Pazifischer Goldregenpfeifer

Pluvialis fulva


© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)






Artwork © Owen Bell



Zugvögel haben zwei geografisch klar getrennte Wohngebiete: ein Brutgebiet und ein Winterquartier. Im Allgemeinen betrachten wir sie als dort heimisch, wo sie sich fortpflanzen, und wertschätzen ihr Winterquartier wenig. Diese Sichtweise ist darauf zurückzuführen, dass wir die Jungenaufzucht als eine besonders wichtige Phase im Leben eines Tiers betrachten. Für die Zugvögel selbst ist das Winterquartier jedoch genauso bedeutungsvoll wie das Brutgebiet, denn ohne solches könnten sie nicht überleben. Ihre Heimat befindet sich also schlicht nicht bloss an einem Ort, wie wir das sonst gewohnt sind, sondern an zweien.

Ganz besonders gilt das Gesagte für all jene Zugvogelarten, die sich im hohen Norden Eurasiens und Amerikas fortpflanzen und weit mehr Zeit im Winterquartier als im Brutgebiet verbringen. Ein Musterbeispiel hierfür ist der Pazifische Goldregenpfeifer (Pluvialis fulva): Er brütet in den Tundraregionen Sibiriens und Westalaskas. Dort hält er sich normalerweise keine vier Monate lang auf. Gut zwei Drittel des Jahrs verbringt er hingegen in den Tropen und Subtropen - an Küstenstrichen von Festländern und Inseln unterschiedlichster Grösse zwischen der Ostküste Afrikas im Westen und Hawaii im Osten. In einem Fall wie seinem ist man fast geneigt, von einem «Ausflug» in den Norden und von der «Heimat» im Süden zu sprechen.

Zu den «Heimatinseln» des Pazifischen Goldregenpfeifers gehört auch das im Südpazifik gelegene Tokelau, das die vorliegenden Briefmarken verausgabt hat. Tokelau setzt sich aus drei Atollen zusammen, weist eine Landfläche von insgesamt zehn Quadratkilometern auf, wird von knapp 1500 Personen bewohnt und ist politisch ein Aussenterritorium Neuseelands.


Nur 25 Zentimeter lang

Der Pazifische Goldregenpfeifer gehört innerhalb der Ordnung der Wat- und Möwenvögel (Charadriiformes) zur rund 65 Mitglieder zählenden, praktisch weltweit verbreiteten Familie der Regenpfeifer (Charadriidae). Diese wird gewöhnlich in zwei grössere Unterfamilien gegliedert, nämlich die der Kiebitze (Vanellinae) und die der Echten Regenpfeifer (Charadriinae). Zur Familie gehört sodann noch eine etwas rätselhafte Art aus dem südlichen Südamerika, der Magellan-Regenpfeifer (Pluvianellus socialis), welcher zu keiner der beiden Unterfamilien so richtig passt und darum in eine separate Unterfamilie (Pluvianellinae) gestellt wird.

Die Gattung Pluvialis, welche vier Arten von Goldregenpfeifern umfasst, wird von alters her der Unterfamilie der Echten Regenpfeifer zugeordnet. Neuere DNS-Analysen deuten allerdings darauf hin, dass sie ebenfalls einer eigenen Unterfamilie zugeordnet werden müsste, denn sie hat sich offensichtlich sehr früh von den übrigen Familienmitgliedern abgetrennt, noch bevor sich die Kiebitze und die Echten Regenpfeifer auseinander entwickelt hatten. Tatsächlich sind die vier Goldregenpfeiferarten hinsichtlich ihrer Erscheinung sehr einheitlich, unterscheiden sich aber, besonders im Brutgefieder, deutlich von allen anderen Familienmitgliedern.

Neben dem Pazifischen Goldregenpfeifer handelt es sich bei den vier Vettern um den Eigentlichen Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria), den Kiebitzregenpfeifer (Pluvialis squatarola) und den Amerikanischen Goldregenpfeifer (Pluvialis dominica). Alle vier gehören zu den grössten Mitgliedern der Regenpfeiferfamilie. Der Pazifische Goldregenpfeifer ist eine Spur kleiner als die anderen drei: Er weist eine Gesamtlänge von 23 bis 26 Zentimeter, eine Flügelspannweite von 60 bis 72 Zentimeter und ein - saisonal schwankendes - Gewicht von 100 bis 190 Gramm auf, wobei keine Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen bestehen.


Bei Feindgefahr torkeln sie

Die Pazifischen Goldregenpfeifer brüten im westlichen Alaska und weit verstreut im gesamten asiatischen Sibirien, von der nordöstlich des Urals ins Nordpolarmeer reichenden Jamal-Halbinsel bis zur Tschuktschen- und zur Kamtschatka-Halbinsel im äussersten Osten Russlands. Wann die Vögel im Frühling an ihren Brutplätzen eintreffen, hängt von der Region ab. Diejenigen, welche im südlichen Bereich des Brutgebiets brüten, erscheinen teils schon Ende April, diejenigen, welche besonders weit nördlich brüten, teils erst gegen Ende Juni. Die Männchen kommen stets ein paar Tage vor den Weibchen an und erweisen sich als ausgesprochen ortstreu: Sie besetzen möglichst Jahr für Jahr dasselbe Brutterritorium und wählen darin oft sogar denselben Nistplatz.

Während der Brutsaison bilden die Pazifischen Goldregenpfeifer wie viele andere Vogelarten feste Paare. In der Vergangenheit wurde oft angenommen, dass der Paarbund von einer Saison zur nächsten bestehen bleibt. Feldforschung sowohl in Alaska als auch auf der mittelsibirischen Taimyr-Halbinsel hat jedoch ergeben, dass dies nicht zwingend der Fall ist. In beiden Untersuchungsgebieten zeigten zwar die Männchen eine starke Tendenz, zum selben Brutterritorium zurückzukehren. Die Weibchen hingegen kehrten wohl in ihr angestammtes Brutgebiet zurück, verbanden sich aber dort oft mit anderen Männchen als im Vorjahr.

Die Brutplätze befinden sich stets küstenfern in typischen Tundragebieten, also jenen offenen, vielfach feuchten, von Moosen, Flechten und Zwergsträuchern gekennzeichneten arktischen Landschaften jenseits der nördlichen Waldgrenze. Bevorzugte Stellen sind gut entwässerte, erhöhte Stellen auf dem Rücken oder an den Flanken sanfter Hügel. In den südlichen Bereichen des Brutareals brüten die Vögel zwar teils in der Waldtundra, also der Übergangszone zwischen der Tundra und der südlich angrenzenden Taiga-Nadelwaldzone, bevorzugen aber auch dort die offeneren Bereiche. Die Brutterritorien sind recht gross. Oft beträgt die Dichte des Brutbestands nur ungefähr ein Paar je Quadratkilometer; maximal sind es sechs bis sieben Paare. Das Territorium wird hauptsächlich vom Männchen energisch gegenüber sämtlichen Artgenossen verteidigt. Eindringlinge werden zunächst durch Imponier- und Drohgebärden sowie Warnlaute darauf aufmerksam gemacht, dass das Grundstück besetzt ist. Danach werden sie nötigenfalls durch Angriff und Nahkampf daraus vertrieben.

Das Nest ist eine in den Boden gescharrte, mit Flechten ausgekleidete Mulde. Das Gelege besteht meistens aus vier Eiern. Beim etwa 26 Tage dauernden Bebrüten desselben wechseln die beiden Partner einander regelmässig ab. Die gesprenkelte Gefiederoberseite lässt den regungslos auf dem Nest sitzenden Altvogel optisch hervorragend mit seiner Umgebung verschmelzen, so dass er für etwaige Fressfeinde oder Nestplünderer praktisch unsichtbar ist. Nähert sich ein möglicher Fressfeind, beispielsweise ein Eisfuchs (Vulpes lagopus), dennoch zufällig dem Nest, so versucht oftmals der nicht brütende Partner dessen Aufmerksamkeit durch auffälliges Verhalten auf sich und vom Nest weg zu lenken. Er läuft torkelnd und scheinbar flügellahm dahin und erweckt dadurch den Anschein eines leichten Opfers. Oft gelingt es ihm mit diesem Trick, den Störenfried vom Nest weg zu locken. Man nennt dieses bemerkenswerte Verhalten «Verleiten».

Allen Bemühungen zum Trotz fallen einzelne Gelege Nestplünderern zum Opfer, andere werden beispielsweise von Huftieren zertreten und nochmals andere durch schlechtes Wetter vernichtet. Geht ein Gelege gleich zu Beginn der Brutsaison verloren, so legen die Pazifischen Goldregenpfeifer häufig ein Ersatzgelege an. Später wird hierfür die Zeit zu knapp, weshalb sie ihre Brutabsichten für das betreffende Jahr aufgeben und sich alsbald auf die Reise in den Süden begeben.


Küken leben auf grossem Fuss

Wie bei den meisten Vogelarten, welche am Boden brüten, schlüpfen die jungen Pazifischen Goldregenpfeifer in fortgeschrittenem Zustand. Sie sind in ein dickes, gesprenkeltes Daunenkleid gehüllt und haben verhältnismässig grosse, kräftige Füsse und Beine. Tatsächlich können sie schon wenige Stunden nach dem Schlüpfen gehen und selbstständig nach Nahrung suchen. Sobald sie sich fortbewegen können, werden sie von ihren Eltern vom Nest weg in tiefer liegendes, feuchteres, dicht bewachsenes Gelände geführt, wo es viele Insekten und andere wirbellose Kleintiere gibt, die ihnen als eiweissreiche Nahrung dienen.

Zwar vermögen sich die jungen Pazifischen Goldregenpfeifer von Anfang an selbst zu ernähren. Dennoch sind sie bis zum Erreichen der Flugfähigkeit auf die Betreuung durch ihre Eltern angewiesen, und zwar aus dreierlei Gründen: Erstens halten die Altvögel ständig Ausschau nach Fressfeinden und warnen ihre Jungen bei Feindgefahr mittels Alarmrufen, zweitens führen sie sie zu ergiebigen Nahrungsgründen, und drittens wärmen sie sie bei Bedarf, indem sie sie hudern. Während der ersten zwei oder drei Lebenswochen können die jungen Pazifischen Goldregenpfeifer ihre Körpertemperatur nämlich nicht eigenständig auf den üblichen ungefähr 40 Grad Celsius halten. Sind sie bei nasskaltem Wetter zu lange unterwegs, kann ihre Temperatur stark abfallen. Zwar können die Jungen noch bei einer Körpertemperatur von etwa 30 Grad Celsius aktiv sein, während dies für die erwachsenen Vogel tödlich wäre, aber unterhalb dieser Marke werden sie träg und interesselos und können keine Nahrung mehr suchen. Die Altvögel wärmen darum die auskühlenden Jungen von Zeit zu Zeit und sorgen so für die Aufrechterhaltung der erforderlichen «Betriebstemperatur». Die jungen wie die erwachsenen Pazifischen Goldregenpfeifer ernähren sich im Brutgebiet hauptsächlich von kleinen Wirbellosen, insbesondere Heuschrecken, Würmern, Käfern, Schnecken, Spinnen und Raupen, nehmen aber auch allerlei Sämereien, Beeren sowie zarte, junge Pflanzentriebe zu sich.

Geht alles gut, sind die Jungen im Alter von etwa einem Monat flugfähig und zudem in der Lage, ihre Körpertemperatur zu halten. Zu diesem Zeitpunkt werden sie recht abrupt von ihren Eltern verlassen. Diese machen sich eines schönen Tages einfach auf die Reise in den Süden. Es ist ein weiter Zug, denn die Winterquartiere liegen zwischen 5000 und 13 000 Kilometer von den Brutgebieten entfernt. Aus der Beobachtung von Individuen, welche mit Sendern ausgerüstet wurden, wissen wir, dass die Reise - zumindest zu den näher liegenden Winterquartieren - ohne Unterbruch durchgeführt wird. Jene Individuen, welche im westlichen Alaska brüten und auf Hawaii überwintern, legen beispielsweise die Distanz von rund 5000 Kilometer in ungefähr 50 Stunden zurück, wobei sie in Höhen von bis zu 6000 Metern ü.M. fliegen. Es ist wahrscheinlich, dass die längsten Reisestrecken ein oder zwei Mal an geeigneten Rastplätzen unterbrochen werden, doch beanspruchen auch diese nur wenige Tage. Der Pazifische Goldregenpfeifer dürfte unter allen Zugvogelarten den Rekord im Nonstopfliegen halten.

Solche Langstreckenflüge verzehren sehr viel Energie. Es überrascht darum nicht, dass die Pazifischen Goldregenpfeifer in den Wochen vor der Abreise grössere Mengen «Treibstoff» einlagern. Zum einen bauen sie Unterhaut-Fettreserven auf, so dass sich ihr Gewicht in den Wochen vor der Abreise nahezu verdoppelt. Zum anderen füllen sie ihren Magendarmtrakt mit einem Vorrat von Beeren und Sämereien an, welche dann während des Flugs verdaut werden können. Nicht zuletzt schwellen die Brustmuskeln, welche die Flügel betätigen, stark an, um den kommenden Strapazen gewachsen zu sein. Dabei gilt es zu bedenken, dass die Vögel allein auf der «Kurzdistanz» von Westalaska nach Hawaii - bei zwei Flügelschlägen je Sekunde - ununterbrochen rund 360 000 Flügelschläge machen müssen.

Die Jungvögel brauchen mehr Zeit als die Erwachsenen, um die nötigen Fettreserven aufzubauen, weshalb sie das Brutgebiet bis zu einem Monat später als diese verlassen. Sie unternehmen ihre erste Reise in den Süden also ohne jegliche Führung und lassen sich offensichtlich allein von ihren Instinkten leiten.


Auch im Winter territorial

Wie ihren Brutplätzen bleiben die Pazifischen Goldregenpfeifer auch ihren angestammten Überwinterungsplätzen ein Leben lang treu. Auf dem Zug verhalten sie sich gesellig und fliegen gewöhnlich in Verbänden von ein paar Dutzend Individuen. Sobald sie aber in ihrem Winterquartier eintreffen, lösen sich die Verbände auf und die Vögel verteilen sich. Einige von ihnen, oft die zuerst eintreffenden, besetzen Winterterritorien, in denen sie keine Artgenossen dulden. Sie sichern sich auf diese Weise Zugang zu genügend Nahrung. Untersuchungen auf dem südlich der Hawaii-Inseln gelegenen Johnston-Atoll und auf den Hawaii-Inseln selbst haben gezeigt, dass die Eigentümer von Territorien in der Tat während des ganzen Aufenthalts im Winterquartier mehr Gewicht auf die Waage bringen als ihre besitzlosen Artgenossen und dass sie im Allgemeinen früher zu den Winterquartieren aufbrechen können.

Während sich die Pazifischen Goldregenpfeifer im Brutgebiet im Binnenland aufhalten, bewohnen sie im Winterquartier vornehmlich Küstenstriche. Man begegnet ihnen zur Hauptsache an Sandstränden und auf Schlickflächen im Bereich von Flussmündungen. Dort ernähren sie sich von Vielborstenwürmern (Polychaeta), Krebstieren (Crustacea) und verschiedenen anderen kleinen Wirbellosen. Gern besuchen sie auch küstennahe Kurzgrasflächen, um nach Insekten und Würmern Ausschau zu halten. Mancherorts haben sie sich so gut an die Nähe des Menschen gewöhnt, dass sie selbst Rasenflächen im Bereich von Siedlungen, Golfplätzen und Flugplätzen als Nahrungsgründe nutzen.

Der Pazifische Goldregenpfeifer wird in einzelnen Bereichen seiner asiatischen Winterquartiere vom Menschen für den Verzehr bejagt. Dies mag sich nachteilig auf einige lokale Bestände auswirken. Da die Art jedoch insgesamt, im Sommer wie im Winter, über ein enormes Gebiet verstreut lebt und an den meisten Orten in Ruhe gelassen wird, sind diese Ausfälle nicht Besorgnis erregend. Darum, und weil der Artbestand auf rund 200 000 Individuen geschätzt wird, gilt der Pazifische Goldregenpfeifer gegenwärtig als nicht gefährdet.




Legenden

Der Pazifische Goldregenpfeifer (Pluvialis fulva) gehört zu den grösseren Mitgliedern der rund 65 Arten umfassenden Regenpfeiferfamilie (Charadriidae). Er weist eine Länge von 23 bis 26 Zentimeter, eine Flügelspannweite von 60 bis 72 Zentimeter und ein - saisonal schwankendes - Gewicht von 100 bis 190 Gramm auf.

Die männlichen und weiblichen Pazifischen Goldregenpfeifer sehen gleich aus, jedoch ändern beide Geschlechter im Jahresverlauf ihr Aussehen markant. Die vier Bilder auf den Seiten 2 und 3 zeigen ganz links einen Vogel im Brutkleid in Alaska, ganz rechts einen Vogel im Winterkleid auf Hawaii, und dazwischen zwei Vögel im Übergangskleid in Australien und in Hongkong.

Das Gelege der Pazifischen Goldregenpfeifer umfasst meistens vier Eier, welche auf beigefarbenem Grund dunkel gesprenkelt sind. Das Nest ist eine in den Boden gescharrte, mit Flechten ausgekleidete Mulde. Männchen und Weibchen wechseln einander beim 26 Tage dauernden Bebrüten des Geleges partnerschaftlich ab.

Kommt ein Feind - hier vermutlich der Fotograf - ihrem Nest zu nahe, so versuchen die Pazifischen Goldregenpfeifer, ihn durch auffälliges Verhalten abzulenken: Sie laufen torkelnd und scheinbar flügellahm dahin, erwecken dadurch den Anschein eines leichten Opfers und vermögen so oftmals den Feind aus der Nestnähe zu locken.

Im Winterquartier - in den subtropischen und tropischen Bereichen des indopazifischen Raums - hält sich der Pazifische Goldregenpfeifer hauptsächlich an Küstenstrichen auf, während er in seinem hochnordischen Brutgebiet die Tundren im Binnenland bewohnt. Hier wie dort ernährt er sich vornehmlich von kleinen wirbellosen Tieren.




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