Was ist eigentlich der Unterschied zwischen
einer Antilope und einer Gazelle?


© 1991 Markus Kappeler



Antilopen und Gazellen sind Mitglieder der Familie der Hornträger (Bovidae), welche innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur Unterordnung der Wiederkäuer (Ruminantia) gehört. Soviel ist klar.

 

Hornträger

Die Familie der Hornträger setzt sich aus rund 140 Arten zusammen. Das Spektrum reicht vom knapp hasengrossen, um 2,5 Kilogramm leichten afrikanischen Kleinstböckchen (Neotragus pygmaeus) bis hin zum in Ausnahmefällen beinahe eine Tonne schweren amerikanischen Bison (Bison bison). Sie werden in 10 Unterfamilien gegliedert. Diese seien hier kurz aufgelistet:

Ducker (Cephalophinae)
Böckchen (Neotraginae)
Waldböcke (Tragelaphinae)
Rinder (Bovinae)
Kuhantilopen (Alcelaphinae)
Pferdeböcke (Hippotraginae)
Riedböcke (Reduncinae)
Gazellenartige (Antilopinae)
Impalas (Aepycerotidae)
Ziegenartige (Caprinae)

Auch soviel ist klar (einigermassen wenigstens, denn es sei nicht verschwiegen, dass diese Gliederung nicht allen Fachleuten gefällt). Der Rest ist hingegen diffus.

 

Gazellen und Gazellenartige

Fangen wir mit den Gazellen an: Die Gazellen und ihre engsten Verwandten werden innerhalb der Familie der Hörnträger in einer eigenen Unterfamilie, den Gazellenartigen (Antilopinae), zusammengefasst. Neben ungefähr zwölf Arten "echter" Gazellen (Gattung Gazella) gehören zu den Gazellennartigen noch der Dibatag (Ammodorcas clarkei), der Gerenuk (Litocranius walleri), der südafrikanische Springbock (Antidorcas marsupialis), die indische Hirschziegenantilope (Antilope cervicapra) und drei Arten zentralasiatischer Kurzschwanzgazellen (Gattung Procapra).

Die beiden Begriffe "Gazellen" und "Gazellennartige" sind also einigermassen verständlich definiert.

 

Antilopen und Antilopenartige

Schwieriger liegt der Fall beim Begriff "Antilopen".

Unwissenschaftlicher Ansatz
Im Volksmund bezeichnet man als Antilopen sämtliche Hornträger mit Ausnahme der Rinder, Ziegen und Schafe (in den beiden Unterfamilien Rinder und Ziegenartige). Das entspricht allerdings der Systematik aus dem 19. Jahrhundert und ist im Prinzip nicht richtig, da diese Tiere keine geschlossene stammesgeschichtliche Einheit bilden. Viele Zoologen verwenden den Begriff jedoch weiterhin in diesem Sinn, wenn sie sich schriftlich oder mündlich an ein breiteres Publikum wenden - weil er sich halt längst so eingebürgert hat. Ich finde das in Ordnung - so lange wir uns bewusst sind, dass es sich lediglich um einen unwissenschaftlichen Sammelbegriff handelt, der nichts mit den Verwandtschaftsverhältnissen zu tun hat.

Wissenschaftlicher Ansatz
Gemäss der modernen Säugetiersystematik gibt es eigentlich nur eine einzige Antilope: die Hirschziegenantilope (Antilope cervicapra). Und es gibt ferner die "Antilopenartigen" (Antilopinae). Die heissen jedoch auf deutsch "Gazellenartige". Und jetzt ist das Dilemma erkennbar. Es wurde darum schon vorgeschlagen, die Antilopinae in Gazellinae umzubenennen. Das ist aber nicht machbar, da die Bezeichnung Antilopinae nach den Reegeln der zoologischen Nomenklatur Vorrang hat. Im streng wissenschaftlichen Sinn lässt sich der Begriff "Antilope" heute also nicht mehr vernünftig gebrauchen.
Eine Lösung des Problems könnte sein, den Begriff "Antilope" vollständig wegzulassen. Das wäre gewiss die sauberste Lösung. Dann müsste man aber wohl von "wiederkäuenden, horntragenden Paarhufern mit Ausnahme der Rinder, Ziegen und Schafe" sprechen. Ist das sinnvoll? Ich persönlich finde nein. Meiner Meinung nach darf man den Sammelbegriff "Antilope", der sich im Volksmund durchgesetzt hat und bei uns allen sofort die Vorstellung von weiten afrikanischen Savannen weckt, durchaus weiterhin verwenden.





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