Zwergflusspferd

Choeropsis liberiensis


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)



Das Zwergflusspferd (Choeropsis liberiensis) und das gewöhnliche Flusspferd oder «Nilpferd» (Hippopotamus amphibius) sind die beiden einzigen Vertreter der Familie der Flusspferde. Sie stehen nicht - wie man aus ihrem Namen schliessen könnte - den Pferden nahe, sondern den Schweinen, gehören also zur grossen Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla).

Die Flusspferde sind wegen ihrer walzenförmigen Gestalt, den kurzen, dicken Beinen und der massigen Schnauze jedermann wohlvertraut und mit keiner anderen Tiergruppe zu verwechseln. Von den übrigen Paarhufern unterscheiden sie sich wesentlich dadurch, dass sie keine echten Landtiere sind, sondern einen beträchtlichen Teil ihres Lebens im Wasser verbringen. In Anpassung an diese «amphibische» Lebensweise haben sie unter anderem Nasenöffnungen und Gehörgänge entwickelt, die sich durch besondere Muskeln verschliessen lassen, so dass beim Untertauchen kein Wasser eindringen kann.

Von solchen Gemeinsamkeiten abgesehen unterscheiden sich die beiden Flusspferdarten aber in vieler Hinsicht. So besteht beispielsweise ein enormer Unterschied in der Körpergrösse: Während das Zwergflusspferd ungefähr 80 Zentimeter hoch und bis zu 270 Kilogramm schwer wird, erreicht das gewöhnliche Flusspferd eine Schulterhöhe von 140 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 3200 Kilogramm. Auch in ihrer Lebensweise sind die beiden Arten sehr verschieden voneinander: Das gewöhnliche Flusspferd lebt gesellig in grossen, lärmenden Gruppen und bewohnt Flüsse, Ströme und Seen in vorzugsweise offener Savannenlandschaft. Das Zwergflusspferd hingegen ist ein scheuer, heimlicher Einzelgänger, der sich hauptsächlich im unberührten tropischen Urwald aufhält.

Während das grosse Flusspferd in den afrikanischen Savannengebieten südlich der Sahara weit verbreitet ist, beschränkt sich die Verbreitung des Zwergflusspferds auf die Urwälder der vier westafrikanischen Länder Guinea, Sierra Leone, Liberia und Elfenbeinküste. Innerhalb des Walds lebt es vorzugsweise im dichten Pflanzengewirr der Flussniederungen und Sumpfgebiete. In diesem Lebensraum isst es neben Wasserpflanzen aller Art Blätter, Kräuter, Gräser, Schösslinge und heruntergefallene Früchte.

Tagsüber ruht das Zwergflusspferd meistens in kleinen Wasserläufen, Tümpeln oder Suhlen und geht dann in den Dämmerungs- und Nachtstunden auf Nahrungssuche. Es benutzt immer wieder dieselben Pfade, so dass in seinem Wohngebiet allmählich ausgeprägte, zum Teil tunnelförmige Wechsel entstehen. Diese Wechsel «parfümiert» das Zwergflusspferd, indem es bei der Kot- und Harnabgabe heftig mit seinem kurzen Schwanz wedelt und dadurch seine Ausscheidungen auf die umliegenden Pflanzen verspritzt.

Heute leben über 300 Zwergflusspferde in Zoologischen Gärten und
Tierparks rund um die Welt. Sie sind verhältnismässig leicht zu halten und pflanzen sich im allgemeinen regelmässig fort. Zusammen mit ihrer recht langen Lebensdauer von ungefähr 35 Jahren hat dies dazu geführt, dass das Überleben des Zwergflusspferds in Menschenobhut gesichert ist. Eine weitere Entnahme von Tieren aus ihrer Heimat erübrigt sich.

In freier Wildbahn ist das Überleben des Zwergflusspferds hingegen stark gefährdet. Daran ist nicht etwa sein einziger natürlicher Feind, der Leopard, schuld, sondern ausschliesslich der Mensch: Strassenbau, Holzgewinnung, Ausweitung der Landwirtschaftsflächen sowie Bergbau lassen die Urwälder in Westafrika ständig schrumpfen. Das Lebensgebiet des Zwergflusspferds wird dadurch immer weiter eingeschränkt. Die Jagd bedroht die Bestände zusätzlich, denn zur Fleischgewinnung werden Zwergflusspferde in Fallgruben und Schlingen gefangen und auch mit Gewehren abgeschossen.

Um den westafrikanischen Urwald in seiner überwältigenden Vielfalt und mitsamt all seinen einzigartigen Bewohnern zu erhalten, müssen möglichst grossflächige Waldgebiete unter Schutz gestellt werden. Innerhalb des Verbreitungsgebiets des Zwergflusspferds bestehen zwar mehrere Reservate, darunter der bedeutende Tai-Nationalpark in der Republik Elfenbeinküste. Der Schutz dieser Gebiete ist aber noch immer ungenügend: Weiterhin wird Holz geschlagen, werden Pflanzungen angelegt, wird illegal gejagt. Solange im Herzen seines Verbreitungsgebiets mehr und mehr Lebensraum zerstört wird, sieht die Zukunft des schiefergrauen Zwergflusspferds leider nicht allzu günstig aus.




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