Gaukler

Terathopius ecaudatus


© 2012 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Der Gaukler (Terathopius ecaudatus) ist zwar keineswegs der grösste Adler Afrikas, gewiss aber einer der bekanntesten. Dies hat teils mit seinem charakteristischen Äusseren zu tun, vor allem aber mit seinen spektakulären Balzflügen, die sich durch Seitenrollen, Purzelbäume, Taumeln, Rückenflug und andere akrobatische Leistungen auszeichnen. Es sind diese «Zirkuskunststücke» am Himmel, denen er seinen volkstümlichen Namen verdankt.

Als erwachsener Vogel weist der Gaukler bei einer beachtlichen Spannweite von gewöhnlich 170 bis 180 Zentimetern eine Länge von nur etwa 55 bis 65 Zentimetern auf. Dieses «Missverhältnis» ist auf seinen sehr kurzen Schwanz zurückzuführen, dem er das Adjektiv ecaudatus («schwanzlos») in seinem wissenschaftlichen Artnamen verdankt. Das Gewicht der erwachsenen Individuen beträgt im Allgemeinen zwischen 2 und 2,5 Kilogramm.

Die Weibchen sind im Durchschnitt nur unwesentlich grösser und schwerer als die Männchen und auch ähnlich gefärbt wie diese. Sie lassen sich aber dennoch anhand ihrer hellgrauen, nur an den Spitzen schwarz gefärbten Armschwingen gut von den Männchen unterscheiden. Die jugendlichen Individuen sind durch ein einheitlich braunes Gefieder gekennzeichnet.

Die Heimat des Gauklers sind die offenen, trockenen Savannen- und Halbwüstenlandschaften südlich der Sahara. Das Brutareal ist sehr ausgedehnt und reicht vom südlichen Mauretanien ostwärts bis zum westlichen Somalia und südwärts bis zum nördlichen Südafrika. Ferner umfasst es die südwestliche Ecke der Arabischen Halbinsel.

Im Allgemeinen verbringt der Gaukler einen Grossteil des Tages im Suchflug und durchstreift dabei täglich ein Gebiet von etwa 50 bis 200 Quadratkilometern. Im Allgemeinen fliegt er zügig in geringer Höhe dahin und versucht, etwaige Beutetiere durch sein plötzliches Auftauchen zu überraschen. Hinsichtlich seiner Opfer ist er nicht wählerisch, sondern ergreift praktisch jedes Lebewesen, das er zu überwältigen vermag - von Heuschrecken bis hin zu kleinen Antilopen. Selbst frischtote Tiere verschmäht er nicht.

Schnelle Beutetiere erjagt er, indem er im rasanten Sturzflug auf sie niederschiesst und sie mit seinen kräftigen, scharfen Krallen durchbohrt. So erbeutet er nicht nur bodenlebende Tiere, sondern dank seiner enormen Flugfertigkeit auch Vögel im Flug. Bei langsamen oder toten Beutetieren schwebt er hingegen langsam heran und spart sich den riskanten Sturzflug.

Die erwachsenen Gaukler leben im Allgemeinen in einer festen Paarbeziehung, die erst durch den Tod eines der beiden Partner aufgelöst wird. Seinen Horst erbaut das Gauklerpaar in der Krone eines grossen, einzeln stehenden Baums. Der Unterbau besteht aus Knüppeln, Ästen und Zweigen und weist einen Durchmesser von gewöhnlich 50 bis 80 Zentimetern auf. Die Nestmulde wird mit grünen Blättern ausgekleidet.

Das Gelege des Gauklerpaars besteht in der Regel aus einem einzelnen Ei. Der Jungvogel schlüpft nach etwa acht Wochen aus dem Ei, ist nach ungefähr drei Monaten flugfähig, und benötigt weitere drei bis vier Monate, bis er sich selbstständig zu ernähren und von seinen Eltern zu lösen vermag. Nach vier bis sechs Jahren erreicht er die Fortpflanzungsfähigkeit, und nach sechs bis acht Jahren ist er ganz ausgefärbt. Die Lebenserwartung unter natürlichen Bedingungen ist mit ungefähr vierzig Jahren recht hoch.

Der Gaukler steht in der Kategorie «Potenziell gefährdet» auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten der Weltnaturschutzunion (IUCN). Sein Gesamtbestand im ganzen Artverbreitungsgebiet wird derzeit auf lediglich noch 10 000 bis 100 000 Individuen geschätzt und ist in vielen Regionen weiterhin rückläufig. Ein deutlicher Schwund der Gauklerbestände ist unter anderem für die Elfenbeinküste, Nigeria, den Sudan, Kenia, Somalia, Namibia, Botsuana und Südafrika verzeichnet worden.

Die Ursachen für den Rückgang der Gauklerbestände sind vielfältig, und die Bedeutung der verschiedenen Schadfaktoren ist je nach Region unterschiedlich. Als hauptsächliche Schadfaktoren zu nennen sind erstens die Umnutzung von Lebensraum durch den Menschen, das heisst vor allem der Verlust von geeigneten Nistbäumen und die Verminderung der Beutetierbestände, zweitens die Vergiftung durch Giftköder, welche zur Bekämpfung von Schakalen und weiteren «Viehdieben» ausgelegt werden, und drittens die Abnahme des Bruterfolgs durch vermehrte Störungen in Horstnähe, weil der Mensch in immer entlegenere Gegenden vordringt.

Tröstlich ist immerhin, dass der Gaukler in den zahlreichen gut geführten und teils sehr grossflächigen afrikanischen Nationalparks sichere Rückzugsgebiete gefunden hat, die ihm nach menschlichem Ermessen das Überleben auch auf längere Sicht erlauben sollten.




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