Clymene-Delfin

Stenella clymene


© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Waltiere - die Wale und die Delfine - galten jahrtausendelang als Fische. Erst im 17. Jahrhundert erkannten die Naturforscher, dass diese Meeresbewohner Säugetiere sind. Die erheblichen körperbaulichen Unterschiede zwischen den Waltieren und den heutigen landlebenden Säugetieren machten es den Wissenschaftlern in der Folge allerdings nicht leicht, deren stammesgeschichtliche Verwandtschaft und somit deren Platz innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) festzulegen. Damals - und bis vor kurzem - mussten sich die Naturforscher ja auf vergleichende anatomische Untersuchungen der lebenden Arten einerseits und der Fossilfunde andererseits abstützen. Da aber keine wirklich auffälligen Merkmale gefunden werden konnten, anhand derer sich die Waltiere in die verwandtschaftliche Nähe einer bestimmten Säugetiersippe rücken liessen, gab es diesbezüglich in der Vergangenheit recht verschiedene Einschätzungen. Vielfach wurden sie - unter anderem wegen ihrer beutegreifenden Lebensweise - als Nachfahren längst ausgestorbener Insektenesser oder Raubtiere betrachtet.

Heute wissen wir es besser, und zwar dank der enormen Fortschritte, welche die Molekularbiologie in jüngster Zeit gemacht hat. Mehrere Untersuchungen des in den Zellen der heutigen Organismen enthaltenen genetischen Materials (DNS) sind zum Schluss gekommen, dass die Waltiere von einer nicht näher bekannten Urhuftiersippe abstammen, welche vor 60 bis 50 Millionen Jahren gelebt haben muss. Aus dieser entstanden zum einen die entfernt an Schweine erinnernden Pakicetiden (Familie Pakicetidae), welche in der Region des heutigen Pakistans an Gewässern lebten; sie gelten als direkte Walvorläufer, obschon sie noch deutlich ausgeprägte, funktionsfähige Beine hatten. Zum anderen gingen aus ihr die weit verbreiteten Kohlentiere (Familie Anthracotheriidae) hervor, deren letzte heutige Nachfahren die Flusspferde (Familie Hippopotamidae) sind. Die Waltiere sind somit innerhalb der Klasse der Säugetiere am nächsten mit den Flusspferden aus der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) verwandt.

Die frühesten Waltiere waren ziemlich sicher Süsswasserbewohner wie die heutigen Flusspferde. Offensichtlich gingen sie aber bei der Anpassung ans Wasserleben weiter als diese, bildeten allmählich ihre Hintergliedmassen zurück und die Vordergliedmassen sowie den Schwanz zu Flossen um. Wann sie zu Beutegreifern wurden und wann sie sich ins offene Meer vorwagten, ist nicht klar. Sicher ist hingegen, dass sich die Waltiere gegen Ende des Oligozäns, vor 30 bis 25 Millionen Jahren, bereits in die beiden heutigen Unterordnungen, die Zahnwale und die Bartenwale, aufgegliedert hatten und dass gegen Ende des Miozäns, vor etwa 10 Millionen Jahren, bereits die meisten der heutigen Waltierfamilien, darunter die Delfine, entstanden waren.


Ein rassiger Hochseebewohner

Die Ordnung der Waltiere (Cetacea) umfasst heute weltweit rund 80 Arten. Sie werden gemäss neuerer wissenschaftlicher Erkenntnis in zwölf verschiedene Familien gegliedert. Die formenreichste derselben ist die Familie der Delfine (Delphinidae) mit ungefähr 32 Arten, welche über sämtliche Meere und Ozeane unseres Planeten verbreitet sind und teils auch in Süssgewässern, etwa im Amazonas-Flusssystem, vorkommen.

Die Delfine sind kleine bis mittelgrosse Waltiere. Das grösste Familienmitglied ist der weltweit verbreitete Eigentliche Schwertwal (Orcinus orca), bei welchem die Männchen eine Länge von bis zu 9,8 Metern erreichen können. Am anderen Ende des Spektrums befindet sich der einzig in Neuseelands Küstengewässern vorkommende Hector-Delfin (Cephalorhynchus hectori), welcher maximal 1,5 Meter lang wird.

Rassige Hochleistungsschwimmer der offenen Meere und damit sozusagen «Musterbilder» der Delfinfamilie sind die Schmalschnabeldelfine der Gattung Stenella. Es handelt sich um drei gestreifte und zwei gefleckte Arten, nämlich den Clymene-Delfin (Stenella clymene), von dem hier berichtet werden soll, ferner den Spinnerdelfin (Stenella longirostris), den Blauweissen Delfin (Stenella coeruleoalba), den Pantropischen Fleckendelfin oder Schlankdelfin (Stenella attenuata) und den Atlantischen Fleckendelfin oder Zügeldelfin (Stenella frontalis).

Die drei gestreiften Schmalschnabeldelfine sind sehr eng miteinander verwandt und sehen einander entsprechend ähnlich. (Dasselbe gilt für die beiden gefleckten Schmalschnabeldelfine.) Die Grundfärbung ist bei allen drei eine mittel- bis dunkelgraue Oberseite und eine hellgraue bis weissliche Unterseite. Jede Art weist darüber hinaus artspezifische Zeichnungsmerkmale auf. Da diese aber zwischen den verschiedenen geografischen Beständen, zwischen den küstennah und den küstenfern lebenden Beständen, zwischen den verschiedenen Individuen, ja sogar zwischen den verschiedenen Altersphasen ein und desselben Individuums variabel sein können, sind Verwechslungen und damit Fehlbestimmungen leicht möglich. Dies umso mehr, als alle Schmalschnabeldelfine die unmittelbare Küstennähe meiden und hauptsächlich auf hoher See umherstreifen, wo sie oftmals nur kurz und in grösserer Entfernung zu sehen sind.

In seinem Aussehen ist der Clymene-Delfin insbesondere vom Spinnerdelfin fast nicht unterscheidbar: Die männlichen Clymene-Delfine weisen eine Länge von 176 bis 197, die weiblichen von 170 bis 190 Zentimetern auf. Das Gewicht beträgt um 90 Kilogramm. Der Spinnerdelfin ist mit einer Länge von gewöhnlich 180 bis 220 Zentimetern etwas länger, aber auch schlanker und darum nicht erheblich schwerer. Beim Clymene-Delfin ist die Schnauze etwas breiter und dafür kürzer als beim Spinnerdelfin. Ausserdem sind die Brustflossen etwas kleiner. Ferner ist die Rückenflosse etwas weniger hoch und weniger steil aufragend. Im Übrigen weist die dunkle Rückenfärbung beim Clymene-Delfin zwei nach unten gewölbte «Wellen» auf, eine über dem Auge, eine weitere unterhalb der Rückenflosse, während sie beim Spinnerdelfin einen mehr oder weniger geradlinigen Rand hat. All dies lässt sich aber an schnell schwimmenden Tieren auf hoher See kaum mit Sicherheit feststellen. Eine einwandfreie Identifikation ist praktisch nur an toten Exemplaren möglich.


Laternenfische und Kalmare

Der Clymene-Delfin kommt in den tropischen und subtropischen Bereichen des Atlantischen Ozeans vor. Im Unterschied zu den meisten anderen in den Tropen und Subtropen lebenden Waltieren hat er keine weltumspannende Verbreitung und fehlt im Indischen wie im Pazifischen Ozean. Warum dies so ist, wissen wir nicht. Eine plausible Theorie besagt, dass sich der Clymene-Delfin verhältnismässig spät, nämlich erst vor rund einer Million Jahren während des Eiszeitalters (Pleistozäns) herausgebildet hat, als der Atlantik vom Indopazifik abgetrennt war.

Im Westatlantik reicht das Verbreitungsgebiet des Clymene-Delfins im Norden bis zum US-Bundesstaat New Jersey, im Süden bis nach Südbrasilien. Dazwischen kommt die Art entlang der ganzen Ostküste der USA, im Golf von Mexiko, im Karibischen Meer und entlang der ganzen Ostküste Südamerikas vor. Das Verbreitungsgebiet umfasst ferner sämtliche äquatorialen Bereiche des offenen Atlantiks zwischen Amerika und Afrika. Im Ostatlantik reicht es entlang der Westküste Afrikas ungefähr vom Äquator bei Gabun nordwärts bis Mauretanien. Wie erwähnt streift der Clymene-Delfin selten in untiefen Küstengewässern umher, sondern ist ein ausgeprägter Bewohner der tiefgründigen Hochsee. Im Allgemeinen begegnet man ihm in Bereichen, wo der Meeresgrund in 500 bis 2500 Metern Tiefe liegt.

Über das Ernährungsverhalten des Clymene-Delfins ist so gut wie nichts bekannt. Tatsächlich geht unser ganzes gesichertes Wissen auf die Magenuntersuchung eines einzigen Individuums zurück, welches einst an der Küste von New Jersey gestrandet war. Es hatte einen nicht genauer identifizierbaren Tintenfisch aus der Familie der frei schwimmenden Gemeinen Kalmare (Loliginidae) verspeist, von welchem der Hornschnabel vorhanden war, ferner verschiedene Fischarten, welche teilweise anhand der rund 800 im Magen gefundenen Otolithen bestimmt werden konnten (Otolithen sind «Kalksteinchen», die sich im Innenohr der Fische befinden und arttypische Merkmale aufweisen). Die meisten der verzehrten Fischarten gehörten der Gattung Ceratoscopelus aus der Familie der Laternenfische (Myctophidae) an. Diese halten sich tagsüber in Tiefen von rund 700 Metern auf und steigen nachts zur Meeresoberfläche hoch, um dort nach Nahrung zu suchen. Falls der Clymene-Delfin wie die meisten Delfine ein Oberflächenjäger wäre, würde dies darauf hinweisen, dass das untersuchte Individuum nachts auf Beutefang gegangen war. In seinem Magen fanden sich aber ferner zwei Laternenfischarten aus der Gattung Lampanyctus, welche sich zu keiner Zeit, auch nicht nachts, in oberflächennahen Wasserschichten aufhalten. Der untersuchte Clymene-Delfin war also offensichtlich in tieferem Wasser auf Beutefang gegangen, und zwar tagsüber, als sich sowohl die Ceratoscopelus- als auch die Lampanyctus-Fische dort aufhielten.

Die anderen vier Schmalschnabeldelfine ernähren sich ebenfalls von Tintenfischen und Fischen, wobei beim Spinnerdelfin und beim Blauweissen Delfin Fische, beim Atlantischen und beim Pantropischen Fleckendelfin hingegen Tintenfische mengenmässig überwiegen. Während die beiden Streifendelfine, wie offensichtlich auch der Clymene-Delfin, in 200 und mehr Metern Tiefe auf Beutefang gehen, tun dies die beiden Fleckendelfine ausschliesslich im Bereich der Meeresoberfläche.


Gruppen von 4 bis 1000 Individuen

Wie alle Delfine ist der Clymene-Delfin ein geselliges Tier. Gewöhnlich streift er in Gruppen («Schulen») von ein paar wenigen bis zu mehreren Dutzend Individuen umher. Es wurden aber auch schon riesige Verbände von rund tausend Individuen beobachtet.

Es scheint, dass die Gruppen unterschiedlich zusammengesetzt sind und es neben gemischtgeschlechtlichen «Fortpflanzungsgruppen» auch «Junggesellengruppen» gibt. Bei der Strandung einer 20-köpfigen Gruppe im Bereich der Florida Keys (USA) wurde beispielsweise festgestellt, dass sie aus 4 erwachsenen Männchen, 12 erwachsenen Weibchen und 4 Kälbern bestand. Bei der Strandung einer anderen, 46-köpfigen Gruppe an der Küste des US-Bundesstaats Louisiana waren hingegen 43 Männchen und 2 Weibchen beteiligt (1 Individuum konnte nicht untersucht werden).

Über das Fortpflanzungsverhalten des Clymene-Delfins ist wenig bekannt. Man darf aber davon ausgehen, dass es sich nicht wesentlich von dem des nah verwandten Spinnerdelfins unterscheidet. Bei jenem finden Geburten zu allen Jahreszeiten statt. Die Tragzeit dauert 10,5 Monate. Es wird jeweils ein einzelnes Junges geboren, das bei der Geburt etwa 70 bis 80 Zentimeter lang ist. Das Junge wird ungefähr 15 Monate lang gesäugt. Die jungen Weibchen erreichen die Geschlechtsreife mit vier bis sieben Jahren, die jungen Männchen mit sieben bis zehn. Die Lebenserwartung dürfte irgendwo zwischen dreissig und fünfzig Jahren liegen.


Datenmangel

Niemand weiss, wie gross die Population des Clymene-Delfins ist und wie sich die regionalen Bestände entwickeln. Hierbei spielt die Schwierigkeit der sicheren Unterscheidung des Clymene-Delfins von seinen Vettern eine wichtige Rolle. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) führt die Art in ihrer Roten Liste seit 1994 in der Kategorie «Daten mangelhaft», und in ihrem Aktionsplan für Waltiere aus dem Jahr 2003 steht, dass der Clymene-Delfin als nirgendwo häufig eingeschätzt wird.

Wie alle Delfine werden die Clymene-Delfine in geringem Ausmass, beispielsweise im Bereich der Grenadinen von St. Vincent und bei Senegal, zwecks Nahrungsbeschaffung gezielt mittels Harpunen bejagt. Ihre Bestände dürften hierdurch aber kaum geschwächt werden. Schwerer wiegt wahrscheinlich, dass sie sich mitunter - beispielsweise in den Gewässern Venezuelas und Brasiliens - in den kilometerlangen Wandnetzen verfangen, welche zum Fang diverser Hochseefische und -tintenfische eingesetzt werden, und dass sie gelegentlich - beispielsweise im Golf von Guinea - in die heimtückischen Beutelnetze geraten, welche beim Tunfischfang verwendet werden. Die hierdurch hervorgerufenen Ausfälle haben bei verschiedenen Mitgliedern der Delfinfamilie einen merklichen Einfluss auf die Bestände. Dies könnte regional durchaus auch auf die Clymene-Delfine zutreffen.

Leider ist anzunehmen, dass die Clymene-Delfine noch weiteren, weniger offensichtlichen Gefahren ausgesetzt sind. Zu nennen ist insbesondere die Anreicherung von schwer abbaubaren Pestiziden und anderen, vom Menschen freigesetzten Giftstoffen in ihren Körpergeweben, wie dies bei vielen Endgliedern von Nahrungsketten zu beobachten ist. Diese Chemikalien können eine Abnahme der Gesundheit, besonders eine Schwächung des Immunsystems und eine Verminderung der Fortpflanzungsfähigkeit, hervorrufen. Besorgnis erregen ferner die Sonaranlagen, welche von den modernen Hochseeschiffen bei der Navigation eingesetzt werden. Man befürchtet, dass der so verursachte «Unterwasserlärm» die Kommunikation zwischen den Delfinen wie auch ihre Suche nach Beutetieren massiv beeinträchtigt.

Leider haben wir keinerlei gesicherten Informationen zu diesem ganzen Themenfeld, und darum gilt der Clymene-Delfin vorderhand (noch) nicht als in seinem Fortbestand gefährdet. Zweifellos müssen wir aber seiner Bestandsentwicklung unser Augenmerk schenken.




Legenden

Der Clymene-Delfin (Stenella clymene) ist ein recht kleines Mitglied der Ordnung der Waltiere (Cetacea). Die erwachsenen Männchen weisen eine Länge von 175 bis 197 Zentimetern auf, die erwachsenen Weibchen eine solche von 171 bis 190 Zentimetern. Das Gewicht liegt bei etwa 90 Kilogramm.

Das Verbreitungsgebiet des Clymene-Delfins erstreckt sich über die tropischen und subtropischen Bereiche des Atlantiks, von New Jersey, Mexiko und Südbrasilien im Westen bis nach Mauretanien und Gabun im Osten. Nur selten streift der rassige Hochleistungsschwimmer in untiefen Küstengewässern umher. Sein bevorzugter Lebensraum sind tiefgründige Hochseebereiche. Unseres Wissens geht er dort in 200 und mehr Metern Tiefe auf die Jagd nach frei schwimmenden Fischen und Tintenfischen.

Wie alle Delfine ist der Clymene-Delfin ein geselliger Meeressäuger. Gewöhnlich streift er in Gruppen von ein paar wenigen bis mehreren Dutzend Individuen umher. Es wurden aber auch schon riesige Verbände von rund tausend Individuen beobachtet. Neben gemischtgeschlechtlichen «Fortpflanzungsgruppen», die sich aus Männchen, Weibchen und Jungtieren zusammensetzen, scheint es auch «Junggesellengruppen» zu geben.

Wie viele andere Delfine nähern sich die Clymene-Delfine gern Schiffen, um sie zu eskortieren und auf ihrer Bugwelle zu «reiten». Häufig springen sie dabei mit dem ganzen Körper aus dem Wasser und drehen sich - wie ihr nächster Verwandter, der treffend benannte Spinnerdelfin (engl. spin = wirbeln, drehen) - in der Luft mehrfach um die eigene Längsachse, bevor sie wieder ins Wasser eintauchen.

Der Begriff «Clymene» entstammt der griechischen Sagenwelt. Clymene war eine der 3000 Töchter des Meeresgotts Oceanus und dessen Frau, der Meeresgöttin Tethys. Die Töchter, gemeinsam als «Oceaniden» bezeichnet, herrschten als Nymphen über die Meere (mit Ausnahme des Mittelmeers, das den Nereiden gehörte). Der britische Anatom John Gray, der den Clymene-Delfin 1846/50 als erster beschrieb, griff bei der Benennung neuer Arten gern auf altgriechische Gottheiten zurück.




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