Grosse Eierfliege

Hypolimnas bolina


© 2009 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Die Grosse Eierfliege (Hypolimnas bolina) ist ihrem Namen zum Trotz keine Fliege, sondern ein Schmetterling aus der Familie der Edelfalter (Nymphalidae). Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über die tropischen und subtropischen Bereiche des indopazifischen Raums - von Madagaskar im Westen bis zur Osterinsel im Osten und von Japan im Norden bis nach Australien im Süden.

Die Flügelspannweite der Grossen Eierfliege liegt im Allgemeinen zwischen 7 und 9 Zentimetern, wobei die Weibchen im Durchschnitt etwas grösser sind als die Männchen. Männchen und Weibchen sehen im Übrigen sehr unterschiedlich aus: Die Männchen weisen oberseits stets sechs weisse, schillernd blau umrandete Flecken auf schwarzem Grund auf. Unterseits sind sie wie die Weibchen braun und zeigen ein komplexes Muster aus hellen und dunklen Flecken. Die Weibchen sind oberseits sehr variabel gefärbt und gezeichnet. Viele von ihnen ahmen die übel schmeckenden bis leicht giftigen, als Elstern und Krähen bezeichneten Tagfalter der Gattung Euploea nach und werden darum von den meisten Vögeln, ihren Hauptfressfeinden, in Ruhe gelassen.

Innerhalb ihres weiten Verbreitungsgebiets leben die Grossen Eierfliegen gewöhnlich im Umfeld von Wäldern und dicht mit Sträuchern bewachsenen Gebieten. Dort halten sie sich vorzugsweise auf gut besonnten Waldlichtungen, an Waldsäumen oder entlang von Waldschneisen auf. Wie die meisten Schmetterlinge nehmen sie als erwachsene Tiere ausschliesslich flüssige Nahrung zu sich: Sie saugen Nektar aus Blütenkelchen.

Die Männchen besetzen streifenförmige, gewöhnlich 20 bis 40 Meter lange Territorien und warten darin an strategisch günstiger Stelle auf vorbeifliegende und hoffentlich paarungswillige Weibchen. Sie tun dies überraschend ausdauernd, nämlich Tag für Tag gewöhnlich von etwa neun Uhr morgens bis am späteren Nachmittag.

Von seiner Warte aus fliegt das Männchen immer wieder auf, um einen vorbeifliegenden Schmetterling genauer zu betrachten, denn die Schärfe seiner Facettenaugen ist zu gering, um dies auf Distanz tun zu können. Ist das «unbekannte Flugobjekt» ein Weibchen der eigenen Art, beginnt das Männchen sogleich seinen Balzflug. Es fliegt mit zitternden Flügelschlägen knapp vor dem Weibchen her und «pendelt» elegant hin und her. Ist das Weibchen paarungswillig und nimmt es das Männchen als Partner an, so landet es auf einem günstigen Blatt in der Nähe und lässt sich dort begatten. Anderenfalls entzieht es sich dem balzenden Männchen, indem es entweder plötzlich nach oben über die Baumwipfel wegfliegt oder aber im schnellen Zickzackflug durch den Waldsaum hindurch ins Dunkel des Walds eintaucht.

Ist das «unbekannte Flugobjekt» hingegen ein Männchen der eigenen Art, so folgt gewöhnlich ein Flugwettstreit, bei welchem die Männchen einander heftig flatternd umkreisen oder rüttelnd eine Weile voreinander in der Luft stehen bleiben, bis schliesslich eines der beiden - meistens der Eindringling - nachgibt und sich aus dem Territorium zurückzieht.

Bald nach der Paarung sucht das Weibchen nach geeigneten Raupenfutterpflanzen und klebt an solche seine Eier. Hinsichtlich ihrer Kost sind die Raupen der Grossen Eierfliege nicht sehr wählerisch. Bisher konnten etwa 30 Pflanzenarten aus unterschiedlichen Familien als regelmässige Raupenfutterpflanzen identifiziert werden. Die meisten von ihnen gehören zu den krautartigen Gewächsen und kommen typischerweise an Waldsäumen, entlang von Waldwegen und Waldbächen sowie auf Lichtungen vor.

Die Eier sind länglich oval, blassgrün gefärbt und leicht durchsichtig. Nach etwa vier Tagen schlüpfen aus ihnen winzige Raupen. Diese sind vorwiegend schwarz gefärbt, wobei aber der Kopf und das letzte Körpersegment orangefarben sind. Der Kopf trägt ein Paar schwarze fühlerähnliche Fortsätze, der Körper orange, stark verzweigte Stacheln.

Nach der vierten Häutung ist die Raupe ausgewachsen und weist dann eine Länge von 5 bis 5,5 Zentimetern auf. Alsbald verwandelt sie sich - anlässlich einer fünften Häutung - in eine «Stürzpuppe», die so heisst, weil sie kopfüber, nur an einem kleinen Stiel befestigt, an einem Zweig hängt. Unter der starren Puppenhülle erfolgt innerhalb von etwa einer Woche die Umwandlung von der kriechenden Raupe zum flugfähigen Schmetterling. Danach platzt die Puppe auf, und der fertige Falter kriecht heraus. Er klettert an einen günstigen Ort, entfaltet seine feuchten, zerknitterten Flügel und lässt sie anschliessend von der Sonne trocknen, bevor er zu seinem ersten Flug ansetzt.

Die Bestände der Grossen Eierfliege scheinen in den meisten Bereichen des weiten Verbreitungsgebiets mehr oder weniger stabil zu sein, weshalb die Fachleute derzeit nicht von einer Gefährdung des Fortbestands dieser Tagfalterart ausgehen.




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