Zwergflusspferd
Choeropsis liberiensis
© 1984 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Das Zwergflusspferd (Choeropsis liberiensis)
und das gewöhnliche Flusspferd oder «Nilpferd»
(Hippopotamus amphibius) sind die beiden einzigen lebenden
Vertreter der Familie der Flusspferde (Hippopotamidae). Sie stehen
nicht - wie man aus ihrem Namen schliessen könnte - den
Pferden nahe, sondern gehören mit den Schweinen, Hirschen,
Gazellen, Rindern und vielen anderen huftragenden Säugetieren
in die grosse Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla). Am nächsten
verwandt sind die Flusspferde mit den Schweinen: Sie sind die
Nachfahren grosser, schwerfälliger Lebewesen mit schweineähnlichem
Körperbau, welche in vorgeschichtlicher Zeit ganz Europa,
Asien, Afrika und sogar Teile Nordamerikas besiedelt hatten.
Der Gattungsname des Zwergflusspferds - Choeropsis - weist
auf diese Verwandtschaft hin: Er setzt sich aus den griechischen
Wörtern choiros (Schwein) und opsis (ähnlich)
zusammen.
Zwei Unterarten
Das Zwergflusspferd wurde erstmals 1843 von Samuel
Morton von der Naturforschenden Gesellschaft Philadelphia wissenschaftlich
beschrieben. Morton hatte während eines längeren Aufenthalts
in Monrovia (Liberia) mehrere Schädel der bis anhin unbekannten
Tierart gesammelt und untersucht. Das gewöhnliche Flusspferd
war der Wissenschaft hingegen schon seit 1758 bekannt. Reliefbilder
von Flusspferden sind schon im alten Ägypten - 2200 Jahre
vor unserer Zeitrechnung - in Kalkstein gemeisselt worden. Und
im römischen Reich wurden mitunter sogar lebende Flusspferde
zur Schau gestellt. So soll zum Beispiel in der Menagerie des
Kaisers Augustus in Rom ein Tier von 29 v.Chr. bis 14 n.Chr.
gelebt haben.
Im Gegensatz zum grossen Flusspferd, das von den Wissenschaftlern
schon früh in mehrere geografische Rassen gegliedert wurde,
waren vom Zwergflusspferd lange Zeit keine Unterarten bekannt.
Im Jahr 1969 zeigten aber Untersuchungen am Britischen Naturhistorischen
Museum in London, dass sich Zwergflusspferd-Schädel aus
Nigeria, die in den dreissiger Jahren gesammelt worden waren,
deutlich von allen übrigen Zwergflusspferd-Schädeln
unterschieden. Die nigerianischen Zwergflusspferde wurden daraufhin
als eigene Unterart abgetrennt.
Leider deutet heute alles darauf hin, dass diese im
Nigerdelta vorkommende, von den restlichen Zwergflusspferden
durch einen mehrere hundert Kilometer breiten Savannengürtel
getrennte Unterart überhaupt nicht mehr existiert. Sie ist
wahrscheinlich ausgerottet worden, noch bevor ihre Eigenart erkannt
war.
Zwergflusspferd und Tapir
Die Flusspferde sind wegen ihres plumpen Körperbaus
und ihrer massigen Gestalt jedermann wohl vertraut und mit keiner
anderen Tiergruppe zu verwechseln. Von den übrigen Paarhufern
unterscheiden sie sich dadurch, dass sie keine echten Landtiere
sind, sondern einen beträchtlichen Teil ihres Lebens im
Wasser verbringen. In Anpassung an dieses Leben haben die Flusspferde
Nasenöffnungen und Gehörgänge entwickelt, die
sich durch besondere Muskeln verschliessen lassen. Ihre Zehen
sind durch Schwimmhäute miteinander verbunden und lassen
sich spreizen, was den Tieren ein rasches Vorankommen im Wasser
ermöglicht.
Von solchen Gemeinsamkeiten abgesehen, unterscheiden
sich die beiden Arten aber in vielerlei Hinsicht. So besteht
beispielsweise ein enormer Unterschied in der Körpergrösse:
Während das Zwergflusspferd 80 Zentimeter hoch und 270 Kilogramm
schwer wird, erreicht das gewöhnliche Flusspferd eine Schulterhöhe
von 170 Zentimetern und das beachtliche Gewicht von 3200 Kilogramm.
Auch in ihrer Lebensweise sind die beiden Arten sehr verschieden
voneinander: Das gewöhnliche Flusspferd lebt gesellig in
grossen, lärmenden Gruppen und bewohnt Flüsse, Ströme
und Seen in vorzugsweise offener Savannenlandschaft. Das Zwergflusspferd
hingegen ist ein scheuer, heimlicher Einzelgänger, der sich
im unberührten tropischen Urwald aufhält.
Beine und Hals des Zwergflusspferds sind verhältnismässig
länger als beim grossen Flusspferd, der Kopf ist kleiner
und rundlicher. Der Körper des Zwergflusspferds fällt
im Übrigen nach vorne etwas ab. Dies dürfte für
das Leben im dichten Pflanzenwuchs des Waldes von Vorteil sein.
In Grösse, Gestalt und Verhalten ist das Zwergflusspferd
den Tapiren (Tapirus spp.), die in den Regenwäldern
Mittel- und Südamerikas sowie Südostasiens vorkommen,
sehr ähnlich. Tapire gehören allerdings zur Ordnung
der Unpaarhufer (Perissodactyla), sind also nicht mit den Flusspferden
verwandt, sondern mit den Nashörnern und Pferden. Die Ähnlichkeit
in Gestalt und Verhalten zwischen Zwergflusspferd und Tapiren
ist somit ein typisches Beispiel von «Konvergenz».
Damit bezeichnet man die Tatsache, dass zwei miteinander nicht
verwandte Tierarten, die in geografisch getrennten Gebieten den
gleichen Lebensraum bewohnen und die gleichen Lebensgewohnheiten
aufweisen, im Laufe der Stammesgeschichte die selben Körper-
und Verhaltensmerkmale ausgebildet haben.
Nächtliche Sumpfbewohner
Während das grosse Flusspferd in Afrika südlich
der Sahara weitverbreitet ist, beschränkt sich die Verbreitung
des Zwergflusspferds auf die Urwälder der vier westafrikanischen
Länder Guinea, Sierra Leone, Liberia und Elfenbeinküste.
Die meisten Zwergflusspferde kommen in Liberia und in der Elfenbeinküste
vor, wo noch grössere Waldgebiete erhalten sind.
Innerhalb des Waldes lebt das Zwergflusspferd vorzugsweise
im dichten Pflanzengewirr der Flussniederungen und Sumpfgebiete.
In diesem Lebensraum isst es allerlei Blätter, Kräuter,
Schösslinge und Früchte, wühlt nach Wurzeln und
Knollen und taucht in Tümpeln nach Wasserpflanzen. Im Gegensatz
zu den übrigen Paarhufern - die Schweine ausgenommen - sind
Flusspferde keine Wiederkäuer.
Tagsüber ruht das Zwergflusspferd meistens in
kleinen Wasserläufen, Suhlen oder Tümpeln und geht
dann in den Dämmerungs- und Nachtstunden auf Nahrungserwerb.
Es benutzt dabei immer wieder dieselben Pfade, so dass in seinem
Wohngebiet allmählich ausgeprägte, zum Teil tunnelförmige
Wechsel entstehen. Diese Wechsel «parfümiert»
das Zwergflusspferd, indem es bei der Kotabgabe heftig mit seinem
kurzen Schwanz wedelt und dadurch seine Ausscheidungen auf die
umliegenden Pflanzen verspritzt.
Die Tragzeit dauert beim Zwergflusspferd etwa 200
Tage. Eine feste Fortpflanzungszeit scheint es nicht zu haben,
denn die Jungen kommen zu jeder Jahreszeit zur Welt. Im Gegensatz
zum grossen Flusspferd bringt das Zwergflusspferd-Weibchen sein
Junges nicht im Wasser, sondern an Land zur Welt. Tatsächlich
haben Beobachtungen an gefangengehaltenen Tieren gezeigt, dass
die Jungtiere zwar schon kurze Zeit nach der Geburt herumlaufen
können, Schwimmen und Tauchen hingegen erst erlernen müssen.
Das junge Zwergflusspferd wiegt bei der Geburt nicht
mehr als 5 Kilogramm. Innerhalb von zwei bis drei Wochen verdoppelt
es sein Geburtsgewicht und verzehnfacht es nach rund fünf
Monaten. Mit vier bis fünf Jahren ist das junge Zwergflusspferd
geschlechtsreif.
Wunderliche Geschichten
«Die ungeheuerliche Gestalt und das unfreundliche
Wesen des Flusspferdes erklären es zur Genüge, dass
das Tier bei den meisten Völkerschaften allerlei wunderliche
Anschauungen und Sagen in das Leben gerufen hat», schreibt
Alfred Brehm in seiner Enzyklopädie von 1864 über das
grosse Flusspferd. In Afrika erzählt man sich aber auch
über das Zwergflusspferd manch seltsame Geschichte. So soll
es nachts einen hell leuchtenden Diamanten im Mund tragen, um
den Weg zu seinen Nahrungsgründen zu finden. Tagsüber
halte es den Diamanten an einem geheimen Ort versteckt, weshalb
nur derjenige Jäger den Edelstein in seinen Besitz bringen
könne, der das Zwergflusspferd nachts erbeute. Keinem Jäger
wird es allerdings je in den Sinn kommen, nachts auf Zwergflusspferd-Jagd
zu gehen. Denn nebst unzähligen anderen Gefahren, die im
unwirtlichen Lebensraum des Zwergflusspferds lauern, gilt das
Tier selbst als ausgesprochen angriffslustig, wenn es sich bedroht
fühlt.
Eine weitere Geschichte besagt, dass neugeborene Zwergflusspferde
von der Mutter nicht gesäugt werden, sondern sich von einer
schaumigen Ausscheidung ernähren, die sie von ihrer Haut
ablecken. Die Entstehung dieser Geschichte lässt sich unschwer
nachvollziehen: Die beiden Zitzen am Bauch des Zwergflusspferd-Weibchens
sind sehr kurz und stumpf, so dass selbst das Neugeborene manchmal
Schwierigkeiten hat, sie zu finden. Ausserdem trinkt das Junge
täglich nur zwei- bis dreimal (wobei es jeweils eine ziemlich
grosse Milchmenge aufnimmt). Zitzen und Säugevorgang dürften
daher in freier Wildbahn sehr schwer zu beobachten sein. Besonders
auffällig ist dagegen die aus vielen Hautdrüsen austretende
glasklare Flüssigkeit, mit der das Zwergflusspferd auf seinen
Landausflügen seine empfindliche Haut vor dem Austrocknen
schützt. Bei erregten, aktiv «schwitzenden»
Tieren kann die Feuchtigkeit ein weisses, schaumiges Aussehen
annehmen. All dies dürfte Anlass zur genannten, irrigen
Vorstellung gewesen sein.
Zwergflusspferde in Menschenobhut
1873 gelang es dem Briten John Price, in Sierra Leone
erstmals ein lebendes Zwergflusspferd zu erbeuten. Das noch junge
Tier wurde mit dem Dampfschiff nach Dublin (Irland) gebracht.
Leider erkrankte es auf der Reise und starb kurz nach der Ankunft
im Phoenix Park Zoo.
1911 führte der deutsche Afrikareisende Hans
Schomburgk eine Expedition nach Liberia durch, um Zwergflusspferde
zu fangen. Sein Unternehmen war erfolgreich: Schomburgk fing
ein Weibchen und zwei Männchen und verschiffte sie nach
Deutschland in die Tierhandlung Carl Hagenbeck. Die drei Tiere
kamen später in den New Yorker Bronx Zoo, wo sie sich gut
eingewöhnten und bald Nachwuchs hatten.
Heute leben - gemäss dem internationalen Zwergflusspferd-Zuchtbuch,
das im Zoo Basel geführt wird - über dreihundert Zwergflusspferde
in Zoologischen Gärten und Tierparks rund um die Erde. Sie
sind verhältnismässig leicht zu halten und pflanzen
sich im allgemeinen regelmässig fort. Zusammen mit ihrer
recht langen Lebensdauer von bis zu 42 Jahren hat dies dazu geführt,
dass das Überleben des Zwergflusspferds in Gefangenschaft
gesichert ist. Eine weitere Einfuhr der Tiere aus ihrer Heimat
erübrigt sich heute.
Düstere Zukunftsaussichten
In freier Wildbahn ist das Überleben des Zwergflusspferds
hingegen stark gefährdet. Strassenbau, Holzgewinnung, Landwirtschaft
und Bergbau lassen die Urwälder in Westafrika zusehends
schrumpfen - und zwar mit einer Geschwindigkeit, die weltweit
zu den höchsten gehört. Das Lebensgebiet des Zwergflusspferds
wird dadurch immer stärker eingeschränkt. Nicht nur
nimmt die Gesamtfläche der bewaldeten Gebiete ständig
ab. Die einst zusammenhängenden Wälder werden zudem
in immer kleinere, isolierte «Waldinseln» aufgesplittert.
Diese Entwicklung hat nicht nur für das Zwergflusspferd
katastrophale Folgen. Auch viele andere waldbewohnende Tier-
und Pflanzenarten haben es zunehmend schwerer, in diesen «Inseln»
zu überleben. Denn der ökologische Charakter dieser
Waldstücke ist sehr verschieden von dem des ursprünglichen
Waldes.
Um den westafrikanischen Urwald in seiner überwältigenden
Vielfalt und mitsamt all seinen einzigartigen Bewohnern zu erhalten,
müssen möglichst grossflächige Waldgebiete unter
Schutz gestellt werden. Innerhalb des Verbreitungsgebiets des
Zwergflusspferds bestehen bereits mehrere Reservate. Zu den bedeutenderen
zählen der Sapo-Nationalpark in Liberia und der Tai-Nationalpark
in der Republik Elfenbeinküste. Leider lassen ungenügende
Geldmittel einen wirksamen und umfassenden Schutz dieser Parks
vorderhand nicht zu. Weiterhin wird auf Nationalpark-Gebiet gejagt
und Holz geschlagen, und noch immer werden illegale Pflanzungen
angelegt.
Von der Internationalen Union für Naturschutz
(IUCN) wird das Zwergflusspferd als bedrohte Tierart eingestuft.
In Nigeria ist die östliche Unterart sehr wahrscheinlich
schon ausgerottet. Und solange im Herzen des Verbreitungsgebiets
der westlichen Unterart mehr und mehr Lebensraum zerstört
wird, sieht die Zukunft des Zwergflusspferds leider nicht allzu
günstig aus.
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