Gilbflaumfusstaube

Ptilinopus perousii


© 2012 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Tauben (Columbidae), die einzige Familie innerhalb der Ordnung der Taubenvögel (Columbiformes), umfasst rund 300 Arten, welche von der Arktis und der Antarktis abgesehen praktisch rund um den Erdball herum ein sehr breites Spektrum von Lebensräumen bewohnen. Ein Mitglied der Familie gehört zweifellos zu den bestbekannten aller Vögel, nämlich die in Städten auf der ganzen Welt - von Alaska bis Neuseeland - allgegenwärtige Stadttaube. Sie stammt von Haustauben ab, welche einst aus der Menschenobhut entwichen, verwilderten und - ohne Scheu vor dem Menschen - Städte als ihren Lebensraum auserkoren. Die Haustauben stammten ihrerseits von der Felsentaube (Columba livia) ab, die schon früh im Orient für den menschlichen Verzehr domestiziert worden war. Haustauben werden zwar noch heute verbreitet vom Menschen gehalten und weitergezüchtet, inzwischen aber nur noch selten wegen des wohlschmeckenden Fleischs (Nahrung), sondern vor allem als Brieftauben (Sport) und als Rassetauben (Hobby).

Wie die Stadttaube weisen die meisten Taubenarten ein graues, graublaues oder beigebraunes Gefieder auf. Es gibt aber auch mehrere recht bunt gefärbte Taubenarten. Zu diesen zählt die Gilbflaumfusstaube (Ptilinopus perousii), von der hier berichtet werden soll.


Auf Fidschi, Tonga und Samoa heimisch

Die Flaumfusstauben (Ptilinopus) bilden die umfangreichste der insgesamt etwa 40 Gattungen innerhalb der Familie der Tauben. Ihr gehören rund 50 im malaiisch-australisch-südpazifischen Raum heimische Arten an. Die Gilbflaumfusstaube kommt auf den Inseln des Fidschi-, des Tonga- und des Samoa-Archipels vor. Sie ist eine ausgeprägte Baumbewohnerin. Die meiste Zeit hält sie sich im Kronendach der Inselwälder auf und kommt kaum je auf den Boden hinunter.

Mit einer Länge von etwa 23 Zentimetern gehört die Gilbflaumfusstaube zu den kleineren Mitgliedern der Taubenfamilie (Stadttaube: 31-34 Zentimeter). Die beiden Geschlechter sind von ähnlicher Grösse, jedoch klar unterschiedlich gefärbt, was innerhalb der Taubensippe recht ungewöhnlich ist. Augenfällig ist vor allem, dass bei den Weibchen das bei den Männchen vorhandene rote Schulterband fehlt, dass der Brustfleck grau und nicht rot ist, und dass der Rücken und die Oberseite der Flügel mittelgrün sind, nicht hell graugelb.

Interessanterweise unterscheiden sich die Weibchen auf dem Samoa-Archipel von denen auf dem Tonga- und dem Fidschi-Archipel hinsichtlich der Färbung der Unterschwanzdecken. Diese sind auf Samoa rot, auf Tonga und Fidschi hingegen gelb. Die Bestände dürften also seit längerer Zeit genetisch getrennt leben und werden darum in zwei Unterarten gegliedert: Ptilinopus perousii perousii auf Samoa und Ptilinopus perousii mariae auf Tonga und Fidschi.

Innerhalb der Taubenfamilie zählen die Flaumfusstauben zu den «Fruchttauben», was kein verwandtschaftlich begründeter Begriff ist, sondern ein gattungs- und unterfamilienübergreifender, der einzig die Ernährungsgewohnheiten berücksichtigt. In der Tat setzt sich ihre Kost hauptsächlich bis ausschliesslich aus Früchten zusammen. Eine grosse Ausnahme bildet die Tuamotu-Flaumfusstaube (Ptilinopus coralensis), welche ein paar Atolle in Französisch-Polynesien bewohnt, wo Früchte tragende Bäume Mangelware sind. Notgedrungen hat sie dort auf eine Kost umgestellt, welche mehrheitlich Insekten und kleine Echsen umfasst. Dies ist nicht nur unter den Flaumfusstauben, sondern unter den Tauben im Allgemeinen höchst ungewöhnlich. Die Tauben sind sonst allesamt ausgesprochene Vegetarier.

In ihrer Inselheimat ernährt sich die Gilbflaumfusstaube von den Früchten und Beeren diverser einheimischer wie auch eingeführter Bäume und Sträucher. Zu nennen sind beispielsweise Bischofia javanica, Trema orientalis und Cananga odorata. Ihre weitaus bedeutsamste Futterquelle bilden jedoch die im Alter oft mächtigen, über das restliche Walddach hinausragenden Wildfeigenbäume aus der Gruppe der Banyans.

Als Banyans werden ein paar nah verwandte tropische Baumarten innerhalb der 750 bis 800 Arten umfassenden Gattung der Feigen (Ficus) bezeichnet, welche - wie wir gleich sehen werden - eine besonders interessante Wuchsform haben. Die verwandtschaftlichen Beziehungen der Banyans untereinander und damit ihre systematische Gliederung sind sehr verwirrend und nicht abschliessend geklärt. Die auf den südpazifischen Inseln wild vorkommenden Banyans werden von den Botanikern im Allgemeinen als «Ficus obliqua/prolixa» bezeichnet - womit sie andeuten wollen, dass es im Feld praktisch unmöglich ist, einen bestimmten Baum einer der beiden Arten zuzuordnen.

Die Banyans haben eine kennzeichnende Art des Wachstums: Sie sind sogenannte «Würger». Ihr Leben beginnt gewöhnlich hoch oben im Kronendach als unverdauter Same im Kot eines Vogels, den dieser ausgerechnet an eine feuchte, mit Laub und anderen Pflanzenresten angereicherte Stelle hat fallen lassen - also beispielsweise in ein Astloch oder in einen Rindenspalt. Dort findet der Same die notwendige Flüssigkeit und die Nährstoffe, die er zum Keimen benötigt. Und er erhält soweit oben von Anfang an genügend Sonnenlicht, was im Untergeschoss des Waldes schwerlich der Fall wäre.

Er wächst eine Weile als Epiphyt heran, also als Aufsitzerpflanze, welche den Wirtsbaum bloss als Unterlage benützt und ihm im Unterschied zu einem Parasiten keine Nährstoffe entzieht. Bald sendet er dünne Luftwurzeln dem Stamm des Wirtsbaums entlang nach unten zum Boden. Während diese in den Boden hinein wachsen, dicker werden und Wasser sowie Nährstoffe aus dem Boden nach oben transportieren, bildet die junge Würgefeige oben eine Krone aus.

Eine Weile können die beiden Bäume so koexistieren. Über kurz oder lang lässt die Würgefeige jedoch ihren Wirtsbaum absterben. Zum einen stellt sie mit ihrer eigenen Krone diejenige des Wirtsbaums mehr und mehr in den Schatten. Zum anderen behindert sie mit ihrem den Stamm fest umschliessenden, immer dicker werdenden Wurzelnetz dessen Wasser- und Nährstoffzufluss zusehends - sie erdrosselt ihn gewissermassen, daher die Bezeichnung Würgefeige. Mit der Zeit verrottet der Stamm des toten Wirtsbaums. Bis es soweit ist, steht die Würgefeige aber längst sicher auf ihren Wurzeln da und benötigt seine Tragkraft nicht mehr. Sie wird zu einem eigenständigen Baum, der innen, wo der Wirtsbaum war, hohl ist.


Tauben pflanzen Banyans

Banyans tragen von den Jahreszeiten mehr oder weniger unabhängig in einem individuellen Zyklus Früchte, und wenn sie das tun, dann derart reichlich, dass sie eine Hauptnahrungsquelle für die lokale Tierwelt bilden. Ein Früchte tragender Banyan ist in einem Tropenwald stets wochenlang ein «Hotspot» der tierlichen Aktivität: Kronenlebende Tiere tun sich im Geäst gütlich, bodenlebende Tiere freuen sich über die herunterfallenden Früchte, und Beutegreifer lauern auf allen Etagen unaufmerksamen Opfern auf.

Im südostasiatischen und australischen Raum werden Früchte tragende Banyans von zahlreichen Vögeln, aber auch von vielen Säugetieren wie Affen, Hörnchen, Flughunden und Beuteltieren besucht. Auf den polynesischen Inseln, wo es von den Fledertieren abgesehen keine einheimischen Landsäugetiere gibt, sind es hingegen ausschliesslich Vögel und Flughunde. Auf Samoa handelt es sich tagsüber hauptsächlich um die Gilbflaumfusstaube, die nah verwandte Rotscheitel-Flaumfusstaube (Ptilinopus porphyraceus) und den Blaukappenlori (Vini australis), nachts um den Samoa-Flughund (Pteropus samoensis) und den Tonga-Flughund (Pteropus tonganus).

Die mit dem Schnabel gepflückten Früchte verschluckt die Gilbflaumfusstaube stets im Ganzen. Vorübergehend können sie im Kropf aufbewahrt werden. Diese Aussackung am unteren Ende der Speiseröhre dient bei Bedarf als Nahrungsspeicher; Verdauungsvorgänge finden hier keine statt. Sie können aber auch direkt in den Vormagen oder Drüsenmagen (Proventriculus) gelangen, wo Enzyme den Verdauungsprozess einleiten. Von da gelangen die Früchte anschliessend in den eigentlichen Magen, den Kau- oder Muskelmagen (Ventriculus), dessen Wände mit einer kräftigen Muskulatur und harten, gerippten Reibeplatten ausgestattet sind. Hier erfolgt die mechanische Zerkleinerung der angedauten Früchte, wird also das Fruchtfleisch von der Fruchthülle und den Samen getrennt. Anschliessend gelangt der Speisebrei in den Darm, wo ihm die Nährstoffe entzogen werden.

Bei den Flaumfusstauben ist der Darm wie bei anderen Vögeln, die sich hauptsächlich von weichen, fleischigen, leicht verdaulichen Früchten und Beeren ernähren, erheblich kürzer als bei Vögeln, deren Kost aus Nüssen, Getreidekörnern und weiteren schwer verdaulichen Bissen besteht. Die kleinen, harten Feigensamen passieren den Darm der Flaumfusstauben darum meistens unbeschadet und werden mit dem Kot ausgeschieden. Fällt dieser an einen günstigen Ort, so keimen die Samen alsbald aus, wachsen zu Banyans heran und bilden dann die Nahrungsgrundlage für kommende Flaumfusstaubengenerationen. Die Banyans halten also die Flaumfusstauben am Leben, und die Flaumfusstauben erhalten den Banyanbestand.


Mutter- und Vatermilch

Über das Fortpflanzungsverhalten der Gilbflaumfusstaube ist erst wenig bekannt. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass es sich ähnlich verhält wie bei den anderen Mitgliedern der Gattung.

Das plattformartige Nest ist wenig kunstvoll aus Zweigen zusammengefügt und befindet sich häufig in geringer Höhe in einer Astgabel, manchmal auch an der Basis eines Palmwedels. Das Gelege umfasst ein einzelnes Ei. Dieses wird durch beide Altvögel abwechselnd bebrütet. Die Jungvögel schlüpfen nach einer Brutzeit von etwa drei Wochen aus den Eiern.

Beim Schlüpfen ist der Jungvogel spärlich mit haarigen Daunen bekleidet. Er wird von beiden Eltern gefüttert - allerdings nicht mit Früchten. Früchte sind zwar leicht verdaulich und zuckerreich, enthalten jedoch nur wenige Fette und Eiweisse. Beides aber benötigen Jungvögel reichlich, um rasch und gesund heranzuwachsen. Viele Vogeleltern stellen darum für ihre Jungvögel ein gehaltvolleres, insbesondere proteinreicheres Futter zusammen, als sie selbst verspeisen. Die Flaumfusstauben gehen einen interessanten anderen Weg: Sie ernähren ihre Nachkommen mit einer selbst erzeugten, hochwertigen «Babynahrung», ähnlich wie es die Säugetiere tun. Die sogenannte «Taubenmilch» ist zwar keine wirkliche Milch, welche von Drüsen abgesondert wird, sondern eine aus Zellen bestehende, frischkäseähnliche Substanz, welche von der Innenwand des Kropfes gebildet und darum auch «Kropfmilch» genannt wird. Sie ist aber wie die Säugetiermilch überaus reich an Fetten, Eiweissen und allen anderen lebensnotwendigen Stoffen.

Die Babynahrung wird bei den Tauben nicht nur vom Weibchen, sondern auch vom Männchen produziert. Der Jungvogel stimuliert deren Bildung, indem er seinen Schnabel in den Schlund der Eltern streckt. Er ernährt sich ausschliesslich von dieser Substanz, bis er flügge ist, und wächst dank der gehaltvollen Nahrung sehr schnell heran. Schon nach etwa zwei Wochen ist er flugtüchtig, verlässt in Begleitung seiner Eltern das Nest und sucht selbstständig nach Nahrung, wird aber noch mehrere Tage lang von den Eltern mit Milch zugefüttert.

Soweit wir wissen, erzeugen alle Tauben Milch. Diese «Erfindung» könnte gut erklären, weshalb es die Familie im Laufe ihrer Stammesgeschichte geschafft hat, ein derart breites Spektrum von Lebensräumen rund um den Erdball herum erfolgreich zu besiedeln. Bleibt anzumerken, dass die Erfindung im Vogelreich nicht einzigartig ist: Auch die Flamingos (Familie Phoenicopteridae) und der Kaiserpinguin (Aptenodytes forsteri) erzeugen Babynahrung. Die Produktionsmechanismen sind allerdings verschieden.


Als Braten geschätzt

Die Gilbflaumfusstaube ist in verschiedenen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets noch recht häufig. Dies gilt vor allem für den Fidschi-Archipel, dessen Landfläche etwa 18 400 Quadratkilometer umfasst. Dort können oftmals Verbände von mehr als dreissig Individuen in einem einzigen Früchte tragenden Banyan beobachtet werden.

In anderen Bereichen des Verbreitungsgebiets hingegen ist die Gilbflaumfusstaube durch den Menschen stark zurückgedrängt worden. Dies ist vor allem in Amerikanisch-Samoa der Fall, also dem östlichen Teil des Samoa-Archipels, welcher ein Aussenterritorium der USA bildet. Mit einer Landfläche von knapp 200 Quadratkilometern sollte die Inselgruppe eigentlich einem ansehnlichen Bestand von Gilbflaumfusstauben eine Heimat bieten. Grossflächige Lebensraumzerstörung, bei welcher die meisten Banyans vernichtet wurden, sowie die übermässige Bejagung für den Verzehr haben den Vögeln aber stark zugesetzt. Neuere Schätzungen nennen für Amerikanisch-Samoa lediglich 60 bis 70 überlebende Gilbflaumfusstauben.

Im eigenständigen Staat Samoa, also dem westlichen Teil des Samoa-Archipels, dessen Landfläche sich auf rund 2800 Quadratkilometer bemisst, liegt die Bestandssituation irgendwo zwischen Fidschi und Amerikanisch-Samoa. Auch hier sind die Wälder in der Vergangenheit auf weiten Flächen stark beeinträchtigt worden. Es existieren aber noch mehrere Gebiete mit ziemlich ungestörtem Lebensraum; dies besonders auf Savai’i, der grösseren, aber weniger dicht besiedelten der beiden Hauptinseln. Und auch hier bildet die Bejagung für den Verzehr ein gewisses Problem, weshalb die Gilbflaumfusstaube kaum je in der Nähe von Siedlungen zu beobachten ist. Fern der Dörfer sind ihre Bestände aber noch einigermassen intakt und werden dies hoffentlich noch lange bleiben.




Legenden

Mit einer Länge von etwa 23 Zentimetern gehört die Gilbflaumfusstaube (Ptilinopus perousii) zu den kleineren Mitgliedern der rund 300 Arten umfassenden Familie der Tauben (Columbidae). Die beiden Geschlechter sind von ähnlicher Grösse, jedoch klar unterschiedlich gefärbt, was innerhalb der Taubensippe recht ungewöhnlich ist. Augenfällig ist vor allem, dass beim Weibchen (rechts) das beim Männchen (links) vorhandene rote Schulterband fehlt, dass der Brustfleck grau und nicht rot ist, und dass der Rücken und die Oberseite der Flügel mittelgrün sind, nicht hell graugelb. Auf dem Samoa-Archipel sind die Unterschwanzdecken des Weibchens rot wie beim Männchen, auf dem Tonga- und dem Fidschi-Archipel hingegen gelb.

Die Gilbflaumfusstaube ist im südpazifischen Raum heimisch: Sie kommt auf den Inseln des Fidschi-, des Tonga- und des Samoa-Archipels vor. Sie ist eine ausgeprägte Baumbewohnerin mit hoher Kletterfertigkeit. Die meiste Zeit hält sie sich im Kronendach der Inselwälder auf und kommt kaum je auf den Boden hinunter.

Wie praktisch alle Tauben ist die Gilbflaumfusstaube eine ausgeprägte Vegetarierin. In ihrer Inselheimat ernährt sie sich hauptsächlich bis ausschliesslich von Früchten und Beeren verschiedener einheimischer wie auch eingeführter Baum- und Straucharten. Eine besonders wichtige Futterquelle bilden die im Alter oft mächtigen, über das restliche Walddach hinausragenden Wildfeigenbäume aus der Gruppe der Banyans.

Das Nest des Gilbflaumfusstaubenpaars ist eine wenig kunstvoll aus Zweigen zusammengefügte Plattform und befindet sich häufig in geringer Höhe in einer Astgabel. Das Gelege umfasst ein einzelnes Ei. Dieses wird durch beide Altvögel abwechselnd bebrütet. Die Jungvögel schlüpfen nach einer Brutzeit von etwa drei Wochen aus den Eiern und sind schon zwei Wochen später flügge.

Die Gilbflaumfusstaube ist in verschiedenen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets noch recht häufig. Zwar bildet mancherorts nicht nur die Beeinträchtigung der Inselwälder ein gewisses Problem, sondern auch die Bejagung für den Verzehr, weshalb die Gilbflaumfusstaube kaum je in der Nähe von Siedlungen zu beobachten ist. Fern der Dörfer sind ihre Bestände aber noch vielerorts einigermassen intakt, und dies wird hoffentlich noch lange so bleiben.




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