Gaukler

Terathopius ecaudatus


© 2012 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)










Artwork © Owen Bell



Der Gaukler (Terathopius ecaudatus) ist zwar keineswegs der grösste Adler Afrikas, gewiss aber einer der bekanntesten. Dies hat teils mit seinem charakteristischen Äusseren zu tun, vor allem aber mit seinen spektakulären Balzflügen, die sich durch Seitenrollen, Purzelbäume, Taumeln, Rückenflug und andere akrobatische Leistungen auszeichnen. Es sind diese «Zirkuskunststücke» am Himmel, denen er ja auch seinen volkstümlichen Namen verdankt.

Auf Französisch heisst Gaukler «Bateleur», und diesen Namen gab ihm sein wissenschaftlicher Erstbeschreiber, der französische Ornithologe François Levaillant, als er ihn im 1799 erschienenen Band 1 seiner 6-bändigen «Histoire naturelle des Oiseaux d’Afrique» (Naturgeschichte der Vögel Afrikas) vorstellte. «Le Vaillant», wie der Ornithologe oft genannt wurde, war ein strikter Gegner der binomialen Nomenklatur, also der zweiteiligen wissenschaftlichen Benennung der Tierarten, die heute allgemein üblich ist. Diese war vom schwedischen Naturforscher Carl von Linné anlässlich der 10. Auflage seines Werks «Systema Naturae» 1758 für das Tierreich (Band 1) und 1759 für das Pflanzenreich (Band 2) begründet worden und fand rasch allgemeine Anerkennung. Jedoch nicht bei Le Vaillant. So kommt es, dass der Gaukler seinen wissenschaftlichen Namen Terathopius ecaudatus erst ein Jahr später, 1800, erhielt, und zwar vom französischen Zoologen François-Marie Daudin.


Ein «schwanzloser» Schlangenadler

Der Gaukler gehört innerhalb der Ordnung der Greifvögel (Falconiformes) zur Familie der Habichtartigen (Accipitridae) und da zur Unterordnung der Schlangenadler (Circaetinae), welche 15 Arten in 5 Gattungen umfasst. Es handelt sich um 6 Arten von Eigentlichen Schlangenadlern in der Gattung Circaetus, 6 Arten von Schlangenweihen in der Gattung Spilornis und je 1 Schlangenbussard, 1 Affenadler und 1 Gaukler in den Gattungen Dryotriorchis, Pithecophaga und Terathopius.

Der Gaukler weist als erwachsener Vogel bei einer beachtlichen Spannweite von gewöhnlich 170 bis 180 Zentimetern eine Länge von nur etwa 55 bis 65 Zentimetern auf. Dieses «Missverhältnis» ist auf seinen überaus kurzen Schwanz zurückzuführen, dem er den Zusatz ecaudatus («schwanzlos») in seinem wissenschaftlichen Artnamen verdankt. Das Gewicht der erwachsenen Individuen beträgt im Allgemeinen zwischen 2 und 2,5 Kilogramm.

Die Weibchen sind im Durchschnitt nur wenig grösser und schwerer als die Männchen, und auch die Färbung ist bei den beiden Geschlechtern sehr ähnlich. Die Weibchen lassen sich aber dennoch gut von den Männchen unterscheiden, und zwar anhand ihrer hellgrauen, nur an den Spitzen schwarz gefärbten Armschwingen. Die jugendlichen Individuen haben ein einheitlich braunes Gefieder, ein blaues Gesicht und grauweisse Füsse.

Der Gaukler hat ein sehr weites Verbreitungsgebiet, das sich über die meisten Bereiche Afrikas südlich der Sahara erstreckt. Das Brutareal reicht vom südlichen Mauretanien im Westen bis zum westlichen Somalia im Osten und zum nördlichen Südafrika im Süden. Ferner umfasst es die südwestliche Ecke der Arabischen Halbinsel, welche ja im Süden des Roten Meers, bei der Meerenge Bab al-Mandab, bis auf 27 Kilometer an den afrikanischen Kontinent heran reicht.

Einzig die Tiefland-Regenwaldregionen Westafrikas und des zentralafrikanischen Kongobeckens sowie ein paar grossflächige Sumpflandschaften schliesst das Artverbreitungsgebiet nicht mit ein, denn der Gaukler ist ein Vogel des trockenen Offenlands. Sein bevorzugter Lebensraum sind die ausgedehnten Savannenlandschaften mit eingestreuten Akazien, Baobabs und weiteren kräftigen Einzelbäumen von Meereshöhe bis in Lagen von etwa 3000 Metern ü.M. Er bewohnt aber in dünneren Beständen durchaus auch lichte Mopane- und Miombo-Waldlandschaften sowie Dornbusch-Halbwüsten, und er konnte auch schon in Lagen von 4500 Metern ü.M. gesichtet werden. Hinsichtlich seiner Lebensraumansprüche ist der Gaukler sehr anpassungsfähig.


Von Heuschrecken bis Springhasen

Sehr flexibel zeigt sich der Gaukler auch hinsichtlich seiner Jagdmethoden und seiner Kost. Tatsächlich erweist er sich bei der Beutesuche als sehr einfallsreich, und er ernährt sich von jedem Lebewesen, das er zu überwältigen vermag - von Heuschrecken bis hin zu kleinen Antilopen. Selbst frischtote Tiere verschmäht er nicht.

Im Allgemeinen verbringt der Gaukler einen Grossteil, das heisst bis achtzig Prozent des Tages im Suchflug und durchstreift dabei täglich ein Gebiet von etwa 50 bis 200 Quadratkilometern. Im Allgemeinen fliegt er zügig in geringer Höhe dahin und versucht, etwaige Beutetiere durch sein plötzliches Auftauchen zu überraschen. Manchmal kreist er aber auch hoch am Himmel, von wo aus er einen weiten Überblick hat. Nicht selten patrouilliert er sodann Strassen entlang und sucht nach möglichen Unfallopfern. Und auch dort, wo Buschbrände die lokale Tierwelt zur Flucht veranlassen, findet er sich gerne ein. Hin und wieder macht er Jagd von einem Ansitz aus. Und mitunter beraubt er Geier und andere Greifvögel, indem er sie attackiert und zur Hergabe ihrer Beute veranlasst.

Schnelle Beutetiere erjagt er, indem er im rasanten Sturzflug auf sie niederschiesst und sie mit seinen kräftigen und scharfen Krallen durchbohrt. So erbeutet er nicht nur bodenlebende Tiere, sondern dank seiner enormen Flugfertigkeit auch Vögel im Flug. Bei langsamen oder toten Beutetieren schwebt er hingegen langsam heran und spart sich den riskanten Sturzflug.

Seine Kost besteht zu einem grossen Teil aus mittelgrossen Vögeln, darunter Tauben, Kiebitze (Vanellus) und Frankoline (Francolinus). Unter den Säugetieren bilden Nagetiere aller Art bis zur Grösse der Springhasen (Pedetes) wichtige Beutetiere. Seine Kost umfasst aber auch Vogeleier, Insekten aller Art, Schildkröten und Schlangen sowie Frösche und sogar Fische, die er im seichten Wasser zu überraschen vermag.


Das Männchen klatscht lautstark

Die erwachsenen Gaukler leben im Allgemeinen in einer festen Paarbeziehung, die meistens erst durch den Tod eines der beiden Partner aufgelöst wird. Im Umfeld seines Horstes verhält sich das Paar das ganze Jahr über territorial, duldet also keine Artgenossen in diesem Bereich. Das restliche Streif- und Jagdgebiet beansprucht es hingegen nicht zur alleinigen Nutzung, sondern duldet darin herumstreichende junge wie alte Artgenossen beiderlei Geschlechts.

Alljährlich vor der Brut festigen die beiden Partner ihren Paarbund durch verschiedene Balzhandlungen, bestätigen einander so den Willen, für Nachwuchs zu sorgen, und beweisen einander ihre körperliche Fitness. Eindrucksvoll sind vor allem ihre spektakulären Flugmanöver, die sie am Himmel zeigen. Dabei gleiten sie gemeinsam durch die Luft, schlagen Salti, vollführen Rollen in beide Richtungen und kippen wie Jagdflugzeuge seitlich weg. Manchmal dreht sich das Weibchen auf den Rücken, so dass sich die beiden an den Krallen verhaken und gemeinsam durch die Luft wirbeln können. Und vor allem das Männchen beschleunigt immer wieder so stark, dass seine Flügel über dem Rücken zusammenschlagen und klatschende, weithin hörbare Laute erzeugen. Damit sollen wohl Artgenossen in der Umgebung nicht nur optisch, sondern auch akustisch über die bevorstehende Hochzeit informiert und auf Distanz gehalten werden.

Seinen Horst erbaut das Gauklerpaar in der Krone eines grossen, zumeist einzeln stehenden Baums. Der Unterbau besteht aus Knüppeln, Ästen und Zweigen und weist einen Durchmesser von zumeist 50 bis 80 Zentimetern auf; die Nestmulde wird mit grünen Blättern ausgekleidet. Normalerweise verwendet das Paar nach Möglichkeit Jahr für Jahr denselben Horst, denn das Angebot an geeigneten Nistbäumen ist meistenorts beschränkt.

Die Brutzeit ist von den örtlichen klimatischen Gegebenheiten abhängig und fällt darum je nach Region in unterschiedliche Monate. Im westlichen Afrika finden die meisten Bruten zwischen September und Mai statt, im südlichen Afrika zwischen Dezember und August, und im östlichen Afrika sind sie ziemlich regelmässig über das ganze Jahr verteilt.

Das Gelege besteht aus einem einzelnen weissen, oft rötlich gesprenkelten, rauschaligen Ei. Mit einer Grösse von etwa 7,5 x 6 Zentimetern ist es recht voluminös. Die Entwicklungszeit des Embryos im Ei dauert etwa acht Wochen und gehört damit zu den längsten unter allen afrikanischen Adlern. Das Weibchen übernimmt den Grossteil des Ausbrütens. Das Männchen verbringt viel Zeit neben dem Horst und hält Wache, geht aber auch regelmässig auf die Jagd, um seine Partnerin und sich selbst mit Futter zu versorgen.

Nach dem Schlüpfen trägt der junge Gaukler ein weisses Daunenkleid. Sein erstes Jugendkleid beginnt im Alter von etwa einem Monat zu spriessen und ist im Alter von etwa drei Monaten komplett. Er unternimmt dann seine ersten Flugversuche, und alsbald verlässt er in Begleitung seiner Eltern den Horst. Es dauert allerdings weitere drei bis vier Monate, bis er sich selbstständig zu ernähren und von seinen Eltern zu lösen vermag, wobei er jedoch oft noch monatelang im elterlichen Streifgebiet verweilt.

Die Jungvögel erreichen nach vier bis sechs Jahren die Geschlechtsreife und sind nach sechs bis acht Jahren ganz ausgefärbt. Während die erwachsenen Gaukler ein weitgehend standorttreues Leben führen, lösen sich die jungen Gaukler gelegentlich von ihrem Geburtsort und ziehen jahrelang nomadisch umher. Erst nachdem sie fortpflanzungsfähig geworden sind, suchen sie sich - oftmals weit vom elterlichen Streifgebiet entfernt - ein eigenes Revier, in welchem sie sich niederlassen und mit einem Partner zusammentun können.


Verdrängt und vergiftet

Aufgrund von Freilandstudien über das Verhalten der Gaukler wissen wir, dass dem Gauklerpaar im Durchschnitt nur etwa alle drei Jahre die Aufzucht eines Jungvogels gelingt. Ferner haben Erhebungen gezeigt, dass weniger als dreissig Prozent aller jungen Gaukler so lange überleben, dass sie ihrerseits zur Fortpflanzung schreiten können. Die natürliche Nachzuchtrate der imposanten Adler ist also sehr gering.

Rechnerisch wettgemacht wird dies dadurch, dass die natürliche Lebenserwartung der Gaukler mit ungefähr vierzig Jahren recht hoch ist. Es überlebt also stets eine ausreichende Zahl von Jungvögeln, um die unter den Altvögeln durch Tod entstehenden Lücken zu füllen und den Fortbestand der Art zu sichern. Diese Rechnung stimmt allerdings nur unter natürlichen Bedingungen und geht nicht mehr auf, wenn der Mensch allzu stark in das natürliche Gefüge eingreift.

Der Gaukler galt bis 2008 als nicht in seinem Fortbestand gefährdet, weil er eine enorm weite Verbreitung aufweist und vielerorts recht häufig vorzukommen scheint. Seit 2009 steht er nun als «Potenziell gefährdet» auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten der Weltnaturschutzunion (IUCN). Es hat sich nämlich in Fachkreisen die Ansicht durchgesetzt, dass der Gaukler aufgrund seiner fast ständigen Präsenz im Luftraum und aufgrund seiner auffälligen Flugmanöver erheblich zahlreicher zu sein scheint, als er tatsächlich ist. Sein Gesamtbestand im ganzen Artverbreitungsgebiet wird derzeit auf lediglich noch 10 000 bis 100 000 Individuen geschätzt.

Zur Aufnahme in die Rote Liste beigetragen hat aber vor allem, dass seine Bestände in vielen Regionen nachweislich rückläufig sind. Eine deutliche Verminderung der Gauklerbestände ist unter anderem für die Elfenbeinküste, Nigeria, den Sudan, Kenia, Somalia, Namibia, Botsuana und Südafrika verzeichnet worden. In Nigeria beispielsweise scheint der Gauklerbestand in dreissig Jahren um mehr als fünfzig Prozent geschwunden zu sein. Und im Norden Südafrikas ging die Zahl der besetzten Nestterritorien allein zwischen 1988 und 1994 um dreizehn Prozent zurück.

Die Ursachen für die Abnahme der Gauklerbestände sind vielfältig, und die Bedeutung der verschiedenen Schadfaktoren ist regional unterschiedlich. Als hauptsächliche Schadfaktoren zu nennen sind erstens die Umnutzung von Lebensraum durch den Menschen, das heisst vor allem der Verlust von geeigneten Nistbäumen und die Verminderung der Beutetierbestände, zweitens die Vergiftung durch Giftköder, welche hauptsächlich zur Bekämpfung von Schakalen ausgelegt werden, drittens die Abnahme des Bruterfolgs durch vermehrte Störungen in Horstnähe, weil der Mensch in immer entlegenere Gegenden vordringt, und viertens der Fang nestjunger Gaukler für den internationalen Zootierhandel.

Es scheint derzeit keine gezielten Artenschutzmassnahmen zugunsten des Gauklers zu geben. Von der IUCN wird vorgeschlagen, dass versucht werden sollte, die auf dem Land lebende afrikanische Bevölkerung durch gezielte Informationskampagnen von der ökologisch bedenklichen Ausbringung von Giftködern abzubringen. Dies dürfte dem Gaukler innerhalb nützlicher Frist wenig helfen. Tröstlich ist darum, dass er in den zahlreichen gut geführten und teils sehr grossflächigen afrikanischen Nationalparks sichere Rückzugsgebiete gefunden hat, die ihm nach menschlichem Ermessen das Überleben auch auf längere Sicht erlauben sollten.




Legenden

Der Gaukler (Terathopius ecaudatus) weist als erwachsener Vogel im Allgemeinen eine Länge von 55 bis 65 Zentimetern, eine Spannweite von 170 bis 180 Zentimetern und ein Gewicht von 2 bis 2,5 Kilogramm auf. Das Weibchen (unten) ist im Durchschnitt nur unwesentlich grösser und schwerer als das Männchen (links) und auch ähnlich gefärbt wie dieses. Es lässt sich aber dennoch anhand seiner hellgrauen, nur an den Spitzen schwarz gefärbten Armschwingen gut vom Männchen unterscheiden.

Die Heimat des Gauklers sind die offenen, trockenen Savannen- und Halbwüstenlandschaften südlich der Sahara. Das Brutareal reicht vom südlichen Mauretanien ostwärts bis zum westlichen Somalia und südwärts bis zum nördlichen Südafrika. Ferner umfasst es die südwestliche Ecke der Arabischen Halbinsel. Die erwachsenen Gaukler leben gewöhnlich in einer festen Paarbeziehung, die erst durch den Tod eines der beiden Partner aufgelöst wird.

Der Gaukler verbringt meistens einen Grossteil des Tages im Suchflug und durchstreift dabei täglich ein Gebiet von etwa 50 bis 200 Quadratkilometern. Im Allgemeinen fliegt er zügig in geringer Höhe dahin und versucht, etwaige Beutetiere durch sein plötzliches Auftauchen zu überraschen. Hinsichtlich seiner Opfer ist er nicht wählerisch, sondern ergreift praktisch jedes Lebewesen, das er zu überwältigen vermag - von Heuschrecken bis hin zu kleinen Antilopen. Selbst frischtote Tiere verschmäht er nicht.

Das Gelege des Gauklerpaars besteht in der Regel aus einem einzelnen Ei. Der Jungvogel schlüpft nach etwa acht Wochen aus dem Ei, ist nach ungefähr drei Monaten flugfähig, und benötigt weitere drei bis vier Monate, bis er sich selbstständig zu ernähren und von seinen Eltern zu lösen vermag. Die Lebenserwartung unter natürlichen Bedingungen ist mit ungefähr vierzig Jahren recht hoch.

Der Gaukler ist zwar keineswegs der grösste Adler Afrikas, gewiss aber einer der bekanntesten. Dies hat teils mit seinem charakteristischen Äusseren zu tun, vor allem aber mit seinen spektakulären Balzflügen, die sich durch Seitenrollen, Purzelbäume, Taumeln, Rückenflug und andere akrobatische Leistungen auszeichnen. Es sind diese «Zirkuskunststücke» am Himmel, denen er seinen volkstümlichen Namen verdankt.




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