Grüne Flussjungfer

Ophiogomphus cecilia


© 2011 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



«Kleine Waagen»

Als die Baumeister der Antike und des Mittelalters ihre Pyramiden, Aquädukte, Kathedralen und auch alle übrigen Gebäude bauten, da gab es die Wasserwaage noch nicht. Erst 1666 entwickelte der Franzose Jean de Thévenot (1633-1667) ein mit Flüssigkeit gefülltes Glasröhrchen, welches eine Luftblase enthielt und leicht gekrümmt war, und legte damit den Grundstein für das heutige, einfache Horizontieren und Nivellieren mittels Wasserwaage.

Der historische Vorläufer der Wasserwaage war die Setzwaage. Es handelte sich um eine Konstruktion aus Holzleisten, an deren Spitze ein Lot aufgehängt war und welche häufig die Form eines umgekehrten «T» hatte. In Anlehnung an den lateinischen Begriff Libra für die «normale» Waage zum Bestimmen von Gewichten bezeichnete man diese meist kleine, handliche Setzwaage zum Bestimmen horizontaler Flächen als Libella, also als «kleine Waage».

Im 16. Jahrhundert fiel dem französischen Arzt und Naturforscher Guillaume Rondelet (1507-1556) bei seinen zoologischen Forschungen über Wassertiere die äusserliche Ähnlichkeit einer grossäugigen Flussjungferlarve mit einem Hammerhai auf, der damals aufgrund seiner Ähnlichkeit mit einer T-förmigen Setzwaage Libella marina («Meeressetzwaage») genannt wurde, und bezeichnete das Insekt in seinem 1555 in Lyon veröffentlichten Werk «Universae aquatilium Historiae pars altera» als Libella fluviatilis («Flusssetzwaage»). Konrad Gessner (1516-1565) übernahm dann im vierten, 1558 veröffentlichten Band seiner berühmten «Historia animalium» bereits die Bezeichnung Libella für das betreffende Insectum fluviatile («Flussinsekt»).

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts wurde den Naturforschern bewusst, dass es sich bei den T-förmigen «Flussinsekten» um die Larven von Flussjungfern handelte, und alsbald wurden auch die erwachsenen Tiere von den Fachleuten als Libella bezeichnet. Beispielsweise überschrieb der deutsche Sprach- und Naturforscher Johann Leonhard Frisch (1666-1743) im 1730 erschienenen 8. Teil seines Werks «Beschreibung von allerley Insecten in Teutsch-Land» ein Kapitel «Von den libellis oder sogenannten Jungfern».

Carl von Linné (1707-1778) wählte dann in der bedeutenden, 1758 erschienenen 10. Auflage seines epochalen Werks «Systema Naturae» die Bezeichnung Libellula als wissenschaftlichen Namen für die ganze Insektengruppe - eine Verkleinerungsform der Verkleinerungsform sozusagen: Es handelte sich ja um kleine Libella, und der Begriff Libella selbst war bereits für die Hammerhaie reserviert.

Linné kommentierte den gewählten Namen nicht, da zu seiner Zeit der Name Libella bereits gebräuchlich war. Erst in der 1775 erschienenen deutschen Ausgabe der 12. Auflage von «Systema Naturae» vermerkte der deutsche Bearbeiter Philipp Ludwig Statius Müller (1725-1776) zum Namen: «Die lateinische Bezeichnung Libellula scheinet einen Wagebalken zu bedeuten, und diesen Insecten darum gegeben zu seyn, weil, wenn man sie bey den Flügeln fasset, der Körper gleich einem Wagebalken hangt (...).» Er lag damit gründlich falsch, denn wie wir heute wissen, erhielt erstens nicht das geflügelte, erwachsene Insekt den Namen, und zweitens erhielt ihn die Larve nicht nach einer normalen Waage mit Balken, sondern nach der antiken Setzwaage mit Lot.

Die Libellen werden heute innerhalb der Klasse der Insekten (Insecta) in der Ordnung der Libellen (Odonata) zusammengefasst. Carl von Linnés Bezeichnung Libellula gilt heute nur noch für eine 30-köpfige Gattung innerhalb der Familie der Segellibellen (Libellulidae), zu der beispielsweise der Plattbauch (Libelulla depressa), in Deutschland Insekt des Jahres 2001, gehört.

Weltweit gibt es rund 5000 beschriebene Libellenarten. Ungefähr 100 kommen in Europa vor, darunter die Grüne Flussjungfer (Ophiogomphus cecilia). Von ihr soll hier berichtet werden.


Klare Fliessgewässer als Kinderstube

Die Libellen sind allesamt mittelgrosse bis grosse Insekten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Insektenordnungen gibt es unter den Odonata keine wirklich kleinen oder gar winzigen Arten. Das kleinste Mitglied der Libellenordnung ist die in Südasien und Australien weit verbreitete Agriocnemis pygmaea, welche eine Flügelspannweite von ungefähr 1,8 Zentimetern aufweist. Die grösste Flügelspannweite aller Libellenarten hat mit etwa 19 Zentimetern die schlank gebaute Megaloprepus coerulatus aus Mittelamerika.

Die Grüne Flussjungfer gehört zu den grösseren der europäischen Libellen: Sie weist eine Körperlänge von 5 bis 6 Zentimetern und eine Flügelspannweite von 6,5 bis 7,5 Zentimetern auf. Innerhalb der Libellenordnung gehört sie zur Familie der Flussjungfern (Gomphidae), welche eine weltweite Verbreitung hat und etwa 950 Arten in rund 90 Gattungen umfasst.

Das Verbreitungsgebiet der Grünen Flussjungfer liegt schwergewichtig in Osteuropa. Insgesamt erstreckt es sich aber im Norden bis Finnland und Russland, im Osten bis nach Kasachstan und möglicherweise Westchina und im Süden bis auf die Balkanhalbinsel und zum Kaukasus. Im Westen bildet grob gesehen der Rhein die Grenze des Artverbreitungsgebiets. Es finden sich aber weiter westlich ein paar isolierte Bestände, beispielsweise im südlichen Frankreich, an der Loire und in den östlichen Niederlanden.

Innerhalb des genannten Areals kommt die Grüne Flussjungfer im Allgemeinen in tiefen Lagen vor, gewöhnlich unterhalb 500 Metern ü.M. In den Alpen konnten allerdings vereinzelte vagabundierende Individuen schon in Höhen von bis zu 1300 Metern ü.M. festgestellt werden. Wo genau die Art vorkommt, wird offensichtlich weitgehend vom Angebot an geeignetem Lebensraum für die Larven bestimmt. Denn obschon uns die Libellen vor allem als erwachsene, flugfähige Tiere vertraut sind, verbringen sie den Grossteil ihres Lebens als Larven im Wasser. Der lange Lebensabschnitt als wasserlebendes Jungtier ist darum für die Existenz der Libellen bedeutsamer als der kurze Lebensabschnitt als geflügeltes, landlebendes Tier.

Die meisten Libellenarten bevorzugen als «Kinderstube» Stillgewässer, also Tümpel, Teiche und Seen. Die Larven der Grünen Flussjungfer kommen hingegen - wie der Gattungsname andeutet - normalerweise in ruhigen Fliessgewässern vor, von Bächen mit einer Tiefe von mindestens einem halben Meter bis hin zu grösseren Strömen. Sie kommen gewöhnlich an Stellen vor, wo der Boden aus Kies, grobem Sand oder Steinen besteht und das Wasser verhältnismässig klar ist. Fliessgewässer oder Fliessgewässerabschnitte mit schlammigem Grund und trübem Wasser meiden sie.


Schrittweise Metamorphose

Im Unterschied zu den flugfähigen, tagaktiven Erwachsenen sind die Larven der Grünen Flussjungfer vor allem nachts rege. Tagsüber graben sie sich im Sand oder Kies ein oder verbergen sich unter Steinen; in der Abenddämmerung kommen sie dann hervor, um auf Nahrungssuche zu gehen. Sie betätigen sich als Beutegreifer und setzen dabei ihre zur «Fangmaske» umgestaltete, stark verlängerte Unterlippe ein. Im Allgemeinen betreiben sie die Lauerjagd, warten also bewegungslos ab, bis ein ahnungsloses Beutetier in ihre Reichweite gelangt. Hin und wieder gehen sie aber auch aktiv auf Beutefang. Zum Opfer fällt ihnen ein breites Spektrum aquatischer Kleintiere, hauptsächlich Wirbellose, wenn sie älter und grösser sind aber auch Kaulquappen, kleine Fische und junge Molche.

Die Grünen Flussjungfern verbringen gewöhnlich drei, manchmal sogar vier Jahre als Larve im Wasser. Während der frostigen Wintermonate verfallen sie vorübergehend in einen Ruhezustand. Die restliche Zeit des Jahres nehmen sie jedoch viel Nahrung zu sich und sprengen in regelmässigen Abständen ihre Chitinhaut, um wachsen zu können. Bis sie bereit sind, sich zum flugfähigen, erwachsenen Tier zu verwandeln, durchlaufen sie mehr als zehn Häutungen.

Bei den Libellen erfolgt eine allmähliche, schrittweise Metamorphose, keine vollständige wie bei vielen anderen Insektengruppen. Bei Letzteren, zu denen beispielsweise die Schmetterlinge und Fliegen gehören, haben die Larven keinerlei Ähnlichkeit mit den Erwachsenen. Die Transformation bedarf deshalb eines oft Wochen oder Monate dauernden Übergangsstadiums, Puppe genannt. Bei den Libellen, wie auch beispielsweise bei den Heuschrecken und den Wanzen, fehlt ein Puppenstadium. Bei ihnen haben die Larven von Anfang an eine entfernte Ähnlichkeit mit den Erwachsenen, und werden diesen immer ähnlicher - obschon sie im Falle der Libellen nicht an Land, sondern im Wasser leben. In der Tat ist bei den Libellenlarven die Gliederung in Kopf (Caput), Brust (Thorax) und Hinterleib (Abdomen) gut erkennbar, es sind drei Beinpaare vorhanden, und sogar die Flügel sind ansatzweise schon vorhanden. Eigentlich sollte man sie darum nicht als Larven, sondern als Nymphen bezeichnen; das ist aber nicht üblich.

Die Metamorphose zur Endstufe, zum erwachsenen, flugfähigen Insekt, findet bei den Grünen Flussjungfern stets in den warmen Sommermonaten statt, zwischen Ende Mai und Anfang August. Gewöhnlich an einem warmen, windstillen Tag verlässt die Larve frühmorgens das Wasser, kriecht an einem Pflanzenstängel, an einem Baumstrunk oder an einem Stein empor und klammert sich mit den Fusskrallen fest. Anschliessend platzt die Larvenhaut am Rücken auf, und die Libelle zwängt sich heraus. Die lappigen Flügel entfalten sich durch Einpumpen von Körperflüssigkeit, und der Hinterleib wird gestreckt. Bis zur Aushärtung der Flügel und der Haut vergehen oft mehrere Stunden.


Kurzes Erwachsenenleben

Anfänglich sind die flugfähigen Grünen Flussjungfern sehr blass in ihrer Färbung und noch nicht fortpflanzungsfähig. Sie entfernen sich gewöhnlich von ihrem Geburtsgewässer und verteilen sich während einer etwa dreiwöchigen Reifungsperiode mehrere Kilometer entfernt im Umland, besuchen dann auch oft benachbartes Hügel- und Bergland.

Wie als Larven sind sie auch als flugfähige Tiere tüchtige Beutegreifer. Im Unterschied zu vielen anderen Libellenarten betreiben sie keine Ansitzjagd. Sie lauern also nicht auf einem Zweig oder an einem Halm und schiessen jeweils los, wenn ein Beutetier vorbeifliegt. Stattdessen patrouillieren sie unermüdlich - oft stundenlang - über niedriger Vegetation oder vielfach entlang von Pfaden, Uferstreifen oder anderen länglichen Landschaftselementen hin und her. Ihre normale Patrouilliergeschwindigkeit liegt gewöhnlich bei weniger als 15 Kilometern je Stunde. Entdecken sie jedoch ein mögliches Opfer, so können sie bemerkenswerte Sprints zeigen, bei denen sie kurzfristig Geschwindigkeiten von 45 bis 50 Kilometer je Stunde erreichen - wobei aber die Frequenz ihres Flügelschlags mit etwa 30 Schlägen pro Sekunde überraschend langsam bleibt. Zu ihren Beutetieren gehören andere Fluginsekten wie Stechmücken, Schwebfliegen, Schmetterlinge, Wespen und auch kleinere Libellen. Ihre Opfer fangen sie jeweils in ihren wie einen «Fangkorb» getragenen, bedornten Beinen und zerbeissen und verspeisen sie gleich im Flug.

Im Alter von etwa drei Wochen sind die geflügelten Grünen Flussjungfern ausgefärbt und fortpflanzungsfähig. In diesem Stadium suchen die Männchen ein geeignetes Fliessgewässer auf und beginnen sich dort den Weibchen zu präsentieren, indem sie Stellung auf Felsen oder an Ästen beziehen oder langsam über dem Wasser dahinschweben. Alsbald treffen dann auch die Weibchen ein und schicken sich an, einen Partner auszuwählen. Bei der Paarung, welche fünf bis zehn Minuten lang dauert, bilden Männchen und Weibchen das für Libellen typische «Paarungsrad».

Nachdem sich die beiden Partner voneinander gelöst haben, fliegt das Weibchen zu einer günstigen Stelle am Ufer des ausgewählten Gewässers. Dort presst es im Sitzen mit angehobenem Hinterleib einen erbsengrossen Eiballen aus, den es anschliessend im Flug mit senkrechten Wippbewegungen auf der Wasseroberfläche nach und nach abstreift.

Wie bei fast allen Libellenarten dauert das Erwachsenenleben bei der Grünen Flussjungfer gewöhnlich nur sechs bis acht Wochen und höchstens etwas drei Monate. Die Flugzeit der Grünen Flussjungfern endet darum im Oktober.


Bestände erholen sich

Aufgrund ihrer engen Bindung an klare und nur gering mit Schadstoffen belastete Fließgewässer gingen die Bestände der Grünen Flussjungfer nach 1950 in weiten Bereichen Mitteleuropas zurück, teils schwanden sie massiv, teils verschwanden sie sogar vollständig. Hauptgefährdungsfaktoren waren neben Schad- und Nährstoffeinleitungen auch wasserbauliche Maßnahmen wie die Begradigung des Gewässerlaufs und die Befestigung der Gewässerufer, ferner die Ausbaggerung des Gewässerbetts zur Verbesserung der Schiffbarkeit.

Erfreulicherweise haben diverse Gewässerschutzmassnahmen in ganz Mitteleuropa gegen Ende des 20. Jahrhunderts wenigstens gebietsweise eine Verbesserung der Wasserqualität und des Gewässerzustands bewirkt, so dass die rückläufige Bestandsentwicklung der Grünen Flussjungfer gebremst werden konnte. Gebietsweise deutet sich heute sogar eine Bestandserholung und Wiederausbreitung an. Insgesamt, als Art mit weitem Verbreitungsgebiet, gilt die Grüne Flussjungfer darum gemäss der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) gegenwärtig nicht als in ihrem Fortbestand gefährdet. In Deutschland und in der Schweiz wird sie aber weiterhin auf der nationalen Roten Liste als «Stark gefährdet» eingestuft, in Österreich je nach Bundesland als «Vom Aussterben bedroht», «Stark Gefährdet» oder «Potenziell gefährdet».




Legenden

Weltweit sind rund 5000 Libellenarten bekannt. Ungefähr 100 kommen in Europa vor, darunter die Grüne Flussjungfer (Ophiogomphus cecilia). Mit einer Körperlänge von 5 bis 6 Zentimetern und einer Flügelspannweite von 6,5 bis 7,5 Zentimetern gehört sie zu den grösseren der europäischen Libellen. Männchen (links) und Weibchen (unten) sehen in etwa gleich aus, doch ist der Hinterleib bei den Weibchen dicker und am Ende kaum keulig verdickt.

Das Verbreitungsgebiet der Grünen Flussjungfer liegt schwergewichtig in Osteuropa, erstreckt sich aber nordwärts bis Finnland, ostwärts bis Kasachstan, südwärts bis zum Balkan und westwärts bis zum Rhein. Innerhalb dieses Areals kommt die Grüne Flussjungfer im Allgemeinen im Tiefland unterhalb 500 Metern ü.M. vor. Ihre Larven wachsen, wie der Gattungsname andeutet, normalerweise in klaren, naturnahen Fliessgewässern heran, von Bächen mit einer Tiefe von mindestens einem halben Meter bis hin zu grösseren Strömen.

Im Unterschied zu den flugfähigen, tagaktiven Erwachsenen sind die wasserlebenden Larven der Grünen Flussjungfer vor allem nachts rege. Sie betätigen sich als Beutegreifer und setzen dabei ihre zur «Fangmaske» umgestaltete, stark verlängerte Unterlippe ein. Zum Opfer fällt ihnen ein breites Spektrum aquatischer Kleintiere, anfangs hauptsächlich Wirbellose, wenn sie älter und grösser sind jedoch auch Kaulquappen, junge Molche und kleine Fische.

Im Alter von gewöhnlich drei Jahren und nach mehr als zehn Häutungen ist die Larve der Grünen Flussjungfer bereit für die Verwandlung zum erwachsenen, flugfähigen Insekt. Eines schönen Tages verlässt sie frühmorgens das Wasser, kriecht an einem Pflanzenstängel, einem Baumstrunk oder einem Stein empor und klammert sich mit den Fusskrallen fest. Anschliessend platzt die Larvenhaut am Rücken auf, und die Libelle zwängt sich heraus. Die lappigen Flügel entfalten sich durch Einpumpen von Körperflüssigkeit, und der Hinterleib wird gestreckt.

Wie als Larven sind die Grünen Flussjungfern auch als erwachsene, flugfähige Tiere tüchtige Jäger. Anlässlich ihrer «Patrouillenflüge» erbeuten sie diverse andere Fluginsekten, darunter Stechmücken, Schwebfliegen, Schmetterlinge und Wespen. Ihre Opfer fangen sie jeweils in ihren wie einen «Fangkorb» getragenen, bedornten Beinen und zerbeissen und verspeisen sie gleich im Flug. Wie bei fast allen Libellenarten dauert das Erwachsenenleben bei der Grünen Flussjungfer gewöhnlich nur etwa sechs bis acht Wochen.




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