Fischadler

Pandion haliaetus


© 2004 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Fischadler (Pandion haliaetus) wurde lange Zeit aufgrund verschiedener körperbaulicher Besonderheiten innerhalb der Ordnung der Greifvögel (Falconiformes) in eine eigene Familie namens Fischadler (Pandionidae) gestellt. Die molekularbiologische Untersuchung seiner Erbsubstanz (DNS) hat nun aber gezeigt, dass er stammesgeschichtlich gesehen kein Sonderfall ist und darum wie alle Adler der Familie der Habichtartigen (Accipitridae) zuzuordnen ist.

Wie bei vielen Greifvögeln sind beim Fischadler die Weibchen im Durchschnitt etwas grösser als die Männchen: Sie weisen eine Länge von 60 bis 65 Zentimetern und ein Gewicht von 1,5 bis 1,6 Kilogramm auf, während die Männchen 55 bis 60 Zentimeter lang und um 1,4 Kilogramm schwer sind. Die beiden Geschlechter unterscheiden sich nicht augenfällig in ihrem Aussehen. Beide haben einen kurzen, weissen Schopf, der aufgerichtet werden kann, beide besitzen einen schwarzen Streif durch das Auge am ansonsten weissen Kopf. Einziges, wenn auch eher vages Unterscheidungsmerkmal ist das schwach sichtbare Brustband, das bei den Weibchen gewöhnlich etwas breiter und dunkler ist als bei den Männchen.

Als Brutvogel kommt der Fischadler auf vier Kontinenten sowie zahlreichen Inseln vor und hat damit eines der weitesten Verbreitungsgebiete aller Vögel. In den nördlichen Bereichen der nördlichen Erdhalbkugel führt er das Dasein eines Zugvogels: Jeweils im Herbst verlässt er sein Brutareal, um das Winterhalbjahr weiter südlich in klimatisch günstigeren Regionen zu verbringen. In Eurasien gilt dies für alle Bestände zwischen Schottland im Westen und der Kamtschatka-Halbinsel im Osten; in Nordamerika für diejenigen zwischen Alaska im Westen und Neufundland im Osten.

Daneben gibt es zahlreiche sesshafte Brutbestände. In der Alten Welt finden sich solche entlang der Küsten des Mittelmeers und des Roten Meers, im Bereich des Persischen Golfs, auf den Kapverdischen und den Kanarischen Inseln sowie an verschiedenen Seen und Flüssen des zentralen und westlichen Asiens. In der Neuen Welt gibt es sesshafte Bestände im Bereich der Halbinsel Baja California, in Florida und auf verschiedenen Inseln der Karibik. Eine grosse, nicht-ziehende Brutpopulation bevölkert sodann die Küsten rund um Australien herum. Und auch auf zahlreichen Inseln des Westpazifiks - von den Kleinen Sundainseln ostwärts durch Neuguinea, die Salomonen und Vanuatu bis nach Neukaledonien - sind die Fischadler Standvögel.

 

Stosstauchender Fischjäger

Wo immer Fischadler vorkommen, befindet sich ein Gewässer in der unmittelbaren Nähe, denn die attraktiven Greifvögel ernähren sich praktisch ausnahmslos von selbst gefangenen Fischen. An das Stosstauchen auf Fische sind sie körperbaulich perfekt angepasst: Ihre Krallen sind lang, stark gebogen und nadelspitz. Die Aussenzehe an jedem Fuss kann nach hinten gewendet werden, so dass je zwei krallenbewehrte Zehen vorn und hinten eine gefährliche «Greifzange» bilden. Die Ballen der Füsse und der Zehen sind mit kurzen, scharfen Stacheln übersät, welche selbst auf glatter, schuppiger Haut einen festen Griff vermitteln. Die Beine sind länger als bei den meisten anderen Habichtartigen, weshalb sie besonders tief ins Wasser gestossen werden können.

Beim Beutesuchflug streift der Fischadler ziemlich langsam in fünf bis vierzig Metern Höhe über der Wasseroberfläche umher. Oft kehrt er in einem Bogen an eine bestimmt Stelle zurück und rüttelt kurz an Ort, wenn er eine Beute erspäht hat. Passt alles, dann stösst er steil mit gewinkelten, nach hinten gerichteten Flügeln und weit nach vorn gestreckten Fängen in die Tiefe. So stürzt er sich wie ein Blitz aus heiterem Himmel durch die Wasseroberfläche auf sein Opfer. Nicht selten taucht er vollständig ins Wasser ein, wird aber durch den Schwung des Sturzes sogleich an die Wasseroberfläche zurück getrieben, wobei er den Schwanz als «Höhenruder» einsetzt, und erhebt sich daraufhin mit wuchtigen Flügelschlägen wieder in die Luft.

Obwohl der Fischadler nur um anderthalb Kilogramm wiegt, vermag er Fische von zwei Kilogramm Gewicht aus dem Wasser zu holen und davonzutragen. Sein täglicher Nahrungsbedarf beträgt allerdings nur etwa 400 Gramm, weshalb er selten derart grosse Fische erbeutet. Das Durchschnittsgewicht seiner Beutetiere beträgt um 150 Gramm.

 

Das Männchen versorgt die ganze Familie

In Europa treffen die Fischadler jeweils Ende März oder Anfang April in ihren Brutgebieten ein. Die älteren, erfahreneren Individuen sind jeweils die ersten, und diese suchen zielstrebig ihre vorjährigen Nistplätze auf. Wie bei vielen Greifvögeln finden im Allgemeinen Jahr für Jahr dieselben Vögel zu Paaren zusammen, bis schliesslich der eine oder andere der beiden Partner stirbt. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass es nicht die Bindung zwischen den betreffenden Individuen ist, sondern vielmehr die Bindung zum gemeinsamen Nistplatz, welche die Paare über die Jahre hinweg zusammenhält.

Es folgt bei allen, auch den «bestandenen» Paaren eine kurze Balzphase, bei der das Männchen zum einen hoch in der Luft Flugspiele zeigt und zum anderen dem Weibchen Fischstücke verfüttert. Es beweist seiner Partnerin auf diese Weise, dass es im Vollbesitz seiner Kräfte ist, und dass es zudem willens ist, seinen Fang mit ihr (und dem Nachwuchs) zu teilen.

Anschliessend beginnen die Vögel mit der Reparatur des alten Horsts bzw. mit dem Bau eines neuen, falls der alte während des Winters zerstört wurde oder wenn sie zum ersten Mal zur Brut schreiten. Die umfangreiche Reisigplattform, die als Nest dient, befindet sich gewöhnlich direkt an einem Gewässer, und zwar an einer Stelle, welche für landlebende Raubtiere unerreichbar ist. Zu den bevorzugten Nistplätzen gehört der oberste Wipfelbereich hoher, frei stehender Bäume, ferner Felszinnen und Simse in Klippen. Bäume oder Felsen, welche aus dem Wasser aufragen, sind besonders begehrt. Nicht selten dienen heutzutage auch Hochspannungsmasten und andere künstliche Strukturen als Nistplätze; ebenfalls werden von Vogelschützern zur Verfügung gestellte Nistplattformen gern angenommen.

Männchen und Weibchen tragen gemeinsam zur Erneuerung bzw. zum Neubau des Horsts bei, wobei die Männchen im Durchschnitt mehr Nistmaterial sammeln als die Weibchen, während die Weibchen durchschnittlich mehr Zeit für den Einbau desselben aufwenden als die Männchen. Zu Beginn des Horstbaus konzentrieren sich die Vögel auf grosse, dürre Äste, die sie teils von Bäumen abbrechen, teils vom Boden auflesen. Je weiter die Konstruktion gedeiht, desto kleineres Material kommt zum Einsatz. Zum Schluss wird die Nestmulde mit Grashalmen und anderem weichen Material ausgepolstert.

Zehn bis dreissig Tage nach dem Eintreffen im Brutterritorium beginnt das Weibchen mit dem Ablegen seiner Eier. Diese wiegen um siebzig Gramm und sind auf hellem Grund rotbraun gefleckt. Das Gelege besteht fast immer aus drei oder vier Eiern, welche vom Weibchen in Abständen von ein bis zwei Tagen erzeugt werden. Beide Partner beteiligen sich am Bebrüten derselben. Allerdings übernimmt das Weibchen tagsüber gewöhnlich längere Schichten als das Männchen, und es bestreitet auch stets die Nachtschicht. Die Brutzeit, an deren Ende die Jungen wiederum in Abständen von ein bis zwei Tagen aus ihren Eiern schlüpfen, dauert um 38 Tage.

Wenige Stunden nach dem Schlüpfen öffnen die Jungen ihre Augen und picken alsbald aktiv nach dem Futter, das ihnen die Mutter im Schnabel hinhält. Im Unterschied zu vielen anderen Greifvogelarten, bei welchen das Weibchen sein Nest schon bald nach dem Schlüpfen der Jungvögel zwecks Nahrungsbeschaffung für längere Perioden verlässt, bleibt das Fischadlerweibchen praktisch ständig auf dem Nest, bis der Nachwuchs ausfliegt. Das Männchen versorgt derweil die ganze Familie mit Nahrung. Er trägt unermüdlich Fische herbei und deponiert diese am Nestrand. Das Weibchen zerlegt die Beutetiere und füttert in der Regel zuerst den Nachwuchs, bevor es sich selbst bedient.

 

Hickhack unter den Geschwistern

Wenn genügend Beute vorhanden ist und alle Jungvögel satt werden, bleibt es im Fischadlerhorst bemerkenswert friedlich. Bei Futterknappheit ändert sich die Situation jedoch dramatisch. Dann verhält sich der kräftigste, also gewöhnlich der zuerst geschlüpfte Jungvogel gegenüber seinen Geschwistern sehr aggressiv. Sobald der Vater Nahrung herbei trägt, richtet er sich auf und hackt mit seinem Schnabel heftig auf die anderen ein. Damit vermag er in der Regel zu bewirken, dass sich die schwächeren Jungen hinkauern und unterwürfig abwarten, bis er seinen Hunger gestillt hat. Bei anhaltender Futterknappheit erhalten die schwächeren Jungvögel kaum je eine Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme. Sie verhungern dann oder werden gelegentlich über den Nestrand gedrängt.

Die Altvögel mischen sich in den Wettstreit unter den Jungvögeln nicht ein. Dies mag uns befremden, macht aber biologisch durchaus Sinn: Ein oder zwei gut genährte, kräftige Jungvögel mit grossen Überlebenschancen dienen dem Fortbestand der Art mehr als drei oder vier Kümmerlinge, welche voraussichtlich allesamt den ersten Winter nicht überleben.

Die jungen Fischadler sind normalerweise im Alter von 50 bis 55 Tagen flugfähig und verlassen dann ihren Horst. Manchen von ihnen gelingt es von Anfang an, selbst Beute zu schlagen. Die meisten sind aber noch zwei oder drei Wochen von ihren Eltern abhängig. Sie pflanzen sich gewöhnlich im Alter von drei oder vier Jahren erstmals selbst fort. Und sie können ein recht hohes Alter erreichen: Fischadler, die noch im Alter von über fünfundzwanzig Jahren zur Brut schreiten, sind keine Seltenheit.

 

Am Stück über die Sahara

Die Fischadler Europas verlassen ihre Brutgebiete im Allgemeinen Ende August, Anfang September, um ihre Winterquartiere in Afrika südlich der Sahara aufzusuchen. Europa durchqueren sie auf breiter Front und fliegen danach - im Unterschied zu vielen anderen grossen Greifvögeln - teils beachtliche Strecken über das offene Mittelmeer. Beispielsweise überqueren die im Baltikum heimischen Vögel das Mittelmeer via Italien und Malta. Viele andere ziehende Greifvögel tun dies ungern, da sie schlecht auf länger anhaltenden Ruderflug eingerichtet sind und deshalb einen möglichst grossen Teil ihrer Wanderung im Segelflug zurücklegen. Zum Segelfliegen benötigen sie jedoch thermische Aufwinde, wie sie sich tagsüber über besonntem Land, jedoch nicht über offenem Wasser bilden. Viele andere in Europa heimische Greifvögel (und auch andere grosse Vögel wie Störche und Kraniche) überqueren darum das Mittelmeer auf ihrer Reise an dessen schmalsten Stellen, bei Gibraltar und beim Bosporus. Der Fischadler ist offensichtlich für den Langstreckenflug mittels Muskelkraft besser eingerichtet als viele seiner Vettern, weshalb er bei der Wahl der Zugroute freier ist und überdies auch nachts ziehen kann. Tatsächlich scheint er sogar die Sahara ohne Zwischenlandung zu überqueren, was bei einer Distanz von rund 2000 Kilometern und einer Reisegeschwindigkeit von 30 bis 50 Kilometern je Stunde ganze 40 bis 70 Stunden dauert.

Aufgrund von Ringfunden wissen wir, dass sich die europäischen Fischadler über praktisch alle afrikanischen Regionen jenseits der Sahara verteilen, vorwiegend aber Westafrika zwischen Senegal und Kamerun aufsuchen. Wie zahlreiche andere Zugvögel scheinen die einzelnen Fischadler ihren einmal gewählten Winterquartieren ein Leben lang treu zu bleiben, also alljährlich an denselben Ort zurückzukehren. Die meisten Individuen halten sich im Bereich weiter, deltaartiger Flussmündungen auf, wo im Allgemeinen besonders umfangreiche Fischbestände leben. In Westafrika treffen die europäischen Fischadler gewöhnlich im Oktober ein und ziehen Anfang März wieder fort. Sie benötigen also vier bis sechs Wochen für ihre Reise.

 

Einst als «Fischereischädling» bekämpft

Obschon der Fischadler eine ausgesprochen weite Verbreitung hat, ist er keineswegs ein häufiger Vogel. Schätzungen zufolge umfasst die globale Population lediglich 25 000 bis 30 000 Individuen.

In vielen Regionen wurden vor allem im Verlauf des 20. Jahrhunderts erhebliche Bestandrückgänge verzeichnet. Diese waren hauptsächlich auf die direkte Verfolgung des als «Fischereischädling» verrufenen Vogels und die gezielte Vernichtung seiner Nistplätze zurückzuführen. Zusätzliche Bestandsrückgänge wurden sodann in den 1950er und 1960er Jahren durch den übermässigen Einsatz von DDT und anderen schwer abbaubaren Pestiziden verursacht. Diese Giftstoffe reicherten sich in den Nahrungsketten an und hatten auf deren Endglieder, darunter insbesondere die Greifvögel, verheerende Auswirkungen. Nachgewiesen ist unter anderem, dass solchermassen belastete Weibchen Eier mit sehr dünner Schale legten, welche vielfach im Laufe der Brutzeit zerbrachen, wodurch der Nachzuchterfolg der Vögel erheblich vermindert wurde. Seit die Verwendung solcher Schädlingsbekämpfungsmittel europaweit verboten ist, hat sich bei vielen Greifvogelarten, darunter dem Fischadler, eine erfreuliche Zunahme der ausgedünnten Bestände wie auch eine Ausweitung des zuvor geschrumpften Vorkommens gezeigt.

In Polen, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, wird der Fischadlerbestand auf dreissig bis fünfzig Brutpaare geschätzt. Die eleganten Greife besiedeln vor allem die nördlichen, seenreichen Regionen Pommern und Masuren. Der noch in den 1970er und 1980er Jahren verzeichnete Bestandsschwund scheint zur Hauptsache auf illegale Abschüsse und Horstzerstörungen zurückzuführen gewesen zu sein. Diese Probleme sind heute offenbar weniger gravierend; jedenfalls ist die polnische Fischadlerpopulation derzeit stabil.

 

 

Legenden

Der Fischadler (Pandion haliaetus), der sich praktisch ausnahmslos von frischem Fisch ernährt, kommt als Brutvogel auf vier Kontinenten und zahlreichen Inseln vor. Wie bei vielen Greifvögeln sind die Weibchen mit einer Länge von 60 bis 65 Zentimetern und einem Gewicht von 1,5 bis 1,6 Kilogramm etwas grösser als die Männchen, welche 55 bis 60 Zentimeter lang und um 1,4 Kilogramm schwer werden.

Hat der Fischadler eine mögliche Beute erspäht, so stürzt er sich mit weit gespreizten, in der Endphase nach vorn gestreckten Fängen zielsicher auf sie hinunter. Nicht selten taucht er vollständig ins Wasser ein, erhebt sich danach aber sofort und mühelos wieder in die Luft. Obschon er nur um 1,5 Kilogramm wiegt, vermag er Fische von 2 Kilogramm Gewicht zu erbeuten und davonzutragen, um sie an einer günstigen Stelle am Gewässerrand zu verspeisen.

Der Horst der Fischadler befindet sich oft im obersten Wipfelbereich eines hohen Baums. Er wird gewöhnlich viele Jahre benutzt, so dass er mit der Zeit zu einem enormen Gebilde heranwächst (oben). Während des Neubaus oder der Erneuerung des Horsts unternehmen die Vögel bei der Suche nach Nistmaterial bis zu hundert Flüge am Tag (unten).

50 bis 55 Tage dauert die Nestlingsphase bei den Fischadlern. Das (kräftigere) Weibchen verweilt praktisch die ganze Zeit auf dem Horst und behütet die Jungvögel, während das (agilere) Männchen die ganze Familie mit Nahrung versorgt (links). Schon etwa zehn Tage vor dem Ausfliegen beginnen die Jungvögel mit Flugmanövern auf dem Nest und üben so einerseits ihre Flugtüchtigkeit und kräftigen andererseits ihre Flugmuskulatur (unten).

In Polen, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, wird der Fischadlerbestand auf dreissig bis fünfzig Brutpaare geschätzt und ist derzeit - nach merklichen Bestandseinbussen im Verlauf des 20. Jahrhunderts - erfreulich stabil. Die eleganten Greife brüten vor allem in den nördlichen, seenreichen Regionen Polens.




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