Allfarblori

Trichoglossus haematodus


© 2012 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Ordnung der Papageien (Psittaciformes) umfasst etwa 350 Vogelarten, welche rund um den Erdball herum schwergewichtig in den Tropen und Subtropen heimisch sind. Hinsichtlich der Körpergrösse reicht das Spektrum vom zierlichen Braunstirn-Spechtpapagei (Micropsitta pusio), welcher eine Länge von nur 8,5 Zentimetern und ein Gewicht um 11 Gramm aufweist, bis hin zum langschwänzigen, rund 100 Zentimeter langen Hyazinthara (Anodorhynchus hyacinthinus) in Südamerika einerseits und zum fluglosen, etwa 3,5 Kilogramm schweren Kakapo (Strigops habroptila) in Neuseeland andererseits. Trotz der beträchtlichen Grössenunterschiede fällt es auch dem Nichtzoologen in der Regel leicht, die Mitglieder der Papageienordnung als solche zu erkennen. Deren Hauptmerkmale - der «Krummschnabel», die «Kletterfüsse», die aufrechte Haltung und das zumeist bunte Gefieder - lassen kaum Zweifel über ihre Zugehörigkeit aufkommen.

Einer der farbenprächtigsten Papageien weltweit ist der treffend benannte Allfarblori (Trichoglossus haematodus), der im australasiatisch-westpazifischen Raum vorkommt. Von ihm soll hier berichtet werden.


Variable Färbung

Der Allfarblori ist einer von sieben Mitgliedern der Gattung der Keilschwanzloris (Trichoglossus). Von allen sieben hat er das weiteste Verbreitungsgebiet. Es erstreckt sich einerseits in einem weiten Bogen von den Molukken und den Kleinen Sundainseln über Neuguinea, den Bismarck-Archipel, die Salomonen und Vanuatu bis nach Neukaledonien. Andererseits umfasst es die meisten Küstengebiete der östlichen Hälfte Australiens - von Derby und Cape York im Norden bis Tasmanien und Port Lincoln im Süden. Ausserhalb dieses natürlichen Verbreitungsgebiets existieren mehrere freilebende, von entwichenen Volierenvögeln abstammende Bestände, so bei Perth in Westaustralien, bei Auckland auf Neuseeland und in Hongkong.

Mit einer Länge von 25 bis 30 Zentimetern, einer Flügelspannweite um 45 Zentimeter und einem Gewicht von 100 bis 150 Gramm ist der Allfarblori ein mittelgrosser Papagei. Wie bei den meisten Papageien sind die Männchen und die Weibchen gleich gross und sehen gleich aus. Deutliche Unterschiede in der Gefiederfärbung bestehen allerdings zwischen den regionalen Beständen des Allfarbloris. Über zwanzig regionale Unterarten sind deshalb wissenschaftlich beschrieben und benannt worden. Ein paar von ihnen werden manchmal sogar als separate Arten eingestuft.

Insgesamt sind die Allfarbloris leuchtend bunt gefiederte Vögel mit orangerotem Schnabel und ebensolcher Iris. Je nach Unterart ist die Brust rot, gelb oder orange gefärbt; der Bauch kann blau, dunkelgrün oder auch beinahe schwarz sein. Der Kopf ist meistens blau gefiedert. Typisch ist ein gelbes, hellgrünes oder oranges Nackenband. Während die Schwanz- und die Flügeloberseiten mittelgrün gefärbt sind, sind die Deckfedern auf der Flügelunterseite orange bis rot, und die Schwingen weisen unterseits ein breites gelbes Querband auf.

Die Bestände des Allfarbloris auf den Inselgruppen östlich von Neuguinea - vom Bismarck-Archipel über Bougainville und die Salomonen bis nach Vanuatu, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken - werden der Unterart Massena-Allfarblori (Trichoglossus haematodus massena) zugeordnet. Kennzeichnend für die erwachsenen Individuen dieser Unterart sind ein hellgrünes Nackenband, ein braun getönter Hinterkopf, eine rotorange Brust mit dunkler Querstreifung und ein dunkelgrüner Bauch.


Australasiatischen Ursprungs

Die Lorisippe, zu der der Allfarblori gehört, umfasst 12 Gattungen mit rund 60 Arten, welche über weite Bereiche Australasiens und des Südpazifiks verbreitet sind. Es scheint, dass sich die Sippe einst auf Neuguinea herausgebildet hatte, denn im Bereich dieser mächtigen Insel befindet sich der Schwerpunkt ihrer Formenvielfalt. Von Neuguinea aus haben sich die Loris dann offensichtlich im Laufe langer Zeiträume westwärts bis Bali und Sulawesi, südwärts über Australien bis Tasmanien und ostwärts über die ganze Inselwelt des Südpazifiks bis zu den Pitcairninseln ausgebreitet. Einzig Neuseeland haben sie nie erreicht.

Neben den Loris beherbergt die australasiatische Region ein breites Spektrum weiterer Papageien, darunter die Kakadus, die Plattschweifsittiche und die Zwergpapageien. Die einzige andere Region auf unserem Planeten mit einer ähnlichen Papageienvielfalt ist Südamerika mit rund 150 Arten. Dort leben aber vollständig andere Papageiensippen, darunter die Aras, die Amazonen und die Keilschwanzsittiche.

Aufgrund der grossen Vielfalt von Papageienarten in diesen beiden Erdregionen und der verhältnismässig geringen Vielfalt in den Regionen dazwischen, insbesondere in Südasien und in Afrika, gehen die Zoologen schon länger davon aus, dass sich die Papageiensippe entweder in Australasien oder aber in Südamerika herausgebildet haben muss. Weil es aber nur spärlich Fossilfunde früher Papageien gibt, konnte der Ursprung der Sippe bisher nicht verlässlich festgelegt werden.

Nun haben neuere DNA-Analysen starke Hinweise darauf geliefert, dass der Ursprung der Papageien im australasiatischen Raum liegt. Sie haben nämlich gezeigt, dass die neuseeländischen Papageien - der Kakapo, der Kea (Nestor notabilis) und der Kaka (Nestor meridionalis) - besonders urtümliche Mitglieder der Papageiensippe sind, die sehr früh vom Hauptentwicklungsstamm der Papageien abgezweigt und eigene Entwicklungswege gegangen sind. Einige Zeit später haben sich die Kakadus, von denen es heute in ganz Australasien etwa zwanzig Arten gibt, von den übrigen Papageien getrennt. Auch sie bilden eine urtümliche, von den restlichen Papageien gut abgegrenzte Sippe. Die Aufsplitterung der übrigen, «eigentlichen» Papageien in die diversen heutigen Sippen, darunter all die Neuweltpapageien, ist deutlich später erfolgt.

Der genaue Zeitpunkt dieser Ereignisse bleibt ungewiss. Das Vorhandensein der urtümlichsten Papageiensippe auf Neuseeland deutet aber darauf hin, dass die Urahnen der Papageien in der zweiten Hälfte des Kreidezeitalters, vermutlich vor 80 bis 85 Millionen Jahren, entstanden sein dürften. Zu jener Zeit war Neuseeland noch mit Australien verbunden, begann sich aber aufgrund der Kontinentalplattenverschiebungen bereits zu lösen und nach Osten in den Pazifik hinaus zu driften - und mit ihm die Vorfahren von Kea, Kaka und Kakapo.


Trichoglossus = «Borstenzunge»

Unabhängig davon, wie die zeitlichen Abläufe genau waren, werden heute aufgrund der Erkenntnisse aus den molekulargenetischen Untersuchungen drei Hauptsippen von Papageien unterschieden: die Familie der Neuseelandpapageien (Strigopidae) mit 3 Arten, die Familie der Kakadus (Cacatuidae) mit etwa 20 Arten und die Familie der Eigentlichen Papageien (Psittacidae) mit ungefähr 330 Arten. Innerhalb der Familie der Eigentlichen Papageien bilden die etwa 60 Arten von Loris eine eigene Unterfamilie (Loriinae); die übrigen rund 270 Arten von Eigentlichen Papageien werden in der Unterfamilie der Echten Papageien (Psittacinae) zusammengefasst.

Die Loris unterscheiden sich von den Echten Papageien dadurch, dass sie sich hauptsächlich von Nektar und Pollen ernähren und nicht hauptsächlich von Samen und Früchten. Die Spezialisierung auf diese «Blütenkost» hat bei den Loris im Laufe ihrer Stammesgeschichte zu erheblichen körperbaulichen Anpassungen geführt, welche ihre Abtrennung von den anderen Eigentlichen Papageien in einer eigenen Unterfamilie rechtfertigen.

Zweifellos das auffälligste körperbauliche Merkmal der Loris ist ihre lange, schmale Zunge, deren Spitze dicht mit borstenartigen Papillen besetzt ist. Streckt der Lori seine Zunge in eine Blüte, richten sich diese Papillen auf. Wie mit einem Pinsel, durch Kapillarkraft, wird dann der Nektar aufgesogen. Zieht der Lori seine Zunge zurück in den Schnabel, wird der «Pinsel» an Hautfalten im Gaumen ausgedrückt und der Nektar gewonnen. Diesen Vorgang wiederholt der Lori jeweils in schneller Folge.

Aus einer in Australien durchgeführten Feldstudie über das Verhalten der Allfarbloris wissen wir, dass sie Tag für Tag rund 5000 Blütenbesuche tätigen müssen, um ihren Nährstoff- und Energiebedarf zu decken. Dies erklärt zum einen, weshalb sie tagsüber viel unterwegs sind und Tagesstrecken von bis zu fünfzig Kilometern zurücklegen. Zum anderen wird verständlich, weshalb sie sich hinsichtlich ihrer Futterpflanzen wenig wählerisch zeigen und natürliche Vegetationsformen wie Waldungen und Strauchdickichte ebenso besuchen wie vom Menschen angelegte Pflanzungen und Gärten. Immerhin hat ihnen die weiche und leicht verdauliche Spezialnahrung erlaubt, die Grösse ihres Muskelmagen sowie die Länge ihres Darms im Laufe ihrer Stammesgeschichte stark zu vermindern, weshalb sie weit weniger «Ballast» durch die Luft tragen müssen als vergleichbar grosse Echte Papageien.

Im Vanuatu-Archipel und auch anderswo im südpazifischen Verbreitungsgebiet gehört die Kokospalme (Cocos nucifera) zu den wichtigsten Futterpflanzen der Allfarbloris. Im Gegensatz zu vielen Baumarten blüht sie jahreszeitlich unabhängig, weshalb in einem bestimmten Gebiet stets das ganze Jahr über Kokosblüten zu finden sind. Die Allfarbloris spielen beim Bestäuben der Kokosblüten eine bedeutende Rolle und tragen dadurch zu guten Kokosnussernten bei. Darum werden sie vom Menschen vielerorts sehr geschätzt. Dass sie bei Gelegenheit auch reife, süsse Früchte anknabbern, insbesondere Mangos und Papayas, wird allerdings weniger gern gesehen.


Ein Höhlenbrüter

Wie bei den meisten Papageienarten führen die Allfarbloris eine grundsätzlich monogame Lebensweise. Beim Erreichen der Geschlechtsreife gehen sie langjährige, ja oftmals lebenslange Partnerschaften ein. Die Grundeinheit der Allfarblori-Gesellschaft bildet somit das Paar. Bei den häufig zu beobachtenden engen Flugformationen von bis zu sechs Individuen handelt es sich um Paare mit ihren Jungen aus den letzten ein oder zwei Bruten. Grössere Ansammlungen, wie sie gelegentlich in Nahrungsbäumen und ausserhalb der Brutzeit an Schlafplätzen zu verzeichnen sind, bestehen aus zufällig zusammentreffenden Paaren bzw. Kleinfamilien. Bei Tagesanbruch spalten sich diese Verbände jeweils wieder auf in Paare und Familientrupps, die sich separat auf die Suche nach Nahrungsquellen machen.

Hat ein Allfarbloritrupp einen Nahrungsbaum entdeckt, verteilen sich die einzelnen Tiere in dessen Krone und verteidigen ihren individuellen Kronenbereich unnachgiebig gegen alle anderen. Ähnliches ist bei der Brut zu beobachten: Zwar beanspruchen die Allfarbloris keine klar definierten Brutterritorien; manchmal finden sich im selben Baum mehrere Nester. Die unmittelbare Nähe ihres Nistplatzes verteidigen die farbigen Vögel jedoch vehement gegen alle Artgenossen und auch Angehörige anderer Vogelarten.

Ihre Eier legen die Allfarbloris im Allgemeinen in Baumhöhlungen ab, auf raubsäugerfreien Inseln aber manchmal auch in Felsnischen oder sogar in Erdlöchern. Auf Vanuatu werden häufig Höhlungen in Kokospalmen verwendet. Wie die meisten Papageienarten bauen die Loris kein eigentliches Nest aus Zweigen oder anderem Material. Sie passen lediglich die gewählte Bruthöhle den eigenen Bedürfnissen an, indem sie den Eingang oder die Nestkammer weiter ausnagen.

Das Gelege besteht aus zwei oder drei weissen Eiern. Sie werden während 23 bis 25 Tagen ausschliesslich vom Weibchen bebrütet. Es verbringt praktisch die ganze Zeit in der Bruthöhle und wird dort regelmässig vom Männchen mit Futter versorgt, das dieses in seinem Kropf, einer Aussackung am unteren Ende der Speiseröhre, herbeiträgt.

Die Jungen wiegen beim Schlüpfen nur fünf Gramm. Sie sind typische Nesthocker, also anfänglich nackt und blind. Nach etwa zehn Tagen ist ihnen eine dichte, fast pelzartige Daunenschicht gewachsen. In dieser Phase öffnen sich ihre Augen. Die ersten Federspitzen erscheinen im Alter von etwa drei Wochen, und nach sieben bis acht Wochen ist ihr Jugendgefieder komplett, so dass sie im Alter von rund zwei Monaten flugfähig die Nisthöhle verlassen können. Sie ziehen in der Folge noch monatelang mit ihren Eltern zusammen umher und lernen von ihnen alles, was ein auf Blütennahrung spezialisierter Vogel zum Überleben wissen muss. Anhand ihres anfänglich schwarzen, später braunorangen Schnabels sind sie noch geraume Zeit gut von ihren Eltern unterscheidbar. Die Geschlechtsreife erreichen sie im Alter von etwa zwei Jahren.

Wie die meisten Papageien können die Allfarbloris ziemlich alt werden. Von einem beringten Individuum in Australien wissen wir, dass es in der freien Wildbahn mindestens 21 Jahre überlebt hat. In Menschenobhut soll einst ein Individuum sogar 32 Jahre alt geworden sein.


Erfolgreich, da flexibel

Der Allfarblori ist bis heute weit verbreitet und wird in manchen Bereichen seines Verbreitungsgebiets - so auch auf Vanuatu - als häufiger Vogel eingestuft. Da er hinsichtlich seines Lebensraums recht flexibel ist, gehört er zu jenen wenigen Ausnahmen in der Tierwelt, die von den Aktivitäten des Menschen zu profitieren vermocht haben: Grossflächige Kokosplantagen, vielfältige Obstgärten und blütenreiche Ziergärten erhöhen das Nahrungsangebot für einen auf Süssigkeiten spezialisierten Vogel erheblich und helfen über etwaige saisonale Versorgungsengpässe hinweg.



Legenden

Eine der farbenprächtigsten der rund 350 Arten, welche die Papageienordnung (Psittacidae) weltweit umfasst, ist der treffend benannte Allfarblori (Trichoglossus haematodus). Auch sein englischer Name Rainbow Lorikeet («Regenbogenlori») ist gut gewählt. Die erwachsenen Individuen weisen eine Länge von 25 bis 30 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 100 und 150 Gramm auf. Wie bei den meisten Papageien sind die Männchen und die Weibchen gleich gross und sehen gleich aus.

Der Allfarblori ist im australasiatisch-westpazifischen Raum weit verbreitet - von den Molukken und den Kleinen Sundainseln ostwärts über Neuguinea bis nach Vanuatu und Neukaledonien und südwärts über das östliche Australien bis nach Tasmanien. Zwischen den regionalen Beständen bestehen teils markante Unterschiede in der Gefiederfärbung, weshalb über zwanzig Unterarten beschrieben worden sind. Auf dieser Seite sind zu sehen: links der Edward-Allfarblori (Trichoglossus haematodus capistratus) von Timor, in der Mitte der Rotnacken-Allfarblori (Trichoglossus haematodus rubritorquis) von Nordaustralien (Darwin), rechts der Massena-Allfarblori (Trichoglossus haematodus massena) von Vanuatu. Auf Seite 2 sind abgebildet: oben der Gebirgs-Allfarblori (Trichoglossus haematodus moluccanus) von Ostaustralien (Queensland), unten der Weber-Allfarblori (Trichoglossus haematodus weberi) von Flores.

Wie alle der etwa sechzig Mitglieder der Unterfamilie der Loris (Loriinae) ernährt sich der Allfarb­lori nicht  papageientypisch von Samen und Früchten, sondern hauptsächlich von Nektar und Pollen. Und wie alle seine Vettern ist er an die Nutzung dieser Blütennahrung körperbaulich gut angepasst. Insbesondere verfügt er über eine für Papageien untypische pinselartige Zunge, mit der er Nektar und Pollen effizient aufzunehmen vermag.

Die Allfarbloris brüten im Allgemeinen in natürlichen Höhlungen von Bäumen und Palmen. Das Gelege besteht meistens aus zwei oder drei Eiern. Die Brutzeit dauert etwa 24 Tage, die Nestlingszeit ungefähr 60. Anhand ihres noch nicht orange ausgefärbten, sondern bräunlichen Schnabels mit dunkler Spitze sind die beiden nach Futter bettelnden Jungvögel (rechts) gut vom Altvogel (links) unterscheidbar. Auch ihre Iris ist noch braun.

Wie die meisten Papageien führen die Allfarbloris eine grundsätzlich monogame Lebensweise. Beim Erreichen der Geschlechtsreife, im Alter von zwei Jahren, gehen sie langjährige, ja oftmals lebenslange Partnerschaften ein. Und wie die meisten ihrer Vettern können die Allfarbloris ziemlich alt werden. Von einem beringten Individuum in Australien wissen wir, dass es in der freien Wildbahn mindestens 21 Jahre überlebt hat. In Menschenobhut soll einst ein Individuum sogar 32 Jahre alt geworden sein.




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