Gefleckter Adlerrochen

Aetobatus narinari


© 2010 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)










Artwork © Owen Bell



Die Rochen gehören zusammen mit den Haien, den Sägerochen und den Seedrachen oder Chimären innerhalb der Sippe der Wirbeltiere zu den Knorpelfischen (Klasse Chondrichthyes). Diese verdanken ihren Namen der Tatsache, dass ihr Skelett aus Knorpelsubstanz besteht und zwar teilweise verkalkt, aber nie echt verknöchert ist wie bei den Knochenfischen (Klasse Osteichthyes). Die Klasse der Knorpelfische ist weit artenärmer als die Klasse der Knochenfische: Während Letztere ungefähr 24 000 Arten umfasst, setzt sich Erstere aus nur rund 1000 Arten zusammen. Zu den Knorpelfischen gehören allerdings einige der imposantesten Wirbeltiere unseres Planeten, darunter mit einer Länge von bis zu 14 Metern und einem Gewicht von bis über 35 Tonnen der grösste aller Fische, der Walhai (Rhincodon typus).

Der Gefleckte Adlerrochen (Aetobatus narinari), von dem auf diesen Seiten berichtet werden soll, gehört nach heutiger Auffassung innerhalb der Klasse der Knorpelfische zur Ordnung der Stechrochenartigen (Myliobatiformes), die sich aus zehn Familien mit über 180 Arten zusammensetzt. Die Stechrochenartigen bilden die am höchsten entwickelten Rochen und sind unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass Kopf und Rumpf sowie die riesigen, flügelartigen Brustflossen eine rautenförmige Scheibe bilden, dass der Schwanz peitschenartig verlängert ist und dass sich beim Schwanzansatz ein oder mehrere Giftstachel befinden.

Innerhalb der Ordnung der Stechrochenartigen wiederum gehört der Gefleckte Adlerrochen zur Familie der Adlerrochen (Myliobatidae), welche 42 Arten in sieben Gattungen umfasst. Das grösste Mitglied der Familie ist der Riesenmanta (Manta birostris), der in Ausnahmefällen eine «Flügelspannweite» von nahezu sieben Metern und ein Gewicht von über zwei Tonnen erreicht.


Gefleckt, geringelt, gewellt

Der Gefleckte Adlerrochen ist zwar erheblich kleiner als der Riesenmanta, doch ist auch er ein stattlicher Fisch. Ältere Individuen erreichen gewöhnlich eine Kopfrumpflänge von ungefähr 2,5 und eine Spannweite von etwa 3 Metern. Der dünne Schwanz kann mehr als doppelt so lang sein wie der restliche Körper, so dass die grössten Individuen von der Schnauzen- bis zur Schwanzspitze gemessen eine Länge von fast neun Metern aufweisen. Das höchste jemals gewogene Gewicht eines Gefleckten Adlerrochens lag bei 230 Kilogramm.

Wie alle Mitglieder der Stechrochenordnung besitzt der Gefleckte Adlerrochen einen stark abgeflachten, scheibenförmigen Leib und zu riesigen, dreieckigen «Flügeln» umgewandelte Brustflossen. Die Rückenflosse hingegen ist winzig und befindet sich unmittelbar vor dem  Schwanzansatz. Der Schwanz weist keine endständige Flosse auf. Dafür befinden sich nahe der Schwanzwurzel, dicht hinter der Rückenflosse, zwei bis sechs so genannte «Sägestachel». Es handelt sich um spitze, an den Seitenkanten gesägte und mit Widerhaken besetzte Stachel, welche eine Giftdrüse enthalten und als Abwehrwaffe dienen. Dringt ein Sägestachel in den Körper eines Angreifers - vornehmlich gross gewachsene Haie - ein, so erzeugt er nicht nur eine blutende Fleischwunde, sondern bricht auch ab und bleibt stecken. Beim Menschen ruft dies sehr starke Schmerzen und schwere, teils tödliche, Vergiftungserscheinungen hervor.

Kennzeichnend für den Gefleckten Adlerrochen ist die attraktive Zeichnung seiner Oberseite: Im Allgemeinen handelt es sich dabei, wie der deutsche Artname andeutet, um ein Muster aus hellen Flecken auf schwarzem, dunkelgrauem oder dunkelbraunem Grund. Manchmal besteht die Zeichnung aber auch aus hellen Ringen mit dunklem Zentrum. Und hin und wieder sind die Ringe miteinander verbunden, so dass sich ein komplexes Muster aus Wellenlinien und grösseren Ringen bildet. Die Unterseite ist stets weisslich.


Neuerdings zwei Arten

Wie zahlreiche andere Meeresfische hat der Gefleckte Adlerrochen ein ausgesprochen grosses Artverbreitungsgebiet: Er kommt in praktisch sämtlichen tropischen und subtropischen Ozeanbereichen rund um den Erdball herum vor. Im westlichen Atlantik wird er regelmässig vom US-Bundesstaat Nordkarolina und von Bermuda südwärts durch den gesamten Golf von Mexiko und das Karibische Meer bis zum südlichen Brasilien gesichtet. Im östlichen Atlantik kommt er von Mauretanien südwärts bis Angola vor. Im Indopazifik ist er vom Roten Meer und der Ostküste Afrikas bis Japan im Norden, Hawaii und Französisch-Polynesien im Osten und Australien im Süden verbreitet. Und im Ostpazifik findet man ihn vom Golf von Kalifornien südwärts bis Peru und zudem bei den Galapagosinseln.

Innerhalb dieses enorm weiten Areals sind gewisse regionale Unterschiede hinsichtlich der Fleckenzeichnung, der Gestalt und der Körpergrösse festzustellen. Seit langem wird darum vermutet, dass es vom Gefleckten Adlerrochen mehr als eine Art geben könnte. Unlängst durchgeführte molekulargenetische Studien stützen nun diese Einschätzung. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es zwei Arten gibt: eine erste im Indischen Ozean sowie im westlichen und zentralen Pazifik und eine zweite im Atlantik und im Ostpazifik.

Dass die ostpazifischen Bestände genetisch nicht den zentralpazifischen nahe stehen, sondern den atlantischen, mag auf den ersten Blick überraschen, lässt sich aber damit erklären, dass die mittelamerikanische Landbrücke im Bereich des heutigen Panama erst seit etwa drei Millionen Jahren den Atlantik vom Pazifik trennt, und zwar aufgrund der Kollision zweier Platten der Erdkruste. Zuvor bestand dort eine weite, offene Verbindung zwischen den beiden Ozeanen.

Im ganzen Verbreitungsgebiet halten sich die Gefleckten Adlerrochen hauptsächlich in küstennahen Gewässern auf, und zwar im Bereich von Kontinenten und Kontinentalinseln ebenso wie im Bereich von Ozeaninseln. Vorzugsweise bewegen sie sich in den oberflächennahen Wasserschichten umher. Die grösste Tiefe, in der sie bisher gesichtet wurden, beträgt achtzig Meter.

Im Allgemeinen schwimmen die Gefleckten Adlerrochen gemächlich unter Wasser umher. Sanft gleiten sie durch das Wasser, indem sie ruhig und elegant mit ihren Brustflossen auf- und niederschlagen. Wie andere Stechrochenartige zeigen sie aber hin und wieder eine eher überraschende Fortbewegungsweise: Unvermittelt beschleunigen sie Richtung Wasseroberfläche, schiessen hoch aus dem Wasser heraus, fliegen ein Stück weit durch die Luft, klatschen dann auf die Wasseroberfläche und tauchen wieder ins Wasser ein. Von alters her wird über den Sinn und Zweck dieses auffälligen Verhaltens spekuliert. Hier ein paar der Mutmassungen: Die Tiere würden auf diese Weise lästige Hautparasiten loszuwerden versuchen. Sie würden Verfolgern über die Wasseroberfläche hinaus ausweichen. Oder sie würden mit Artgenossen auf Distanz in Kontakt treten. Keiner der Erklärungsversuche ist wirklich überzeugend, und so bleiben die Luftsprünge der Meeresteufel wohl weiterhin ein Rätsel. Und zwar mitunter ein für den Menschen tödliches. Beispielsweise kam es 2008 vor der Küste Floridas zu einem Unfall, als eine auf dem Deck eines Bootes an der Sonne liegende Frau von einem sprungkräftigen Adlerrochen, dessen Gewicht 35 Kilogramm betrug, erschlagen wurde.


Er zermalmt Muschelschalen

Wie die allermeisten Knorpelfische ist der Gefleckte Adlerrochen ein Jäger und ernährt sich ausschliesslich von anderen, selbst erbeuteten Tieren. Zu seinen Opfern gehören zur Hauptsache meeresbewohnende Wirbellose, darunter insbesondere Muscheln und Schnecken, aber auch Krebstiere, Seeigel und Tintenfische.

Den Grossteil seiner Beutetiere sucht und findet der Gefleckte Adlerrochen auf und im Meeresboden. Teils gräbt er sie mit Hilfe seiner kräftigen, entenschnabelförmigen Schnauze aus, teils legt er sie frei, indem er durch kräftige Schläge seiner Brustflossen den Untergrund aufwühlt.

Viele seiner Beutetiere haben schützende Schalen oder Panzer. Um dieselben zu knacken und zu zertrümmern, verfügt der Gefleckte Adlerrochen über ein spezielles Gebiss: Statt konventioneller Zahnreihen entlang der Kieferseiten, wie sie die meisten Wirbeltiere haben, sind seine Zähne breit und flach und sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer zu je einer Platte verschmolzen. Beim Essen werden die Schalen und Panzer der Beutetiere zunächst zwischen den Zahnplatten aufgebrochen. Dann werden die unverdaulichen Bruchstücke mittels seitlich im Mund befindlicher muskulöser Papillen aus dem Mund entfernt, und schliesslich wird der weiche Körper der Opfer verschluckt. Bei Magenuntersuchungen werden zwar jeweils ganze Weichtierkörper gefunden, jedoch keine Spur ihrer Schalen. Die «Abfalltrennung» im Mund erfolgt offenbar sehr gewissenhaft.

Über die Gesellschaftsform der Gefleckten Adlerrochen ist kaum etwas bekannt. Wir wissen zwar, dass die grossen Fische regelmässige jahreszeitliche Wanderungen unternehmen. Tatsächlich streifen sie im Allgemeinen zwar einzeln umher, bilden aber mitunter grosse Schwärme mit mehreren hundert Individuen, welche weite Strecken im offenen Meer zurücklegen. Ferner wissen wir, dass sich die Aufenthaltsorte der Männchen zumindest saisonal von denen der Weibchen unterscheiden. Beispielsweise werden vor der Küste der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal im Sommer erheblich mehr Rochen gefangen als im Winter, wobei es sich grossenteils um Männchen handelt, während die wenigen im Winter gefangenen Individuen fast ausnahmslos Weibchen sind. Was dies aber genau zu bedeuten hat, wissen wir nicht. Auch ist nicht klar, ob das Fortpflanzungsgeschehen beim Gefleckten Adlerrochen saisonal geprägt ist oder nicht, obschon dies zumindest für jene Bereiche des Verbreitungsgebiets anzunehmen ist, wo sich die Geschlechter saisonal voneinander absondern.

Wie bei allen Knorpelfischen, jedoch im Unterschied zu den meisten Knochenfischen, geben die Weibchen und die Männchen ihre Eier bzw. Samen nicht einfach ins freie Wasser ab, sondern sie paaren sich, so dass die Befruchtung der Eier im Mutterleib erfolgen kann. Das Männchen verfügt zu diesem Zweck über ein Begattungsorgan, welches aus den Bauchflossen hervorgegangen ist. Die Begattung ist zwar jeweils eine kurze, etwa einminütige Angelegenheit. Die Weibchen können sich aber kurz nacheinander mit mehreren Männchen paaren.

Nach der Befruchtung entwickeln sich die Keimlinge eine Zeitlang in ihren Eiern, ohne dass diese abgelegt werden. Dann schlüpfen die Jungen innerhalb des Eileiters des Weibchens und entwickeln sich noch eine Weile weiter. Zunächst ernähren sie sich von ihrem recht grossen, auf der Bauchseite befindlichen Dottersack, später, wenn der Vorrat aufgezehrt ist, von einem milchartigen Sekret, das die Mutter in die Eileiterflüssigkeit absondert.

Über die Dauer der Tragzeit ist nichts bekannt. Sie dürfte aber gemäss der Einschätzung von Fachleuten zwischen acht und zwölf Monaten betragen. Schliesslich, wenn die Zeit gekommen ist, bringt das Weibchen meistens zwei bis vier Junge zur Welt. Diese weisen bei der Geburt bereits eine Länge von 20 bis 30 Zentimetern auf. Im Alter von vier bis sechs Jahren, bei einer Länge von ungefähr einem Meter, erlangen sie die Geschlechtsreife. Über die Lebensdauer unter natürlichen Bedingungen ist nichts bekannt.


Karibische Meeresschutzgebiete vonnöten

Aufgrund seines weiten Verbreitungsareals im Indopazifischen wie im Atlantischen Ozean gilt der Gefleckte Adlerrochen als nicht unmittelbar in seinem Fortbestand gefährdet. Seine Zukunft ist jedoch - wie bei vielen anderen grossen Fischen mit geringer Fortpflanzungsrate - keineswegs sicher. Das Problem heisst Überfischung. Zwar werden die Gefleckten Adlerrochen nirgendwo gezielt bejagt, obschon sie in verschiedenen Regionen als gute Speisefische gelten. Viele Individuen finden jedoch in Treib- und anderen Netzen, mit denen auf der ganzen Welt in den Küstengewässern intensiv Fischfang betrieben wird, den Tod.

Verhängnisvoll wirkt sich dabei aus, dass die meisten Gefleckten Adlerrochen aufgrund ihrer stattlichen Körpergrösse bereits als Jungtiere sterben, noch bevor sie die Möglichkeit hatten, sich fortzupflanzen. Mangelnde Gelegenheit zur Fortpflanzung aber, das hat sich in der Vergangenheit bei zahlreichen Tierarten gezeigt, führt zu einem raschen Schwund der Bestände. Denn die wenigen Individuen, die bis zum fortpflanzungsfähigen Alter überleben, erzeugen viel zu wenig Nachkommen, um die durch den Menschen erlittenen Bestandsausfälle wettzumachen. Zwar fehlen gesicherte Informationen über die Bestandsentwicklung beim Gefleckten Adlerrochen. Bei gut untersuchten ähnlichen Arten betrug jedoch der Rückgang in Regionen mit starkem Fangdruck oft 75 und mehr Prozent innerhalb weniger Jahre.

Eine Lösung des Problems des Überfischens - nicht allein des Gefleckten Adlerrochens - könnte die Einrichtung grossflächiger und gut geschützter Meeresschutzgebiete bilden. Die Zahl solcher Gebiete ist weltweit leider noch immer sehr gering, und ihre Ausdehnung in aller Regel zu klein, um die Zukunft von Arten wie dem Gefleckten Adlerrochen zu gewährleisten.

Ein Ort, wo der Gefleckte Adlerrochen regelmässig gesichtet wird, sind die Gewässer im Bereich von Mayreau, einer kleinen, politisch zum karibischen Inselstaat St. Vincent gehörenden Grenadineninsel. Erfreulicherweise befindet sich Mayreau innerhalb eines der wenigen karibischen Meeresschutzgebiete, nämlich des 1997 gegründeten Tobago Cays Marine Park. Dieser weist eine Fläche von immerhin etwa 35 Quadratkilometern auf und umfasst grossenteils für den Gefleckten Adlerrochen geeigneten Lebensraum. Weitere solche Meeresschutzgebiete sollten im karibischen Raum und auch anderswo dringend geschaffen werden, zugunsten nicht allein des Gefleckten Adlerrochens, sondern auch all seiner ungezählten Leidensgenossen.




Legenden

Der Gefleckte Adlerrochen (Aetobatus narinari) gehört innerhalb der Klasse der Knorpelfische zur Ordnung der Stechrochenartigen. Ältere Individuen erreichen gewöhnlich eine Kopfrumpflänge von ungefähr 2,5 und eine Spannweite von etwa 3 Metern. Das Gewicht liegt bei bis zu 230 Kilogramm. Kennzeichnend für die Art ist die attraktive Zeichnung aus Punkten, Flecken und Ringen auf der Oberseite. Beim Schwanzansatz, hinter der Rückenflosse, befinden sich zwei bis sechs Giftstachel, die als Abwehrwaffe dienen.

Der Gefleckte Adlerrochen kommt rund um den Erdball herum in praktisch allen tropischen und subtropischen Ozeanbereichen vor. Gemäss neuster molekulargenetischer Studien sind innerhalb dieses weiten Areals zwei Arten zu unterscheiden: eine erste im Indischen sowie im westlichen und zentralen Pazifischen Ozean und eine zweite im Atlantik und im Ostpazifik. Mit Ausnahme dieses Fotos, das im Westpazifik aufgenommen wurde, zeigen alle Fotografien auf diesen Seiten die atlantisch-ostpazifische Art.

Der Gefleckte Adlerrochen ernährt sich zur Hauptsache von Muscheln, Schnecken und weiteren zumeist hartschaligen Wirbellosen, die sich am und im Meeresboden aufhalten. Auf diesem Foto wühlt er mit seiner robusten Schnauze sowie kräftigen Schlägen seiner flügelartigen Brustflossen den Untergrund auf, um etwaige Beutetiere freizulegen.

Gewöhnlich hält sich der Gefleckte Adlerrochen in küstennahen Gewässern auf und streift dort meistens einzeln umher. Von Zeit zu Zeit bildet er jedoch mit seinesgleichen kopfstarke Schwärme, welche weite Strecken im offenen Meer zurücklegen. Es scheint sich um saisonal geprägte Wanderungen zu handeln, doch was diese genau zu bedeuten haben, wissen wir nicht.

Der Gefleckte Adlerrochen gilt derzeit nicht als in seinem Fortbestand gefährdet, weil er überaus weit verbreitet ist und mancherorts grössere Bestände aufweist. Seine Zukunft ist aber - wie bei vielen anderen grossen Fischen mit geringer Fortpflanzungsrate - keineswegs sicher. Das Problem lautet Überfischung: Allzu viele Individuen fallen der weltweit intensiv betriebenen Küstenfischerei schon in der Jugend zum Opfer, noch bevor sie die Gelegenheit hatten, sich fortzupflanzen.




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