Europäisches Eichhörnchen

Sciurus vulgaris


© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Das Europäische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) gehört innerhalb der Ordnung der Nagetiere (Rodentia) zur 270 Arten umfassenden Hörnchenfamilie (Sciuridae). Erwachsene Individuen - Männchen wie Weibchen - weisen eine Kopfrumpflänge von 20 bis 25 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 16 bis 20 Zentimetern und ein Gewicht von gewöhnlich 250 bis 400 Gramm auf. Oberseits ist das elegante Nagetier von fuchsrot bis schwarzbraun gefärbt.

Das Europäische Eichhörnchen ist ein überaus wendiges Klettertier, das einen Grossteil seines Lebens im Geäst von Bäumen und Sträuchern verbringt. Mit Leichtigkeit vermag es selbst senkrechte Baumstämme hinauf- und hinabzuklettern. Dabei vermitteln ihm die scharfen, gekrümmten Krallen an seinen vier Fingern und fünf Zehen einen ausgezeichneten Halt. Dank seiner kräftigen Hinterbeine kann es mehrere Meter breite Lücken zwischen benachbarten Bäumen mühelos überspringen, wobei ihm sein Schwanz als Steuerruder und auch Fallschirm dient.

Seiner Kletterfähigkeit entsprechend kommt das Europäische Eichhörnchen fast ausschliesslich in Waldgebieten vor. Der grösste Teil seines Verbreitungsgebiets deckt sich mit der nördlichen Nadelwaldzone, die sich in einem breiten Gürtel über das ganze nördliche Eurasien erstreckt. In den südlichen Bereichen des Verbreitungsgebiets bewohnt  es vor allem die Nadelwälder der Bergregionen, teils aber auch Mischwälder und sogar reine Laubwälder in tieferen Lagen.

Die Nahrung des Europäischen Eichhörnchens setzt sich zur Hauptsache aus Nadelbaumsamen sowie Bucheckern, Eicheln, Haselnüssen und anderen hartschaligen Baum- und Strauchsämereien zusammen. Es ist allerdings nicht wählerisch und nimmt auch diverse andere Futterdinge zu sich. Zu nennen sind vor allem Beeren, Pilze, Knospen, Triebe, Blüten und Rinden. Mit seinen handartigen Vorderpfoten vermag es seine «Leckerbissen» geschickt zu pflücken und festzuhalten, was ihm das Benagen mit seinen robusten Nagezähnen wesentlich erleichtert.

Die erwachsenen Europäischen Eichhörnchen leben einzelgängerisch. Ihre Wohngebiete weisen eine Fläche von ein paar Hektaren auf, wobei die der Männchen durchschnittlich etwas grösser sind als die der Weibchen. Innerhalb seines Wohngebiets verfügt jedes Europäische Eichhörnchen über mehrere selbst gebaute Kugelnester, so genannte «Kobel», in denen es abwechselnd die Nacht verbringt. Es sind robuste Gebilde mit einem Durchmesser von etwa 30 bis 40 Zentimetern. Die Hülle besteht aus verflochtenen Zweigen; der Innenraum ist mit Moos, Rindenstückchen, Blättern und Flechten regendicht und isolierend ausgekleidet. Im Allgemeinen werden die Kobel in der Krone eines mindestens zwanzig Meter hohen Baums angelegt.

Die Paarungszeit fällt beim Europäischen Eichhörnchen gewöhnlich in die Monate Januar und Februar. Die Männchen dringen dann in die Wohngebiete der Weibchen ein. Nach der Paarung gehen Weibchen und Männchen wieder separate Wege. Letztere haben also keine väterlichen Pflichten.

Nach einer Tragzeit von fünf bis sechs Wochen bringt das Weibchen zumeist im März zwei bis fünf Junge in einem seiner Kobel zur Welt. Die jungen Eichhörnchen sind typische Nesthocker: Bei der Geburt sind sie taub, blind und rosignackt und wiegen lediglich zehn bis fünfzehn Gramm. Im Alter von drei Wochen sind sie behaart, und mit vier Wochen öffnen sie ihre Augen. Im Alter von etwa sieben Wochen verlassen sie erstmals das schützende Nest und beginnen, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Im Alter von neun bis zehn Wochen werden sie entwöhnt. Danach lösen sie sich allmählich von ihrer Mutter und ihren Geschwistern und gehen eigene Wege. In der freien Wildbahn liegt ihre Lebenserwartung bei höchstens sechs bis sieben Jahren. In Menschenobhut sind einzelne Europäische Eichhörnchen zehn bis zwölf Jahre alt geworden.

Noch ist das Europäische Eichhörnchen sehr weit verbreitet und gilt nicht als in seinem Fortbestand gefährdet. Seine Lebensräume werden aber, besonders im westlichen Europa, immer stärker zerstückelt. Tatsächlich sind verschiedene regionale Bestände rückläufig.

Ein besonders markanter Bestandsschwund hat in Grossbritannien stattgefunden. Zeitlich fällt er mit der Ausbreitung des aus Nordamerika stammenden Grauhörnchens (Sciurus carolinensis) zusammen, welches im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert vom Menschen auf der Insel eingebürgert wurde. Es scheint, dass das etwas kräftigere Grauhörnchen im Wettstreit um die verfügbaren Ressourcen dem Europäischen Eichhörnchen in den meisten Lebensräumen überlegen ist und dieses zu verdrängen vermag.

Das Grauhörnchen hat sich inzwischen mit der Unterstützung des Menschen ebenfalls im nördlichen Italien anzusiedeln vermocht, und es weitet auch hier sein Vorkommen fortwährend aus - mit schwer abschätzbaren, aber möglicherweise schlimmen Folgen für die regional heimischen Bestände des Europäischen Eichhörnchens.




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