Nordzypern


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



Zypern, mit einer Fläche von 9251 Quadratkilometern die drittgrösste Mittelmeerinsel nach Sizilien und Sardinien, ist seit dem August 1974 politisch zweigeteilt. Im Norden hat sich ein Staat etabliert, der sich als «Türkische Republik Nordzypern» bezeichnet, international jedoch - von der Türkei abgesehen - nicht anerkannt wird. Er nimmt 36 Prozent der Inselfläche (3355 km2) ein und wird überwiegend von türkischstämmigen Zyprioten bewohnt. Im Süden befindet sich die im Mai 1960 von den britischen Kolonialherren in die Unabhängigkeit entlassene «Republik Zypern», in welcher fast ausschliesslich griechischstämmige Zyprioten leben. Obschon das Hoheitsgebiet dieses «Südzyperns» heute nur noch 64 Prozent der Inselfläche umfasst, betrachten sich seine Regierung und sein Parlament noch immer als rechtmässige Volksvertretung ganz Zyperns und aller Zyprioten.

Zwischen Nordzypern und Südzypern zieht sich als Pufferzone die «Green Line» hin, ein Grenzstreifen, der immerhin 3 Prozent der Inselfläche einnimmt und auch mitten durch Zyperns Hauptstadt Nikosia führt. Diese Demarkationslinie wird - anders als früher in Deutschland - nicht durch Stacheldraht und Todesstreifen markiert, sondern durch eine dreifache Reihe militärischer Posten: Im Süden halten griechisch-zypriotische Soldaten Wache gegen Norden. Im Norden schützen türkisch-zypriotische und türkische Soldaten ihr Territorium gegen Gefahr aus dem Süden. Und dazwischen achten Soldaten der UN-Friedenstruppen darauf, dass jeder auf seiner Seite bleibt und dass etwaige Konflikte schon im Keim erstickt werden. Nur in der Hauptstadt wurde eine «Mauer» gezogen, die allerdings wenig mit der einstigen Berliner Mauer gemeinsam hat, denn sie besteht überwiegend aus Sandsäcken und sandgefüllten Ölfässern.

Die «United Nations Forces in Cyprus» bestehen aus etwa 2000 Soldaten, die hauptsächlich von Grossbritannien, Kanada, Österreich und Dänemark gestellt werden. Von 150 Beobachtungsposten aus und mittels beweglicher Patrouillen kontrollieren sie die 217 Kilometer lange und 10 bis 7000 Meter breite Grenzzone, welche die beiden Zypern voneinander trennt. Sie darf von den Soldaten beider Seiten nicht betreten werden, kann aber landwirtschaftlich genutzt werden.

 

«Enosis» und «Taksim»

Zypern war stets ein «Sprungstein» auf den Handelswegen zwischen 0st und West gewesen und hat eine dementsprechend lange und bewegte Geschichte. Schon früh liessen sich die seefahrenden Völker des Altertums, besonders die Phönizier und die Griechen, auf der Insel nieder und errichteten bedeutende Küstenhandelszentren. Später geriet Zypern unter die Herrschaft der Perser, nach dem Tod Alexanders des Grossen unter diejenige der Ägypter, dann der Römer, Byzantiner und Araber. Als Königreich der französischen Kreuzfahrer de Lusignan spielte es ab 1192 nicht nur als Handelsdrehscheibe, sondern auch als vorgeschobener christlicher Militärstützpunkt eine wichtige Rolle. Später versuchten die grossen Stadtrepubliken jener Zeit, Genua und Venedig, sich auf Zypern eine Vormachtstellung zu schaffen, und tatsächlich übernahmen 1489 die Venezianer die Herrschaft über die Insel, die sie aber schon 1571 wieder an das Osmanische Reich abtreten mussten.

Hatten bislang hauptsächlich die von alters her ansässigen Griechen die Kultur der Insel geprägt, so machten sich jetzt die türkischen Einflüsse stark bemerkbar, denn türkische Siedler kamen ins Land und liessen sich überall auf Zypern nieder. Als die Türken die Insel 1878 schliesslich an die Briten abgeben mussten, da waren die Zyprioten kein einheitliches Volk mehr, sondern setzten sich einerseits aus griechischstämmigen Zyprioten mit orthodox-christlichem Glauben und andererseits aus türkischstämmigen Zyprioten sunnitisch-muslimischer Religion zusammen, wobei aber die griechisch-zypriotische Volksgruppe mit über zwei Dritteln Anteil deutlich das Übergewicht hatte.

In einigen Städten und Dörfern lebten griechischstämmige und türkischstämmige Zyprioten beisammen; das Nebeneinander von Kirchtürmen und Minaretten zeugt mancherorts noch heute davon. Mehrheitlich lebten die beiden Bevölkerungsgruppen jedoch getrennt. Dies hing vor allem damit zusammen, dass Ehen zwischen griechischstämmigen Zyprioten und türkischstämmigen Zypriotinnen (und umgekehrt) aus religiösen Gründen äusserst selten waren. Mehr noch als die Herkunft war somit die Religion die Hauptursache der Trennung der beiden Bevölkerungsgruppen. Im grossen und ganzen respektierten aber alle Zyprioten den Wunsch der anderen Inselmitbewohner nach Erhalt der eigenen Kultur.

1960, als Grossbritannien - im Rahmen der weltweiten Entkolonisierungsbestrebungen - Zypern in die Unabhängigkeit entliess, da gab es auf der Insel 393 «griechische» und 120 «türkische» Dörfer sowie 106 Ortschaften mit gemischter Bevölkerung. Die 1959 in London ausgehandelte Verfassung, welche alle Beziehungen zwischen griechischstämmigen und türkischstämmigen Zyprioten regelte, hielt der praktischen Erprobung in der Folge allerdings nicht stand. Das ist wenig überraschend, hatte man doch die Inselbewohner gar nicht nach ihren Wünschen gefragt; an den Vertragsverhandlungen waren nur Grossbritannien, Griechenland und die Türkei beteiligt gewesen.

Erzbischof Makarios, Gründungspräsident des unabhängigen Zypern, verlangte deshalb schon bald Verfassungsänderungen, welche den überproportionalen Einfluss der türkischstämmigen Bevölkerungsminderheit verringern sollten. Dagegen wehrte sich dieselbe vehement, und sogleich entstand auf der Insel eine gespannte Lage, die sich schliesslich 1963 in offenen Kämpfen entlud. Geschürt worden waren die Spannungen durch Extremisten auf beiden Seiten: Auf die Parole der griechisch-zypriotischen Extremisten von der enosis, der «Wiedervereinigung» der Insel mit Griechenland (der sie durch terroristische Greueltaten gegenüber türkischstämmigen Zyprioten den nötigen Nachdruck zu verleihen suchten), antworteten die türkisch-zypriotischen Extremisten mit dem Gedanken an taksim, die «Teilung» der Insel in einen türkischen und einen griechischen Sektor.

Erzbischof Makarios wollte weder das eine noch das andere. Er setzte alles daran, einerseits die neu erlangte Unabhängigkeit seines Landes zu erhalten und andererseits die Teilung zu vermeiden. Da putschten griechische Nationalgardisten am 15.7.1974 gegen ihn, um dadurch die Wiedervereinigung Zyperns mit Griechenland gewaltsam zu erzwingen ­ und beschwörten dadurch prompt eine türkische Invasion herauf: Am 20.7.1974 landeten türkische Truppen im Norden Zyperns, um den Anschluss der Insel an Griechenland zu verhindern. Es kam zu einem Krieg mit vielen tausend Toten auf beiden Seiten. Dieser ging zwar am 16.8.1974 zu Ende, doch Zypern war nun zweigeteilt - und ist es bis auf den heutigen Tag.

 

Wohnraumnot im Süden, Know-how Mangel im Norden

Die Invasion türkischer Truppen veränderte das Leben auf Zypern nachhaltig und massiv. Über 30 Prozent der zypriotischen Bevölkerung, insgesamt rund 200 000 Personen, sahen sich nach der Inselzweiteilung dazu gezwungen, ihre Heimatorte zu verlassen und als Flüchtlinge - je nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit - nach Nordzypern bzw. nach Südzypern überzusiedeln. Ungefähr 150 000 griechischstämmige Zyprioten mussten Heimat und Besitz im Norden, 50 000 türkischstämmige Heimat und Besitz im Süden aufgeben.

Grössere Probleme ergaben sich in der Folge durch die ungleiche Verteilung von Land und Ressourcen: Obschon die türkischstämmigen Zyprioten nur etwa 18 Prozent der Inselbevölkerung ausmachten, nahm ihr Territorium nun 36 Prozent der Inselfläche ein. Zum Zeitpunkt der Zweiteilung befanden sich 44 Prozent der bewässerten und 41 der unbewässerten Anbaufläche, 56 Prozent der Bergbaukapazität, 32 Prozent der industriellen Arbeitsplätze und 68 Prozent aller Hotelbetten im nördlichen, türkischen Inselteil. Das Resultat hiervon war, dass es im südlichen, griechischen Sektor plötzlich zu viele Menschen für zu wenig Land, zu wenig Wohnraum und zu wenig Arbeit gab, während im nördlichen, türkischen Sektor viele Hotels, Fabriken und Landwirtschaftsflächen ungenutzt blieben, weil das Personal dafür fehlte.

Die griechischstämmigen Zyprioten vollbrachten in der Folge in ihrem Teil der Insel mit Fleiss und Umsicht ein echtes Wirtschaftswunder: Die Arbeitslosenquote, die im September 1974 bei rund 35 Prozent lag, sank bis 1980 auf nur noch 2 Prozent. Zwischen 1975 und 1978 entstanden 284 neue Industriebetriebe mit über 4000 Arbeitsplätzen, und schon im Jahr 1980 war auch der Verlust an Fremdenbetten wieder wettgemacht. Limassol und Larnaca hatten den Platz von Famagusta als ehemals wichtigstem Hafen der Insel eingenommen, und bei Larnaca war ein neuer Flughafen als Ersatz für den nicht mehr brauchbaren von Nikosia geschaffen worden. Finanziert wurde der rasante Aufschwung im wesentlichen durch Auslandkredite.

Die türkischstämmigen Zyprioten waren in ihrem Teil der Insel weniger erfolgreich: Da sie traditionell überwiegend Bauern oder Verwaltungsangestellte waren, fehlte ihnen das notwendige Fachwissen für eine Übernahme der Industriebetriebe und Hotels. Da sie international weitgehend boykottiert wurden, fehlte ihnen das nötige Kapital für einen Neuanfang. Und da sie hinsichtlich Wohnraum und Infrastruktur gewissermassen in «gemachte Betten» fielen, fehlte ihnen darüberhinaus wohl auch der nötige Ansporn für einen Aufschwung. Heute noch kann sich Nordzypern nur deshalb am Leben erhalten, weil es grosszügige Unterstützung durch die Türkei erfährt; letztere trägt rund die Hälfte des nordzypriotischen Staatshaushalts.

Mit bis heute schätzungsweise 80 000 Neusiedlern, hauptsächlich Bergbauern aus Anatolien, wurde in Nordzypern im übrigen versucht, der Unterbevölkerung mancher Landstriche entgegenzuwirken und zumindest die landwirtschaftlichen Anbauflächen wieder vollständig zu nutzen. Damit wurde aber gleichzeitig eine Situation geschaffen, welche die von den Vereinten Nationen angestrebte Wiedervereinigung der beiden Zypern zusätzlich erschwert, da die Neusiedler dort heimisch gemacht wurden, wo vorher griechischstämmige Zyprioten lebten.

 

Dem Rummel entgangen

Der Tourist, der sein Ferienglück nur am Strand sucht, kann heute in Südzypern trotz der politischen Lage einen unbeschwerten Urlaub wie in jedem an deren Mittelmeerland verbringen. Er geniesst volle Bewegungsfreiheit im ganzen südlichen Inselteil und sieht auch nicht mehr Militär als anderswo auf der Welt. Die griechischstämmigen Zyprioten gestatten Ausländern sogar Tagesausflüge nach Nordzypern, wobei der einzige Übergang zwischen beiden Inselsektoren am Rand der Altstadt von Nikosia, beim «Old Ledra Palace Hotel», liegt und nur tagsüber von 7.30 bis 18 Uhr geöffnet ist.

In Nordzypern ist die Situation schon etwas anders: Da ist das türkische Militär (bei einem geschätzten Bestand von 20 000 Soldaten) allgegenwärtig. Entlang vieler Strassen ist das Anhalten und Fotografieren verboten, und gewisse Inselbereiche sind für Ausländer sogar vollständig gesperrt. Ausserdem ist die Anreise für einen längerdauernden Aufenthalt in Nordzypern ausschliesslich über die Türkei möglich, und Tagesausflüge in den Süden sind von hier aus nicht erlaubt. Dies alles trägt dazu bei, dass Nordzypern noch immer abseits der grossen Touristenströme liegt. Dafür bietet es nicht zu unterschätzende touristische Vorteile: Das Leben ist beschaulicher, die Badeorte sind weniger verbaut, die Preise sind niedriger. Nordzypern ist dem Rummel vom Süden entgangen.

Aber nicht nur deshalb lohnt sich ein Besuch des türkischen Zyperns. Im Norden der Insel liegen auch Landschaften, die im Süden nicht ihresgleichen haben. Dazu zählt das Kyrenia-Gebirge, das über 100 Kilometer lang, aber nur wenige Kilometer breit ist und dessen bis 1024 Meter hohe Gipfelkulisse höchst bizarr geformt ist. Dazu gehört die schmale Küstenebene im Norden mit ihren ausgedehnten Orangen- und Zitronenhainen und der alten Hafenstadt Kyrenia, welche unumstritten als die schönste Stadt der Insel gilt. Und dazu ist auch die Karpas-Halbinsel zu rechnen mit ihren endlosen Dünenfeldern, den feinsandigen Stränden und dem tiefblauen Meer.

Auch wer auf den Spuren der Geschichte reist, wird in Nordzypern reich belohnt. Famagusta beispielsweise, jahrtausendelang Zyperns bedeutendste und wohlhabendste Handelsstadt gleicht wegen ihrer unübertroffenen Vielzahl historischer Bauten einem ausgedehnten Freilichtmuseum. Eindrucksvoll ist auch die weitläufige Ausgrabungsstätte der antiken Königshauptstadt Salamis an Zyperns Ostküste, die in schroffem Fels erbaute Kreuzritterburg St. Hilarion im Kyrenia-Gebirge und das verlassene Kloster von Bellapais, ein Meisterwerk gotischer Baukunst.

«Immer wieder lässt man ehrfurchtsvoll staunend den Blick in die Runde schweifen, meist bis auf das Meer hinaus. Man geniesst die Stille, die flirrende Sommerluft, in welcher gelbe Schmetterlinge tanzen, und freut sich darüber, dass dieser schöne Flecken Erde noch nicht von Heerscharen von Touristen in Beschlag genommen worden ist. Entsprechend aufmerksam werden die wenigen vorhandenen Besucher begrüsst und bewirtet. Hier ein Tee aus allerlei fremden Kräutern, dort ein Stückchen Haselnusskuchen, und überall Orangen, so viele man zu tragen vermag.» Diese Zeilen stehen nicht etwa in irgend einem Ferienprospekt, der für Nordzypern wirbt, sondern im Bericht eines offensichtlich begeisterten Reisejournalisten, der Nordzypern im Sommer 1991 einen Besuch abstattete.

Das Gesagte darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Fahrt durch Nordzypern auch immer eine Reise durch die jüngste Geschichte der Insel ist. Besonders ins Auge fällt dies natürlich, wenn in Nord-Nikosia kleine Nebenstrassen abrupt an der militärisch sorgfältig überwachten «Mauer» enden. Es offenbart sich aber beispielsweise auch bei der mittelalterlichen Sophien-Kathedrale in Nikosia, die heute als Moschee dient: Das prächtige Kirchenschiff ist jetzt mit gen Mekka gerichteten Teppichen ausgelegt, und vom Kirchendach erhebt sich anstatt eines Glockenturms ein schlankes Minarett. Und es zeigt sich etwa beim Blick von der Terrasse des «Palm Beach»-Hotels, einem von rund 30 nordzypriotischen Hotels der gehobenen Klasse. Von hier sieht man auf Varosha hinüber, das einstige griechisch-zypriotische Hotel- und Wohnviertel ausserhalb von Famagusta. Weil den türkischstämmigen Zyprioten Kapital, Know-how und Arbeitskräfte fehlen, um dieses ehemals wichtigste Touristenzentrum der Insel weiter in Gang zu halten, ist es heute eine verlotterte, menschenleere Geisterstadt - an einem wunderschönen Strand gelegen, aber von Stacheldraht umgeben, von türkischen Soldaten bewacht und einzig von streunenden Hunden und Katzen heimgesucht.

 

Die Zeit verstreicht

Überhaupt wird, wer die Augen und Ohren nicht verschliesst, auf Zypern immer wieder mit dem Thema konfrontiert, das die Zyprioten hüben und drüben der «Green Line» nach wie vor am meisten beschäftigt: die Teilung der Insel. Die Meinungen im Volk sind allerdings unterschiedlich: Im Norden überwiegt der Sicherheitsgedanke: Heute könne man wenigstens frei von Furcht vor griechisch-zypriotischen Terroranschlägen leben, heisst es. Die schlechtere Wirtschaftslage, die internationale Randexistenz und die Soldaten aus einem anderen Land, die aber wenigstens der eigenen Volksgruppe angehören, nehme man dafür schon in Kauf. Im Süden überwiegt der Gerechtigkeitsgedanke: Völkerrechtlich gesehen gehöre der Norden zweifelsfrei noch immer zum Süden. Die durch die Türkei militärisch aufgezwungene Spaltung der Insel sei unrechtmässig, und kein Staat der Erde dürfe den jetzigen Status quo auf Zypern akzeptieren. Dabei spielt häufig auch ein gewisser Besitzanspruch mit: Schliesslich sei der Inselnorden vor 1974 überwiegend von griechischstämmigen Zyprioten bevölkert gewesen, seien rund 150 000 griechischstämmige Zyprioten entschädigungslos enteignet worden.

Bald zwanzig Jahre sind nunmehr verstrichen, seit die Türken den fruchtbaren Norden Zyperns besetzt haben. Unzählige Vorstösse zur Wiedervereinigung hat es in all diesen Jahren gegeben, die aber samt und sonders fehlschlugen. Die Zyprioten im Süden hoffen noch immer auf eine Wiedervereinigung. Die Zyprioten im Norden reden manchmal auch noch davon. Und bei offiziellen Kontaktgesprächen vor der Weltöffentlichkeit sucht man weiterhin nach einer einvernehmlichen Lösung. Während aber für die griechischstämmigen Zyprioten unter Präsident Georgios Vassiliou nur die Bildung eines Bundesstaats in Frage kommt, für den der Abzug aller türkischen Truppen und die Rückkehrmöglichkeit für alle Flüchtlinge die unabdingbaren Voraussetzungen sind, streben die türkischstämmigen Zyprioten unter Präsident Rauf Denktasch einen Staatenbund aus zwei unabhängigen Gebieten an, denn sie können sich keine Zukunft ohne türkischen Schutz und ohne räumliche Trennung vorstellen.

Im November 1992 teilten Rauf Denktasch und Georgios Vassiliou erneut bedauernd mit, die Zypernverhandlungen bei den Vereinten Nationen in New York müssten vorerst ohne Ergebnis abgebrochen werden. So verstreicht immer mehr Zeit, die Fronten sind immer stärker verhärtet, und die zwei Volksgruppen wachsen immer weiter auseinander. Vorderhand bleibt eine echte Lösung auf der geteilten Mittelmeerinsel wohl illusorisch.

 

 



Legenden

Mit seinem pittoresken Hafen und mit der imposanten Gipfelkulisse im Hintergrund ist das an Zyperns Nordküste gelegene Kyrenia leicht als schönste Stadt der Insel zu bezeichnen. Kyrenia heisst zwar neuerdings türkisch «Girne», hat sich aber ansonsten in jüngerer Zeit kaum verändert. Wie eh und je liegt es in beschaulichem Halbrund da und lädt den Besucher zum Verweilen.

Die Ausgrabungen bei der in vorchristlicher Zeit gegründeten Siedlung Salamis an Zyperns Ostküste gelten als die eindrucksvollsten ganz Zyperns. Das nur von wenigen Touristen besuchte Gelände direkt am Meer ist auch landschaftlich von grossem Reiz. Leider werden diese einzigartigen Zeugnisse der Vergangenheit - im Bild das Amphitheater, welches einst mehreren tausend Zuschauern Platz bot - von den türkischstämmigen Zyprioten arg vernachlässigt.

Die allgegenwärtigen Moscheen - hier ein moderner Bau in Morphou - und die unüberhörbaren Gebetsrufe der Muezzin erinnern in Nordzypern stets daran, dass die Bewohner dieses Inselsektors praktisch ausnahmslos Muslime sind. Rief der Muezzin früher die Gläubigen vom Minarett herab zum Gebet, so steht er heute am Mikrofon in der Moschee, und Lautsprecher verbreiten die von ihm rezitierten Koranverse.

Im Gegensatz zur Situation im Inselsüden hat sich das Alltagsleben im Norden Zyperns seit der Spaltung der Insel im Jahr 1974 nur unwesentlich verändert. Weiterhin lebt die Bevölkerung hier mehrheitlich in kleinen Dörfern und widmet sich vornehm lich der Landwirtschaft und dem Handwerk. Nur gerade fünf Prozent der Erwerbstätigen haben im produzierenden Gewerbe ihren Arbeitsplatz.

Auch in Nord-Nikosia scheint vielerorts die Zeit stillgestanden zu sein. Noch immer weht hier ein Hauch orientalischer Atmosphäre durch die Altstadt, in welcher kleine, oft wenig gepflegte Häuser die Gassen säumen, altertümliche türkische Bäder zur Entspannung einladen und die Einwohner keine Eile kennen.

300 Jahre lang bestimmten Kreuzritter das Schicksal Zyperns. Richard Löwenherz hatte die Insel 1191 fast nebenbei auf seinem Weg ins Heilige Land erobert und sie dann umgehend an einen französischen Ritter namens Guy de Lusignan verkauft. Dieser und seine Nachfolger residierten in der Folge in Nikosia und Famagusta als Könige von Zypern, bis sie 1489 von den Venezianern verdrängt wurden. Die 725 Meter ü.M. gelegene Burg St. Hilarion (Bild), welche eine prachtvolle Aussicht auf die nördliche Küstenebene gewährt, diente ihnen als Festung gegen etwaige Angriffe aus dem Norden. Heute wird die Umgebung der mittelalterlichen Ruine vom türkischen Militär als Schiessübungsplatz benutzt, und Späher überwachen von hier aus die Demarkationslinie im Süden.




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