Blauschaf oder Bharal

Pseudois nayaur


© 2006 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Mit ihren spektakulären Felslandschaften einerseits und ihrem unwirtlichen Klima andererseits sind die Anden, die Rocky Mountains, die Alpen, der Himalaja und die anderen Hochgebirge unseres Planeten für uns Menschen anziehend wie abweisend zugleich. Wer immer im Bereich von Hochgebirgen ein Auskommen finden will - ob Mensch oder Tier - muss über eine grosse Zähigkeit, gute Geländegängigkeit und weitere besondere Eigenschaften und Fähigkeiten verfügen. Es überrascht darum nicht, dass gewissen Tiergruppen die Anpassung an das Leben im Hochgebirge besser gelungen ist als anderen. Unter den Paarhufern beispielsweise haben sich die Schaf- und Ziegenartigen als besonders erfolgreiche Hochgebirgssiedler erwiesen - wobei die Wildschafe gewöhnlich eher sanftes Gelände wie Hochplateaus, Hügelzonen und Muldentäler bewohnen, während die Wildziegen steiles, felsiges Terrain im Bereich von Steilhängen und Schluchten bevorzugen.

Das Blauschaf (Pseudois nayaur), auch Bharal genannt, gehört unverkennbar zu den Schaf- und Ziegenartigen. Interessanterweise schaut es zwar aus wie ein Wildschaf, doch verhält sich in vieler Hinsicht wie eine Wildziege. Unter anderem fühlt es sich in schroffem, felsigem Gelände wohler als in sanftem, hügeligem.

Ein Land, in welchem das Blauschaf reichlich günstigen Lebensraum vorfindet, ist das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken: Tadschikistan. Mit einer Landesfläche von 143 100 Quadratkilometern (Deutschland: 357 030 km2) ist es das kleinste Land Zentralasiens. Seine Nachbarländer sind Afghanistan im Süden, China im Osten, Kirgisistan im Norden und Usbekistan im Westen. Zwar liegt der südwestliche Zipfel des Landes ziemlich tief, teilweise bloss 300 Meter über dem Meersspiegel. Der Grossteil Tadschikistans ist jedoch gebirgig: Mehr als die Hälfte des Landes liegt mehr als 3000 Meter ü.M., und die Maximalhöhe beträgt beim Berg Qullai Ismoili Somonii (ehem. «Piz Kommunismus») 7495 Meter ü.M.

Das Gebirgsmassiv, welches den Osten Tadschikistans einnimmt, ist der Pamir. Er liegt am nordwestlichen Ende des Himalaja-Gebirgszugs, in einer Region, wo die zentralasiatischen Gebirgszüge Hindukush, Karakorum, Tienschan und Kunlun zusammentreffen. Alle genannten Gebirgszüge haben ebenso wie das Tibetische Hochland ihren Ursprung in einem der mächtigsten Ereignisse der Erdgeschichte, nämlich der Kollision des Indischen Subkontinents mit dem asiatischen Kontinent. Dieses Ereignis nahm seinen Anfang, als vor rund 120 Millionen Jahren der damalige, auf der südlichen Erdhalbkugel befindliche Grosskontinent Gondwanaland auseinanderbrach. Dabei löste sich das heutige Indien als Bruchstück vom Rest und begann als über 100 Kilometer dicke «Scholle» auf dem tiefer liegenden, glutflüssigen Magma nordostwärts zu treiben. Vor rund 40 Millionen Jahren traf die indische Scholle schliesslich auf den asiatischen Kontinent. Der langsame, aber unerbittliche Aufprall führte nach und nach zur Auffaltung des Himalajas und der anderen zentralasiatischen Gebirge und zur Anhebung des Tibets.

Die Ausformung der zentralasiatischen Gebirgszüge erfolgte ungefähr zur selben Zeit, als erstens die Säugetiere sich zu den dominanten Landlebewesen entwickelten und zweitens eine allmähliche Abkühlung des globalen Klimas stattfand, welche in den pleistozänen, erst vor 11 000 Jahren zu Ende gegangenen Eiszeiten gipfelte. Dass sich diese drei Phänomene gleichzeitig abspielten, ist kein Zufall. Ihre Verknüpfung sei hier kurz skizziert:

Die Kollision Indiens mit Asien verursachte eine starke Zunahme an hoch liegenden Gebieten. Grosse Teile derselben bestanden aus nacktem Fels nebst Eis und Schnee; sie trugen keine grüne Pflanzendecke. Solche Flächen reflektieren die wärmenden Sonnenstrahlen weit stärker ins All zurück als mit Vegetation überzogene und haben dadurch eine kühlende Wirkung auf das Weltklima. Sinken die globalen Temperaturen, wachsen wiederum die Flächen an, welche (zumindest im Winter) mit Schnee überzogen sind. Ausserdem bleibt überall die Schneedecke durchschnittlich länger liegen. Dadurch wird die Abkühlung weiter verstärkt. Die Summe dieser Vorgänge dürfte letztlich zu den Eiszeiten geführt haben. Die allmähliche Abkühlung der Erde in den vergangenen vierzig Millionen Jahren hat ihrerseits unter den landlebenden Tieren die Säuger und die Vögel gegenüber den Reptilien und Amphibien bevorteilt. Erstere können nämlich als so genannte «Warmblüter» die Betriebstemperatur ihres Körpers unabhängig von der Umgebungstemperatur konstant auf einer optimalen Höhe halten, während Letztere als wechselwarme Tiere umso weniger lebhaft sind, je kühler es ist.

 

Eine Ziege namens Blauschaf

Unter den landlebenden Grosssäugetieren ging als erfolgreichste Sippe die Familie der Hornträger (Bovidae) hervor. Mit heute 130 bis 140 Mitgliedern ist sie artenreicher als alle anderen heutigen Paarhuferfamilien zusammen. Die verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb der grossen und vielgestaltigen Hornträgerfamilie waren lange Zeit unklar. Heute wissen wir dank neuerer DNS-Analysen und anderer molekularbiologischer Untersuchungen, dass sie in zwei Unterfamilien zu gliedern ist: die Rinderartigen (Bovinae) und die Antilopenartigen (Antilopinae). Diese beiden Unterfamilien haben sich vor gut zwanzig Millionen Jahren voneinander getrennt und sind separate Entwicklungswege gegangen. Vor 12 bis 15 Millionen Jahren haben beide eine Blütezeit erlebt und sich in viele verschiedene Arten aufgefächert.

Wie die Unterfamilie der Antilopenartigen wird die Unterfamilie der Rinderartigen in eine ganze Reihe von Gattungsgruppen unterteilt. Eine davon ist die Gattungsgruppe der Schaf- und Ziegenartigen (Caprini), welche heute gut 30 Mitglieder umfasst. Sie hat ihren Verbreitungsschwerpunkt in der Himalaja-Region. Es ist deshalb anzunehmen, dass sie sich dort herausgebildet hat.

Gegliedert wird die Gattungsgruppe in: 1. die (nicht richtig benannte) Tibet-Antilope oder Tschiru (Pantholops hodgsonii); 2. die Schafe (Ovis spp.) und den Takin (Budorcas taxicolor); 3. die Gorals und den Serau (Naemorhedus spp.) sowie den Moschusochsen (Ovibos moschatus); 4. die Gemsen (Rupicapra spp.), die Schneeziege (Oreamnos americanus) und den Mähnenspringer (Ammotragus lervia); und 5. die Ziegen (Capra spp.) und die Tahrs (Hemitragus spp.). Interessanterweise nimmt das Blauschaf - seinem Aussehen und seinem deutschen Namen zum Trotz - gemäss den DNS-Analysen eine Mittelstellung zwischen den Ziegen und den Tahrs ein, gehört also nicht zu den Schafen. Viele Fachleute bevorzugen darum heute die Verwendung des Zweitnamens «Bharal» anstelle des irreführenden Namens «Blauschaf».

 

Oberhalb der Baumgrenze unterwegs

Erwachsene männliche Blauschafe weisen eine Schulterhöhe von bis zu 90 Zentimetern, eine Kopfrumpflänge von bis zu 160 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 75 Kilogramm auf. Die Weibchen sind ein Viertel bis ein Drittel kleiner. Das kurze, dichte Fell ist schiefergrau gefärbt und hat oft einen bläulichen Schimmer. Der Schwanz weist eine Länge von 10 bis 20 Zentimetern auf. Beide Geschlechter tragen Hörner. Die der Weibchen sind ziemlich gerade und kaum je länger als 20 Zentimeter. Die der Männchen hingegen sind in einem weiten Bogen zunächst nach aussen und dann - bei älteren Tieren - nach hinten geschwungen; sie können bis zu 80 Zentimeter lang werden.

Das Blauschaf ist ein echtes Hochgebirgstier, das bis in Höhen von 6500 Metern ü.M. hinaufsteigt. Im Sommer hält es sich kaum je unterhalb von 3500, im Winter selten unterhalb von 2500 Metern ü.M. auf. Im Tibet-Hochland und in den angrenzenden Gebirgszügen ist es weit verbreitet. Nachweislich kommt es in den Ländern Bhutan, China, Indien, Myanmar, Nepal, Pakistan und Tadschikistan vor und wahrscheinlich auch im Nordosten Afghanistans und in Teilen Kirgisistans.

Wie die meisten Schaf- und Ziegenartigen sind die Blauschafe gesellige Tiere, welche in Verbänden von gewöhnlich fünf bis zwanzig, in Ausnahmefällen bis zu achtzig Individuen umherstreifen. Es handelt sich entweder um Weibchen-Jungen-Gruppen oder um Junggesellentrupps, denn ausserhalb der Brunftzeit kommen die erwachsenen Weibchen und die erwachsenen Männchen kaum je zusammen. Ältere Männchen leben oft einzelgängerisch oder zu zweit.

Da die Blauschafe im Allgemeinen oberhalb der Baumgrenze leben, ernähren sie sich fast ausschliesslich von niedrigwüchsigen Pflanzen. Gräser machen den Hauptteil der Kost aus; daneben werden auch Krautpflanzen, Moose und Flechten verzehrt. Die Tiere sind tagsüber rege, wobei Fress- und Ruhephasen regelmässig abwechseln. Stets wird die Umgebung nach etwaigen Fressfeinden überwacht. Entdeckt ein Herdenmitglied etwas Verdächtiges, so äussert es einen charakteristischen, scharf klingenden Alarmruf, der wie «Tschit-tschit» tönt. Zwar weiden die Blauschafe gern an flachen Stellen, etwa auf Bergkuppen, doch halten sie sich stets in Reichweite von schroffen Felswänden auf, wohin sie sich bei der geringsten Gefahr sofort flüchten. Dort angelangt verharren sie alsbald regungslos. Ihr steingraues Kleid lässt dann ihre Gestalt mit der Felsumgebung verschmelzen und macht sie nahezu unsichtbar.

 

Lieblingsspeise des Schneeleoparden

Wölfe (Canis lupus), Leoparden (Panthera pardus), Rotfüchse (Vulpes vulpes) und Steppenadler (Aquila nipalensis) sind als natürliche Feinde des Blauschafs zu nennen. Rotfüchse und Steppenadler können allerdings gesunden erwachsenen Individuen nicht gefährlich werden, sondern vergreifen sich einzig an jungen, kranken oder verwundeten. Der hauptsächliche natürliche Feind des Blauschafs ist jedoch der Schneeleopard (Uncia uncia), der praktisch überall im Blauschafverbreitungsgebiet vorkommt (wenn auch heute meistenorts in stark ausgedünnten Beständen) und vorzugsweise Jagd auf Blauschafe macht. In jenen Gegenden, wo diese prächtige Grosskatze noch einigermassen gesunde Bestände aufweist, kann sie Hochrechnungen zufolge alljährlich bis zu einem Fünftel der Blauschafpopulation töten.

Wo keine weiteren Schadfaktoren den Blauschafen zusetzen, vermögen sie solche natürlichen Verluste gut zu verkraften, das heisst über ihre natürliche Nachzuchtrate wettzumachen. Die Weibchen paaren sich erstmals im Alter von anderthalb Jahren, werfen also erstmals mit rund zwei Jahren und bringen in der Folge jedes Jahr ein einzelnes Junges zur Welt. Die Brunft findet spät im Jahr statt, gewöhnlich in den Monaten November und Dezember. In dieser aufregenden Zeit kämpfen die Männchen gegeneinander um das Vorrecht zur Paarung mit den Weibchen. Sie tragen heftige Halsringkämpfe und Horngefechte aus. Dabei erheben sie sich oftmals wie die echten Wildziegen auf ihre Hinterbeine, um mit voller Kraft auf den Gegner einzuschlagen. In dieser Jahreszeit zeigen auch die Weibchen untereinander aggressives Verhalten: Sie jagen und beissen einander - ein Phänomen, das sonst bei den Schaf- und Ziegenartigen unüblich ist.

Die Tragzeit dauert rund 160 Tage. Die Jungen kommen also gewöhnlich in den Monaten Mai und Juni zur Welt. Sie werden rund sechs Monate lang gesäugt und schliesslich etwa dann entwöhnt, wenn die neuerliche Brunftzeit beginnt. Die jungen Weibchen verbleiben gewöhnlich in der Herde ihrer Mutter, während die jungen Männchen dieselbe verlassen, um mit ihresgleichen kleinere Trupps zu bilden. Obschon sie die Geschlechtsreife im selben Alter wie die jungen Weibchen erreichen, erhalten sie erst im Alter von etwa sieben Jahren die Gelegenheit, sich fortzupflanzen, denn erst dann verfügen sie über die Kraft und Erfahrung, um sich im Kampf gegen andere Männchen durchsetzen zu können. In Menschenobhut sind einzelne Blauschafe mehr als zwanzig Jahre alt geworden; in der freien Wildbahn dürften sie kaum je älter als zwölf bis fünfzehn Jahre werden.

 

Im Pamir-Nationalpark heimisch

Das Blauschaf ist noch immer weit verbreitet und kommt gebietsweise in grösseren Beständen vor. Darum gilt es derzeit nicht als in seinem Fortbestand gefährdet. In verschiedenen Bereichen seines Verbreitungsgebiets leidet es allerdings unter dem Nahrungswettstreit mit Nutztieren, insbesondere Schafen, Ziegen und Yaks. Ausserdem wird es häufig vom Menschen für den Verzehr bejagt. Die Tatsache, dass viele Bereiche seiner Hochgebirgsheimat sowohl für den Menschen als auch für dessen Nutztiere praktisch unzugänglich sind, vermittelt ihm jedoch einen guten Schutz.

In Tadschikistan kommt das Blauschaf im 1,6 Millionen Hektaren grossen, 1992 gegründeten Pamir-Nationalpark vor. Dieses Gebiet bietet auch Schneeleoparden, Riesenwildschafen oder Argalis (Ovis ammon), Tibet-Königshühnern (Tetraogallus tibetanus) und vielen weiteren zentralasiatischen Hochgebirgstieren eine sichere Heimat.

 

 

 

 

Legenden

Das Blauschaf (Pseudois nayaur), auch «Bharal» genannt, ist ein mittelgrosses Huftier: Erwachsene Männchen weisen eine Kopfrumpflänge von bis zu 160 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 75 Kilogramm auf. Die Weibchen sind ein Viertel bis ein Drittel kleiner. Beide Geschlechter tragen Hörner, doch sind die der Männchen mit einer Länge von bis zu 80 Zentimetern erheblich grösser als die der Weibchen.

Das Blauschaf ist ein zentralasiatisches Hochgebirgstier. Es ist im Tibet-Hochland, im Himalaja, im Pamir und in weiteren Gebirgszügen Zentralasiens heimisch. Seinem Namen zum Trotz ist es näher mit den Wildziegen als mit den Wildschafen verwandt und klettert entsprechend gern in schroffen Felswänden umher. Dort ist es mit seinem steingrauen Fell gut getarnt.

Blauschafe sind gesellige Tiere, welche in Verbänden von gewöhnlich 5 bis 20, in Ausnahmefällen bis zu 80 Individuen umherstreifen. Es handelt sich entweder um Junggesellentrupps (Bild) oder um Weibchen-Jungen-Gruppen, denn ausserhalb der Brunftzeit kommen die erwachsenen Männchen und die erwachsenen Weibchen kaum je zusammen.

Die weiblichen Blauschafe bringen gewöhnlich in den Monaten Mai und Juni - nach einer Tragzeit von ungefähr 160 Tagen - jeweils ein einzelnes Junges zur Welt. Dieses wird rund sechs Monate lang gesäugt. Die drei Jungtiere auf dem Bild sind erst eine knappe Woche alt.

In ihrer kargen Hochgebirgsheimat ernähren sich die Blauschafe fast ausschliesslich von niedrigwüchsigen Pflanzen, vor allem Gräsern, aber auch Kräutern, Moosen und Flechten. Sie sind tagsüber rege, wobei Ess- und Ruhephasen regelmässig abwechseln.




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