander zu existieren
vermögen, mag auf den ersten Blick erstaunen. In solchen
Fällen führt der Wettstreit um Nahrung, Schlafplätze
und andere Ressourcen sonst stets zur Verdrängung der einen
oder anderen Art. Des Rätsels Lösung scheint die unterschiedliche
Körpergrösse der beiden Bilche zu sein. Offensichtlich
führt sie dazu, dass der Gartenschläfer und der Baumschläfer
geringfügig unterschiedliche ökologische Nischen nutzen,
weshalb sie sich beide erfolgreich im selben Lebensraum zu behaupten
vermögen.
Im dichten Gezweig, meistens ein bis zwei Meter über
dem Boden, baut sich der Baumschläfer ein Kugelnest. Insbesondere
bei den Wurfnestern, welche die Weibchen für die Geburt
und Aufzucht ihrer Jungen benützen, handelt es sich um recht
solide, wind- und wetterfeste Konstruktionen mit einem Durchmesser
von 15 bis 25 Zentimetern. Die Aussenwand wird aus Zweigen und
Blättern zusammengefügt und weist einen seitlichen
Eingang auf; der Innenraum wird mit Rinden- und Moosstückchen
dick ausgepolstert.
Die Fortpflanzungszeit fällt in Europa in die
Monate Mai bis Juli. Der Wurf umfasst gewöhnlich drei bis
fünf Junge, die nach einer Tragzeit von dreieinhalb Wochen
zur Welt kommen. Bei der Geburt wiegen die jungen Baumschläfer
lediglich zwei Gramm. Ihre Jugendentwicklung verläuft aber
sehr rasant, und schon im Alter von fünf bis sechs Wochen
machen sie sich selbständig.
Die Birkenmaus - eine Hüpfmaus
Die Birkenmaus gehört innerhalb der Ordnung der
Nagetiere zur Familie der Springmäuse (Dipodidae) und da
zur Unterfamilie der Hüpfmäuse (Zapodinae). Sie weist
eine Kopfrumpflänge von lediglich 5 bis 7 Zentimetern und
eine Schwanzlänge von ungefähr 8 bis 10 Zentimetern
auf. Wie bei Garten- und Baumschläfer ist das Gewicht der
Birkenmaus im Jahresverlauf erheblichen Schwankungen unterworfen:
Ein Individuum, das im Herbst, vor dem Winterschlaf, ein Gewicht
von 12 Gramm aufweist, wiegt im Frühling gewöhnlich
nur noch die Hälfte hiervon.
Das Verbreitungsgebiet der Birkenmaus erstreckt sich
von Norwegen und Dänemark südwärts bis Tschechien,
Deutschland und Österreich und ostwärts durch das ganze
zentrale Eurasien bis zur Ussuri-Region im äussersten Osten
Russlands. Allerdings ist das Vorkommen der Birkenmaus innerhalb
dieses riesenhaften Areals sehr lückenhaft.
Der bevorzugte Lebensraum der Birkenmaus sind Waldränder,
Feldgehölze und Hecken in unmittelbarer Nachbarschaft von
Wiesen und anderen offenen Flächen. Das kleine Nagetier
ist gewöhnlich nachts aktiv und bewegt sich dann vornehmlich
am Boden und im bodennahen Gezweig von Büschen und Sträuchern
umher. Wie es sich für eine Hüpfmaus geziemt, bewegt
sich die Birkenmaus meistens nicht rennend, sondern hüpfend
umher und kann dabei bemerkenswert weite Sprünge ausführen.
Den Tag verschläft die Birkenmaus im Sommerhalbjahr
in einem Nest aus Gras und Moos, das sie direkt auf dem Boden
angelegt hat. Für den Winterschlaf verschwindet sie hingegen
in einer kleinen, untiefen Erdhöhle. Ihre Nahrung setzt
sich aus einer breiten Vielfalt von Beeren, Samen, Blättern
und kleinen wirbellosen Tieren zusammen.
Wie der Ziesel und die beiden Schläfer, aber
im Gegensatz zu vielen anderen Nagetieren, pflanzt sich die Birkenmaus
nur einmal im Jahr fort. Nach einer Tragzeit von etwa drei Wochen
bringt das Weibchen zumeist im Mai oder Juni drei bis elf Junge
zur Welt. Diese sind bereits nach ihrem ersten Winter geschlechtsreif
und können drei bis vier Jahre alt werden.
Ein Platz für Nager!
Keine der vier vorgestellten Nagetierarten gilt gegenwärtig
als in ihrem Fortbestand gefährdet. Alle vier weisen jedoch
gebietsweise rückläufige Bestände auf. In Tschechien
etwa, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, gelten heute
alle vier Arten als «naturschützerischer Aufmerksamkeit
bedürftig».
Was den vier Nagetieren europaweit zu schaffen macht,
ist schnell gesagt: Die bald flächendeckende Umwandlung
natürlicher Grasländer und Mischwälder in eintönige
Nahrungs- und Holzproduktionsflächen des Menschen einerseits
und die rigorosen Methoden, welche in der modernen, maschinenlastigen
Land- und Forstwirtschaft zur Anwendnung kommen, andererseits
schränken die Lebensmöglichkeitein des Europäischen
Ziesels, der Birkenmaus, des Gartenschläfers und des Baumschläfers
immer weiter ein. Negative Auswirkungen dürfte für
die beiden Schläfer im übrigen das sogenannte «Waldsterben»
haben, d.h. die Verschlechterung des Gesundheitszustands der
Wälder aufgrund all der Schadstoffe, die der Mensch in die
Luft entlässt und die dann in Form von Gasen und Stäuben
sowie als «saurer Regen» flächendeckend niedergehen.
Als kleine, unscheinbare und nachts rege Wesen lenken
die vorgestellten vier Nagetierarten unsere Aufmerksamkeit weit
weniger auf sich als die grossen, spektakulären Huf- und
Raubtiere, die bei uns heimisch sind. Sie sind aber ein genauso
wichtiger und einzigartiger Teil unserer natürlichen Umwelt,
und auch sie verdienen unser Interesse, unsere Wertschätzung
und nötigenfalls unsere Hilfe. Die Rückbesinnung auf
naturschonendere land- und forstwirtschaftliche Nutzungsformen,
die Verminderung der Befrachtung der Luft mit Schadstoffen aller
Art und die Erhaltung grossflächiger Naturlandschaften sind
drei allgemeine Erfordernisse unserer Zeit, welche auch dazu
beitragen, dass diese zierlichen Wesen nicht - still und unbemerkt
- immer weiter zurückgedrängt werden.
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