Zwergflamingo

Phoenicopterus (Phoeniconaias) minor


© 2000 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Flamingos gehören unbestritten zu den elegantesten Vögeln unseres Planeten. Sie zählen ausserdem zu den ältesten aller heutigen Vogelformen. Flamingos, deren Gestalt sich nicht wesentlich von derjenigen der «modernen» Flamingos unterscheidet, gab es schon im Oligozän vor rund dreissig Millionen Jahren ­ noch bevor die meisten anderen heutigen Vogelformen entstanden waren.

Trotz der Vielzahl von Fossilfunden, die uns von frühen Flamingos vorliegen, sind die genauen verwandtschaftlichen Beziehungen der schlanken Vögel zu den anderen Vogelsippen noch immer unklar. Einmal wurden sie von den Wissenschaftlern wegen Merkmalen im Bau ihres Skeletts in die Ordnung der Stelzvögel (Ciconiiformes) gestellt, dann aufgrund anderer körperbaulicher Merkmale in die Ordnung der Wat- und Möwenvögel (Charadriiformes), dann wieder wegen ihrer Stimme und ihres Schnabelbaus in die Ordnung der Entenvögel (Anseriformes). Nirgends wollten sie aber richtig hinpassen. Es erscheint deshalb angebracht, sie vorläufig als eine eigene Ordnung (Phoenicopteriformes) aufzufassen ­ und zu hoffen, dass uns molekularbiologische Untersuchungen ihres Erbguts gelegentlich die Auflösung dieses alten ornithologischen Rätsels bringen werden.

Tatsache ist, dass die fünf heutigen Flamingoarten einander alle sehr ähnlich sind. Sie werden deshalb nicht nur zu einer einzigen Familie (Phoenicopteridae) zusammengefasst, sondern darin sogar zu einer einzigen Gattung: Phoenicopterus. Bei den fünf Arten handelt es sich einerseits um den Andenflamingo (Phoenicopterus andinus), den James-Flamingo (Phoenicopterus jamesi) und den Chilenischen Flamingo (Phoenicopterus chilensis) in der Neuen Welt, andererseits um den «eigentlichen» Flamingo (Phoenicopterus ruber) und den Zwergflamingo (Phoenicopterus minor) in der Alten Welt. Von letzterem soll hier berichtet werden.

 

Ein Flamingozwerg

Der Zwergflamingo ist der kleinste der fünf genannten Flamingoarten. Erwachsene Individuen weisen eine Höhe von lediglich 80 bis 90 Zentimetern und ein Gewicht von nur 1,5 bis 2 Kilogramm auf.

Der Zwergflamingo kommt in Afrika und Asien vor. Der Grossteil der Population ist im Bereich des Ostafrikanischen Grabensystems (Rift Valley) zu Hause. Drei mehr oder weniger separate ­ und wesentlich kleinere ­ Bestände finden sich in Namibia/Botsuana im südlichen Afrika, in Mauretanien/Senegal in Westafrika und in Pakistan/Nordwestindien im südlichen Asien. Zwergflamingoverbände treten zwar gelegentlich auch in angrenzenden Ländern auf. So besuchen die im Bereich Namibias und Botsuanas heimischen Vögel hin und wieder Angola, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken. Allerdings scheinen sie dort nie zur Brut zu schreiten.

 

Fische als Nahrungswettstreiter

Alle Flamingos ­ so auch der Zwergflamingo ­ bevorzugen einen ganz speziellen Lebensraumtyp: Sie halten sich hauptsächlich im Bereich grossflächiger, seichter Stillgewässer auf, deren Wasser einen hohen Salzgehalt aufweist. Diese Stillgewässer können sich in Form von brackigen Lagunen oder Strandseen direkt an der Meeresküste befinden. Sie können aber auch in Form von Salzseen mehrere hundert Kilometer weit im Binnenland liegen.

Zahlreiche Seen, welche von den Flamingos bewohnt werden, liegen in Gebieten starker tektonischer Aktivität und werden von heissen Quellen gespeist. Tatsächlich vertragen die rosafarbenen Vögel nicht nur bemerkenswert hohe Konzentrationen gelöster Chemikalien in ihren Heimatgewässern, sondern auch Wassertemperaturen von bis zu siebzig Grad Celsius. So ungemütlich sind die vorherrschenden Bedingungen in und an diesen Seen, dass nur wenige andere Organismen ausser den Flamingos dort zu überleben vermögen. Zu denjenigen, die es können, gehören verschiedene Blaubakterien (Cyanobacteria; im Volksmund oft «Blaualgen» genannt), mehrere Arten von Kieselalgen (Diatomeae) und ein paar wenige wirbellose Kleinlebewesen wie das Salinenkrebschen (Artemia salina). Mitunter leben die Flamingos aber auch in weniger extremer Umgebung, etwa in Überschwemmungsebenen oder in Flussdeltas.

Interessanterweise kommen in allen Gewässern, welche von den Flamingos in grossen Beständen bewohnt werden, keine oder keine nennenswerten Fischbestände vor ­ entweder weil die Wasserbedingungen für Fische unerträglich sind oder aber weil die Seen periodisch austrocknen. Umgekehrt besiedeln die Flamingos selten in grösserer Zahl Stillgewässer, in denen umfangreiche Fischbestände leben. Alles deutet darauf hin, dass Flamingos und Fische nicht nur Nahrungswettstreiter sind, sondern dass letztere den Nahrungswettstreit mit den Flamingos zu ihren Gunsten zu entscheiden vermögen.

Im Bereich der erwähnten «ungastlichen» Gewässer erwächst den Flamingos hingegen keine wirkliche Konkurrenz. Fachleute haben deshalb die Vermutung geäussert, dass die Flamingos nur darum so gut wie unverändert all die vielen Jahrmillionen überlebt haben, weil sie sich schon früh in ihrer Stammesgeschichte an einen extremen Lebensraum angepasst haben, den bis heute kein anderes grösseres Tier zu nutzen verstanden hat.

 

Sie filtern wie die Wale

Ebenso ungewöhnlich wie das Umfeld, in welchem die Flamingos dem Nahrungserwerb nachgehen, ist auch die Art, wie sie ihre Nahrung aufnehmen. Ähnlich wie die Bartenwale sind die Flamingos «Filterer». In Anpassung an diese Form der Nahrungsgewinnung hat sich ihr Schnabel zu einen hoch spezialisierten Filterapparat entwickelt: Das Schnabelinnere ist mit hornigen Lamellen besetzt, welche ihrerseits mit winzigen Borsten übersät sind, die sich je nach Wasserströmung aufrichten oder anlegen.

Beim Filtern hält der Flamingo seinen Schnabel mit nach unten gestrecktem Kopf «verkehrt herum» ins Wasser und öffnet ihn einen schmalen Spalt breit. Dann zieht er seine dicke, fleischige Zunge zurück, wodurch im Schnabel ein Unterdruck entsteht und Wasser nach innen strömt. In diesem Moment liegen die beweglichen Borsten den Lamellen eng an und lassen Nahrungspartikel mit dem Wasser ins Schnabelinnere strömen. Anschliessend drückt der Flamingo seine Zunge nach vorn, wodurch das Wasser durch die Lamellen wieder aus dem Schnabel hinausgepresst wird. Jetzt sind die Borsten aufgerichtet und bilden ein feines Sieb, so dass die im Wasser befindlichen Nahrungsteilchen an den Innenkanten der Lamellen hängen bleiben. Beim nächsten Zurückziehen der Zunge werden sie von nach hinten gerichteten Häkchen am Gaumen und auf der Zunge zum Schlund hin befördert ­ während gleichzeitig neues Wasser einströmt.

Was hier quasi «in Zeitlupe» geschildert worden ist, spielt sich in Wirklichkeit überaus rasch und ohne Unterlass ab: Hat der Flamingo seinen Schnabel ins Wasser eingetaucht, «pumpt» seine Zunge ununterbrochen und in sehr schnellem Rhythmus Wasser ein und aus.

Die im Laufe langer Zeiträume perfektionierte Filtervorrichtung erlaubt es den Flamingos, die schwebenden Lebewesen aus dem salzigen Wasser nahezu trocken herauszufiltern und so eine allzu starke Aufnahme von Salz in den Körper zu vermeiden. Hierzu ist kein anderer Wasservogel fähig. Zum Trinken dagegen ziehen auch die Flamingos salzfreies oder schwach salzhaltiges Wasser vor, das sie an Quellen oder bei Regen am Boden finden.

Obschon alle Flamingos grundsätzlich auf die gleiche Weise Nahrung zu sich nehmen, haben sie sich doch artspezifisch spezialisiert. Der Zwergflamingo ernährt sich fast ausschliesslich von Blaubakterien, Kieselalgen und anderen Mikroorganismen und verfügt zu diesem Zweck über eine besonders feinmaschige Filtereinrichtung: Die Spalten zwischen seinen Lamellen sind so schmal, dass Partikel, welche mehr als etwa einen Millimeter gross sind, überhaupt nicht in den Schnabel hinein gelangen. Die Lücken zwischen den «Rückhalteborsten» messen im Durchmesser gar weniger als einen zwanzigstel Millimeter. Der gross gewachsene «eigentliche» Flamingo ernährt sich demgegenüber vor allem von Salinenkrebschen und anderen wirbellosen Kleinlebewesen und besitzt dementsprechend ein grobporigeres «Sieb»: Bei ihm messen die Lücken zwischen den Rückhalteborsten etwa einen halben Millimeter im Durchmesser, wodurch zwar die genannten Kleinlebewesen zurückgehalten werden, jedoch nicht die Mikroorganismen, von denen sich der Zwergflamingo ernährt. Diese unterschiedliche Ausbildung der Filtervorrichtung ist der Grund dafür, dass die beiden in den gleichen Seen auf Nahrungssuche gehen können, ohne einander dabei zu stören.

 

Unberechenbar im Auftreten

Zwergflamingos sind überaus gesellige Tiere, welche oftmals enorme Schwärme bilden. An verschiedenen ostafrikanischen Seen sind schon Verbände von über einer Million Individuen beobachtet worden. Ursächlich für diese bemerkenswerte Schwarmbildung scheint die örtlich und zeitlich schwankende Nahrungsgrundlage der Zwergflamingos zu sein. Die Organismen, von denen sie sich ernähren, treten meistens unvorhersehbar und verhältnismässig kurzfristig, dann jedoch massenhaft an immer wieder wechselnden Orten auf. Ereignet sich an einem Gewässer eine solche «Organismenblüte», so finden sich jeweils riesige Zwergflamingoschwärme ein, die sich problemlos daran satt essen können.

Nach dem gelegentlichen Zusammenbruch der Organismenbestände sind die Flamingos allerdings wieder zum Aufbruch und zur Suche nach einer neuen ergiebigen Nahrungsquelle gezwungen. Das Vorkommen und die Wanderbewegungen der Zwergflamingos sind deshalb ihrerseits höchst unvorhersehbar. Sie können sich in riesiger Zahl an einem See eine gewisse Zeit lang aufhalten, dann ziehen sie plötzlich allesamt fort und kehren oftmals während mehrerer Jahre nicht mehr dorthin zurück.

Auch das Brutverhalten der Zwergflamingos folgt einem solch unvorhersehbaren Muster. Die Art scheint durchschnittlich alle zwei Jahre zur Brut zu schreiten. Bei guten Lebensbedingungen kann sie jedoch alljährlich brüten, bei schlechten Verhältnissen während mehrerer Jahre auf das Brüten verzichten. Die genauen Umstände, die zum Brutbeginn führen, sind allerdings noch weitgehend unbekannt. So fällt das Brüten in manchen Jahren bei anscheinend günstigen Verhältnissen aus unerklärlichen Gründen aus.

 

Luftgekühlte Gelege

Die Zwergflamingos leben monogam; einmal gebildete Paare halten also während mehrerer Jahre zusammen. Die Bruten erfolgen jeweils in grossen Kolonien unmittelbar am Wasser. Vor der Brut führen die grazilen Vögel schwarmweise ritualisierte, balettartige «Balztänze» aus, bei denen sie sich gegenseitig berühren und mit aufgerichtetem oder gebeugtem Hals und raschen Schritten hin und her gehen.

Die Nester der Zwergflamingos bestehen aus einem aus Schlamm angehäuften, etwa vierzig Zentimeter hohen Kegelstumpf, der oben eine flache Mulde aufweist. Die erhöhte Nestmulde schützt einerseits das Gelege vor Überflutung, sollte der Wasserstand aufgrund starker Regen ansteigen, andererseits bewahrt er es vor Überhitzung, denn die Bodentemperatur kann an den unbeschatteten Nistplätzen der Zwergflamingos über Mittag mehr als fünfzig Grad Celsius erreichen, während die Temperatur in der höher gelegenen Nistmulde aufgrund der besseren Luftzirkulation kaum je über 35 Grad Celsius ansteigt.

Das Gelege besteht aus einem länglichen Ei, das von Männchen und Weibchen partnerschaftlich ausgebrütet wird. Nach 27 bis 31 Tagen schlüpft das Junge, das anfänglich ein weissgraues Dunenkleid trägt. Wie bei den Tauben und einigen Pinguinen wird es von seinen Eltern mit einer Nährflüssigkeit gefüttert, welche im Bereich von Speiseröhre und Vormagen abgesondert wird und im Nährwert etwa mit der Milch der Säuger vergleichbar ist.

Im Alter von etwa einer Woche verlässt das Junge von sich aus das Nest. Anfänglich wird es von seinen Eltern begleitet. Alsbald schliesst es sich jedoch mit anderen Jungen der Kolonie zu lockeren Gruppen, so genannten «Krippen», zusammen.

Im Alter von vier bis sechs Wochen beginnen die jungen Zwergflamingos, sich selbständig zu ernähren. Da sich ihr Filterapparat jedoch nur langsam entwickelt und die Lamellen erst im Alter von etwa zehn Wochen voll brauchbar sind, werden sie noch bis zu diesem Zeitpunkt von ihren Eltern zugefüttert. Die Eltern erkennen ihr Junges unfehlbar an seiner Stimme und füttern kein anderes, auch dann nicht, wenn sich ihr Kind bereits einer Krippe angeschlossen hat.

Flugfähig sind die jungen Zwergflamingos im Alter von etwa elf Wochen. Ihr erstes Jugendgefieder ist überwiegend graubraun, ihr zweites rosabraun gescheckt. Die volle Ausfärbung erreichen sie im Alter von drei bis vier Jahren, und mit etwa sechs Jahren brüten sie zum ersten Mal. Der langsamen Jugendentwicklung entspricht ein hohes Lebensalter: Zwergflamingos können bis über fünfzig Jahre alt werden.

 

Spezialisten leben gefährlich

Die Gesamtpopulation des Zwergflamingos umfasst gegenwärtig mehrere Millionen Einzeltiere. Trotzdem gilt die Art als potenziell gefährdet. Der Grossteil des Artbestands lebt nämlich an ein paar wenigen Salzseen. Obschon der Fortbestand dieser extremen und zugleich raren Lebensräume nicht unmittelbar gefährdet erscheint, könnte doch eine drastische Umweltveränderung ­ natürlicher oder menschgemachter Art ­ im Bereich von nur zwei oder drei derselben zu einem ebenso plötzlichen und massiven Schwund der Zwergflamingopopulation führen. Es gilt deshalb, die Bestandsentwicklung dieser prächtigen Vögel stets im Auge zu behalten und gegebenenfalls frühzeitig und rasch zu reagieren.




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