Blainville-Schnabelwal

Mesoplodon densirostris


© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Ordnung der Waltiere (Cetacea), die sich aus ungefähr neunzig Arten zusammensetzt, wird im Allgemeinen in ein Dutzend Familien gegliedert. Die grösste ist die der Delfine (Delphinidae). Sie umfasst rund dreissig Arten, darunter so bekannte wie der Eigentliche Delfin (Delphinus delphis), der Grosse Tümmler (Tursiops truncatus) und der Schwertwal (Orcinus orca). Die zweitgrösste Familie ist mit ungefähr zwanzig Arten die Familie der Schnabelwale (Ziphiidae), von denen die meisten so gut wie unbekannt sind, weil wir sie einzig aufgrund von ein paar gestrandeten Einzeltieren kennen.

Ein Schnabelwal, der etwas öfter beobachtet wird als die Mehrzahl seiner Vettern, dessen Lebensweise uns aber ebenfalls weitgehend verborgen bleibt, ist der Blainville-Schnabelwal (Mesoplodon densirostris). Von ihm soll hier berichtet werden.

 

Ein Wal mit Pompons

Der Blainville-Schnabelwal ist nach dem französischen Zoologen Henri de Blainville benannt, der die Art 1817 anhand eines Kieferfunds erstmals wissenschaftlich beschrieben hatte. Er gehört zu den kleineren Mitgliedern der Schnabelwalfamilie, denn er erreicht maximal eine Länge von 4,6 bis 4,7 Metern, während das grösste Familienmitglied, der Baird-Schnabelwal (Berardius bairdii), über zwölf Meter lang werden kann. Wie bei den meisten Schnabelwalarten sind die Männchen durchschnittlich etwas kleiner als die Weibchen; sie erreichen eine Länge von höchstens 4,4 Metern und wiegen maximal etwa 800 Kilogramm, während die Weibchen bis zu einer Tonne auf die Waage bringen können. Neugeborene Blainville-Schnabelwale weisen eine Länge von knapp zwei Metern auf und wiegen um sechzig Kilogramm.

Hinsichtlich der äusseren Erscheinung der Blainville-Schnabelwale ist bemerkenswert, dass vor allem die männlichen, aber auch die weiblichen Tiere helle, linienförmige Narben im vorderen Körperbereich aufweisen, deren Zahl mit dem Alter zunimmt. Bei beiden Geschlechtern finden sich zudem kreisrunde Narben, welche als helle Flecken in Erscheinung treten.

Bemerkenswert ist ferner die Kopfform, besonders diejenige der Männchen. Wie bei anderen Mitgliedern der Schnabelwalfamilie - und wie der Familienname andeutet - ist der Kopf der Blainville-Schnabelwale zu einer ziemlich langen, schnabelartigen Schnauze verlängert. Hinzu kommt aber, dass sich der Unterkiefer in der kopfnäheren Hälfte stark nach oben wölbt und am obersten Punkt der Wölbung beidseits je einen Zahn trägt. Dieses Zahnpaar ist bei beiden Geschlechtern vorhanden und stellt das gesamte Gebiss dar. Bei den Männchen sind die beiden Zähne recht gross und ragen bei geschlossenem Mund wie ein Paar Hauer oder Hörner seitlich - beidseits der Stirn - aus dem Mund hervor. Oft werden ihre Spitzen von Entenmuscheln - das sind festsitzende, gestielte Krebstiere aus der Klasse der Rankenfüsser (Cirripedia) - besiedelt, so dass es aussieht, als trügen sie quastenartige Pompons. Bei den Weibchen sind die beiden Zähne klein und brechen nicht durch das Zahnfleisch durch, sind aber immerhin als Schwellungen beidseits der Stirn gut zu erkennen. Wie die meisten Zahnwale verfügt der Blainville-Schnabelwal im Übrigen auf dem Scheitel über eine «Melone». So wird jenes Polster aus Fett und Bindegewebe im Stirnbereich der Zahnwale genannt, das vermutlich als eine «akustische Linse» im Dienst der Unterwasser-Schallpeilung steht. Beim Blainville-Schnabelwal ist die Melone allerdings klein, weshalb die Stirn «fliehend» ist und nicht vorgewölbt, rundlich, wie dies besonders bei den Zahnwalen aus der Familie der Delfine zumeist der Fall ist.

Die eigenwillige Kopfform des Blainville-Schnabelwals hat zur Folge, dass er im Gegensatz zu den meisten anderen Mitgliedern seiner Familie auf hoher See verhältnismässig einfach identifiziert werden kann. Dies dürfte die Erklärung dafür sein, dass es beträchtlich mehr Sichtungen von Blainville-Schnabelwalen gibt als von anderen Schnabelwalen. Zwar könnte er auch tatsächlich häufiger sein als seine Vettern, doch ist dies nach Ansicht der Fachleute eher unwahrscheinlich.

So oder so ist der Blainville-Schnabelwal ein sehr weit verbreitetes Tier. Wie der Grossteil der Schnabelwalarten kommt er schwergewichtig in tropischen, subtropischen und warmen gemässigten Gewässern rund um den Globus herum vor. Er wurde aber auch schon in recht hohen Breiten gesichtet, auf der Nordhalbkugel beispielsweise bei Neuschottland (Kanada), Island, den Britischen Inseln und Japan, auf der Südhalbkugel bei Südafrika, Zentralchile, Tasmanien und Neuseeland. Am häufigsten wird er im Bereich von drei Inselgruppen verzeichnet: den Hawaii-Inseln im Nordpazifik knapp südlich des Nördlichen Wendekreises, den zu Französisch-Polynesien gehörenden Gesellschaftsinseln im Südpazifik und den Bahamas im nördlichen Bereich der Westindischen Inseln, welche die vorliegenden Briefmarken verausgabt haben.

Langzeitstudien, welche in jüngerer Zeit im Bereich der Bahamas, der Hawaii-Inseln und auch der vor Afrikas Westküste im Atlantik gelegenen Kanarischen Inseln durchgeführt wurden, haben immerhin ein paar der vielen Wissenslücken hinsichtlich der Lebensweise der Blainville-Schnabelwale zu füllen vermocht. Bei diesen Studien wurde die Tatsache genutzt, dass die Blainville-Schnabelwale anhand ihrer Narbenmuster individuell erkennbar sind. Es zeigte sich, dass dieselben Tiere das ganze Jahr über beobachtet werden konnten. Dies deutet darauf hin, dass sie - zumindest in den genannten Gewässern - weder jahreszeitliche Wanderungen unternehmen noch nomadisch umherziehen, sondern einigermassen sesshaft sind. Sie wurden im Übrigen gewöhnlich in kleinen Trupps von drei bis sieben Individuen angetroffen, welche ein erwachsenes Männchen, ein bis drei Weibchen und ein bis drei Jungtiere umfassten. Sie scheinen also in Haremsgruppen zu leben.

Es ist anzunehmen, dass - wie bei anderen Tierarten, deren Gesellschaftsstruktur auf Haremsgruppen beruht - zwischen den erwachsenen Männchen ein erheblicher Wettstreit um den «Besitz» von Weibchen besteht und dass es zu Kämpfen zwischen den rivalisierenden Männchen kommt. Darauf deuten jedenfalls die Tatsachen hin, dass nur die Männchen über «Hörner» in Form zweier Zähne verfügen und dass sie im Allgemeinen mehr Narben aufweisen. Hinzu kommt, dass der schnabelartige Schädelfortsatz («Rostrum») bei den männlichen Blainville-Schnabelwalen überaus dicht und stark ist (hierauf bezieht sich der Artname «densirostris»). Er könnte vor Schädelverletzungen schützen, wenn die Rivalen gegeneinander kämpfen. Die ganze Einrichtung - mit einem Paar «Hörner» und einer kräftigen Knochenplatte dazwischen - erinnert an die Schafe, Ziegen und Rinder aus der Familie der Hornträger (Bovidae), bei denen die Männchen einander regelmässig mit ihren Köpfen bzw. Stirnwaffen rammen.

 

Plätzchen stechen

Nicht alle Narben, welche die Blainville-Schnabelwale aufweisen, wurden ihnen jedoch von Artgenossen beigebracht. Es sind manchmal auch die Spuren von Begegnungen mit grossen Haien, mit Schwertwalen oder mit Schiffsschrauben zu sehen. Vor allem aber sind bei praktisch allen Individuen die erwähnten kreisförmigen Narben zu beobachten. Diese sind auf die Angriffe von Zigarrenhaien zurückzuführen, von welchen es zwei Arten gibt, nämlich den Eigentlichen Zigarrenhai (Isistius brasiliensis) und den Grosszahn-Zigarrenhai (Isistius plutodus). Beide haben eine zigarrenförmige Gestalt und weisen eine Länge von etwa fünfzig Zentimetern auf.

Bemerkenswert ist das asymmetrische Gebiss der Zigarrenhaie, bei welchem die Zähne des Oberkiefers klein, nadelartig und nach innen gebogen, die des Unterkiefers hingegen gross, dreieckig, scharfkantig und schräg nach vorn gerichtet sind. Tatsächlich ernähren sich die Zigarrenhaie auf eine höchst ungewöhnlich Weise: Sie schwimmen zielstrebig auf ein grösseres Meereslebewesen - einen Wal, einen grossen Knochenfisch, einen Riesenhai oder eine Robbe - zu, haken sich mit den Oberkieferzähnen an dessen Haut ein und saugen sich gleichzeitig mit ihren vorstülpbaren Lippen fest. Dann drehen sie sich um ihre eigene Längsachse. Dabei schneiden sie mit ihren Unterkieferzähnen ein kegelförmiges Stück Haut und Fleisch aus dem Opfer heraus, schwimmen mit diesem Bissen gleich wieder davon - und lassen eine kreisförmige, kraterartige Wunde zurück. Im englischen Sprachraum heissen die Zigarrenhaie wegen der Form ihrer Beutestücke «cookiecutter sharks», also «Küchleinschneider-Haie» oder «Plätzchenstecher-Haie».

Im Gegensatz zu den Zigarrenhaien setzen die Blainville-Schnabelwale ihre Zähne beim Nahrungserwerb nicht ein. Die Weibchen und die jugendlichen Individuen haben ja ohnehin keine funktionstüchtigen. Ein paar wenige Beobachtungen von Blainville-Schnabelwalen, welche Nahrung zu sich nahmen, sowie körperbauliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass sie ihre Beutetiere durch Einsaugen fangen. Sie haben eine grosse, sehr bewegliche Zunge und ein robustes Zungenbein, welches über kräftige Muskeln mit Schädelknochen in der Ohrregion verbunden ist. Zieht der Blainville-Schnabelwal diese Muskeln zusammen, bewegt sich die Zunge rasant nach hinten in den Rachen. Gleichzeitig dehnt sich die Kehle aus, was sie dank zwei tiefen Längsfurchen in erheblichem Mass vermag. So erzeugt der Wal einen plötzlichen, starken Druckabfall in der Mundhöhle bzw. einen starken Sog durch seine Mundöffnung, dem kein Beutetier in der Nähe widerstehen kann. Untersuchungen des Mageninhalts zeigen, dass sich der Blainville-Schnabelwal hauptsächlich von kleineren, gewöhnlich weniger als 500 Gramm wiegenden Tintenfischen und Fischen ernährt.

Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern der Schnabelwalfamilie, welche in der Regel einzig auf hoher See anzutreffen sind, kann der Blainville-Schnabelwal im Bereich ozeanischer Inseln des Öfteren in Küstennähe gesichtet werden. Früher vermutete man darum, dass er in geringerer Tiefe auf Beutefang geht als seine Vettern. Jüngere Studien, welche bei Hawaii und bei den Kanarischen Inseln durchgeführt wurden, haben jedoch ergeben, dass diese Einschätzung nicht stimmt. Im Rahmen dieser Studien wurden einzelne Blainville-Schnabelwale mit Tiefenmessgeräten und Sendern bestückt. Die Auswertung der Signale ergab, dass die Tiere bei der Nahrungssuche im Durchschnitt rund 850 Meter, maximal sogar etwa 1250 Meter tief tauchten. Die Tauchgänge dauerten im Durchschnitt ungefähr 45 Minuten, im Höchstfall fast eine Stunde. Dies sind bemerkenswerte Leistungen für ein Luft atmendes Säugetier.

 

Das Meer wird immer lauter

Wie für alle Schnabelwalarten gibt es auch für den Blainville-Schnabelwal keine Bestandsschätzungen. Er wird aber im Allgemeinen als weit verbreitet, nicht besonders selten und nicht unmittelbar in seinem Fortbestand gefährdet eingestuft. Letzteres vor allem darum, weil er zwar in geringer Zahl von philippinischen und taiwanesischen Kleinwalfängern erbeutet wird, jedoch nicht das Objekt gezielten Fangs durch spezialisierte Betriebe ist. Ferner scheint die Zahl der Blainville-Schnabelwale, welche beim Fang anderer Meereslebewesen als unerwünschter Beifang ihr Leben verlieren, gering zu sein.

Den Blainville-Schnabelwalen drohen jedoch andere, zwar weniger augenfällige, aber umso heimtückischere Gefahren. Zu nennen sind vor allem die Auswirkungen von Sonargeräten - das sind Geräte zum Orten von Objekten unter Wasser mittels Schallwellen. Solche werden einerseits von allen modernen Schiffen permanent zur Meerestiefenmessung verwendet, andererseits - in besonders leistungsfähiger Ausführung - von der NATO, der US-Marine wie auch den Marineeinheiten anderer Nationen zum Orten von Unterseebooten über weite Distanzen eingesetzt. Letztere senden Schallimpulse aus, welche einen Ausgangsdruckpegel von bis über 200 Dezibel haben, teils noch in einer Entfernung von 500 Kilometern einen Druckpegel von 140 Dezibel aufweisen und sich mess- und hörbar über Tausende von Kilometern ausbreiten. Aus Untersuchungen an Knochenfischen wissen wir, dass Druckpegel ab 140 Dezibel Schäden hervorrufen können, welche von tagelangem Gehörverlust bis hin zu irreparablen Verletzungen am Innenohr reichen können. Beim Menschen liegt die akustische Schmerzschwelle bei 130 Dezibel.

Man darf daraus schliessen, dass die explosionsartigen Unterwasser-Schallimpulse, die zu militärischen Zwecken eingesetzt werden, für viele Meereslebewesen, so auch für die Schnabelwale, katastrophal sind. Bezeichnenderweise kam es nach NATO-Manövern in den Jahren 2002 und 2004 im Bereich der Kanarischen Inseln wiederholt zu Massenstrandungen von Walen, darunter auch Blainville-Schnabelwalen. Die Untersuchung der betroffenen Tiere zeigte, dass sie Gehör- und Hirnschäden aufwiesen, wie sie auch als Folge der so genannten «Dekompressionserkrankung» bei menschlichen Tauchern auftreten, wenn diese aus grösserer Tiefe zu rasch an die Oberfläche zurückkehren, so dass ihr im Blut gelöster Stickstoff plötzlich in den gasförmigen Zustand übergeht und aufschäumt, wie dies beim Öffnen einer Sprudelflasche der Fall ist. Offenbar hatten die militärischen Sonarimpulse panische, lebensgefährliche Schreckreaktionen der Tiere ausgelöst. Wie gross die durch Sonargeräte hervorgerufene Sterblichkeit unter den Blainville-Schnabelwalen insgesamt ist, wissen wir nicht. Fachleute schätzen sie aber als beträchtlich ein.

Erfreulicherweise sind Bestrebungen von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen im Gang, eine Verminderung des marinen Unterwasserlärms im Allgemeinen und ein Verbot des Einsatzes wal- und fischschädlicher militärischer Hochleistungssonarsysteme im Speziellen herbeizuführen. Technologisch sollte das Problem zu lösen sein. Noch aber fehlt es am politischen und vor allem militärischen Willen auf internationaler Ebene.

 

 

 

 

Legenden

Der Blainville-Schnabelwal (Mesoplodon densirostris) gehört zu den kleineren der rund zwanzig Mitglieder der Schnabelwalfamilie (Ziphiidae). Die Männchen werden bis 4,4 Meter lang und 800 Kilogramm schwer, die Weibchen erreichen bis 4,7 Meter und 1000 Kilogramm. Die Brustflossen wie auch die Rückenflosse und die Schwanzflosse sind im Verhältnis zum Körper überraschend klein.

Kennzeichnend für den Blainville-Schnabelwal ist der in der kopfnäheren Hälfte stark noch oben gewölbte Unterkiefer. Bei den Männchen (Bild) ist beidseits der Stirn am obersten Punkt der Wölbung je ein Zahn vorhanden, welcher - wie hier - oftmals von Entenmuscheln besiedelt ist.

Typisch für den Blainville-Schnabelwal ist ferner, dass seine Haut helle linienförmige sowie helle fleckenartige Narben aufweist. Erstere sind bei den Männchen (Bild) besonders häufig und dürften die Spuren von Rivalenkämpfen sein; letztere stammen von unliebsamen Begegnungen mit Zigarrenhaien.

Die Blainville-Schnabelwale kommen schwergewichtig in den tropischen, subtropischen und warmen gemässigten Gewässern rund um den Globus herum vor. Gewöhnlich bewegen sie sich in Trupps von drei bis sieben Individuen umher, bei denen es sich um ein erwachsenes Männchen mit ein bis drei Weibchen und deren Jungen handelt.

Der Blainville-Schnabelwal taucht bei der Nahrungssuche im Durchschnitt rund 850 Meter tief und bleibt jeweils ungefähr 45 Minuten unter Wasser. Zur Beute fallen ihm hauptsächlich kleinere, weniger als 500 Gramm schwere Tintenfische und Fische.

Hochleistungs-Sonargeräte, welche beispielsweise von der NATO zum Orten von Unterseebooten eingesetzt werden und explosionsartige Schallimpulse aussenden, können für viele Meereslebewesen katastrophale Folgen haben. Beispielsweise kam es bei den Kanarischen Inseln, wo dieses Bild eines Blainville-Schnabelwaltrupps aufgenommen wurde, nach NATO-Manövern wiederholt zu Massenstrandungen von Walen, darunter auch Blainville-Schnabelwalen, welche Gehör- und Hirnschäden aufwiesen.




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