Baumkängurus Neuguineas

Dendrolagus spp.


© 2003 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Mit einer Fläche von rund 809 000 Quadratkilometern (Deutschland: 357 000 km2) ist Neuguinea nach Grönland die zweitgrösste Insel der Welt. Das vogelförmige, am westlichen Rand des Pazifiks knapp südlich des Äquators gelegene Eiland hat eine sehr abwechslungsreiche Topografie, denn es wird von einer mächtigen Gebirgskette durchzogen, welche eine Länge von ungefähr 2000 Kilometern aufweist und an mehreren Stellen eine Höhe von über 4000 Metern, beim Jaya-Gipfel sogar eine solche von 5029 Metern erreicht. Politisch ist Neuguinea zweigeteilt: Die westliche Hälfte der Insel gehört als Provinz Irian Jaya zu Indonesien, während die östliche Hälfte vom selbstständigen, dem British Commonwealth of Nations angegliederten Staat Papua-Neuguinea eingenommen wird.

Im Verlauf der vergangenen zwei Millionen Jahre war Neuguinea während langer Perioden keineswegs eine isolierte Insel. Zuletzt während des Pleistozäns («Eiszeitalters»), welches vor rund 10 000 Jahren endete, lag der Meeresspiegel weltweit erheblich tiefer als heute, weil in den Polargebieten enorme Wassermassen in fester Form, als Eis, gebunden waren. Damals lagen die Arafura-See, der Carpentariagolf und der Papuagolf, welche heute eine Tiefe von weniger als 200 Metern aufweisen, trocken, sodass Neuguinea und Australien eine zusammenhängende Landmasse bildeten. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Tier- und Pflanzenwelt Neuguineas viele Gemeinsamkeiten mit derjenigen Australiens aufweist. Erwähnenswert ist nicht zuletzt, dass unter den landlebenden Säugetieren (Klasse Mammalia) nicht die «Plazentasäugetiere» oder Höheren Säugetiere (Unterklasse Eutheria) die Hauptrolle spielen, sondern wie in Australien die Beutelsäugetiere (Unterklasse Methatheria), ein Seitenzweig des Säugetierstamms, der frühzeitig einen eigenen Entwicklungsweg eingeschlagen hatte.

 

Beutelsäuger haben amerikanische Wurzeln

Die Beutelsäuger sind in ihrer Verbreitung keineswegs auf Australien und Neuguinea beschränkt, wie wir das im Allgemeinen annehmen. Auch in der Neuen Welt, insbesondere in Südamerika, gibt es viele Beutelsäugetiere, darunter die Oppossums (Gattung Didelphis) aus der Familie der Beutelratten (Didelphidae). Ja, man geht sogar davon aus, dass sich die Beutelsäuger einst nicht in Australien, sondern in der Neuen Welt herausgebildet hatten und erst später - zu einer Zeit, als Südamerika über die Antarktis mit Australien zusammenhing - nach Australien und Neuguinea einwanderten.

Ebenso unzutreffend ist die vorherrschende Meinung, dass die Beutelsäuger die einzigen «eingeborenen» Landsäugetiere Australiens und Neuguineas sind. Vor allem Neuguinea weist eine reiche einheimische Nagetierfauna auf, und sowohl in Australien wie auf Neuguinea kommen von alters her ein paar Vertreter der kuriosen Eierlegenden Säugetiere (Unterklasse Prototheria) vor. Richtig am Begriff «Beuteltierkontinent» ist einzig, dass die in Australien und auf Neuguinea heimischen Beutelsäugetiere hinsichtlich ihrer Artenvielfalt die Plazentasäugetiere und die Eierlegenden Säugetiere bei weitem übertreffen.

Von den vielgestaltigen Beutelsäugetieren sind die Kängurus bei uns zweifellos am bekanntesten. Aus mehr als fünfzig Arten setzt sich die Familie der Kängurus (Macropodidae) zusammen, wobei die kleinsten eine Kopfrumpflänge von 23 Zentimetern, die grössten eine solche von 160 Zentimetern aufweisen. Die typischen Kängurus, welche in der über vierzig Arten umfassenden Unterfamilie der Eigentlichen Kängurus (Macropodinae) zusammengefasst werden, sind grossenteils bodenbewohnende Zweibeiner wie wir Menschen: Sie haben eine aufrechte Körperhaltung und zwar schmächtige Vordergliedmassen, jedoch grosse, muskulöse Hintergliedmassen, auf denen sie federnde, erstaunlich weite Sprünge zu machen vermögen. Ihr Körperbau scheint sich für das Leben auf Bäumen kaum zu eignen. Und dennoch gibt es - erstaunlicherweise - neun Arten baumlebender Kängurus, welche in der Gattung der Baumkängurus (Dendrolagus) zusammengefasst werden. Sieben von ihnen kommen nur auf Neuguinea, eines nur in den tropischen Regenwäldern Nordostaustraliens und eines sowohl auf Neuguinea als auch in Nordostaustralien vor.

Vier ausschliesslich auf Neuguinea heimische Baumkängurus sind das Matschie-Baumkänguru (Dendrolagus matschiei), das Graue Baumkänguru (Dendrolagus inustus), das Goodfellow-Baumkänguru (Dendrolagus goodfellowi) und das Doria-Baumkänguru (Dendrolagus dorianus). Von ihnen soll hier berichtet werden.

 

Das Matschie-Baumkänguru

Mit einer Kopfrumpflänge von 52 bis 56 Zentimetern ist das Matschie-Baumkänguru das kleinste unter den vier genannten Arten. Während bei fast allen übrigen Kängurus - so auch bei den anderen Baumkängurus - die Männchen grösser sind als die Weibchen, sind die weiblichen Matschie-Kängurus im Durchschnitt eine Spur grösser als die Männchen.

Das Matschie-Baumkänguru kommt einzig auf der an Papua-Neuguineas Nordostküste gelegenen Huon-Halbinsel und auf der benachbarten Insel Umboi vor. Es bewohnt Bergwälder in Höhenlagen zwischen 1000 und 3300 Metern ü.M. und ernährt sich vor allem von Knospen, Blättern, Blüten, Wurzeln und anderen pflanzlichen Stoffen. Interessanterweise nimmt es aber auch tierliche Stoffe zu sich, was für Kängurus recht ungewöhnlich ist. In Menschenobhut wurden Kücken jedenfalls gern und vollständig verspeist.

Ein frei lebendes, mit einem Senderhalsband versehenes Matschie-Baumkänguru bewegte sich in einem recht kleinen Wohngebiet von nur 0,25 Hektaren umher. Es verbrachte die meiste Zeit auf Bäumen, hielt sich aber täglich auch längere Zeit auf dem Waldboden auf. Tatsächlich sind die Baumkängurus keineswegs strikte Baumbewohner. In erster Linie dienen ihnen Bäume als Ruhe- und Schlafplätze sowie als Zufluchtsort bei Gefahr. Zwar nehmen sie auf Bäumen durchaus auch Nahrung zu sich, doch bewegen sie sich bei der Nahrungssuche lieber am Boden umher. Das hat zweifellos mit ihrer eher bescheidenen Kletterfähigkeit zu tun. Im Geäst «kraxeln» die Baumkängurus nämlich recht bedächtig und scheinbar «linkisch» umher: Stets halten sie sich mit den Krallen von mindestens drei Gliedmassen an Ästen fest und setzen erst noch den Schwanz als «Stützpunkt» ein. Baumstämme klettern sie sehr vorsichtig rückwärts hinunter, bis sie sich ein paar Meter über dem Boden befinden, und springen schliesslich mit einem gezielten Satz zu Boden.

Der grosse britische Naturforscher Alfred Russel Wallace hatte 1869 in seinem Werk «Der Malaiische Archipel» festgehalten: «Diese Tiere unterscheiden sich in ihrer Gestalt nicht wesentlich von Bodenkänguruhs und scheinen kaum genügend an ein Baum- und Kletterleben angepasst zu sein, da sie sich recht langsam bewegen und nicht besonders fest auf den Ästen stehen.» Und Bernhard Grzimek schrieb 1973 in seiner Enzyklopädie treffend: «Die Ordnung der Beuteltiere ist nicht gerade arm an seltsamen und ungewöhnlichen Gestalten. Aber zu den merkwürdigsten - man möchte fast sagen widersinnigsten - Typen gehören doch die Baumkänguruhs. Diese Tiere wirken wie eine Fehlkonstruktion.»

Offensichtlich war der Auslesedruck, der gewöhnlich zu einer bewundernswerten Anpassung einer Tierart an die von ihr besetzte ökologische Nische führt, bei den Baumkängurus sehr gering. In der Tat haben die Baumkängurus auf Neuguinea keine Feinde, die sie kletternd und springend im Geäst verfolgen; ihre Nahrungswettstreiter sind allesamt kleiner und schwächer als sie; und die Blätter und Früchte der Bäume wachsen ihnen sozusagen in den Mund. Eine bessere Kletterfähigkeit brächte ihnen also keinen Vorteil bei der Nutzung der Baumetage als Nahrungs- und Rückzugsraum, sondern wäre purer Luxus, und einen solchen leistet sich in der Regel keine Wildtierart.

Das Fortpflanzungsgeschehen scheint beim Matschie-Baumkänguru nicht an eine bestimmte Jahreszeit gebunden zu sein. Wie bei allen Beutelsäugetieren wächst das in der Regel einzelne Junge nur sehr kurze Zeit innerhalb des Körpers seiner Mutter heran und kommt hernach gewissermassen als winziger, zumeist weniger als ein Gramm schwerer Embryo zur Welt. Mehrere Stunden lang müht sich der Winzling nach seiner Geburt durch das Bauchfell der Mutter, bis er schliesslich eine Zitze in der mütterlichen Bauchtasche gefunden hat. An dieser bleibt er während der kommenden Entwicklungszeit befestigt, denn nachdem er die Zitze in seinen Mund genommen hat, schwillt diese schnullerförmig an und hält ihn fest. Erst wenn der junge Beutelsäuger ungefähr den Entwicklungsstand eines neugeborenen Plazentasäugers erreicht hat, löst sich diese Verbindung wieder.

Die Tragzeit dauert beim Matschie-Baumkänguru um 44 Tage. Das Junge bleibt im Anschluss an seine «Frühgeburt» rund fünf Monate lang versteckt im mütterlichen Beutel. Danach streckt es zeitweilig seinen Kopf hervor, um seine Umgebung zu mustern. Im Alter von etwa sieben Monaten verlässt es erstmals seinen sicheren und warmen Unterschlupf am Bauch der Mutter, flüchtet sich aber jeweils sofort dorthin zurück, wenn es sich in Gefahr wähnt. Erst im Alter von ungefähr zehn Monaten wird es selbstständig, worauf seine Mutter alsbald wieder trächtig wird. In Menschenobhut beträgt die Lebenserwartung der Matschie-Baumkängurus bis vierzehn Jahre.

 

Das Graue Baumkänguru

Das Graue Baumkänguru ist das grösste unter den acht Baumkängurus Neuguineas. Die Männchen können eine Kopfrumpflänge von 75 bis 80 Zentimetern und ein Gewicht von über 17 Kilogramm erreichen, während die Weibchen 63 bis 73 Zentimeter lang und durchschnittlich 11 Kilogramm schwer werden.

Heimisch ist das Graue Baumkänguru in den nördlichen Bereichen Neuguineas, von der ganz im Westen Irian Jayas gelegenen Vogelkop-Region ostwärts bis fast zur Sepik-Mündung im Norden Papua-Neuguineas. Es bewohnt hauptsächlich tiefere Lagen, wurde aber auch schon in 1400 Metern ü.M. angetroffen, und ernährt sich von einer vielfältigen pflanzlichen Kost.

Auch beim Grauen Baumkänguru scheint das Fortpflanzungsgeschehen nicht saisonal gebunden zu sein, denn Jungtiere konnten schon zu allen Jahreszeiten beobachtet werden. Die wenigen vorliegenden Beobachtungen von Grauen Baumkängurus in der freien Wildbahn lassen schliessen, dass die Tiere ein einzelgängerisches Leben führen.

 

Das Goodfellow-Baumkänguru

Das Goodfellow-Baumkängurus wiegt als erwachsenes Tier um 8 Kilogramm und weist eine Kopfrumpflänge von ungefähr 60 Zentimetern und eine Schwanzlänge von etwa 70 Zentimetern auf. Es bewohnt im Allgemeinen Bergwälder zwischen 1200 und 3000 Metern ü.M., in welchen Eichen eine dominante Rolle spielen. Seine Verbreitung erstreckt sich über die nördlichen und südlichen Hänge der zentralen Gebirgskette Papua-Neuguineas, umfasst aber auch die Foja-Berge im Nordosten Irian Jayas.

Die Nahrung des Goodfellow-Baumkängurus scheint derjenigen des Matschie-Baumkängurus sehr ähnlich zu sein. Wie jenes verzehrt es in Menschenobhut nicht nur pflanzliche Stoffe, sondern auch Kücken. Gemäss den Berichten lokaler Jäger trifft man es in seiner Bergheimat gewöhnlich paarweise an.

 

Das Doria-Baumkänguru

Männliche Doria-Baumkängurus können ein Gewicht von bis über 15 Kilogramm und eine Kopfrumpflänge von bis zu 70 Zentimetern erreichen. Die Weibchen sind etwas kleiner und leichter.

Das Doria-Baumkänguru hat eine recht weite Verbreitung: Es kommt in Höhen zwischen 600 und 3300 Metern ü.M. entlang der gesamten zentralen Gebirgskette Neuguineas vor. Über seine Ernährung wissen wir so gut wie nichts. Gemäss den Berichten lokaler Jäger ist es grundsätzlich tagsüber rege, geht jedoch dort, wo es intensiv bejagt wird, zu einer nächtlichen Lebensweise über. Verschiedene Hinweise lassen darauf schliessen, dass dies auch für die restlichen Baumkängurus gilt.

Von den anderen drei vorgestellten Baumkängurus unterscheidet sich das Doria-Baumkänguru dadurch, dass es ein geselliges Leben führt. Typischerweise findet man es in Trupps, die sich aus mehreren Weibchen mit Jungen und einem erwachsenen Männchen zusammensetzen.

 

Eine leider leichte Beute

Für den menschlichen Jäger sind die bedächtig kletternden Baumkängurus in aller Regel eine leichte Beute. Ihre stattliche Körpergrösse macht sie im Übrigen zu einem begehrten Wild. Tatsächlich wird ihnen praktisch überall auf Neuguinea intensiv mit Hunden, Speeren, Schlingen, Pfeil und Bogen sowie Gewehren nachgestellt. Zwar können Baumkängurus wie alle Wildtiere ein gewisses Mass an menschbedingten Ausfällen verkraften, das heisst via ihre natürliche Nachzuchtrate wettmachen. Da letztere aber recht gering ist, kann schon ein mittelmässiger Jagddruck zu einem Schwund ihrer Bestände führen, und ein starker Jagddruck lässt diese schnell zusammenbrechen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Lebensraum der Baumkängurus in der jüngeren Vergangenheit massiv vermindert worden ist. Dies hauptsächlich zur Gewinnung von Edelhölzern und von Land für Plantagen aller Art.

Das Matschie-Baumkänguru und das Goodfellow-Baumkänguru werden heute von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «bedroht», das Doria-Baumkänguru als «verwundbar» eingestuft. Um den Gefährdungsgrad des Grauen Baumkängurus fundiert einzuschätzen, liegen zu wenige Informationen vor. Inoffiziell gilt es aber ebenfalls als «bedroht». Leider ist die Wachstumsrate der menschlichen Bevölkerung Papua-Neuguineas noch immer hoch: Sie betrug während der vergangenen zwanzig Jahre durchschnittlich 2,5 Prozent im Jahr. Dies hat zur Folge, dass sowohl der Jagddruck auf die Wildtiere als auch der Schwund der natürlichen Lebensräume an Intensität ständig zunehmen. Die Zukunft der Baumkängurus Neuguineas schaut darum düster aus.

 

 

Legenden

Mit einer Kopfrumpflänge von 52 bis 56 Zentimetern ist das Matschie-Baumkänguru (Dendrolagus matschiei) ein ziemlich kleines Mitglied seiner Sippe. Es kommt einzig in den Bergwäldern der Huon-Halbinsel an Papua-Neuguineas Nordostküste und der benachbarten Insel Umboi vor.

Wie alle Baumkängurus Neuguineas nimmt das Matschie-Baumkänguru diverse pflanzliche Stoffe zu sich, darunter Knospen, Blätter, Blüten und Wurzeln. Interessanterweise verzehrt es ferner tierliche Stoffe, was für Kängurus recht ungewöhnlich ist. In Menschenobhut wurden beispielsweise Kücken gern und vollständig verspeist.

Das Graue Baumkänguru (Dendrolagus inustus) ist das grösste unter den Baumkängurus Neuguineas. Die Kopfrumpflänge beträgt bei den Männchen 75 bis 80 Zentimeter, bei den Weibchen 63 bis 73 Zentimeter. Die Tiere bewohnen hauptsächlich die tieferen Lagen im Norden Neuguineas und scheinen ein einzelgängerisches Leben zu führen.

Das Goodfellow-Baumkänguru (Dendrolagus goodfellowi) wiegt als erwachsenes Tier um 8 Kilogramm und weist eine Kopfrumpflänge von ungefähr 60 Zentimetern und eine Schwanzlänge von etwa 70 Zentimetern auf. Es bewohnt hauptsächlich von Eichen geprägte Bergwälder im Bereich der zentralen Gebirgskette Papua-Neuguineas und streift dort - gemäss den Berichten lokaler Jäger - gewöhnlich paarweise umher.

Männliche Doria-Baumkängurus (Dendrolagus dorianus) können ein Gewicht von bis über 15 Kilogramm und eine Kopfrumpflänge von bis zu 70 Zentimetern erreichen. Die Weibchen sind etwas kleiner und leichter. Wie seine Vettern scheint das Doria-Baumkänguru grundsätzlich tagsüber rege zu sein, jedoch dort, wo es intensiv bejagt wird, zu einer nächtlichen Lebensweise überzugehen. Das Bild zeigt ein halbwüchsiges Jungtier.




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