Bucharahirsch

Cervus elaphus bactrianus


© 2010 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Der Bucharahirsch oder Baktrische Hirsch (Cervus elaphus bactrianus) ist eine in Zentralasien heimische Unterart des sehr weit verbreiteten, auch bei uns heimischen Rothirschs (Cervus elaphus). Als Art ist der Rothirsch keineswegs gefährdet, denn in verschiedenen Bereichen seines Verbreitungsgebiets kommt er in gesunden Beständen vor. Einzelne regionale Bestände stehen jedoch stark unter Druck. Dies gilt auch für den Bucharahirsch.

Hinsichtlich seiner Grösse und seiner Gestalt ist der Bucharahirsch unserem westeuropäischen Rothirsch recht ähnlich. Die Schulterhöhe beträgt etwa 120 Zentimeter, die Kopfrumpflänge ungefähr 200 Zentimeter. Die Weibchen sind im Durchschnitt rund ein Viertel kleiner als die Männchen und mit einem Gewicht von 120 bis 170 Kilogramm - gegenüber 160 bis 220 Kilogramm bei den Männchen - entsprechend leichter. Wie bei den meisten der etwa 45 Mitglieder der Hirschfamilie (Cervidae) tragen nur die Männchen ein Geweih. Dieses weist im Allgemeinen höchstens fünf Enden an jeder Stange auf.

Das Verbreitungsgebiet des Bucharahirschs erstreckt sich grob gesagt über das Einzugsgebiet der beiden grossen zentralasiatischen Flüsse Amu-Darja und Syr-Darja, welche durch Tadschikistan und das nördliche Afghanistan sowie den Süden Usbekistans, Turkmenistans und Kasachstans fliessen und beide in den Aralsee münden. Da weite Bereiche dieser Region von Trockensteppen und Halbwüsten geprägt sind, ist das Vorkommen des Bucharahirschs zur Hauptsache auf die schmalen Vegetationsstreifen, die so genannten Tugai-Flächen, beschränkt, welche die Wüstenflüsse beidseits säumen und selten breiter als ein Kilometer sind.

Anlässlich seiner Streifzüge innerhalb dieser Flächen stellt sich der Bucharahirsch eine abwechslungsreiche vegetarische Kost zusammen, welche sich stark nach dem saisonalen und lokalen Nahrungsangebot richtet. Feldstudien haben gezeigt, dass er im Jahresverlauf Gräser, Kräuter, Blätter, Rinden, Knospen, Zweige und weitere Teile von über 120 Pflanzenarten zu sich nimmt. Die Grösse seines Streifgebiets beträgt im Allgemeinen 150 bis 200 Hektaren.

Ausserhalb der Paarungszeit lebt der Bucharahirsch zumeist in kleinen, getrenntgeschlechtlichen Trupps. Die grössten Trupps bilden sich im Winter, doch selbst dann sind meistens nur 3 bis 7, seltener 15 bis 20 Individuen beisammen. Die Männchen- wie auch die Weibchen-Jungen-Trupps spalten sich während der Paarungszeit im Herbst vorübergehend auf. Dann nämlich besetzen die kräftigen Männchen Brunftreviere und bemühen sich als «Platzhirsche», durch lautstarkes Röhren und stolzes Zurschaustellen ihres Kopfschmucks möglichst viele Weibchen um sich zu scharen und gleichzeitig alle Nebenbuhler fernzuhalten.

Die Paarungszeit dauert von Ende August bis Anfang Oktober. Hauptsächlich im Mai des folgenden Jahrs, nach einer Tragzeit von 8,5 Monaten, bringen die weiblichen Bucharahirsche in der Regel ein einzelnes Junges zur Welt. Dieses ist bei der Geburt bambiartig gefleckt und wiegt 8 bis 12 Kilogramm. Die ersten Lebenstage versteckt es sich im Dickicht, während die Mutter auf Nahrungssuche geht, und wartet geduldig auf ihre Rückkehr. Nach etwa zehn Tagen folgt es seiner Mutter auf deren Streifzügen nach, und alsbald beginnt es, einzelne Gräser, Kräuter und Blätter zu naschen. Noch bis im Winter wird es aber von seiner Mutter regelmässig gesäugt. Die Lebenserwartung liegt unter natürlichen Bedingungen bei etwa 12 bis 15 Jahren.

Die flussbegleitenden Tugai-Flächen bilden die weitaus fruchtbarsten Gebiete in den dürren Steppen- und Halbwüstenregionen Zentralasiens. Sie wurden darum schon früh vom Menschen land-, vieh- und auch forstwirtschaftlich genutzt und umgestaltet. Schätzungen zufolge sind die einigermassen naturnahen Tugai-Flächen entlang des Amu-Darja in historischer Zeit um mehr als neunzig Prozent geschrumpft. Entsprechend massiv ist der Rückgang der örtlichen Fauna, darunter des Bucharahirschs - der überdies vom Menschen massiv bejagt wird.

Schon Mitte der 1960er-Jahre kamen Bucharahirsche nur noch weit verstreut in ein paar wenigen Schutzgebieten vor. 1995 wurde ihr Restbestand auf alarmierende 350 bis 400 Individuen geschätzt. In der Folge wurden deshalb gezielte, unter anderem vom WWF unterstützte Projekte zum Schutz des Bucharahirschs in die Wege geleitet. Sie zeitigen gute Erfolge. Anlässlich einer Erhebung im Jahr 2003 wurden die Hirschbestände auf insgesamt 800 bis 900 Individuen geschätzt. 2006 scheint die Marke von 1000 Individuen überschritten worden zu sein.

Der Bucharahirsch steht heute in allen Ländern, in denen er vorkommt, unter gesetzlichem Jagdschutz. Dennoch bildet die Wilddieberei meistenorts ein grosses Problem. Grob lässt sich sagen, dass es den Hirschen gut geht, so lange sie sich in einem Schutzgebiet aufhalten. Sobald sie dieses aber verlassen, werden sie mit grosser Wahrscheinlichkeit zu einem Festessen.




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