Blauwal

Balaenoptera musculus


© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Der Blauwal (Balaenoptera musculus) ist das grösste Mitglied der zur Klasse der Säugetiere (Mammalia) gehörenden Ordnung der Waltiere (Cetacea) - und damit das grösste Lebewesen, das auf unserem Planeten existiert. Er gehört zur Familie der Furchenwale (Balaenopteridae), einer von vier Familien in der Unterordnung der Bartenwale (Mysticeti).

Wie bei den meisten Bartenwalen sind die Weibchen durchschnittlich grösser als die Männchen. Das längste uns bekannte Weibchen wurde um 1920 in antarktischen Gewässern gefangen und wies eine Länge von 33,6 Metern auf. Den Gewichtsrekord hält ein anderes Weibchen, das etwa zur selben Zeit ebenfalls in der Antarktis erjagt worden war. Es wog 190 Tonnen. Im Durchschnitt weisen die männlichen Blauwale, welche in den Südpolargewässern leben, eine Länge von ungefähr 25 Metern und die Weibchen eine solche von 27 Metern auf. Die Tiere der nördlichen Hemisphäre sind durchschnittlich drei Meter kürzer.

Der Blauwal ist weltweit verbreitet. Meistenorts führen seine Bestände jahreszeitlich gebundene Wanderungen durch: Sie bewegen sich - auf der nördlichen wie auf der südlichen Erdhalbkugel - jeweils im Frühling in Richtung der Pole, gehen dann während der Sommermonate in den Polarmeeren dem Nahrungserwerb nach und bewegen sich anschliessend, im Herbst, wieder äquatorwärts, um sich während des Winters in wärmeren Gewässern zu paaren und ihre anfangs kälteempfindlichen Jungen zur Welt zu bringen. Zwar hält sich der Blauwal vorzugsweise auf hoher See auf, doch durchquert er anlässlich seiner jahreszeitlichen Wanderungen auch küstennahe Gewässer.

Die Nahrung des Blauwals besteht fast ausschliesslich aus schwarmbildenden, frei im Wasser schwebenden Krebstieren aus der Familie Euphausiidae, die man kollektiv als «Krill» bezeichnet. Um diese garnelenartigen Krebschen aus dem Wasser zu seihen, verfügt der grosse Meeressäuger über eine spezielle Einrichtung: die so genannten «Barten». Entlang beider Seiten des Oberkiefers hängen 300 bis 400 dieser biegsamen, an der Innenkante ausgefransten Hornplatten wie ein dichter Lamellenvorhang in den Mundraum hinab. Beim Nahrungserwerb nimmt der Blauwal jeweils einen kräftigen, oft über tausend Liter umfassenden «Schluck» krebstierreichen Meerwassers in seinen Rachen auf, wobei sich seine Kehle dank ihrer Furchung ballonartig weitet. Dann schliesst er den Mund und presst das überflüssige Wasser mit Hilfe seiner muskulösen Zunge durch den «Bartenvorhang» und zwischen den Lippen hindurch wieder aus. Die Krebstierchen bleiben dabei an den ausgefransten Innenrändern der Barten hängen und können anschliessend verschluckt werden.

Auf seinen «Fresswanderungen» taucht der Blauwal selten tiefer als hundert Meter, denn dichte Krillwolken findet er hauptsächlich in Oberflächennähe. Die einzelnen Tauchgänge dauern meistens nur drei bis zehn Minuten. Während der rund vier Monate, in denen sich der Blauwal dem Nahrungserwerb widmet, verzehrt er drei bis vier Tonnen Krill je Tag. Während der restlichen acht Monate des Jahrs nimmt er keine Nahrung zu sich, sondern zehrt von den angelagerten Fettvorräten.

Zur Fortpflanzung schreiten die jungen Blauwale erstmals im Alter von ungefähr zehn Jahren. Die Weibchen bringen danach alle zwei bis drei Jahre, nach einer Tragzeit von elf bis zwölf Monaten, normalerweise ein einzelnes Junges zur Welt. Bei der Geburt ist dieses ungefähr sieben Meter lang. Die Entwöhnung von der Muttermilch erfolgt im Alter von sieben bis acht Monaten.

Blauwale kommen in drei separaten Beständen erstens im Nordatlantik, zweitens im Nordpazifik und drittens im Süden des Atlantischen, Indischen und Pazifischen Ozeans vor. Zwar besuchen sowohl die Blauwale der nördlichen als auch diejenigen der südlichen Erdhalbkugel während des jeweiligen Winters warme Gewässer in Äquatornähe. Da sie sich aber zu verschiedenen Zeiten dort aufhalten, findet wahrscheinlich keine Vermischung statt.

Bevor in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Plünderung der Blauwalbestände durch den Menschen begann, dürfte die Gesamtpopulation 150 000 bis 200 000 Individuen umfasst haben. Der masslose Walfang, der bis in die 1960er Jahre anhielt, hat die Bestände zusammenbrechen lassen. Nach Einschätzung der Experten haben auf der südlichen Erdhalbkugel nur etwa 5000 bis 7000 erwachsene Blauwale überlebt.

Leider scheinen die Bestände seit 1966, als die Internationale Walfangkommission (IWC) ein vollständiges, weltweit geltendes Verbot des Fangs von Blauwalen erliess, nicht nennenswert angewachsen zu sein. Weshalb das so ist, wissen wir nicht. Möglicherweise hat der enorme Bestandsschwund zu einer Verlagerung der ökologischen Gegebenheiten in den polaren Gewässern, und zwar zu Ungunsten der Blauwale, geführt. Vielleicht auch lässt die geringe Dichte der heutigen Blauwalpopulation einen bestandserweiternden Nachzuchterfolg nicht mehr zu.




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